Region in Brasilien mit hoher Prävalenz für ECC

Frühkindliche Karies erzeugt Schuldgefühle bei den Eltern

Fast ein Viertel der Eltern von zwei- bis vierjährigen Kindern mit ECC hat Schuldgefühle wegen der Mundgesundheit ihrer Kinder. Dies geht aus einer aktuellen Untersuchung in Brasilien hervor.

Tomsickova - Fotolia

Die Schuldgefühle waren besonders ausgeprägt, wenn die Eltern Zahnprobleme bei ihren Kindern vermuteten, wenn sie glaubten, dass das Problem hätte vermieden werden können und wenn tatsächlich Dentalkaries bei ihren Kindern diagnostiziert worden war.

Das Studiendesign

Obwohl die Prävalenz frühkindlicher Karies im Allgemeinen international stark zurückgegangen ist, gibt es in manchen lateinamerikanischen Gemeinden noch hohe Erkrankungsraten. Beispielsweise sank die Prävalenz in Diadema (Bundesstatt Sao Paulo, Brasilien) von 34,9 Prozent im Jahre 1977 auf 23,5 Prozent im Jahr 2008.

Diadema ist eine mittelgroße brasilianische Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern. Die Akzeptanz des nationalen Impftages ist in Diadema sehr hoch und führt zu einer Teilnehmerquote von mehr als 94 Prozent. Deshalb wurden in 16 Gesundheitszentren im Rahmen der Impfung an diesem Tag 1.313 Eltern-Kind-Paare als Probanden für die Studie akquiriert.

Frühkindliche Karies beeinträchtigt die Lebensqualität von Kindern und Eltern. Viele Eltern fühlen sich schuldig, weil ihre Kinder erkrankt sind, was sich innerhalb der Familie negativ auswirken kann. Welche Faktoren dazu beitragen und wie diese sich psychologisch auswirken war Gegenstand dieser Studie.

Gesunde Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren nahmen mit ihren Eltern freiwillig teil. Die Eltern beantworteten in einem persönlichen Interview Fragen zu sozioökonomischen und demografischen Faktoren sowie zu psychologischen Variablen bei dentalen Problemen ihrer Kinder. Währenddessen wurden die Kinder zahnmedizinisch untersucht. 16 Zahnärzte beurteilten die Mundhygiene, frühkindliche Karies, dentale Fehlstellungen und traumatische Verletzungen. Zusammenhänge wurden in einem hierarchischen multivariaten Regressionsmodell näher untersucht.

Die Mundhygiene wurde bei 54,2 Prozent der Kinder als schlecht eingestuft, und 26,3 Prozent hatten mindestens einen kariösen Zahn. Die Mehrzahl der Eltern hatten mehr als acht Jahre Schulbildung (66,8  Prozent der Mütter und 59,9  Prozent der Väter), das Familieneinkommen war im Durchschnitt aber gering (63,8 Prozent).

Insgesamt 24 Prozent der Eltern fühlten sich wegen der oralen Probleme ihrer Kinder schuldig. Von ihnen waren 82 Prozent der Meinung, dass die Probleme hätten vermieden werden können. 54 Prozent der betroffenen Eltern waren der Meinung, dass Dentalkaries das Hauptproblem ihrer Kinder sei.

Frühkindliche Karies wirkt sich negativ auf das Familienleben aus

30 Prozent glaubten, dass eine gesündere Ernährung die Probleme vermieden hätte, 34 Prozent waren der Meinung, dass eine bessere Zahnpflege vonnöten gewesen wäre, und 21 Prozent mutmaßten, dass häufigere Zahnarztbesuche geholfen hätten. Nur 68 Prozent der Kinder von Eltern, die Zahnprobleme vermuteten, waren tatsächlich von Karies, Malokklusion oder Trauma betroffen.

Im bivariaten Regressionsmodell waren signifikante Zusammenhänge zwischen Schuldgefühlen der Eltern und folgenden Variablen zu beobachten: dem Alter des Kindes, der Vermutung von Zahnproblemen bei den Kindern, der Annahme der Eltern, dass dies hätte vermieden werden können sowie dem Schweregrad frühkindlicher Karies.

In multivariaten Regressionsanalysen waren die Annahme der Eltern, ihr Kind habe Zahnprobleme, die Annahme der Eltern, dass dies hätte vermieden werden können sowie der Schweregrad frühkindlicher Karies mit den Schuldgefühlen bei den Eltern assoziiert.

82 Prozent der Eltern meinen, dass die Zahnprobleme hätten vermieden werden können

Zwischen Scham und Schuld wurde im Rahmen dieser Studie nicht unterschieden. Schuldgefühle beziehen sich in der Regel auf Handlungen. Dafür spricht, dass 82 Prozent der Eltern der Meinung waren, dass die Probleme hätten vermieden werden können. Das heißt, sie waren der Meinung, das Problem durch ihre falsche Handlungsweise hervorgerufen zu haben, weil sie keine oder unzureichende Präventionsmaßnahmen ergriffen hatten.

Die Schuldgefühle der Eltern zeigten keine Zusammenhänge zu sozioökonomischen Faktoren. Dies spricht dafür, dass die Eltern genügend Kenntnisse hinsichtlich einer guten Mundhygiene hatten, diese aber vermutlich nicht ausreichend in aktive vorbeugende Maßnahmen umsetzen konnten.

Fazit: In einer brasilianischen Kohorte von zwei- bis vierjährigen Kindern wurden eine schlechte Mundhygiene sowie frühkindliche Karies mit hoher Prävalenz beobachtet. 24 Prozent aller Eltern machten sich Selbstvorwürfe wegen der Mundhygiene ihrer Kinder. Diese Schuldgefühle waren signifikant mit der Annahme der Eltern, ihr Kind habe Zahnprobleme sowie der Annahme, dass dies hätte vermieden werden können und dem Schweregrad frühkindlicher Karies, assoziiert.

Carvalho TS, Department of Preventive, Restorative and Pediatric Dentistry, University of Bern, Bern, Switzerland; Int J Paediatr Dent. 2018 Jan;28(1):23-32. doi: 10.1111/ipd.12306 aus IME, Wissenschaftlicher Informationsdienst Ausgabe 2/2018.

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