Zahnärztliche Versorgung in den USA

Die Karies bleibt drin

Die Gesundheitsreform in den USA hat vielen Amerikanern einen besseren Versicherungszugang beschert. Leider gilt das nicht für die zahnärztliche Versorgung: Sie ist schlecht, eine Flächendeckung nicht in Sicht. Doch es gibt Initiativen, die auf den enormen Handlungsbedarf reagieren und Hoffnung machen. Aus der Not entstehen kreative Ansätze - einer ist aus deutscher Sicht mindestens fragwürdig, wenn nicht gar skandalös. Zwei Experten kommentieren.

In Kalifornien ist seit Anfang 2015 ein Gesetz in Kraft, das speziell ausgebildeten Hygienikern erlaubt, Karies zu behandeln – und zwar mit provisorischen Füllungen. picture alliance

Henner Bunke, Doctor of Dental Medicine / Univ. of Florida und Präsident der Zahnärztekammer Niedersachsen, weiß, dass es einen hohen Grad an Unterversorgung in den USA gibt, auch bei den Menschen, die eine Zahnversicherung für bestimmte Behandlungsbereiche besitzen. BZÄK
Prof. Dr. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, sieht die zahnärztliche Versorgungssituation in den USA kritisch. BZÄK

Zwar haben die US-Gesundheitsreformer die Zahngesundheit von Kindern für „essenziell” erklärt und in den Katalog der abzudeckenden Versicherungsleistungen aufgenommen. Für Erwachsene gibt es aber nach wie vor keine solchen Auflagen. Aktuelle Statistiken spiegeln die Versorgungssituation: Über ein Viertel der amerikanischen Erwachsenen (27 Prozent) leidet an unbehandelter Karies, berichten die Centers for Disease Control and Prevention (CDC).

Unter Minderheiten ist die Situation besonders gravierend: 42 Prozent der Amerikaner mit afrikanischem und 36 Prozent mit hispanischem Hintergrund haben unbehandelte Karies. Viele dieser Menschen sind entweder gar nicht zahnversichert oder in einem Maß unterversichert, dass sie sich Selbstbehalte nicht leisten können. Wenn sie Zahnschmerzen haben, gehen sie dahin, wo man sie per Gesetz nicht abweisen kann: in die Notfallstationen von Krankenhäusern. Hier ist man aber in der Regel nicht ausgestattet, Zahnprobleme zu behandeln und schickt die Hilfesuchenden mit Antibiotika und Schmerzmitteln nach Hause, wo der Schmerz oft von Neuem beginnt, sobald die Medikamente aufgebraucht sind.

Die Notaufnahme als Standardversorgung

Rund 2,2 Millionen Amerikaner suchten im Jahr 2012 wegen Zahnschmerzen die Notstation auf – doppelt so viele wie im Jahr 2000. Die dortige Behandlung ist nicht nur ineffektiv, sondern auch immens teuer: 749 US-Dollar kostete ein Besuch in der Notaufnahme durchschnittlich in 2012 – dreimal so viel wie ein Routinebesuch beim Zahnarzt. Rund 1,6 Milliarden US-Dollar werden so jährlich verschlungen, schätzt die American Dental Association (ADA) anhand von Regierungsdaten.

Die schlechte zahnärztliche Versorgung in den USA ist jedoch nicht nur ein finanzielles Problem, sondern auch ein ethisches: „Es vergeht keine Woche, in der wir nicht jemanden (wegen Zahnproblemen) ins Krankenhaus einweisen. Leute sterben hier noch wegen ihrer Zähne”, beklagte Dr. George Kushner an der Universitätsklinik von Louisville, Kentucky, kürzlich gegenüber der Tageszeitung USAToday.

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