Repetitorium Nierenerkrankungen

Die unterschätzte Gefahr

An einer eingeschränkten Nierenfunktion leiden vier bis sechs Millionen Deutsche. Bei 5.000 Menschen hierzulande kommt es pro Jahr zu einem terminalen Nierenversagen und damit zu einer potenziell lebensbedrohlichen Erkrankung. Viele Patienten wissen jedoch gar nicht, dass die Funktion ihrer Nieren gestört ist. Für den Zahnarzt bedeutet dies, Risikopatienten zu erkennen und eine mögliche Nephrotoxizität mit dem erhofften therapeutischen Benefit abzuwägen.

Gesunde Niere (links) im Vergleich mit einer Zystenniere © OKAPIA

Die Nieren regulieren nicht nur den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, sondern haben auch eine wichtige Funktion bei der Ausscheidung von Abbauprodukten aus dem Stoffwechsel oder beispielsweise nach der Einnahme von Medikamenten. Eine Beeinträchtigung der Nierenfunktion kann vielfältige Ursachen haben, sie kann durch Medikamente bedingt sein, durch Nieren- oder Harnleitersteine, durch Entzündungen oder auch durch degenerative Prozesse. Die Veränderungen entwickeln sich oft langsam schleichend und ohne Beschwerden zu verursachen.

Gut bekannt ist die potenziell nierenschädigende Wirkung bei nicht steroidalen Antirheumatika, die insbesondere bei langfristiger Einnahme nierenproblematisch sind. Andere Substanzen wie etwa Antibiotika oder auch eine Chemotherapie können hingegen auch bei vergleichsweise kurzfristiger Therapie massive Nierenschäden auslösen und möglicherweise sogar ein akutes Nierenversagen induzieren.

Harnleiter- und Nierensteine

Zu den weit verbreiteten Ursachen von Nierenproblemen gehört die Entwicklung von Harnleiter- und Nierensteinen, die durch eine eiweißreiche Kost gefördert werden kann. In etwa drei Viertel der Fälle sind erhöhte Kalziumkonzentrationen im Urin die Ursache, wenn sich Kristalle, Konkremente und sogar Harnsteine oder Nierensteine in den ableitenden Harnwegen bilden. Weitere begünstigende Faktoren sind neben einer genetischen Prädisposition anatomische Anomalien, Harnabflussstörungen, Entzündungen sowie ein Flüssigkeitsmangel.

Betroffen sind Schätzungen zufolge rund fünf Prozent der Bevölkerung, Männer deutlich häufiger. Zu Beschwerden kommt es in aller Regel erst, wenn die Harnsteine oder Nierensteine eine gewisse Größe erreicht haben und wenn die Steine aus der Niere über den Harnleiter in die Harnblase abwandern. Kolikartige, starke Schmerzen und Blutungen können die Folge sein.

Therapeutisch kommen dann krampflösende und schmerzstillende Medikamente zum Einsatz. Außerdem wird versucht, den Stein auszuschwemmen, was durch reichliches Trinken und durch Bewegung gefördert wird. Gelingt dies nicht, sind gegebenenfalls interventionelle oder sogar operative Verfahren indiziert. Dabei ist eine Ursachenfahndung wichtig, um entsprechende prophylaktische Maßnahmen ergreifen zu können. Ansonsten ist die Rezidivgefahr hoch.

Die Pyelonephritis

Häufig sind auch Infektionen der Harnwege und eine dadurch bedingte Nierenbeckenentzündung, also eine Pyelonephritis. Sie ist nicht selten die Folge einer aufsteigenden Infektion aus den unteren Harnwegen und wird durch Nierensteine begünstigt.

Die akute Erkrankung geht zumeist mit Fieber einher, einem einseitigen Flankenschmerz und einem ausgeprägten Krankheitsgefühl. Die Pyelonephritis kann allerdings auch chronisch verlaufen und längere Zeit symptomlos oder symptomarm bleiben.


Aus Sicht der Zahnmedizin

Die meisten Medikamente werden durch die Nieren ausgeschieden, und die Medikamenten-induzierte Nephrotoxizität ist mit circa 30 Prozent die häufigste Ursache eines akuten Nierenversagens. Die Mechanismen der Nephrotoxizität beinhalten eine direkte Schädigung des renalen Tubulussystems, allergische und immunologische Ursachen, eine glomeruläre Vasokonstriktion und die Bildung von Nierensteinen. Jeder dieser Mechanismen kann zu einem plötzlichen Verlust der Nierenfunktion beziehungsweise zu einer akuten Nierenschädigung führen.
Die Erkennung einer Medikamenten-induzierten Nierenschädigung wird durch die Tatsache kompliziert, dass viele Formen im frühen Verlauf eher asymptomatisch sind. Die Schädigung kündigt sich lediglich mit einem ansteigenden Kreatininwert an. Daher bleibt die Bestimmung des Kreatinins (Referenzbereich 44 bis 88 μmol/l) im Serum oft die einzige Möglichkeit, die Entwicklung einer Nierenschädigung nach Exposition gegenüber von Nephrotoxinen zu diagnostizieren. Das Medikamenten-induzierte akute Nierenversagen zeigt sich im Gegensatz hierzu durch eine im frühen Stadium eingeschränkte Ausscheidung, gefolgt von einer Unterbrechung der Ausscheidung mit begleitenden Bein-, Lungen- und Hirnödemen.
Als begleitende Symptome werden Bewusstseinsstörungen, Juckreiz und ubiquitäre Entzündungen beschrieben. Während hier die Prognose bei früher Behandlung gut ist, verschlechtert sie sich deutlich mit Progression der Erkrankung.
Viele Patienten nehmen nephrotoxische Medikamente auf chronischer Basis ein. Vor allem sind hier ACE-Hemmer, Diuretika und nicht-steroidale antiinflammatorische Präparate zu nennen. Die Kombination von zwei oder sogar allen der genannten drei Wirkstoffklassen führt sogar zu einer weiteren Potenzierung des Risikos, eine Nierenschädigung zu erleiden. Außer-dem wurden Nierenschädigungen unter anderem durch Amphotericin B (Ampho-Moronal®), Paracetamol, Penicilline und Cephalosporine beobachtet.
Die meisten Medikamenten-induzierten Nierenschädigungen sind dosisabhängig und können mit der pharmakologischen Wirkung der jeweiligen Substanz vorausgesehen werden. In den anderen Fällen sind überwiegend immunologische Reaktionen verantwortlich. Bleibt eine Behandlung des Nierenschadens aus, so kann dies bei Komplikationen bis in die terminale Dialyse-pflichtige Niereninsuffizienz münden. Für die Praxis bedeutet das, dass bei kontinuierlicher Medikation mit potenziell nephrotoxischen Medikamenten eine kontinuierliche Kontrolle der Nierenfunktion stattfinden sollte.
Insbesondere bei „Risikopatienten“ mit physiologischer Einschränkung der Nierenfunktion (ältere Patienten), mit bestehender Nierenerkrankung sowie mit nephrotoxischer Komedikation besteht eine Gefährdung, auch durch vom Zahnarzt verordnete Medikamente.
So sollte in ausgewählten Fällen beispielsweise auf NSAIDs (COX-Hemmer) verzichtet und alternativ auf Metamizol (Novalgin®) ausgewichen werden. Auch COX-2-Hemmer wie Etoricoxib (Arcoxia®, zugelassen zur Behandlung von Zahnschmerzen) scheinen keinen Vorteil für die Nieren zu haben, da COX-2 einen nephroprotektiven Effekt besitzt.
Somit ist es die Aufgabe des behandelnden Arztes, das Risiko der Nephrotoxizität mit dem erhofften therapeutischen Benefit abzuwägen. Bei Patienten mit den beschriebenen Risiken ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Hausarzt empfehlenswert.

Univ.-Prof. Dr. Dr. Monika Daubländer, Leitende Oberärztin der Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Poliklinik für Zahnärztliche Chirurgie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz, daublaen@uni-mainz.de

PD Dr. Dr. Peer W. Kämmerer
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität Rostock
Schillingallee 35, 18057 Rostock




Beide Krankheitsformen werden typischerweise mit Antibiotika behandelt. Wichtig ist, ausreichend zu trinken, um die Bakterien aus den Nieren zu spülen.

Die Glomerulonephritis

Bei der Glomerulonephritis manifestieren sich die Entzündungsreaktionen, wie der Name schon sagt, im Bereich der Glomeruli, also in den Nierenkörperchen, den winzigen Filterstationen der Nieren, in denen der Primärharn gebildet wird. Die Erkrankung kann durch bakterielle oder durch virale Infektionen bedingt sein oder im Gefolge von Systemerkrankungen auftreten. Zumeist kommt es nicht zu einer akuten Erkrankung, die Entzündungsprozesse führen vielmehr schleichend zu einer zunehmenden Nierenschädigung. Diese ist über eine vermehrte Eiweißausscheidung und eventuell den Nachweis geringer Mengen an Blut im Urin zu diagnostizieren. Es kann im weiteren Verlauf zur Ödembildung kommen, zur Manifestation einer Hypertonie sowie zur Dyspnoe und damit zum Bild eines nephrotischen Syndroms.

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