Editorial

Verräterische Sprache

„Was wollen wir heute machen?“ „Aneinander vorbeireden, wie immer?“ „So warm ist es nun auch wieder nicht.“ „Ich liebe Dich.“ „28.“ Was diese erratische Wortansammlung soll? Auf der Suche nach einem treffenden Wort für „aneinander vorbeireden“ bin ich über diesen Witz gestolpert. Ausgangspunkt war die Rede von Gesundheitsminister Hermann Gröhe, die er anlässlich der Eröffnung des diesjährigen Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit in Berlin gehalten hat.

Er rief die Leistungserbringer im deutschen Gesundheitswesen dazu auf, intensiver zu kooperieren, mit dem Ziel, „dass aus den vielen guten, ja Spitzenleistungen des deutschen Gesundheitswesens eine Mannschaftleistung wird“*. Während ich mich fragte, was denn seine Spielidee ist, um die Mannschaft möglichst erfolgreich auf das richtige Tor spielen zu lassen, erläuterte der Minister, dass alle Gesetze der ablaufenden Legislaturperiode im Kern der Vernetzung gedient haben. Der mit dem Versorgungsstärkungsgesetz eingerichtete Innovationsfond sei geschaffen worden, „damit statt Mauern Brücken zwischen den Sektoren gebaut werden.“ Ziel sei „Vernetzung durch sektorübergreifende Versorgung“.*

(Digitale) Brücken statt Mauern – das sind hervorragend gewählte Worte. Etwas weniger euphemistisch formuliert, sind die digitalen Projekte nichts anderes als Mauern durchlöchernde Presslufthämmer. Auch Gröhes Forderung, dass die Krankenhäuser – Maximal- und Regelversorger – ihre Zusammenarbeit verbessern müssen, macht im Hinblick auf das Individuum und dessen möglichst optimale Versorgung ohne Zweifel Sinn. Aber so? Durch die digitale Vernetzung müsse jeder Regelversorger künftig in der Lage sein, das Wissen der Spitzenmedizin von einem Maximalversorger

abzurufen, wobei „dann dank Telemedizin egal ist, wie weit er entfernt ist“. Gröhe kritisierte die langsame Umsetzung solcher Zusammenarbeit in Deutschland: „Ich bedaure, dass das Thema Digitalisierung sehr zögerlich angegangen wird“.*

Nun sind solcherart telemedizinische Konsultationen in der chirurgischen Spitzenmedizin seit etlichen Jahren erfolgreich in der Anwendung. Aber es ist eben Spitzenmedizin in des Wortes wahrer Bedeutung und nicht die alltägliche Versorgungssituation vor Ort. Was meint also die Politik, wenn sie von Digitalisierung redet? Oder anders gefragt: Was hofft sie mit der Digitalisierung zu erreichen, wenn solche Beispiele bemüht werden? Zu Ende gedacht würde es bedeuten, dass Software das schaffen soll, was alle Politiker zuvor nicht wirklich erreichen konnten: die Überwindung der Sektorengrenzen, also die Neugestaltung des Gesundheitswesens mittels Bits und Bytes. Wenn diese normative Kraft des Faktischen wirkt, machen auch die per Gesetz ab 2019 in die im Gesundheitswesen verwendeten Softwares zu implementierenden Schnittstellen gleich einen sehr tiefen Sinn. Womit wir wieder bei der Frage nach der ministeriellen Spielidee sind. Verbesserung der Patientenversorgung durch technisch erleichterte Kommunikation und Zusammenarbeit? Hebung der Wirtschaftlichkeitsreserven (im System???) durch effizientere Zusammenarbeit dank effektivem Daten- und Informationsmanagement? Bessere Information und umfassende Einbindung des Patienten in sein Krankheitsgeschehen?

Die Vorteile, die sich aus der Digitalisierung für das Gesundheitswesen ergeben, stehen aus meiner Sicht nicht infrage. Es ist an der Zeit diese zu realisieren, statt die Digitalisierung mit zweifelhaften Beispielen zu einem Heilsbringer hochzustilisieren. Oder um im Bild zu bleiben: Es macht keinen Sinn, bereits Taktiken für Folgespiele zu entwerfen, wenn noch nicht mal klar ist, ob man mit der für das aktuelle Spiel ausgegebenen Taktik überhaupt gewinnen wird. Wenn aber die Gedanken der Politik – nicht nur die der Gesundheitspolitiker – davon beherrscht werden, via staatlichem „Nudging“ (Synonym für anregen, lenken, formen) gewünschtes Verhalten zu erzeugen, dann sollte man es nicht als „die Chancen der Digitalisierung nutzen“ bezeichnen.

*Zitiert nach Pressemeldung der WISO-Gruppe zum Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2017 vom 20. Juni 2017

ri

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.