Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung

Wrigley Prophylaxe Preis 2020

Mit Milch gegen Bakterien, die Mundgesundheit Hundertjähriger und eine spielerische Zahnputzkontrolle für Senioren: Am 27. November wurde auf der Online-Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) der diesjährige Wrigley Prophylaxe Preis verliehen.

WPP

Die Preisträger und ihre Arbeiten

  1. Den ersten Preis erhielt eine Arbeitsgruppe um Prof. Ali Al-Ahmad vom Universitätsklinikum Freiburg. Die Wissenschaftler untersuchten erstmals in vivo, wie unterschiedliche Nahrungsbestandteile die mikrobielle Balance im oralen Biofilm beeinflussen. Danach können gezielte Ernährungsempfehlungen zur Kariesprävention effektiv sein.
  2. Den zweiten Platz belegen Dr. Caroline Sekundo und ihr Team vom Universitätsklinikum Heidelberg, deren Pilotstudie erstmals Einblicke in die Mundgesundheit Hundertjähriger und Hochbetagter gibt.
  3. Den zusätzlich mit 2.000 Euro dotierten Sonderpreis „Niedergelassene Praxis und gesellschaftliches Engagement“ bekamen Prof. Hüsamettin Günay und Dr. Karen Meyer-Wübbold von der Medizinischen Hochschule Hannover für ihr originelles Pilotprojekt, das Senioren eine spielerische Zahnputzkontrolle mittels App oder Abakus nahelegt.

Der mit 7.000 Euro dotierte erste Preis ging an Prof. Ali Al-Ahmad und ein Team aus Wissenschaftlern der Universitäten Freiburg und Zürich sowie des Helmholtz-Zentrums München: Dr. Annette Anderson, Prof. Dr. Markus Jörg Altenburger, PD Dr. Johan Peter Woelber, Prof. Dr. Elmar Hellwig, PD Dr. Lamprini Karygianni und Dr. Michael Rothballer.

So beeinflusst unsere Nahrung Bakterien und Kariesrisiko

Die Wissenschaftler untersuchten in einer aufwendigen klinischen Studie, wie bestimmte Nahrungsbestandteile das Wachstum von Bakterien im supragingivalen Biofilm und damit auch das Kariesrisiko beeinflussen.

Zwar ist lange bekannt, dass die Entstehung von Karies mit der Vermehrung säurebildender und säuretoleranter Bakterien im Biofilm einhergeht und diese wiederum sich vor allem in Anwesenheit von Zucker und anderen leicht abbaubaren Kohlenhydraten kräftig vermehren. Als wichtigste kariogene Vertreter galten lange Zeit Streptococcus mutans und Lactobazillen. Forschungen der letzten Jahre zeigen aber, dass auch andere Bakterienspezies in die Kariesentwicklung involviert sind, etwa Non-mutans-Streptokokken oder Veillonellen.

Wechselwirkungen zwischen Ernährung und oralem Biofilm

Welche Wechselwirkungen zwischen Ernährung und oralem Biofilm in vivo tatsächlich stattfinden, wurde im lebenden Organismus bislang kaum untersucht. In dieser Studie durchliefen elf gesunde Probanden fünf dreimonatige Phasen mit jeweils unterschiedlichem Ernährungsschwerpunkt: In Phase 1 behielten sie ihre normale Ernährung bei, in Phase 2 konsumierten sie zusätzlich häufig Kandiszucker, in Phase 3 Milch und Joghurt, in Phase 4 faserreichen Gemüsebrei und in Phase 5 kehrten sie zu ihrer normalen Ernährung zurück.

Die normale Ernährung enthielt 140 bis 280 Gramm Kohlenhydrate pro Tag und wurde von den Probanden entsprechend den Richtlinien des Robert Koch-Instituts jeweils in einem Ernährungstagebuch festgehalten. In jeder Phase trugen die Probanden 3 mal 7 Tage intraorale Schienen mit bovinem Schmelzmaterial zur Gewinnung von Biofilmproben, die mikrobiologisch mit Hilfe von Hochdurchsatz-Sequenzierungsmethoden analysiert wurden.

Klares Ergebnis: Die Bakterien im Biofilm reagierten eindeutig und nachhaltig auf das unterschiedliche Nahrungsangebot der verschiedenen Phasen. Besonders interessierte es die Wissenschaftler, wie sich die Ernährung auf das Wachstum oraler Streptokokken auswirkte, vor allem der kariesfördernden Non-mutans-Spezies.

Der Anteil an Streptokokken lag in Phase 1 bei 34 Prozent, stieg bei zuckerreicher Ernährung auf 40 Prozent und lag damit deutlich über dem Anteil von 24 Prozent der Phasen 3 und 4, in denen die Probanden viel Milch und Joghurt beziehungsweise Gemüse konsumierten. In Phase 5 stieg der Streptokokken-Anteil auf 29 Prozent und bewegte sich damit wieder in Richtung des Ausgangswertes in Phase 1.

Milch, Joghurt und faserreiches Gemüse reduzieren Bakterien

Die Daten bestätigen, dass zuckerreiche Ernährung das Wachstum kariogener Bakterien im supragingivalen Biofilm fördert, während Milch, Joghurt und faserreiches Gemüse zu einer signifikanten Abnahme dieser Bakterien und auch einem glatteren Zahnschmelz führten. Die Veränderungen hielten auch an, nachdem die Probanden wieder zu ihrer Ausgangsernährung zu-rückgekehrt waren. Die Autoren schlussfolgern, dass die supragingivale Biofilm-Zusammensetzung durch Ernährung modulierbar ist und empfehlen daher mehr Milch, Joghurt und Gemüse zur Kariesprävention.

Hundertjährige: Hohe Kariesprävalenz und trotzdem Spaß

In Deutschland gibt es immer mehr Hochbetagte: 2018 waren 14.000 Menschen älter als 100 Jahre und Prognosen zufolge wird sich diese Zahl bis 2038 vervierfachen. Vor diesem Hintergrund befasst sich die Wissenschaft zunehmend mit Fragen der Langlebigkeit, insbesondere mit dem Gesundheitszustand der Hundertjährigen.

Zahnmedizinische Aspekte wurden dabei bislang jedoch kaum berücksichtigt. Die mit dem zweiten Preis ausgezeichnete und mit 3.000 Euro dotierte Pionierarbeit hat dies nun geändert: Dr. Caroline Sekundo und ihre Kolleginnen Prof. Dr. Cornelia Frese und Eva Langowski sowie Prof. Dr. Andreas Zenthöfer vom Universitätsklinikum Heidelberg haben die Mundgesundheit von Hundertjährigen und Hochbetagen erstmals umfassend untersucht.

Für ihre klinische Querschnittsstudie besuchten sie 55 Senioren im Alter von 100 Jahren oder älter zu Hause und sammelten Daten – unter anderem zu Zahnpflege-Gewohnheiten, zur zahnärztlichen Betreuung und mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität. Zudem erhoben die Autoren einen vollständigen zahnmedizinischen Befund. Die Ergebnisse wurden mit den Daten jüngerer Senioren (75 bis 100 Jahre) aus der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) verglichen.

Nur 36 Prozent waren zahnlos

Das Ergebnis: Nur 36 Prozent der Hundertjährigen waren zahnlos. Die meisten hatten noch eigene Zähne und waren unterschiedlich prothetisch versorgt. Im Vergleich zu jüngeren Senioren hatten Hundertjährige jedoch weniger eigene Zähne und häufiger Karies. Zudem war der Sanierungsgrad geringer und die Prävalenz von Wurzelkaries doppelt so hoch wie bei jüngeren Senioren.

Die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität war erfreulich hoch

Die zahnmedizinische funktionelle Kapazität war gering: Bei 64 Prozent der Hundertjährigen waren Zahnschäden schlecht oder nicht therapierbar, und die Fähigkeit zur Mundhygiene war bei 44 Prozent stark eingeschränkt. Dennoch war die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität erfreulich hoch: Über Einschränkungen klagten die Hundertjährigen vor allem beim Kauen fester Nahrung und der damit verbundenen limitierten Auswahl an Nahrungsmitteln.

„Insgesamt zeigt unsere Pilotstudie eine Verschlechterung der Mundgesundheit in sehr hohem Alter, die sich aufgrund der geringen Belastbarkeit zu diesem Zeitpunkt dann kaum noch verbessern lässt“, fasst Sekundo die Ergebnisse zusammen. „Deshalb sollten Präventivmaßnahmen viel früher ansetzen, um die Mundgesundheit und damit Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.“

Systematische Mundhygiene fällt vielen Senioren schwer

Den mit 2.000 Euro dotierten Sonderpreis „Niedergelassene Praxis und gesellschaftliches Engagement“ erhielten Prof. Dr. Hüsamettin Günay und Dr. Karen Meyer-Wübbold von der Medizinischen Hochschule Hannover für ihre Studie „Selbstkontrolle zur Verbesserung der eigenverantwortlichen häuslichen Mundhygiene bei Senioren“.

Vielen Patienten scheint es schwer zu fallen, bei ihrer täglichen Zahn- und Mundhygiene eine Systematik umzusetzen. Apps können sie dabei unterstützen. Bislang auf dem Markt erhältliche Produkte richten sich jedoch vor allem an Kinder. Zudem nutzen ältere Personen neue Technologien oft ungern, weil ihnen das Verständnis oder der Zugang dazu fehlt.

Sind App oder Abakus eine Hilfe?

Ziel des Projekts war zu evaluieren, ob sich eine App oder ein Abakus eignet, Senioren dabei zu unterstützen, die Zahnputzsystematik „KIAZZPlus“ umzusetzen und gleichzeitig ihre Mundhygiene selbst zu kontrollieren. Für die Studie wurden 16 Teilnehmer gebeten, ihre häusliche Mundhygiene in drei Phasen à drei Wochen zu dokumentieren: In Phase 1 erfolgte die Dokumentation via App, in Phase 2 wurde die App mit mehr Funktionen ausgestattet, in Phase 3 verwendeten die Teilnehmer einen Abakus.

Das Ergebnis: Die zu Beginn der Studie gemessenen Plaque-Index-Werte verbesserten sich durch jede Art der Mundhygiene-Dokumentation deutlich. Als besonders effektiv entpuppten sich die funktionsreiche App und der Abakus. Der Abakus als plastisch-anschauliches Hilfsmittel förderte die Selbstkontrolle, gleichzeitig wurden Motorik und Sensorik beansprucht.

„Dies schien die Teilnehmer mehr zu motivieren und zu disziplinieren als die reine Dokumentation per App oder Mundhygieneprotokolle“, stellen die Autoren fest, „wobei unser Pilotprojekt in erster Linie zeigt, dass die Integration einer Selbstkontrolle in ein zahnmedizinisches Präventionskonzept Erfolg versprechend ist – ob nun per App, Protokoll oder Abakus“.

Der Wrigley Prophylaxe Preis

Der Wrigley Prophylaxe Preis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert. Stifterin des Preises ist die wissenschaftliche Initiative „Wrigley Oral Healthcare Program“. Seit seiner Gründung vor 26 Jahren steht der Preis unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) und wird traditionell auf deren Jahrestagung verliehen. Eine unabhängige Jury würdigt wissenschaftliches Engagement sowie gesellschaftliche Projekte, die zur Verbesserung der Mundgesundheit bei besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen beitragen.

Mitglieder der diesjährigen Jury waren Prof. Dr. Thomas Attin, Zürich, Prof. Dr. Werner Geurtsen, Hannover, Prof. Dr. Rainer Haak, Leipzig, Prof. em. Dr. Joachim Klimek, Gießen, Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel, Bern, DGZ-Präsident Prof. Dr. Christian Hannig, Dresden, und Andreas Herforth, Referent zahnärztliche Versorgung bei der Techniker Krankenkasse Hamburg.

 

Abb. 1:

Preisträger und Jury des Wrigley Prophylaxe Preises 2020.

Die Preisträger: (oben v. l. n. r.) Prof. Dr. Ali Al-Ahmad (1.Platz, Freiburg), Dr. Caroline Sekundo (2. Platz, Heidelberg), Prof. Dr. Hüsamettin Günay und Dr. Karen Meyer-Wübbold (Sonderpreis, Hannover); Sponsor: (rechts oben) Nina Wenzl, Wrigley Oral Healthcare Program, Mars GmbH.

Die Jury: (unten v. l. n. r.) Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich), Prof. Dr. Werner Geurtsen (Hannover), Prof. Dr. Rainer Haak (Leipzig), Prof. Dr. Christian Hannig (Dresden), Andreas Herforth (Hamburg), Prof. em. Dr. Joachim Klimek (Gießen), Prof. Dr. Hendrik Meyer-Lückel (Bern)

Quelle: Wrigley Oral Healthcare Program

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