FDI-Tagung in Poznan

Oral wird global

Die Fédération Dentaire Internationale (FDI) hat auf ihrer Tagung vom 7. bis 10. September in Poznan ihre gesundheitspolitischen Stellungnahmen erarbeitet.Wer denkt, Polen ist nicht Deutschland, hat zwar recht, liegt aber trotzdem falsch. Denn auch die Zahnmedizin wird global. Ganz nach dem Motto: eine orale Welt, eine orale Gesundheit. Und diese Welt macht vor der Praxis nicht Halt.

Die deutschen Delegierten in der ersten Reihe: BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel, Hessens Kammerpräsident Dr. Michael Frank, der stellvertretende KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz, Dr. Michael Sereny, Vorsitzender des FDI-Dental Practice Committees, Bayerns Kammerpräsident Christian Berger, Nordrheins KZV-Chef Ralf Wagner und Mary van Driel, Direktorin Kommunikation des Brüsseler Büros der BZÄK. © Dr. Stefano Cipriani

Der stellvertretende KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz (re.) hatte gemeinsam mit Prof. Georg Meyer (li.), Greifswald, für den „German Day“ in Poznań namhafte Referenten akquiriert. © zm-sf

Um der Internationalisierung der zahnmedizinischen Berufsausübung Rechnung zu tragen , verabschiedeten die Delegierten des Weltzahnärzteverbandes zahlreiche Stellungnahmen – diese acht wurden von den Delegierten besonders intensiv diskutiert:

• Wasserführende Dentalsysteme und mikrobielle Kontamination

• Minimal-invasive Zahnheilkunde (MID) bei Zahnkaries

• Partnerschaft für eine bessere Gesundheit /Zahnarzt-Patienten-Beziehung

• Prävention oraler Erkrankungen

• Evidenzbasierte Zahnmedizin (EbZ)

• Graumarktprodukte und nicht konforme Dentalprodukte

• Mundgesundheit und Zahnversorgung für Menschen mit Behinderung

• Sport-Zahnmedizin

1. Wasserführende Dentalsysteme und mikrobielle Kontamination

In Zahnarztpraxen kann es bei Wasserzu- und -abläufen zu Biofilmen an den Innenflächen der Zuleitungen und der angeschlossenen Behälter kommen. Die darin lebenden Mikroben wachsen bei normaler Umgebungstemperatur und sind relativ harmlos. Dennoch rät die FDI bei Patienten mit hohem Infektionsrisiko – etwa bei Mukoviszidose oder Granulozytopenie – und bei Eingriffen mit primärem Wundverschluss dazu, nur sterile Lösungen zu verwenden. Aus Hygienegründen sollten darüber hinaus jeden Morgen und nach jedem Patienten alle Wasserleitungen durchgespült werden.


Die FDI

Die FDI wurde 1900 in Paris gegründet und besteht aus etwa 200 nationalen zahnärztlichen Verbänden und Fachgruppen aus über 130 Ländern. Insgesamt vertritt der Weltverband der Zahnärzte über eine Million Zahnmediziner.


Die Hersteller zahnmedizinischer Produkte werden aufgefordert, Geräte aus Materialien herzustellen, die zur Desinfektion geeignet sind. Zudem sollten sie verpflichtet werden, für Schläuche nur solche Materialien zu verwenden, die das Wachstum von Biofilmen verhindern oder zumindest reduzieren.

2. Minimal-invasive Zahnheilkunde (MID) bei Zahnkaries

Zur Bekämpfung von Karies propagiert die FDI die minimal-invasive Zahnheilkunde, da so nur brüchiger Zahnschmelz und weiches Dentin entfernt wird, was die Größe der Kavität verringert. Eine zusätzliche Versiegelung verlängert das Leben des Zahns. Die FDI verweist hier auf wissenschaftliche Studien, die belegen, dass erhaltene reparierte Restaurationen genauso gut sind wie ersetzte defekte Restaurationen.

Die Reparatur ist für die FDI ein angemessener minimal-invasiver Eingriff: „Ziel der minimal-invasiven Zahnheilkunde ist es, die Zahnstruktur so gesund wie möglich und die Zähne lebenslang funktionsfähig zu halten“.

3. Partnerschaft für eine bessere Gesundheit / Zahnarzt-Patienten-Beziehung

Um die (Mund-)Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, sollten Zahnärzte ihre Kompetenzen in Forschung, Prävention und Behandlungstechniken vertiefen sowie ihre Fähigkeiten in der Kommunikation mit dem Patienten verbessern. Eine funktionierende Zahnarzt-Patient-Beziehung setze voraus, dass beide Seiten eine Vertrauensbeziehung eingehen – jeder ausgestattet mit Rechten und Pflichten. Der Arzt müsse etwa sicherstellen, dass das die freie Zahnarztwahl als Grundrecht des Patienten gewahrt wird. Außerdem dürfe es keine Restriktionen beim Versorgungszugang oder bei den notwendigen Behandlungen geben: „Der Berufsstand darf nicht zulassen, dass (wirtschaftliche oder sonstige) externe Einflüsse an die Stelle der beruflichen Pflichten und der freien Berufsausübung treten“, fordert die FDI wörtlich.

Zu den Rechten der Ärzte und Zahnärzte gehöre indes auch, „die Behandlung eines Patienten ablehnen zu dürfen, dessen Anforderungen eventuell gegen gute medizinische und/oder zahnmedizinische Praxis verstoßen“. Damit der Zahnarzt in einer sicheren Umgebung praktizieren kann, muss auf der anderen Seite der Patient Realitäten und Grenzen der heutigen Zahnmedizin verstehen und akzeptieren. Ebenso trägt er die Verantwortung für seine Mund- gesundheit, zum Beispiel indem er Ratschläge, Präventivmaßnahmen und Empfehlungen des Zahnarztes befolgt.

4. Die Prävention oraler Erkrankungen

Orale Erkrankungen beeinträchtigen weltweit signifikant die Allgemeingesundheit, wie die FDI hervorhebt, besonders seien hier benachteiligte, einkommensschwache und alternde Bevölkerungsgruppen sind betroffen. Chronische orale Beschwerden werden überdies mit Allgemein-Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes assoziiert. Dies könnten bereits einfache und relativ kostengünstige Maßnahmen wie die Befolgung der Mundhygiene, die Anwendung von Fluoriden sowie ein frühes Screening verhindern oder reduzieren.

Prävention ist daher für die FDI der einzige Weg, um das Risiko oraler Erkrankungen zu senken und ihre Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit zu mindern. Die FDI setzt darauf, die Bevölkerung respektive Angehörige der Gesundheitsberufe und Politiker besser über die „Mundgesundheit als integrierten Bestandteil der Allgemeingesundheit“ aufzuklären. Wichtig sei, dass die nationale Gesundheitspolitik auf die Prävention oraler Erkrankungen abgestimmt und auf die Förderung und Erhaltung der Mundgesundheit ausgerichtet ist.

Hände weg von Fälschungen

5. Evidenzbasierte Zahnmedizin (EbZ)

Die FDI unterstützt eine evidenzbasierte Zahnmedizin (EbZ) und ermutigt Zahnärzte, diese Ansätze weiter zu verfolgen. EbZ bedeutet laut FDI, dass der Zahnarzt die Beurteilung klinisch relevanter, wissenschaftlicher Erkenntnisse in Bezug auf den zahnmedizinischen Zustand in die Behandlung mit einbezieht, genauso wie seine klinische Erfahrung und die Behandlungswünsche des Patienten. Die Umsetzung in der täglichen Praxis unterliegt allerdings auch Einschränkungen, da Zahnärzte in den Praxen oft nur begrenzt an Informationen zur Evidenz der Behandlungen gelangen.

6. Graumarktprodukte und nicht konforme Dentalprodukte

Die FDI will sicherstellen, „dass zahnmedizinische Produkte für die Patientenversorgung sicher sind und den Spezifikationen der Hersteller, internationalen Normen und staatlichen Vorschriften entsprechen“. Sie ist daher dagegen, dass „nicht konforme Dentalprodukte“ – gemeint sind Fälschungen des Grau- und Schwarzmarkts – zum Einsatz kommen. Laut FDI sollten die entsprechenden Zulassungsstellen und -behörden gewährleisten, dass die Artikel auch den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Zugleich appelliert sie an die Zahnärzte, nur zugelassene und konforme zahnmedizinische Produkte zu verwenden – statt nicht konforme Produkte zu kaufen.

7. Mundgesundheit und Zahnversorgung für Menschen mit Behinderung

Über 1 Milliarde Menschen, das entspricht 15 Prozent der Weltbevölkerung, haben eine Behinderung, hält die FDI fest. Um hier eine Patientenorientierung zu gewährleisten, sollten gerade sie in die Gestaltung und Bewertung von Gesundheitsdiensten und Gesundheitsinformationen eingebunden werden. Wichtig sei auch, dass Familien, Pfleger und Angehörige anderer Gesundheitsberufe dafür sensibilisiert werden, dass die Mundgesundheit für Menschen mit Behinderung ein bedeutendes Element der Allgemeingesundheit und der Lebensqualität darstellt. Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung sollte in die Aus- und Fortbildung stärker integriert werden.

8. Sport-Zahnmedizin

Die Sport-Zahnmedizin beschäftigt sich mit der Prävention und Behandlung von Zahnverletzungen und Mundkrankheiten im Sport und im Training. Verletzungen und Knochenbrüche im Gesicht sowie Gehirnerschütterungen sollten besondere Aufmerksamkeit erhalten, da Schlagverletzungen im Sport oft mit großer Kraft erfolgen. So verändern etwa Kopfballduelle mit nachfolgendem Kopf- und/oder Ellbogenkontakt die Struktur des Gesichtsknochens. Ein Gesichtsschutz und auch maßgeschneiderte Masken können der FDI zufolge die Genesungszeit der Sportler nach einer solchen Verletzung entscheidend verkürzen. Weil maßgefertigter Mund- und Gesichtsschutz den vorgefertigten Schutzartikeln aus dem Handel überlegen ist, fordert die FDI, die Indikation maßgefertigter Gesichtsmasken und Gesichtsschutzschilder einzuführen, die von Zahnärzten oder unter Aufsicht eines Angehörigen der zahnärztlichen Berufe hergestellt wurden.


Info

Der stellvertretende KZBV-Vorsitzende Dr. Jürgen Fedderwitz hatte gemeinsam mit Prof. Georg Meyer, Greifswald, für den „German Day“ in Poznań namhafte Referenten akquiriert, wie Prof. Monika Daubländer (Mainz), die die moderne Lokalanästhesie in der Zahnmedizin thematisierte, und Prof. Dominik Groß, der den Unterschied zwischen Offenbarungsbefugnis und Offenbarungspflicht darlegte. Außerdem zeigte Prof. Dr. Roland Frankenberger (Marburg) in seinem Vortrag „25 Jahre Adhäsive Zahnmedizin – meine schlimmsten Fehler, meine schönsten Erfolge“ ausgewählte Fälle. Prof. Hendrik Meyer-Lückel aus Aachen wies in seinem Referat „Karies: Drill & Fill oder Heal & Seal” darauf hin, dass sich der Kariesprozess erst dann beschleunigt, wenn die Oberfläche eingebrochen ist.

Wahlen: Dr. Michael Sereny aus Niedersachsen (im „Dental Practice Committee“) und Fedderwitz (im „Education Committee“) wurden in Poznań bestätigt. sf

In den zm 20 stellen wir das in Posen von der FDI verabschiedete Whitepaper zur „Vorbeugung und Behandlung von Zahnkaries“ vor.


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