Fortbildung: Toxikologie und Allergologie

Stoffwechsel und Toxizität von Fluorid

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Abbildung 1: Berechnungsbeispiel zur akuten Toxizität von Fluorid nach Verzehr einer Tube Kinderzahnpaste durch ein dreijähriges Kind. Schiffner

Die Deklaration auf der Mineralwasserflasche sagt deutlich, dass dieses Wasser sich zum Beispiel nicht zur Zubereitung von Kinder- breien oder von Flaschennahrung eignet. © Schiffner
Diese Abbildung zeigt eine deutliche Fluorose beim Kind. © Schiffner
Diese Abbildung zeigt eine leichte Fluorose. © Schiffner
Prof. Dr. Ulrich Schiffner - Studium der Zahnheilkunde an der Universität Hamburg, 1980 Approbation, 1981 Promotion, seit 1982 am Zentrum ZMK des UKE, 1988 bis 1992 Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung DGZ, 1993 Habilitation, 1994 Oberarzt, 1996 Professur, 2002 bis 2006 1. Vorsitzender des AK für Epidemiologie und Public Health der DGZMK, 2004–2008 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde DGK, seit 2008 Fortbildungsreferent der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde. Fortbildungskurse zur Kariesprävention Forschungsschwerpunkte: Kariesätiologie und -prophylaxe, Epidemiologie, Deutsche Mundgesundheitsstudien © privat

Kommentar aus der Yellow-Press

Obgleich die Unbedenklichkeit von Fluorid in den zur Kariesprävention verwendeten Zubereitungen und Konzentrationen vieltausendfach belegt ist, werden dennoch periodisch wiederkehrend eine Reihe unterschiedlicher Vorhaltungen gegenüber Fluorid vorgebracht. Neu in diesem Zusammenhang sind Statements, systemisch zugeführtes Fluorid würde sich negativ auf die Intelligenz von Kindern auswirken. In gleicher Weise wird Fluorid mit Verhaltensauffälligkeiten von Kindern in Zusammenhang gebracht.

Als Beleg für die Assoziationen zwischen Fluoridgehalt im Trinkwasser und einem geringeren Intelligenzquotienten der Kinder wird im Wesentlichen eine Übersichtsarbeit zitiert, die insgesamt 27 Studien zusammenfasst [Choi et al., 2012]. Von diesen Studien wurden 25 in China und zwei im Iran durchgeführt. Die natürlichen Fluoridgehalte der in den Studienorten verfügbaren Trinkwasser schwanken zwischen 0,9 und 11 ppm (Mittel der in den Studien angegebenen Maximalwerte: 4,3 ppm). Bei den in diesen Gebieten untersuchten Kindern wurde ein um sieben IQ-Punkte geringerer Intelligenzquotient als in Vergleichsgruppen bestimmt. Die Autoren des Review räumen ein, dass dies innerhalb des Messfehlers der IQ-Bestimmung liege. Allerdings zeigen fast alle der eingeschlossenen Arbeiten in Richtung des geringeren IQ. Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten. Ein Zusammenhang zur Trinkwasserfluoridierung oder anderen systemischen kariespräventiven Fluoridierungsmaßnahmen ist nicht vorhanden, und zur Anwendung fluoridhaltiger Mundpflegeprodukte erst recht nicht.

Zudem wird kritisch angemerkt, dass in großen Teilen Chinas zur Beheizung und zum Kochen fluoridhaltige Kohle, teilweise in den Wohnräumen, verfeuert wird, wodurch neben dem Fluorid im Trinkwasser eine zusätzliche Fluoridquelle besteht [Zheng et al., 2007; DenBesten und Li, 2011]. Ebenso wird auf Überlagerung der Studien-Ergebnisse mit hohen Blei- und Arsengehalten einiger Trinkwässer hingewiesen.

Die erwähnte Übersichtsarbeit wird in einer weiteren Arbeit (aus der Feder eines der Co-Autoren genau dieser Übersichtsarbeit) als Beleg – und zwar als einziger Beleg – für neue Kenntnisse zu negativen Begleiterscheinungen hohen Fluoridgehaltes im Trinkwasser aufgeführt [Grandjean und Landrigan, 2014]. In dieser Arbeit wird in einem einführenden Satz erwähnt, dass neurologisch assoziierte Verhaltensauffälligkeiten wie Autismus und ADHS zunehmend festgestellt werden würden. Ein inhaltlicher Zusammenhang zur Anwendung von Fluorid zur Kariesprophylaxe wird in dieser Arbeit nicht hergestellt. Dennoch wird seit Erscheinen dieses Artikels ein derartiger Zusammenhang in einschlägigen Foren postuliert. In einigen Veröffentlichungen – leider auch in zahnmedizinischen Publikationsorganen – wird ein weiterer Bogen zu fluoridhaltigen Zahnpasten geschlagen [SAT1 Ratgeber, 2016; ZWP-online, 2016]. Ein derartiger Zusammenhang wird nicht einmal in der hier kritisierten Originalveröffentlichung in den Raum gestellt. Es muss ausdrücklich betont werden, dass ein solcher Zusammenhang, der das Produkt journalistischer Effekthascherei zu sein scheint, fachlich völlig unbegründet ist.

Was tun?

Eine sehr gute, akribisch recherchierte Grundlage zur Anwendung von Fluorid zur Kariesprophylaxe stellen die in der entsprechenden Leitlinie formulierten zahnmedizinischen Empfehlungen dar [DGZMK, 2013]. Diese Empfehlungen stimmen mit den Aussagen weiterer internationaler Leit- linien überein. Ab Durchbruch des ersten Milchzahnes soll eine fluoridhaltige Kinderzahnpaste zur Zahnpflege angewendet werden. Die Menge ist auf einen dünnen Film zu begrenzen, der auf die Kinderzahnbürste aufgetragen wird. Ab dem Alter von zwei Jahren kann eine größere Menge verwendet werden („Erbse“).

Zusammenfassung

Der Stoffwechsel von Fluorid im menschlichen Organismus ist seit langem bekannt. In praxi weisen die zur Kariesprophylaxe angewendeten Fluoridverbindungen keine akute Toxizität auf. Es kann jedoch als Ausdruck einer chronischen Fluoridierungsfolge zur Schmelzfluorose kommen. In erster Linie wird die Fluorose mit der systemischen Fluoridanwendung in Zusammenhang gebracht. Die Erscheinungsformen sind in der weit überwiegenden Zahl der Fluorosefälle aber fragliche, sehr milde oder milde Ausprägungsgrade. Für weitere auf kariespräventive Maßnahmen zurück- führbare chronische Fluorid-Effekte existieren keine wissenschaftlich haltbaren Belege. Die in der jüngeren Vergangenheit in einschlägigen Foren vorgebrachten Bedenken, systemische Fluoridaufnahme sei mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern verbunden, sind wissenschaftlich fragwürdig beziehungsweise nicht belegt. Ein Zusammenhang zur kariesprophylaktischen Fluorid- anwendung besteht nicht. Ab Durchbruch des ersten Milchzahnes soll eine regelmäßige Zahnreinigung mit einer fluoridhaltigen Kinderzahnpaste erfolgen.

Prof. Dr. Ulrich Schiffner
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Zentrum für Zahn-, Mund- u. Kieferheilkunde Poliklinik für Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde
Matinistrasse 52, 20246 Hamburg, schiffner@uke.uni-hamburg.de


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