Wie junge Zahnärzte arbeiten wollen

"Jeder muss seine passende Struktur finden"

"Die junge Generation scheut die Niederlassung keineswegs", stellt Ingmar Dobberstein klar und erklärt, warum die Wahl der Praxisform auch eine Frage der Einstellung ist.

Zahnarzt Ingmar Dobberstein arbeitet in der elterlichen Praxis in Berlin, die er demnächst mit einer Kollegin übernehmen will. privat

Sie arbeiten schon lange als angestellter Zahnarzt in der Praxis Ihrer Eltern. Fühlen Sie sich für die Übernahme gerüstet?

Ingmar Dobberstein: Es gibt genügend Dinge, die mir Respekt einflößen. Ich bin vielleicht routinierter in der Personalführung, bei der Patientenbehandlung und bei der Abrechnung als direkt nach dem Studium, aber in unternehmensstrategischen Themen habe ich noch Übungsbedarf.

Ich möchte die Praxis gerne in einer Partnerschaft gründen – gemeinsam mit einer Zahnärztin, die bereits in unserer Praxis arbeitet und die ich sehr gut kenne. Dennoch ist es eine neue Herausforderung, nicht mehr bloß als Kollegen zusammenzuarbeiten, sondern sich als Partner das ökonomische Risiko zu teilen.

Verschärfte Richtlinien, sinkende GKV-Einnahmen, teurere Gerätschaften: Lohnt sich die Niederlassung noch?

Aus meiner Sicht scheut die junge Generation die Niederlassung keineswegs. In der Regel beginnen Zahnmediziner auch heute mit dem Ziel ihr Studium, später freiberuflich in eigener Praxis zu arbeiten. Die meisten Zahnärztinnen und Zahnärzte sind lediglich übergangsweise angestellt. Ein Hauptgrund ist, dass die fachliche Erstausrichtung bequemer aus einem Angestelltenverhältnis heraus zu meistern ist.

Die sieben bis acht Jahre zur Niederlassung nutzen Zahnärzte in der Regel für Doktorarbeit, Master, Curricula und Facharztausbildung. Das finde ich auch sinnvoller, als diese Fortbildungsanteile neben der Niederlassung zu absolvieren, die mit einer ungleich größeren Verantwortung verbunden ist. Natürlich sind die 300.000 bis 450.000 Euro, die im Schnitt für eine Übernahme oder Gründung erforderlich sind, sehr viel Geld, das Zahnärzte erst einmal erwirtschaften müssen. Dafür ist ein Praxissystem erforderlich, das auf Mehrkostenbasis läuft, Prophylaxe einschließt und Qualitätsstandards setzt.

Zudem sind die bürokratischen Belastungen und die wirtschaftliche Verantwortung in den vergangen Jahren stark gestiegen. In den 70ern und 80ern war unternehmerisches Geschick zwar auch wichtig, aber Fehler ließen sich leichter ausgleichen, weil der Geldfluss ungleich größer war als heute. Damit bei einer ausreichenden Zahl an Mitarbeitern und Geräten noch Geld zurück in die Praxis fließt, muss diese sehr gut organisiert und geführt sein. Grundsätzlich ist die Zahnmedizin aber nach wie vor ein toller Beruf.

In der Großstadt ist der Wettbewerb deutlich größer als auf dem Land – Sie übernehmen eine Praxis in der Hauptstadt. Wie erleben Sie die Konkurrenz in Ihrem Umfeld?

Der Konkurrenzgedanke spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Berlin ist zwar die Stadt mit der höchsten Zahnarztdichte Europas, aber am Ende hat Erfolg, wer gute Arbeit macht und seine Patienten an sich bindet, wer in der Zahnmedizin nicht nur einen Beruf, sondern eine Berufung sieht. Wer sich auf Kriterien wie den Preis fokussiert, der befindet sich automatisch in einem Preiskampf - greift vielleicht auf Auslandslabore zurück oder arbeitet so schnell, dass es auf Kosten der Patientenbindung geht.

Wer die Prioritäten richtig setzt, dem können die kommenden 10 bis 15 Jahre sehr gute Perspektiven bieten. Insbesondere die Altersgruppe 60 plus will ihre Rente bei bester Gesundheit genießen und verfügt auch über die Mittel. Diese Patientenklientel ist im Internet angekommen, informiert sich und legt Wert auf Qualität.

Könnten größere Strukturen wie MVZ kleinere Praxen in die Knie zwingen?

Es ist schwer, in die Zukunft zu schauen. Ich beobachte allerdings bereits heute, dass sich die Kollegialität unter den Praxisinhabern verändert hat. Wenn sich ein Zahnarzt früher niederließ, stellte er sich bei seinen Kollegen in der Nähe persönlich vor - und sprach Formen der Zusammenarbeit wie etwa Urlaubsvertretungen an. Heute kann es passieren, dass der neue Zahnarzt im Nachbarhaus stattdessen Werbeflyer vor der eigenen Praxis verteilt.

Wenn MVZ groß Werbung für sich machen, viel Geld in eine gute Behandlung investieren und Patienten an sich binden, könnten sie einigen Praxen gefährlich werden. Viele Inhaber werden in den kommenden Jahren in Rente gehen, diese Praxen werden dann eventuell nicht mehr übernommen - stattdessen könnten MVZ diese Lücke füllen. Ich bezweifle allerdings, dass sich dies auf die qualitativ guten und authentischen kleineren Praxen auswirken wird.

Sind größere Strukturen wie MVZ ein sinnvoller Ansatz?

Uns ist schon seit Längerem bewusst, dass die flächendeckende Versorgung in Gefahr ist. Allerdings werden MVZ dieses Problem nach aktueller Rechtslage nicht lösen können. Solange sie sich gründen dürfen, wo sie wollen, werden sie eher die Großstadt wählen. Dort finden sie am einfachsten ihre Patienten. Doch in den Großstädten wird die Versorgung noch lange gesichert sein, Probleme bereitet das Land. Das wird durch die hohe Praxisdichte in den größeren Städten sicherlich wieder attraktiver. Dieser Marktmechanismus könnte die Versorgungsdeckung wieder ein Stück weit ausgleichen - nicht die Existenz von MVZ.

Standesvertreter kritisieren, dass das Versorgungsstärkungsgesetz die klassischen Praxen gegenüber MVZ benachteiligt, da dort die Anzahl angestellter Zahnärzte nicht begrenzt ist. Sehen Sie hier einen Nachbesserungsbedarf des Gesetzgebers? Oder stellt sich die Frage der Expansion nicht?

Hier geht es einerseits um die Frage: Wie will ich meine Praxis führen? Wie groß darf sie maximal sein? Wenn drei Zahnärzte in einer Praxis behandeln, sind mindestens sieben Helferinnen erforderlich. Bei zehn Mitarbeitern ist in der Praxisorganisation eine kleine Grenze erreicht – ab dieser Größe ist etwa eine Betriebsratsgründung möglich.

Wenn ich eine Großpraxis mit zehn angestellten Zahnärzten führe, muss ich ein anderes System etablieren, etwa versuchen, alle Fachbereiche in meine Praxis zu integrieren, und dann intern an Spezialisten zu überweisen. In der Einzelpraxis decke ich hingegen verschiedene Bereiche ab, für alle anderen baue ich ein Netzwerk mit weiteren Praxen auf. Jeder muss für sich die passende Struktur finden. Möchte ich lieber primär ein Unternehmen führen, also betriebswirtschaftlich arbeiten? Oder liegt mir die persönliche Behandlung der Patienten am Herzen?

Andererseits ist es nur fair, wenn ich - gleichgültig in welcher Rechtsform - mehr oder weniger Zahnärzte anstellen kann. Also wäre eine logische - und machbare - Konsequenz, die Beschränkungen der angestellten Zahnärzte in klassischen Praxen aufzuheben, damit sie die gleichen Möglichkeiten haben wie MVZ. Die Angestelltenzahl in MVZ zu begrenzen, scheint schwer durchsetzbar zu sein. Denn der Gesetzgeber will offenbar diese größeren Strukturen stärken.

Die Zahnmedizin wird weiblicher - für Frauen bieten MVZ Optionen, um Familie und Beruf zu vereinbaren …

MVZ könnten ein guter Arbeitgeber für all jene sein, die als Angestellte arbeiten möchten. Es existieren aber ebenso Möglichkeiten der Anstellung in Einzelpraxen oder in Berufsausübungsgemeinschaften. Wenn diese gut geführt sind und ihren Mitarbeitern Freiraum lassen, kann es sein, dass Zahnärzte dort den geeigneteren Betrieb finden, um ihre Angestelltentätigkeit auch tatsächlich freiberuflich – ohne Vorgaben – auszuüben.

Allerdings zeigen die Statistiken bisher, dass Frauen nicht weniger Interesse daran haben, sich selbstständig zu machen als Männer. Das passt auch zu den Frauen, die in diesen Beruf gehen – die meisten können anpacken und wollen Verantwortung übernehmen. Ich würde eher erwarten, dass die Einzelpraxisgründungen langfristig zurückgehen werden - und sich ein Trend zu Partnerschaften zeigt. Denn in einer Einzelpraxis ist eine Work-Life-Balance nur schwer zu realisieren, in der Gemeinschaftspraxis schon. Natürlich sind diese auch mit den unternehmerischen Risiken verbunden, die eine Partnerschaft birgt. Die Herausforderung für Frauen, Männer wie gemischte Teams ist, sich dauerhaft zu vertragen, wenn so viel Geld im Spiel ist.



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