Das Angebot ist super - das Honorar ein Witz!

Zahnarzt testet Sprechstunde online

Drei Fakten zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. Erstens: Digitalisierung polarisiert – das Spektrum reicht von Early Adoptern bis zu E-Health-Verweigerern. Zweitens: Die Digitalisierung wird nicht zu stoppen sein. Und drittens: Der Markt für digitale Gesundheitsdienstleistungen boomt. Ein Zahnarzt testet die Video-Sprechstunde.

Dr. Jochen Deppe ist einer der wenigen Zahnärzte, die die Video-Sprechstunde anbieten – für Nachkontrollen nach einer Behandlung am Vortag und für die Besprechung von Befunden. © Michael Schuh

72 Prozent der befragten Ärzte erwarten, dass sich ihre ärztliche Arbeit in den nächsten Jahren durch die fortschreitende Digitalisierung ändern wird. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der Stiftung Gesundheit hervor, die für ihre Untersuchung „Digitalisierung des Arztberufs“ insgesamt 374 niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und Psychologische Psychotherapeuten befragte. Quelle: Stiftung Gesundheit

Der nächste Patient wartet schon. Zahnarzt Dr. Jochen Deppe aus Gütersloh wirft einen letzten Blick in die Patientenakte. Dann bittet er seinen Patienten „herein“ und dieser „betritt“ – den Monitor. Denn die nun folgende Beratung verläuft online per VideoSprechstunde. „Grundsätzlich ist es wie bei jeder Sprechstunde“, sagt Deppe. „Der Patient wartet in einem virtuellen Wartezimmer. Wenn wir beide anwesend sind, kann die Sprechstunde beginnen. Der weitere Ablauf ist wie bei einem Chat über Skype.“ Wichtig sei, dass der Chat genauso konzentriert und ungestört stattfindet wie die Unterredung im Sprechzimmer. „Ich befrage den Patienten zu seinem Befinden, ob er Fragen zum Ablauf der Behandlung hat oder irgendetwas seiner Ansicht nach nicht in Ordnung ist. Bejaht er dies, muss er natürlich kommen“, erklärt Deppe.

Knapp die Hälfte aller Mediziner kann sich vorstellen, Video-Sprechstunden mit Patienten abzuhalten. Dies geht aus der neuesten Studie der Stiftung Gesundheit hervor, die deutschlandweit rund 10.000 Ärzte, Zahnärzte und Psychologen zur Digitalisierung des Arztberufs befragte. Während im Vorjahr nur rund ein Drittel der Video-Sprechstunde gegenüber aufgeschlossen war, ist es nun mit 47 Prozent knapp die Hälfte.

Deppe ist seit einem Jahr dabei. Der 53- Jährige sitzt in seinem Büro, vor sich den Laptop – und seinen heutigen Patienten, mit dem er dank Mikrofon und Kamera einfach kommunizieren kann. Als Plattform dient ihm das Online-Portal Patientus – der führende Anbieter für Online-Videosprechstunden in Deutschland.

Sprechstunde per Webcam

Patientus bietet eine Software an, mit der Ärzte und Patienten per Webcam miteinander sprechen können. Für den Dienst zahlen Ärzte 29 Euro im Monat – bei einer Mindestlaufzeit von zwölf Monaten. Den Premiumservice mit einer monatlichen Kündigungsfrist gibt es für 59 Euro im Monat. Die Patienten nutzen den Service von Patientus kostenfrei – sie tragen bislang das Beratungshonorar, das die Mediziner festlegen. Registriert sind laut Dr. Felix Schirmann, Leiter für Unternehmensentwicklung und operatives Geschäft bei Patientus, „mehrere hundert Zahnärzte und Ärzte“. Aktuell findet man auf der Website allerdings lediglich vier registrierte Zahnärzte.

Die Abläufe für einen Termin sind vergleichbar mit einer „normalen“ Sprechstunde in der Praxis, erklärt Deppe: „Für die VideoSprechstunde vergeben wir einen Termin und einen sechsstelligen Code, mit dem sich der Patient bei Patientus einloggen kann.“ Dafür muss keine eigene Software installiert werden, der Patient meldet sich über seinen Browser direkt auf der Website an – dann erscheint auf Deppes Praxis-PC der Schriftzug „Patient wartet im Wartezimmer“. Und die Video-Sprechstunde kann beginnen.

„Das übliche Szenario für uns ist eine Nachkontrolle nach einer umfangreicheren Behandlung am Vortag“, führt Deppe aus. Ein anderes Szenario ist die Diskussion von Röntgenbefunden oder implantologischen und prothetischen Planungen, „aber nur mit Patienten, die wir kennen!“, betont der Zahnarzt. „Die Beratung mir unbekannter Patienten finde ich schwierig. Es ist eben keine Untersuchung möglich und auch das Kennenlernen – entscheidend für die Etablierung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Patient und Arzt – ist völlig anders.“

So sieht es auch der Gesetzgeber. In Deutschland ist die ausschließliche Fernbehandlung bisher verboten. Im E-Health-Gesetz ist festgehalten, dass es sich bei der Videosprechstunde um eine „telemedizinisch gestützte Betreuung von Patienten handelt, mit der eine wiederholte persönliche Vorstellung in der Praxis ersetzt werden kann“. Die Konsultation per Video darf nicht den persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt ersetzen, sondern nur bei einer bereits begonnenen Behandlung ergänzend eingesetzt werden. Das heißt, nur wenn der Arzt den Patienten schon einmal persönlich gesehen hat, darf er ihn online oder telefonisch weiter betreuen. In der Zahnmedizin gibt es zudem technische Grenzen: Über die Computerkamera in den Mund zu schauen und so eine Ferndiagnose zu stellen kommt nicht infrage. „Intraorale Untersuchungen sind rein technisch gar nicht möglich“, sagt auch Deppe, „lediglich normale Konversationen von Angesicht zu Angesicht.“

Dennoch liegen für Deppe die Vorteile der Video-Sprechstunde auf der Hand: „Wir bieten zum Beispiel für die Nachsorge unseren Patienten an, entweder in der Praxis zu erscheinen, oder machen einen Termin für ein Nachfragen per Video. Bei der Video-Sprechstunde spart sich der Patient natürlich die Anfahrtszeit. Und in der Praxis entfällt die hygienische Auf- und Nachbereitung des Sprechzimmers.“

Online-Beratung wird Kassenleistung

Aber rechnet sich die Video-Sprechstunde auch? Im E-Health-Gesetz war vorgesehen, dass Video-Sprechstunden ab dem 1. Juli 2017 Kassenleistung werden. Jetzt haben sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband aber vorzeitig über die Honorierung geeinigt, so dass die Video-Sprechstunde schon ab April als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden kann.

Die Vergütung besteht dabei aus zwei Komponenten: Für jede Video-Sprechstunde gibt es einen Technikzuschlag von 4,21 Euro. Die Anzahl ist pro Quartal und Arzt auf 47,5 Kontakte gedeckelt – laut KBV sind aber vermutlich bei zwei Video-Sprechstunden pro Woche die Kosten gedeckt.

Zusätzlich zum Technikzuschlag soll die Honorierung einer Video-Sprechstunde bei 88 Punkten liegen. Dies entspricht einem Erlös von 9,27 Euro. Voraussetzung ist, dass der Patient in den vorangegangenen zwei Quartalen mindestens einmal in der Praxis persönlich vorstellig geworden ist und die Verlaufskontrolle durch dieselbe Praxis erfolgt wie die Erstbegutachtung. Beide Leistungen sind jedoch zunächst auf sechs Indikationen begrenzt. Dazu zählen die Verlaufskontrolle von Operationswunden, Bewegungseinschränkungen und -störungen des Stütz- und Bewegungsapparats sowie die Kontrolle von Dermatosen. Eine Erweiterung des Leistungsspektrums ist vorgesehen.

Der Bundesverband Internetmedizin e. V. kritisiert die geplante Honorierung. „Eine Technikpauschale in der Höhe wird niemanden motivieren, sich der Sache zuzuwenden“, sagt Sebastian Vorberg, Fachanwalt für Medizinrecht und Vorstandssprecher des Bundesverbandes Internetmedizin. Außerdem setze dies an der falschen Ecke an, sagt Vorberg: „Wir müssen den Arzt motivieren, sich im Internet mehr als nur spontan blicken zu lassen. Der Patient sucht dort Rat, und der ist bisher frei von ärztlicher Qualität. Das Signal einer Technikpauschale ist da ein falsches. Dies ist gerade nicht der Schritt zu einer ausreichend bezahlten OnlineSprechstunde, sondern eher eine Lästigkeitsentschädigung. Motivation kann der Arzt daraus für eine angemessene OnlineSprechstunde sicher nicht ziehen.“

Deppe ist ebenfalls verärgert. Zwar sei eine Onlinesprechstunde in seinem Praxisalltag noch die Ausnahme, doch immerhin komme es mehrmals monatlich vor. „Die Forderung nach einer sprechenden Medizin wird von allen Seiten immer wieder an uns Ärzte herangetragen. Gleichzeitig ermöglicht es die Entwicklung der Medizin 2.0, dass immer mehr und bessere Gesundheitsdaten telemetrisch übertragen und befundet werden können. Die Entwicklung, dass der Arzt seinem Patienten hilft und ihn berät, diese Daten in eine bessere Gesundheit umzusetzen, beginnt eben. Dies betrifft bis auf Weiteres weniger die Zahnmedizin. Dennoch benötige ich für eine Video-Sprechstunde im Schnitt zehn Minuten ungeteilter Aufmerksamkeit. Da ich in dieser Zeit keine andere Behandlung machen kann, sollte das Honorar realistischerweise die unterschiedliche Zeitdauer berücksichtigen und etwa vier Euro pro Minute betragen. Die vorgeschlagene Honorierung ist ein Witz. Keiner, der dies so vergüten will, ist ernsthaft am medizinischen Fortschritt oder an einer besseren Versorgung von Patienten interessiert, die die Video-Sprechstunde wollen oder brauchen.“

Mit einer durchschnittlichen Note von 1,33 bekommen Zahnärzte im Vergleich zu anderen Arztgruppen die besten Patientenbewertungen auf Deutschlands größtem Bewertungsportal. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten.

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