Leibniz-Gemeinschaft will Förderung einstellen

Aus für die ZB MED

Die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED) in Köln und Bonn ist die größte medizinische und zahnmedizinische Bibliothek in Europa. Jetzt soll sie geschlossen werden. Forscher und Wissenschaftler sind ensetzt: Eine zentrale Infrastruktur für wissenschaftliche Recherchen bricht weg. Ist die Einrichtung noch zu retten?

Foto: ZB MED

Die ZB MED gilt als Institution. Eine feste Größe im Wissenschaftsbetrieb, die das gesamte Medizin- und das Gesundheitswesen zuverlässig mit Informationen und Literatur versorgt. Doch wie es aussieht, ist die renommierte Bibliothek morgen vielleicht schon Geschichte.

Der Senat kritisiert

Wie es dazu kommen konnte, dass eine Einrichtung dieser Dimension schließen muss? Ein einschneidendes Datum ist auf jeden Fall der 17. März. An diesem Tag empfahl der Senat der Leibniz-Gemeinschaft der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK), „die gemeinsame Förderung der ZB MED [...] zu beenden“. Die Leibniz-Gemeinschaft – die „Oberinstanz“ – ist die Vereinigung der 88 außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die von Bund und Ländern gemäß Grund- gesetz finanziert werden. 25 davon dienen „in besonderer Weise der Forschungsinfrastruktur“ – eine davon ist die ZB MED. 2017 soll der Geldhahn zugedreht und innerhalb von 3,5 Jahren abgewickelt werden.


Die 1973 gegründete ZB MED mit den Standorten Köln und Bonn wurde als Leibniz-Informationszentrum zum 1. Januar 2014 in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt. Bei der Evaluierung im Juni 2015 wurden technische Weiterentwicklungen wie das neue Suchportal LIVIO oder das neue Publikationsportal PUBLISSO als jeweils sehr gut, die Versorgung der Nutzergruppen mit gedruckten Texten als gut bewertet. Die digitale Transformation auf dem Gebiet der Forschung galt als ausbaufähig. Dennoch empfiehlt der Senat der Leibniz-Gemeinschaft, die ZB MED nicht mehr im Rahmen der primär forschungsgeleiteten Förderkriterien der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. zu fördern, das heißt, die gemeinsame Bund-Länder-Finanzierung einzustellen. Bund und Land könnten die ZB MED aus eigenen Mitteln weiterführen, allerdings ist der Bund in seinen Fördermöglichkeiten durch das Grundgesetz eingeschränkt.


Warum gerade ein herausragendes Haus kein Geld mehr erhalten soll? Der Senat argumentiert, dass ein überzeugendes Konzept für digitale Angebote fehlt: „Bereits 2012 vermisste der Senat der Leibniz-Gemeinschaft bei einer Evaluation eine Strategie, mit der die ZB MED den Wandel von einer klassischen Bibliothek hin zu einem modernen Fachinformationszentrum gestaltet.“ Die ZB MED erbringe generell zu geringe Forschungsleistungen. Weder habe sie ihre Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit benachbarten Hochschulen in Forschung und Entwicklung ausgeschöpft, noch die Empfehlung umgesetzt, ihre informationswissenschaftliche Kompetenz zu stärken.

Der Direktor widerspricht

Dieser Einschätzung widerspricht der Direktor der ZB MED, Ulrich Korwitz, vehement: „In der Begründung wird verkannt, dass sich die ZB MED mit digitalen Angeboten auf dem nationalen oder internationalen Markt behauptet!“ Korwitz verweist auf ein Gutachten der Bewertungskommission, die noch im Juni 2015 der ZB MED sehr gute und gute Arbeit attestierte. Für bis zu 2.700 Zeitschriften gibt es laut Korwitz nur über die ZB MED einen Zugang, „und sonst nirgendwo in Deutschland“. Wie sich die Schließung auf Wissenschaft, Forschung und Krankenversorgung auswirkt, sei unabsehbar. Insofern sei die Begründung für die Schließung „völlig unverständlich“ und ein herber Verlust für den Wissenschaftsstandort Deutschland.

Die Forschung protestiert

Der Meinung ist auch der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer: „Für einen breit aufgestellten Wissenschaftsstandort Deutschland und besonders für den zahnmedizinischen Nachwuchs in Forschung und Praxis wäre die Einstellung der ZB MED ein fatales und völlig falsches Signal!“ Die Forderung der Leibniz-Gemeinschaft, die Finanzierung der ZB MED einzustellen, sei sehr kurzsichtig. Bislang habe die ZB MED wichtige Literatur bereitgestellt, um zahnärztliche Leitlinien und Konzepte zu erstellen, führt Eßer aus. Inhalte, die vor dem Hintergrund einer immer stärker an Evidenz ausgerichteten Medizin aus seiner Sicht kontinuierlich an Bedeutung gewinnen. Eßer: „Die Schließung der Bibliothek hätte zur Folge, dass die zahnmedizinische Wissenschaft künftig nicht mehr auf die dort – teilweise in Deutschland ausschließlich dort – vorgehaltenen Informationen zugreifen könnte.“ Er appellierte an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, die ZB MED weiter zu finanzieren.


Aus der drohenden Schließung der ZB MED ergeben sich laut Deutschem Bibliotheksverband diese Konsequenzen:

• Die Umsetzung der Empfehlungen des Senats der Leibniz-Gemeinschaft wird die Monopolbildung kommerzieller Informationsanbieter weiter begünstigen und voraussichtlich zu größerer Abhängigkeit und zu Preissteigerungen führen.

• Die Deckung des auf nationaler Ebene bestehenden Informations- und Servicebedarfs müsste als zusätzliche Leistung anderen, insbesondere Universitätsbibliotheken übertragen werden, ohne dass die notwendige Finanzierung und die erforderlichen Informationsressourcen dafür zur Verfügung stehen.

• Die Funktion der ZB MED als nationales Archiv und „last resort“ unter anderem für gedruckte Zeitschriften kann von anderen Einrichtungen nicht beziehungsweise nur eingeschränkt wahrgenommen werden. Viele Bibliotheken haben sich bei der bereits erfolgten Aussonderung ihres Bestands auf die nachhaltige Archivfunktion der ZB MED verlassen.

• Für Wissenschaftler erhöht sich der Aufwand für Zugang und Nutzung aktueller Fachinformationen. Viele Nutzergruppen, auch aus den Heil- und Pflegeberufen sowie der pharmazeutisch-medizinisch orientierten Wirtschaft, verlieren eine zuverlässige Informations- und Service-Instanz.


An seiner Seite steht die gesamte Wissenschaft – und das sind nicht nur die betroffenen Mediziner, Zahnärzte und Pharmazeuten. Mit Blick auf die erodierende Infrastruktur hält beispielsweise auch der Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VBB) die Schließung für unverantwortlich: „Die ZB MED ist zentraler Bestandteil der Literatur- und Informationsversorgung für die Medizin und die Lebenswissenschaften in Deutschland. Die ZB MED erfüllt als Serviceeinrichtung wesentliche Infrastruktur aufgaben“, heißt es in einem offenen Brief des VBB an die Bundesministerien Forschung und Gesundheit sowie an die Landesbildungsminister. „Die ZB MED stellt die zentrale Komponente der Literaturversorgung für den Spitzenbedarf in der Medizin und den Lebenswissenschaften dar, die künftig vor allem elektronisch ausgerichtet sein muss“, stellt der VBB in dem Brief fest.


• Bestand an Zeitschriften (Online und Print): 38.400 Titel, davon 8.265 im nationalen Alleinbesitz. Laufende Zeitschriften: 7.447, davon 2.715 im nationalen Alleinbesitz
• Anzahl der Mitarbeiter: 119
• Bestand: etwa 1,6 Millionen Bände
• Regalmeter: 30 km Regale
• Open-Access-Volltexte: 3.658 Zeitschriftenartikel und 52.648 Kongressabstracts über German Medical Science veröffentlicht
• zwei Standorte: Medizin und Gesundheitswesen in Köln, Ernährungs-, Umwelt- und Agrarwissenschaften in Bonn.
• Die ZB MED wird von Bund und Ländern finanziert. Etat 2014: 12,1 Millionen Euro.


Seit 43 Jahren stelle die ZB MED die überregionale Informationsversorgung in den Lebenswissenschaften – vor allem in der Medizin – mit großem Erfolg sicher. Die Nachricht vom Ende komme für alle 119 Mitarbeiter völlig überraschend und treffe sie schwer, schriebt Korwitz kurz nach dem Bekanntwerden der Senatsentscheidung auf der Fach-Website medinfo. Und: „Es wird Alternativen zum jetzigen Status geben.“ Bislang ist allerdings keine in Sicht.


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