Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (1)

Die Hall-Technik

Die Hall-Technik, eine moderne Kariestherapieoption ohne vollständige Kariesexkavation, eignet sich besonders bei unkooperativen Kindern, wie der hier präsentierte Fall einer fünfjährigen Patientin zeigt.

Abbildung 1: Die mit Glasionomerzement befüllte Stahlkrone wurde über den Zahn gestülpt und in richtiger Position festgedrückt, so dass die Kronenränder leicht subgingival liegen. © Santamaría

Abbildung 2: Position und Passung der Krone wurden final geprüft und alle verbliebenen Zementreste entfernt. © Santamaría
Abbildung 3: Endzustand nach der Einpassung © Santamaría


Neben der traditionellen, vorherrschenden Methode der vollständigen Kariesexkavation etablieren sich zunehmend alternative, weniger invasive – durch Studien belegte – Therapieoptionen, mit denen sich kariöse Läsionen ebenfalls inaktivieren beziehungsweise arretieren lassen. Dr. Ruth Santamaria von der Abteilung für Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald stellt zwei Fälle vor, bei denen alternative Therapiewege zur Behandlung der Karies in der ersten Dentition gewählt wurden: zum einen die Hall-Technik, zur Versorgung mehrflächig kariöser Milchmolaren, bei der konfektionierte Stahlkronen auf die Molaren zementiert werden. Zum anderen die nicht-restaurative Karieskontrolle („Non-Restorative Caries Control“), die sich bei unkooperativen Kindern zur Versorgung initialkariöser Milchmolaren anbietet – vorausgesetzt, die Eltern zeigen eine gute Compliance.


Moderne Optionen zur Kariestherapie ohne „vollständige Kariesexkavation“ sind bislang vielen Zahnärzten noch fremd, da die Annahme besteht, dass stets eine komplette Kariesentfernung vorzunehmen ist, um eine weitere Kariesprogression zu vermeiden. In diesem Beitrag wird ein Fall präsentiert und diskutiert, bei dem die Hall-Technik als Therapiealternative zur Füllung an einem mehrflächig kariösen Milchmolaren angewandt wurde.

Der Fall: Ein fünfjähriges Mädchen stellte sich mit seiner Mutter in der Abteilung für Präventive Zahnmedizin Kinderzahnheilkunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Universitätsmedizin Greifswald vor, nachdem es bei vorherigen Zahnarztbesuchen alio loco nach einer negativen Zahnerfahrung bei einer Füllung an Zahn 84 die weitere Mitarbeit verweigert hatte. Laut Aussage der Mutter hatte das Kind nie Zahnschmerzen, jetzt jedoch große Angst vor Spritzen und Bohrern. Es lagen keine für die Behandlung relevanten Allgemeinerkrankungen vor.

Aufgrund der Angst des Kindes wurden bei den ersten Terminen nur einfache Prozeduren – klinische Untersuchung, Anfärben der Zähne und Zähneputzen – durchgeführt, damit eine sukzessive Gewöhnung beziehungsweise Desensibilisierung des Kindes an die zahnärztliche Behandlung erfolgen konnte.

Klinischer und röntgenologischer Befund

 

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut, eine gesunde Zunge und ein vollständiges jedoch kariöses Milchgebiss:

• caries media (ICDAS 5) an den Zähnen 64 (okklusale und distale Fläche) und 75 (okklusal)

• eine insuffiziente Füllung an 84 (okklusale und distale Fläche)

• weitere, nicht kavitierte Läsionen an 75, 85 und an den Oberkiefer-Frontzähnen (bukkale Fläche; ICDAS 2), die als inaktiv eingestuft wurden.

Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht, ohne Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen. Röntgenologisch war bei dem Zahn 64 keine pulpale Beteiligung sowie eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar. Die Schmerzanamnese und die Perkussion für Zahn 64 waren ebenfalls negativ. Zahn 74 zeigte eine periapikale und interradikuläre Radioluzenz, was aufgrund der erkennbaren pulpalen Beteiligung die Hall-Technik explizit ausschließt.

 

Patientenebene

Geeignet

Nicht geeignet

– für ängstliche Kinder (Spritze und Bohrer)

– für sehr unkooperative Kinder (aufgrund

von Verschluck- oder Aspirationsgefahr der

Stahlkrone)

– bei Verhaltensstörungen (z. B. ADHS)

– für immunsupprimierte Kinder

– bei mäßiger Kooperation

– bei Endokarditis-Risiko

– als Therapieoption zur Kooperations-

verbesserung

Zahnebene

Indikationen

Kontraindikationen

– kariöse Milchmolaren mit zwei- oder

mehrflächigem Kariesbefall

– caries profunda mit dem Risiko pulpaler

Komplikationen

– caries media

– irreversible Pulpitis

– Zähne ohne Anhalt auf pulpale Beteiligung

– Spontanschmerz. andauernder Schmerz

– Dentinbrücke im Röntgenbild (mind. 1 mm)

– Pulpanekrose

– große. inaktive kariöse Defekte

– Fistel. Abszess

– hohe Kariesaktivität

– apikale bzw. interradikuläre Aufhellung

– fehlende Höcker. frakturierte Milchmolaren

– pathologische Wurzelresorption

– Aufbau infraokklusaler Milchmolaren

– Zähne mit Anomalien der Zahnstruktur

Quelle: Santamaría

 

Die Kooperation des Kindes für eine invasive Behandlung wurde beim Erstbesuch als niedrig eingestuft (Frankl-Skala „negativ“: Behandlungsverweigerung/unkooperativ). Der erste Termin zur Desensibilisierung erfolgte auf dem Schoß der Mutter.

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