Zahnmedizin

Zahnmedizin: Dänemark und Deutschland

In der Euro-Z-II-Studie vergleicht das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) die zahnärztlichen Leistungen in Europa. Auf dem Workshop in der dänischen Botschaft in Berlin gestern ging es speziell um Deutschland und Dänemark: Hier ein Sozialversicherungssystem in der Tradition von Bismarck, dort ein steuerfinanziertes Modell nach Beveridge. Können beide Länder bei der Zahnmedizin trotzdem voneinander lernen?

Zahnmedizin ohne Grenzen: Dr. Jürgen Fedderwitz, Dr. Wolfgang Eßer, Dr. Freddie Sloth-Lisbjerg, Dr. Peter Engel und Seine Exzellenz der Botschafter des Königreichs Dänemark, Per Poulsen-Hansen, im Austausch. axentis

Der Workshop zur zahnmedizinischen Versorgung im europäischen Vergleich fand in der dänischen Botschaft in Berlin statt. Die Botschaften der Länder Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden sind dort in einem architektonischen Ensemble vereint. Ein geschwungenes grünes Kupferband umschließt dieses Ensemble. Im Inneren hat jedes Land ein eigenes Botschaftsgebäude. Die Idee von fünf nationalen Botschaftskanzleien entspricht der Grundidee nationaler Eigenständigkeit. Mit dem Bau eines Komplexes zeigt sich die starke Verbundenheit und die gesellschaftliche und politische Zusammenarbeit der nordischen Länder. Das fast 230 Meter lange und 15 Meter hohe Kupferband ist das Markenzeichen des Entwurfs der österreichisch-finnischen Architekten Berger und Parkkinen. Es besteht aus rund 4.000 vorpatinierten Lamellen. Materialien wie Kupfer sollen allein durch ihre natürlichen Eigenschaften überzeugen, ohne jegliche Behandlung oder Veredelung ihrer Oberflächen. Das öffentlich zugängliche Felleshus (Gemeinschaftshaus) vereint Sicherheits-, Arbeits- und Repräsentationsfunktionen aller fünf Botschaften. Das Haus dient auch als zentrale Passage zu den Botschaften. Der Name des Gebäudes, Felleshus, deutet auf den Geist des Gebäudes und seine Nutzung hin: ein Haus für alle, ein Haus der Begegnung. Dem Publikum bietet das Felleshus ein Auditorium für Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Konferenzen, Ausstellungsräume, Tagungsräume, eine große Terrasse und eine öffentliche Kantine. axentis
"Deutschland und Dänemark verbindet eine tiefe Freundschaft", betonte Seine Exzellenz der Botschafter des Königreichs Dänemark, Per Poulsen-Hansen, die Gäste des Workshops. "Diese Freundschaft lebt vom Austausch. Mit dem Blick auf die Zahnmedizin über den Tellerrand hinaus können die Vergleiche hoffentlich zu einem gegenseitigen Verständnis beitragen und helfen, voneinander zu lernen." axentis
"Dänemark hat zwar nach wie vor einen enormen Vorsprung beider Mundgesundheit älterer Patienten - der Anteil der völlig zahnlosen Senioren lag in Deutschland 2007 bei 22,6 Prozent und in Dänemark 2009 bei 1,9 Prozent", führte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel aus. Die Euro-Z-II-Studie zeigt aber auch, dass Deutschland aufholt. Das belegt der Vergleich der jüngeren Kohorten. Es fehlt gar nicht mehr so viel, und wir werden die besseren Dänen." axentis
"Zahnärztliche Gebührenordnungen sind immer zweierlei: erstens ein Panorama der zahnmedizinischen Leistungen, zweitens ein Spiegel des Sozialschutzes des jeweiligen Landes" erläuterte Dr. Markus Schneider, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft für angewandte Systemforschung (BASYS) und Mitautor der Studie. "Die dänische Gebührenordnung ist interessant, weil sie immer klar auflistet, was der Patient zahlen muss und was der Zahnarzt bekommt." axentis
"In Deutschland besteht bei Zahnersatz ein umfassender Versorgungsanspruch der Versicherten", betonte Dr. David Klingenberger, stellvertretender Leiter des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) und Hauptautor der Studie. "Die Eigenbeteiligung ist moderat und beträgt in der Regelversorgung 50 Prozent. Beim Nachweis regelmäßiger Kontrolluntersuchungen (Bonusheft) ist der Patientenanteil geringer. Das System kann sehr flexibel auf Patientenwünsche reagieren: Der Patient kann sich auch für höherwertige Versorgungen entscheiden ohne seine Ansprüche aus der Regelversorgung zu zu verlieren. Die Eigenbeteiligung bei Zahnersatz ist in Europa generell deutlich höher und beträgt in Dänemark in der Regel 100 Prozent. axentis
"Früher hatte fast jede Schule ihre kleine Zahnarztpraxis", erzählte Dr. Freddie Sloth-Lisbjerg, Präsident der dänischen Zahnärztekammer. "Das ist heute nicht mehr so. Der Bürger muss sich bewegen: Die medizinische Versorgung wird insgesamt sehr stark zentralisiert. Die Zahnpflege erfolgt bei uns in größeren Teams und wird vom Staat systematisch nach Bedarf gesteuert, weil in den Gemeinden das Geld knapp ist." axentis
"Auch für die Zukunft gibt es noch viel voneinander zu lernen", sagte Andreas Brandhorst, Leiter des Referats vertragszahnärztliche Versorgung im BMG, und nannte die Kariesprävention bei Kleinkindern, die Parodontitisprävention bei Erwachsenen und die Zahngesundheit von Pflegebedürftigen und immobilen Patienten. "Das Monitoring in Dänemark ist vielleicht auch für Deutschland denkbar, um schnell auf Ergebnisse zu reagieren." axentis
"Spannend finde ich, dass in Dänemark die freie Arztwahl erst ab 16 Jahren gilt und dass Anfahrzeiten bei den Patienten kein Thema sind", schilderte Anne-Kathrin Klemm, Abteilungsleiterin Politik beim BKK-Dachverband, ihre Eindrücke vom dänischen Gesundheitssystem. "Außerdem verdeutlicht die Studie, dass die Arztkosten nicht automatisch niedriger ausfallen, wenn die Versicherten weniger häufig zum Arzt gehen." axentis
In Dänemark und Deutschland sind die Pro-Kopf-Ausgaben für die zahnmedizinische Versorgung ähnlich hoch - mit dem Unterschied, dass unsere fallen und die dänischen steigen. Betrachten wir vor diesem Hintergrund den Leistungsumfang - bei uns ist Zahnersatz inklusive, bei den Dänen außen vor - stehen wir sehr gut da", bilanzierte der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer. axentis
"In Deutschland und Dänemark gleichen sich die Gesundheitssysteme aufgrund der Reformen an", analysierte der stellvertretende KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz die Situation in beiden Ländern. "Allerdings geht man unterschiedlich mit den Versorgungszwängen um: Dänemark setzt sehr auf Eigenverantwortung, wir haben den besten Sozialschutz!" axentis
Ist Dänemark das El Dorado für Zahnärzte? Nein, lautete die einstimmige Antwort. axentis

Die wichtigsten Fakten:

  • In Wahrheit haben wir in Deutschland und Dänemark Mischformen: Deutschland steigt mit dem Gesundheitsfonds zögerlich in das Steuersystem ein, Dänemark hat sein System im Vergleich zu früher sehr stark zentralisiert und reguliert: Öffentliche Preislisten für zahnmedizinische Leistungen sind verpflichtend, Preisabsprachen zwischen Zahnärzten verboten.
  • Die Kaufkraft ist in Deutschland (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 32.140 Euro) und Dänemark (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 31.968 Euro) fast gleich. Die zahnärztliche Ausgaben pro Kopf betrugen 2011 in Deutschland 212 und in Dänemark 193 Euro.
  • In Dänemark ist der Gesundheitsdienst zu 100 Prozent staatlich, die private Krankheitskostenzusatzversicherung sichert nur sehr kleine Ausschnitte der Versorgung ab. In Deutschland erfolgt der Versicherungsschutz zu 86 Prozent über die GKV und zu 11 Prozent über die PKV (Vollversicherung).
  • 85,2 Prozent der Gesundheitskosten werden in Dänemark über die Steuern finanziert, 12,9 Prozent über Zuzahlungen. In Deutschland bezahlt die Sozialversicherung 70,4 Prozent, die Zuzahlungen betragen 12,2 Prozent.
  • Leistungen in Zahnarztpraxen: In Dänemark sind 65,4 Prozent privat, 34,4 Prozent öffentlich finanziert. In Deutschland ist das Verhältnis fast umgekehrt: 36,5 Prozent privat und 63,5 Prozent öffentlich.
  • Leistungen in Arztpraxen: In Dänemark werden 4,3 Prozent privat finanziert und 95,7 Prozent öffentlich. In Deutschland werden 21,4 Prozent privat bezahlt  und 78,6 Prozent öffentlich.
  • Der Anteil der völlig Zahnlosen bei den 65- bis 78-Jährigen beträgt in Dänemark 1,9 Prozent (2008/9), in Deutschland 22,6 Prozent (2007).
  • Bei den 35 bis 44-Jährigen haben in Dänemark 35 Prozent eine schwere Parodontitis, bei den 65- bis 74-Jährigen sind es 66 Prozent, in Deutschland sind es 73 beziehungsweise 88 Prozent. 
  • In Dänemark zahlt der Patient die Kosten der Füllungstherapie zu 90 Prozent selbst, in Deutschland entstehen  bei der Wahl von Amalgam keine Kosten für den Patienten, entscheidet er sich für hochwertige Alternativen, hat er einen Eigenanteil von etwa 25 Prozent.

aus: David Klingenberger, Markus Schneider, Uwe Hoffmann, Aynur Köse,  Euro-Z-II: Preisvergleich zahnärztlicher Leistungen im europäischen Kontext, hrsg. vom Institut der Deutschen Zahnärzte, Deutscher Zahnärzte Verlag, Köln 2015.

Am 16. März erscheint unsere Titelgeschichte zur Euro-Z-II in den zm 6.

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