Zahnmedizin

Der Fall: Die Dasselfliege

Dieser 57 Jahre alte Patient stellte sich als Notfall mit einer schmerzlosen orbitalen Schwellung beidseits im MKG-Klinikum Essen-Mitte vor.

Klinischer Befund: Die Schwellung mit zentralem Porus besteht seit etwa vier Wochen (links). Der Fremdkörper nach der Entfernung: eine Dasselfliegenmade (rechts). Qasem et al.

Das ist der klinische Befund bei der Erstvorstellung: Die periorbitale Schwellung besteht seit zwei Tagen. Qasem et al.
Klinischer Befund: Die Schwellung mit zentralem Porus besteht seit etwa vier Wochen. Der Patient beschreibt einen dezenten Druckschmerz und eine intermittierend trübe Sekretion. Qasem et al.
In der CT-Bildgebung ( 3D Rekonstruktion) ist die Fliegenmade (grün) gut erkennbar. Sie liegt subcutan parieto-temporal links. Qasem et al.
Klinischer Befund zehn Tage nach der Therapie: Die periorale Schwellung ist beidseits abgeklungen. Qasem et al.
Der Fremdkörper nach der Entfernung: Diese Dasselfliegenmade (Dermatobia hominis) hat sich bei ihrem Wirt sichtlich wohl gefühlt und gut entwickelt. Qasem et al.

Kasuistik

Der Patient hatte am Vortag die Schwellung im Bereich der linken Orbita bemerkt und sich daraufhin alio loco in einer Essener chirurgischen Notaufnahme vorgestellt. Dort wurde er allgemein-chirurgisch, neurologisch und HNO-ärztlich untersucht, ohne dass eine klare Ursache eruiert werden konnte.

Ihm wurde daher mitgeteilt, sich am Folgetag in der dortigen Klinik nochmals zur Verlaufskontrolle einzufinden. Da sich am folgenden Tag ein Progress der Schwellung links und eine beginnende Schwellung orbital rechts zeigten, wurde dem Patienten die sofortige notfallmäßige Vorstellung im MKG-Klinikum Essen-Mitte empfohlen.

Allgemein anamnestisch bestand bei dem Patienten ein Zustand nach Lungenteil-Resektion links und Chemotherapie aufgrund eines Bronchial-Karzinoms. In der Untersuchung im Rahmen des hiesigen MKG-chirurgischen Notdienstes zeigte sich eine weiche, schmerzlose, ödematöse Schwellung periorbital beidseits, wobei die Schwellung links größer als rechts imponierte.

Die Bulbi waren weich tastbar, nicht druckdolent und es zeigte sich keine Störung der Augenmotilität, Doppelbilder wurden nicht angegeben. Die Pupillen waren isocor und zeigten eine normale Lichtreaktion. Der Neurostatus war unauffällig.

Parieto-temporal links fiel jedoch eine etwa 2,5cm im Durchmesser große, gerötete, dezent druckschmerzhafte Schwellung auf, die wie ein infiziertes Atherom imponierte. Die Schwellung wies einen zentralen Porus auf, aus dem sich bei Druck, trübes, bräunliches Sekret exprimieren ließ.  

Hierzu befragt, gab der Patient an, dass ihm seit etwa vier Wochen diese nicht-heilende Schwellung mit  zeitweilig stechendem Schmerzcharakter aufgefallen sei. Diese sei im Verlauf langsam größenprogredient und zentral teils krustig, teils sezernierend gewesen.

Bei weiterer Befragung äußerte der Patient, dass er etwa vier Wochen vor Beginn der parieto-temporalen Schwellung einen vierwöchigen Urlaub in Peru verbracht habe, so dass erstmals der Verdacht auf eine parasitäre Erkrankung mit orbitalem Begleitödem aufkam.

Diagnostik

Zum Ausschluss eines orbitalen oder möglicherweise parietalen metastatischen Prozesses wurde eine CT-Bildgebung mit Kontrastmittel durchgeführt. Dabei stellte sich die knöcherne Orbita regelrecht dar, ebenso wies die Kalotte keine knöcherne Arrosion oder Destruktion auf. Nach KM-Gabe zeigte sich parieto-temporal links eine KM-aufnehmende Weichteilschwellung, etwa 2,1 x 1,3 cm, mit länglich konfiguriertem Lufteinschluss.

Therapie und Verlauf

Es wurde daraufhin in LA eine Revision der parieto-temporalen Schwellung durchgeführt. Dabei wurde der zentrale Porus erweitert, woraufhin sich ein weißliches Gewebe zeigte, das zunächst wie ein Zystenbalg imponierte. Es konnte mittels Pinzette gegriffen und in toto entfernt werden. Dabei zeigte sich das Bild einer Insektenmade.

Es erfolgte eine Kürettage des Gewebes, eine Spülung mit H202 und anschließend das Einbringen eines Jodoformstreifens zur offenen Nachbehandlung. Der Patient erhielt eine Antibiose mit Ampicillin und wurde zu Verlaufskontrollen einbestellt. Er wurde einem tropenmedizinischen Institut vorgestellt, das den Verdacht einer Dasselfliegenmade (Dermatobia hominis) bestätigte. Nach etwa einer Woche war die orbitale Schwellung komplett rückläufig, und auch parietal kam es zu einer restituo ad integrum.

Diskussion

Dasselfliegen (Ostridae) stellen eine Familie der Zweiflügler (Diptera) dar, die wiederum den Fliegen (Brachycera) zugeordnet werden. Die Maden haben als Endo-Parasiten insbesondere Huftiere als Wirte. Die Maden der etwa 100 Dasselfliegenarten nisten sich dabei sehr spezifisch in bestimmtes Gewebe des Wirtes ein, nach denen die Unterart benannt wird. So gibt es die Haut-, die Nasen-, die Rachen-, oder die Magen-Dasselfliege. Die südamerikanische Dermatobia hominis befällt jedoch spezifisch den Menschen.

Orbitalen Schwellungen können Entzündungen, Traumata, Tumore, Metastasen oder Allergien als Ursache zugrunde liegen. Eine Myiasis (Fliegenmaden-Krankheit) ist eher eine Rarität in hiesigen Breiten. Hier war letztendlich die Anamnese hinweisgebend.

Schlussfolgerungen

Insbesondere in der aktuellen Zeit des globalen Tourismus und der weltweiten Flüchtlingsströme sollten auch seltenere Ursachen bei unklaren orbitalen Schwellungen differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.

  1. Gary Mullen, Lance Durden: Medical and Veterinary Entomology. Elsevier 2009
    Gregory AR1, Schatz S, Laubach H: Ophthalmomyiasis caused by the sheep bot fly Oestrus ovis in northern Iraq, Optom Vis Sci. 2004 Aug;81(8):586-90.
  2. [Shojaati G, Chaloupka K.: Acute Lid Swelling: a Series of Unusual Cases, Treatment and Follow-up, Klin Monbl Augenheilkd. 2016 Apr;233(4):402-405. Epub 2016 Apr 26.
  3. [Pförtner R, Mohr C, Daamen J, Metz A: Orbital tumors: operative and therapeutic strategies, Facial Plast Surg. 2014 Oct;30(5):570-7. doi: 10.1055/s-0034-1395210. Epub 2014 Nov 14.

Ahmad  Qasem M.Sc, Dr. Dr. S -H Baum, Prof. Dr. Dr. Christopher Mohr
Kliniken Essen-Mitte, Evang. Huyssens-Stiftung
Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg-Essen
Henricistraße 92, 45136 Essen
A.Qasem@kliniken-essen-mitte.de


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