Leitartikel

Apps in der Medizin: Helfer oder Horror?

Prof. Dr. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammmer Axentis.de

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Eine elektrische Zahnbürste erhebt wichtige Parameter des Mundhygieneverhaltens Ihres Patienten – Häufigkeit, Putzzeit, Andruck, geputzte Mundregionen – und kommuniziert diese mit einer Smartphone-App. Der Patient freut sich, weil ihm die App Tipps gibt, was er verbessern sollte. Vermutlich freuen auch Sie sich als Zahnarzt, denn der Patient wird jetzt endlich zu Hause angehalten, eine gute Mundpflege zu betreiben.

Aber denken wir weiter: Der Bürstenhersteller geht eine Kooperation mit einer Versicherung ein. Die Kasse unterstützt den Erwerb der Bürste gern, denn die gespeicherten Daten lassen sich auf alle denkbaren Korrelationen hin auswerten. Und der Patient merkt von all dem nichts, bis er regelmäßig von seiner Versicherung Schreiben erhält, in denen dargestellt wird, was im Rahmen der professionellen Prophylaxe noch notwendig ist. „Lieber Herr Maier, Ihr Zahnarzt sollte Ihre Zähne bitte nur auf der Außenseite im rechten Oberkiefer reinigen, denn dort haben Sie noch Defizite. Eine Mundhygiene-Aufklärung ist nicht notwendig, denn dafür haben Sie ja unsere App. Ein Zeitrahmen von 15 Minuten wird genügen, alles andere wäre Übertherapie. Auf Anfrage nennen wir Ihnen gerne Zahnärzte, die sich in einem Qualitätsvertrag verpflichtet haben, unseren Empfehlungen zu folgen.“

Musik aus einer bösen Zukunft? Die Bürste gibt es schon, die App auch – und was passiert mit den Daten? Ein solches Szenario, das für uns böse klingt, mag für die Öffentlichkeit positiv erscheinen: Dort könnte es heißen: „Die Zahnärzte argumentieren immer mit dem klinischen Bild und den festgestellten Notwendigkeiten, doch kontrolliert das niemand.“

Aber wer ist so töricht zu glauben, dass Big-Data-Korrelationen nur in eine Richtung funktionieren? Morgen werden vielleicht auch andere Briefe verschickt: „Lieber Herr Müller, wir mussten leider feststellen, dass Sie sich in den vergangenen Monaten auffällig wenig an den Empfehlungen unserer Bürst-App orientiert haben. Unsere Daten-Studien zeigen, dass dies auch im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung stehen könnte. Wir bitten Sie, sich entsprechend untersuchen zu lassen. Vorsorglich sehen wir uns gezwungen, Ihren Kassenanteil bei zukünftigen Zahnersatzleistungen zu reduzieren.“

Wenn sich die Bundeszahnärztekammer auf ihrer jüngsten Klausurtagung – wie übrigens auch die Bundesregierung – mit der Digitalisierung beschäftigt hat, dann sicher nicht, weil wir „Maschinenstürmer“ sein wollen. Gerade die Zahnärzte sind Wegbereiter der Digitalisierung – Röntgen, Datenverarbeitung, CAD-CAM, 3-D-Druck –, aber Big-Data schafft heute Möglichkeiten, denen man nicht blind vertrauen darf. Ziel der BZÄK ist es, dass sich nichts und niemand unkontrolliert in den Kern der Freiberuflichkeit – die Urteilskompetenz des Zahnarztes bezogen auf seinen Patienten – drängt.

Eine Bürst-App kann im Arzt-Patienten- Gespräch hilfreich sein, darf sich aber nicht zur übergeordneten Instanz aufspielen. Auch wissenschaftliche Forschung muss möglich sein, dann aber nur mit Transparenz, ethischer Kontrolle und zahnärztlichem Sachverstand. Ein Informatiker mag sonst allzu leicht Firmennutzen mit Patientennutzen und Korrelation mit Kausalität verwechseln – Sie kennen das: Die Geburten gehen zurück, während und nicht weil die Störche weniger werden.

Aber auch die gesellschaftliche Einstellung muss sich ändern. Als junger Mensch mag es verlockend erscheinen, sich mit eigenen Gesundheitsdaten Vorteile zu erkaufen. Für jeden wird jedoch die Zeit kommen, wenn aus „Gesundheits“-Daten „Krankheits“- Daten werden und deshalb müssen wir alle verhindern, dass „schlechten“ Risiken Entsolidarisierung droht.

Die Bundeszahnärztekammer hat das Thema Digitalisierung daher früh aufgegriffen und wir bleiben dran, damit Daten-Apps Helfer sind und nicht zum Horror mutieren.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Christoph Benz
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammmer

Bundeszahnärztekammer
Chausseestr. 13,
10115 Berlin

64833326455793645580364558046483333 6483334 6455807
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare