Studie

Schnullerform korrelliert mit Zahnfehlstellung

Gibt man nuckelnden Kleinkindern mit Overjet einen Schnuller mit besonders dünnem Hals, verbessert sich ihre Zahnfehlstellung, wie eine Studie aus Jena zeigt. Studienleiterin Dr. Yvonne Wagner erklärt, wie der Sauger funktioniert.

Während ein herkömmlicher Schnuller den Mundschluss erschwert (links), ermöglicht das getestete Modell mit dem dünnen Saugerhals einen Mundschluss, weil der Sauger im Durchschnitt 60 Prozent dünner und vier mal flexibler ist als übliche Silikonsauger. MAM Babyartikel GmbH

zm-online:  Frau Dr. Wagner, welche Saugerformen erhöhen grundsätzlich das Risiko von Zahnfehlstellungen

Dr. Yvonne Wagner: Diese Frage lässt sich bisher nicht evidenzbasiert beantworten, da es an Langzeitstudien, die den Einfluss unterschiedlicher Saugerformen auf die Gebissentwicklung untersuchen, fehlt. Dies ist die erste Langzeitstudie mit einem Sauger mit besonders dünnem Saugerhals, die die Vorteile der Verwendung eines physiologischen Saugers gegenüber einem konventionellen belegt.

Zahnmediziner tendieren prinzipiell zur Empfehlung eines physiologischen, sogenannten kiefergerechten Saugers statt eines konventionellen (anatomischen / kirschförmigen) Modells. Gleichzeitig wird das Risiko der Entwicklung von Zahnfehlstellungen durch die Dauer und Intensität der Saugerbenutzung durch das Kind entscheidend beeinflusst.


Zusammenfassung der Studie

An der Langzeitstudie nahmen insgesamt 86 Kinder im Alter von 16 bis 24 Monaten
teil. Das Einzigartige: Erstmals wiesen die Probanden bereits Schnuller-assoziierte Zahnfehlstellungen auf, wie vergrößerte Frontzahn-/Schneidezahnstufe und/oder einen offenen Biss.

Per Zufallsprinzip wurden sie einer von drei Studiengruppen zugeordnet. Zu Beginn der Testphase wechselte die erste Gruppe vom bisherigen Schnuller zum getesteten Sauger mit besonders dünnem Saugerhals. Gruppe zwei blieb bei den bereits vor Studienbeginn verwendeten herkömmlichen Schnullern. Die Kinder der dritten Gruppe sollten innerhalb des Untersuchungszeitraums vom Schnuller entwöhnt werden.

Das Ergebnis: Der getestete Sauger erzielte im Vergleich zu herkömmlichen Schnullern die besseren Messergebnisse in Bezug auf Überbiss und frontal offenen Biss. Die vollständige Schnullerentwöhnung schnitt am besten ab. Im Untersuchungspunkt horizontaler Überbiss erwies sich der getestete Sauger sogar als ebenso wirkungsvoll wie die vollständige Abgewöhnung.


Wirken sich konventionelle Sauger konkret auf die Kiefer- und Zahnentwicklung aus?

Generell lässt sich sagen, dass umso größer und voluminöser ein Sauger ist, desto mehr werden die umgebenden Weich- und Hartgewebe davon beeinflusst und beispielsweise die Zunge in ihrer natürlichen Ruhelage gestört. Für die Sprachentwicklung und Umstellung des infantilen auf das somatische Schluckmuster muss die Zunge lernen, oben am Gaumen hinter den Frontzähnen anzuliegen. Der frontal offene Biss und die vergrößerte Frontzahnstufe sind typische lutschassoziierte Zahnfehlstellungen.

Sie haben nun die Charakteristika eines Schnullers mit dünnem Saugerhals und dessen Effekt auf die Zahn- und Kieferentwicklung untersucht - mit welchem Ergebnis?

Diese Studie ist die erste, die die Vorteile des Gebrauchs eines Schnullers mit besonders dünnem Saugerhals gegenüber einem zuvor verwendeten physiologischen oder konventionellen Sauger in Bezug auf Overjet und Overbite belegt. Die Untersuchungen sind in sofern einzigartig, als dass Kinder einbezogen wurden, die bereits einen vergrößerten Overjet und/oder offenen Biss aufwiesen. Bei den Kindern, die den physiologischen oder konventionellen Sauger weiter verwendeten, wurde eine Verschlechterung aller Messergebnisse festgestellt. Die Kinder, die auf den Sauger mit besonders dünnem Saugerhals umgestiegen sind, zeigten eine Stagnation beziehungsweise sogar eine Verbesserung der Zahnfehlstellung.

Was können Sie zum "horizontalen Überbiss“ sagen?

Hier konnten durch die Verwendung des Saugers mit dünnem Saugerhals sogar die gleichen Messergebnisse erzielt werden, wie bei den Kindern, die vollständig vom Sauger entwöhnt wurden. Die Verwendung des neuartigen Saugers führte zu keiner Verstärkung der Entwicklung einer vergrößerten Frontzahnstufe, also den bekannten „Hasenzähnen“, bei denen auch das Risiko eines Zahnunfalls erhöht ist.

Insgesamt sind die Studienergebnisse sehr erfreulich, wenn man bedenkt, wie viele Kinder regelmäßig einen Sauger verwenden und wie lange sie diesen auch tatsächlich in ihrem Mund haben. Abschließend bleibt aber anzumerken, dass die rechtzeitige Abgewöhnung des Saugers immer noch die beste Prävention darstellt und dass dafür die Mitarbeit der Eltern unerlässlich ist.

Studien haben gezeigt, dass eine verlängerte Saugerbenutzung über den 3. und besonders über den 4. Geburtstag hinaus, sowie eine intensive Saugerbenutzung von mehr als 6 Stunden pro Tag, das Risiko der Entwicklung eines frontal offenen Bisses und einer vergrößerten Frontzahnstufe erhöhen.

In der Praxis sind diese beiden Phänomene bei „Sauger-Liebhabern“ aber schon viel früher zu beobachten. Werden die Kinder dann nicht rechtzeitig vom Sauger entwöhnt, können diese Zahnfehlstellungen auch die Entwicklung des bleibenden Gebisses beeinflussen. Zusätzlich ist das Risiko eines Frontzahntraumas im Milchgebiss erhöht.

Y. Wagner, R. Heinrich-Weltzien, “Effect of a thin-neck pacifier on primary dentition: a randomized controlled trial”, Orthodontics & Craniofacial Research, Volume 19, Issue 3, pages 127–136, August 2016.

Die Studie wird in den "Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie" (1/2017) im Frühjahr erstmals im deutschsprachigen Raum publiziert.

Die Fragen stellte Sara Friedrich.

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