Studien aus Gießen und Marburg

Kinder putzen so (schlecht) wie ihre Eltern

Zwei Studien zeigen: Bei Kindern und Jugendlichen bestehen offenbar große Defizite beim Zähneputzen. Auffällig sind die Parallelen zu dem Putzverhalten der Eltern.

Der gute Wille und eine lange Putzdauer allein reichen nicht aus, um die Zähne effektiv von Plaque zu befreien. Nötig für das richtige Zähneputzen sind Vorkenntnisse, eine gute Vermittlung und auch motorische Fähigkeiten. Adobe Stock_Oksana Kuzmina

Kinder und Erwachsene putzen ihre Zähne in der Regel mehrmals täglich, dennoch verbleiben häufig größere Mengen Plaque auf den Zahnflächen. Woran das liegt, haben Forschende des Instituts der Medizinischen Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen mit Zahnmedizinern der Universität Marburg in zwei Studien untersucht. Die Ergebnisse wurden im Journal BMC Oral Health veröffentlicht.

Die Eltern wurden mit ihren Kindern beim Zähneputzen gefilmt

Für die Studie wurden Eltern mit ihrem Nachwuchs beim Zähneputzen beobachtet und gefilmt. Dabei interessierte das Team besonders, inwieweit das tatsächliche Zahnputzverhalten (noch) mit dem übereinstimmte, was gewöhnlich in der Gruppenprophylaxe vermittelt wird: den inneren Zahnflächen besondere Aufmerksamkeit schenken sowie die Innenflächen mit vertikalen und die Außenflächen mit kreisenden Bewegungen putzen. Schrubbende Bewegungen sollen nur den Kauflächen vorbehalten bleiben.

Insgesamt wurde der Zahnputz-Vorgang von 66 Eltern-Kind-Paaren aufgezeichnet. Außerdem wurden Plaqueindizes vor und nach der Mundhygiene aufgenommen. Dabei wurden die Kinder in zwei Altersgruppen unterteilt. Die erste Gruppe bestand aus insgesamt 42 Kindern im Alter von zehn Jahren. Der zweiten Gruppe wurden 24 Jugendliche im Alter von 15 Jahren zugeteilt. Neben Handzahnbürsten wurden den Jugendlichen auch Hilfsmittel zur Interdentalreinigung zur Verfügung gestellt.

Ziel war die Überprüfung der Umsetzung der durch die Gruppenprophylaxe vermittelten Zahnputztechnik. Das Zahnputzlied, das häufig als Grundlage für die Anleitung im Rahmen der Gruppenprophylaxe verwendet wird, galt dabei als Referenz, anhand dessen Bezugswerte erstellt wurden, um die Zahnputzleistung der Kinder und Jugendlichen zu messen.

Drei Minuten gePutzt und trotzdem schlechte ERgebnisse

Im Ergebnis gelang es weder den Kindern noch den Jugendlichen, die in der Gruppenprophylaxe vermittelten Vorgaben hinreichend umzusetzen. Die Flächen wurden in beiden Altersgruppen nicht gleichmäßig lange geputzt, obwohl die Putzdauer insgesamt im Durchschnitt über drei Minuten betrug. Dabei wurden aber insbesondere die Innenflächen vernachlässigt und teilweise gar nicht geputzt.

Die Außenflächen wurden von den meisten Kindern ausreichend lange geputzt, wobei diese insbesondere bei den 15-Jährigen im Fokus standen, wohingegen die Zehnjährigen den Kauflächen die meiste Aufmerksamkeit schenkten. Die oberflächenspezifischen Bewegungen (kreisend auf den bukkalen Flächen und vertikal auf den oralen Flächen) wurden von fast keinem Kind oder Jugendlichen korrekt durchgeführt.

Die Außenflächen stehen im Vordergrund

Auffällig ist, dass mit steigendem Alter die Außenflächen vergleichsweise ausgiebiger geputzt werden. Die Autoren erklären dies damit, dass das äußere Erscheinungsbild in diesem Alter an Bedeutung gewinnt. Altersunabhängig seien die vorwiegend horizontalen Bewegungen. Dass die erlernten Methoden nicht konsequent umgesetzt werden, könnte unter anderem darin begründet sein, dass die Eltern diese nicht beherrschen und sie deshalb im häuslichen Umfeld nicht korrekt eingeübt werden.

Die Daten der zeitgleich durchgeführten Studie des Zahnputzverhaltens der Eltern bestätigt die Vermutung, dass auch hier Defizite vorliegen – der Zahnputzvorgang offenbarte bei den Erwachsenen ähnliche Mängel wie bei ihren Kindern.

Auch Die Eltern schrubben vor allem horizontal

Zwar betrug die Gesamtputzdauer im Durchschnitt über drei Minuten, allerdings fiel auch hier auf, dass insbesondere die Innenflächen unzureichend gereinigt wurden. So wurde beobachtet, dass 30 Prozent der Probanden mindestens einen Sextanten von oral überhaupt   nicht putzten. Auch die vertikalen Bewegungen wurden nicht von allen Eltern ausgeführt – zumeist standen horizontale Schrubb-Bewegungen im Vordergrund.

Es zeigte sich eine Tendenz zur vorwiegenden Reinigung der sichtbaren Zahnflächen. Die Ineffektivität der Zahnpflege spiegelte sich in einem durchschnittlich hohen Plaque-Index nach der Reinigung wider, wobei auffiel, dass insbesondere der Zahnfleischsaum nicht richtig gereinigt oder gar nicht einbezogen wurde.

Die Defizite bei Eltern und ihren Kindern sind ähnlich

Beide Studien zeigen, dass die Defizite der Zahnputztechnik bei den Eltern und ihren Kindern durchaus Parallelen aufweisen. Die Vernachlässigung der oralen Zahnflächen und die Bevorzugung horizontaler Schrubb-Bewegungen sind die auffälligsten Gemeinsamkeiten der Ergebnisse beider Arbeiten.

Da einige Kinder die in der Gruppenprophylaxe erlernen Techniken umsetzten, betonen die Forschenden, dass die Defizite im Zahnputzverhalten nicht „an der Gestaltung der Prophylaxeprogamme liegen. […] Wenn die erworbenen Zahnputzgewohnheiten zu Hause den Maßnahmen der Prophylaxeprogramme widersprechen, wird das Erlernen der in den Programmen vermittelten Inhalte erschwert“ [Deinzer et al., 2021]. Die Schlussfolgerung der Forschenden, dass eine starke Beeinflussung der Mundhygiene durch die Eltern erfolge, liegt nahe. Ein Großteil der Eltern, die an der Studie teilnahmen, hatten selbst allerdings keine Gruppenprophylaxe in der Kindheit erhalten. 

Eltern sind auch hier ein Vorbild

Die Studienergebnisse weisen auf die Bedeutung der Vorbildfunktion der Eltern für das Zahnputz-Verhalten ihrer Kinder hin. Es sind insbesondere die Eltern, die den Kindern das Zähneputzen beibringen und die sie täglich dabei kontrollieren und unterstützen. Laut Bundesverband der Kinderzahnärzte (BUKIZ) ist diese Unterstützung bis weit in das Grundschulalter hinein notwendig.

„Wenn die Eltern jedoch selbst nicht so genau wissen, wie sie ihre Zähne sauber bekommen, wie sollen sie es dann ihren Kindern richtig beibringen?““, fragt Erstautorin Deinzer.

Laut Deinzer müssten daher zusätzlich zur Gruppenprophylaxe für die Kinder auch deren Eltern Angebote zur Optimierung ihrer Mundhygiene erhalten. Demnach könnte der aktive Einbezug der Eltern in die Gruppenprophylaxe eine geeignete Maßnahme darstellen, um Defizite aufzuarbeiten. So könnten sie ihre Kinder beim Erlernen einer guten Mundhygiene unterstützen und zugleich sich selbst besser vor Erkrankungen der Zähne und des Zahnfleisches schützen.

Die Forschenden räumen einige Limitationen ein, die bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen seien. Die Kohorte sei verhältnismäßig klein, was dem Aufwand der Videoanalysen der einzelnen Probanden geschuldet sei. Auch war deren Bildungsniveau vergleichsweise hoch, obgleich sich deren Mundgesundheit im Bundesdurchschnitt lag. Außerdem war die Anzahl der Probandinnen bei den Eltern überdurchschnittlich hoch. Auch wurde ihnen die nach ihren Möglichkeiten bestmögliche Putzleistung abverlangt. Daraus könne man schließen, dass das Zahnputzverhalten im Alltag weniger sorgfältig sei, so die Forschenden.

  • Deinzer, R., Shankar-Subramanian, S., Ritsert, A. et al. Good role models? Tooth brushing capabilities of parents: a video observation study. BMC Oral Health 21, 469 (2021). doi.org/10.1186/s12903-021-01823-6
  • Eidenhardt, Z., Ritsert, A., Shankar-Subramanian, S. et al. Tooth brushing performance in adolescents as compared to the best-practice demonstrated in group prophylaxis programs: an observational study. BMC Oral Health 21, 359 (2021). doi.org/10.1186/s12903-021-01692-z

Die Gruppenprophylaxe

Die Grundlage zur Gruppenprophylaxe wurde durch die gesetzliche Vorschrift 1988 geschaffen (§ 21 Abs. 1 SGB V). Dort heißt es: „Die Krankenkassen haben im Zusammenwirken mit den Zahnärzten und den für die Zahngesundheitspflege in den Ländern zuständigen Stellen unbeschadet der Aufgaben anderer gemeinsam und einheitlich Maßnahmen zur Erkennung und Verhütung von Zahnerkrankungen ihrer Versicherten, die das zwölfte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu fördern und sich an den Kosten der Durchführung zu beteiligen. Sie haben auf flächendeckende Maßnahmen hinzuwirken. In Schulen und Behinderteneinrichtungen, in denen das durchschnittliche Kariesrisiko der Schüler überproportional hoch ist, werden die Maßnahmen bis zum 16. Lebensjahr durchgeführt.

Die Maßnahmen sollen vorrangig in Gruppen, insbesondere in Kitas und Schulen, durchgeführt werden; sie sollen sich insbesondere auf die Untersuchung der Mundhöhle, Erhebung des Zahnstatus, Zahnschmelzhärtung, Ernährungsberatung und Mundhygiene erstrecken. Für Kinder mit besonders hohem Kariesrisiko sind spezifische Programme zu entwickeln.“ Zu den flächendeckend in Kindergärten und Schulen durchgeführten Maßnahmen gehören unter anderem eine kurze zahnärztliche Untersuchung und gegebenenfalls Empfehlung zum Aufsuchen einer zahnärztlichen Praxis, sowie altersgerechte Instruktionen und Programme zur Verbesserung der häuslichen Zahnpflege und Förderung einer zahngesunden Ernährung.

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