24. Fortbildungstage der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt

Die digitale Zahnarztpraxis

Ob digitale bildgebende Systeme, Praxisverwaltungssoftware oder Internetauftritte – kaum eine andere Entwicklung hat in den vergangenen Jahren die Prozesse und Abläufe im Gesundheitswesen so verändert wie die Digitalisierung. In Wernigerode im Harz ließen sich rund 850 Teilnehmer über Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Zahnarztpraxis fortbilden.

„Wernigerode ist nicht nur bei den Zahnärzten des Landes ein Synonym für hervorragende Fortbildung, sondern auch für eine fast familiäre Atmosphäre“, sagte der Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, Dr. Carsten Hünecke, bei der Eröffnung der 24. Fortbildungstage der Kammer. © dg-zm

Unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Gernhardt aus Halle fand das wissenschaftliche Programm mit 19 Referenten statt. Dr. Jeremias Hey von der Universitätsklinik für Zahnärztliche Prothetik der Martin-Luther-Universität (MLU) in Halle stellte in seinem Vortrag die Vor- und Nachteile der intraoralen digitalen Abformung dar. Die MLU arbeitet seit 2013 mit Intraoralscannern. Hey zeigte einzelne Schritte der Anwendung an einem Probanden. Zudem erklärte er, welche Veränderungen des Arbeitsflusses entstehen. Mit einem Intraoralscanner formte er in einem ersten Schritt den Unterkiefer und danach den Oberkiefer. Danach folgte eine Kieferrealationsbestimmung. „Amalgam-Füllungen oder metallische Restaurationen lassen sich mit einem Scanner sehr gut abbilden“, sagte Hey. Problematischer seien dagegen die Weichgewebe, wie etwa die Zunge. Bei Gebissen mit Brackets, Einzelzahnimplantaten, Provisorien sowie Zahnstümpfen würde sich eine digitale intraorale Abformung dagegen besonders gut eignen. Für Hey scheint dies die Zukunft der Abformung zu sein: „Nachwuchszahnärzte werden auf jeden Fall in der täglichen Praxis mit Scannern arbeiten“, sagte er.

DVT - Eine populäre Diagnostikmethode

Die digitale (dentale) Volumentomografie (DVT) scheint sich als diagnostische Methode in der Zahnheilkunde etabliert zu haben: „Im Jahr 2010 wurden in deutschen Praxen und Kliniken 1.000 DVT-Geräte betrieben. Drei Jahre später waren es 4.000. Demnach scheint es eine populäre Diagnostikmethode zu sein“, sagte Dr. Frank Peter Strietzel, Oberarzt Bereich Oralmedizin, Zahnärztliche Röntgenologie und Chirurgie an der Charité in Berlin. Er gab in seinem Vortrag einen Überblick über technische Besonderheiten, Anwendungsmöglichkeiten und -grenzen sowie rechtliche Aspekte dieses dreidimensionalen Verfahrens. Grundsätzlich sollten Zahnärzte die Röntgenverordnung (RÖV) Paragraf 23 „Rechtfertigende Indikation“ beachten und sich nach der S2k-Leitlinie „Dentale digitale Volumentomographie“ richten. Zudem sei es wichtig, die rechtfertigende Indikation und auch klinische Vorbefunde schriftlich zu dokumentieren. Rechtfertigende Indikationen in der Oralchirurgie seien nach Strietzel beispielsweise Tumore, Zysten, Wurzelfrakturen, Alveolarfrakturen sowie verlagerte Zähne. „Indikationen in der Disziplin der Implantologie sind zum Beispiel klinisch oder auf 2-D-Voraufnahmen erkennbare anatomische Abweichungen, wie etwa reduziertes transversales oder vertikales Knochenangebot, extreme Atrophie oder Kieferhöhlensepten. Auch pathologische Veränderungen mit weiterem Klärungsbedarf, Erkrankungen der Kieferhöhlen mit Einfluss auf die Therapieplanung oder bei Verdacht auf postoperative Komplikationen machen eine DVT nötig“, erklärte Strietzel.

Das Verfahren zur differenzialdiagnostischen Abklärung verschiedener Krankheitsbilder in der Zahnheilkunde erläuterte Prof. Dr. Uwe J. Rother, Facharzt für Radiologie mit DVT-Praxis in Hamburg, in seinem Vortrag. Er beschrieb die Entwicklung der DVT in Deutschland, ging auf den aktuellen Entwicklungsstand der Technik ein und erläuterte Unterschiede zur Computertomografie: „Eine räumliche Rekonstruktion ist in allen Ebenen möglich. Zudem ist die Strahlenexposition geringer als bei der Computertomografie und es treten weniger Artefakte auf“, sagte der Spezialist. Anhand von Beispielen aus der Praxis zeigte Rother wichtige Erkennungskriterien zahnmedizinischer Erkrankungen im DVT. Er wies darauf hin, dass die RÖV im Jahr 2018 von der EU-Strahlenschutz-Richtlinie Euratom abgelöst werden wird. Untrennbar mit der Digitalisierung sind die Begriffe Datenschutz und Datensicherheit in der Zahnarztpraxis verbunden. Carsten Knoop aus Herford zeigte den Teilnehmern, wie Datenschutz in der Praxis organisiert werden kann und wie Patientendaten verwaltet werden. „Die Verantwortung liegt beim Zahnarzt und kann nicht delegiert werden“, sagte Knoop. „Aufgrund der elektronischen Datenverarbeitung ist das Missbrauchsrisiko besonders hoch. Die Anforderungen an Datenschutz und -sicherheit sind heute höher als früher.“ Der Diplomwirtschaftsinformatiker erklärte, worauf es beim Datenschutz bei der Abrechnung sowie bei der Kommunikation und Datenübermittlung mit zum Beispiel Laboren ankommt. Er riet davon ab, sensible Daten per E-Mail zu versenden: „Man kann eine E-Mail mit einer Postkarte vergleichen. Für Provider ist der Inhalt von E-Mails frei einsehbar.“ Eine sichere Möglichkeit, Patientendaten und Laborergebnisse zu versenden, seien verschlüsselte PDF-Dokumente. Um den Datenschutz bei der Abrechnung durch einen Dienstleister zu gewährleisten, sei eine Einwilligung für Behandlungsdaten notwendig. Zudem sei eine vertragliche Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung gemäß Paragraf 11 des Bundesdatenschutzgesetzes erforderlich. „Außerdem muss die Datenübermittlung zum Dienstleister sicher sein“, sagte Knoop. Das Versenden der Abrechnung in der eigenen Praxis und die Abrechnung durch die Kassenzahnärztlichen Vereinigung stelle aus datenschutzrechtlicher Sicht jedoch kein Problem dar. Knoops Fazit: „Auch wenn Patientendaten nach bestem Wissen und Gewissen von Praxisinhabern geschützt werden, ist eine einhundertprozentige Sicherheit nie zu gewährleisten.“


Festvortrag

Als Ehrengast der Veranstaltung sprach der ehemalige Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, über den Wandel des Gesundheitswesens im Rahmen der Wiedervereinigung. Als Ministerpräsident des Landes mit der bisher längsten Amtszeit blickte Böhmer auf „25 spannende Jahre“ zurück: „Die Wiedervereinigung hatte für uns einen Wandel in allen Lebensbereichen zur Folge: Völlig neue Verwaltungsstrukturen sowie eine Transformation des Rechtssystems. Für die Menschen in den alten Bundesländern hingegen hatte sich fast nichts verändert.“ Der Wandel hätte auch einen Transformationsprozess im Gesundheitswesen nötig gemacht, der nicht immer auf Verständnis gestoßen sei und deshalb als Herausforderung gesehen wurde, erläuterte Böhmer. „Das Gesundheitssystem in der ehemaligen DDR war ein streng organisiertes Gesundheitswesen. Es gab keine Neuzulassungen mehr. Das heißt, dass wir am Ende fast alle Staatsbedienstete waren.“ In den 1950er Jahren habe es massive Proteste von Seiten der Ärzteschaft gegen die Schaffung von Polikliniken gegeben. 40 Jahre später hätten sich die Ärzte mit diesen Versorgungsstrukturen jedoch identifiziert und nach der Wende regelrecht Angst vor der Selbstständigkeit gehabt. Alte Strukturen wurden daher langsam abgebaut und neue aufgebaut. Dabei seien die Kollegen aus den alten Bundesländern eine große Hilfe gewesen.

„Im August 2004 haben wir dann ein Gesundheitsmodernisierungsgesetz diskutiert“, erläuterte Böhmer. „Die größte Errungenschaft dieses Gesetzes war die Einführung von medizinischen Versorgungszentren. Der größte Widerstand kam damals aus Bayern. Stimmen haben behauptet, dass die Ärzteschaft aus den alten Bundesländern die ehemaligen Polikliniken etablieren wollten.“ Überraschender Weise würden heute jedoch die meisten MVZ in Bayern existieren. „Bisher gibt es wenige Zahnärzte, die in MVZ arbeiten. Aber ich glaube, Zahnärzte können sich dieser Entwicklung nicht entziehen“, sagte Böhmer.



64813916455793645580364558046481392 6481393 6455807
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare