Die klinisch-ethische Falldiskussion

Wen behandle ich zuerst?

Ein Patient kommt mit starken Schmerzen in die Praxis, ein anderer folgt mit einer verloren gegangenen Füllung – und einem Geschäftstermin im Nacken. Wen setzen Sie zuerst auf den Stuhl?

Ein Fall, zwei Einschätzungen: Zwei Experten, beide Mitglieder im Arbeitskreis Ethik der DGZMK, kommentieren das Dilemma bei der „Priorisierung von Notfallpatienten“. © [M] GA161076-iStockphoto.com

„Der Zahnarzt muss seine Entscheidung dem Anspruch des Patienten nicht unterordnen“, sagt Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön. © privat
„Es liegt im fachlichen Ermessen des Therapeuten, in welcher Reihenfolge behandelt wird“, sagt Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß © privat

Der Fall:

In einer deutschen Großstadt betreibt Zahnarzt Dr. KV eine Praxis in der Nähe einer S-Bahn, die auch als zentraler Flughafenzubringer dient. Neben seinem Patientenstamm wird die Praxis immer wieder von Reisenden mit kurzfristigem Behandlungsbedarf frequentiert. An einem Nachmittag kommt Herr HP in die Praxis – seit etwa acht Jahren Patient von Dr. KV, allerdings sucht er nur unregelmäßig und meist mit akuten Beschwerden den Zahnarzt auf. Er gibt – leicht fordernd – an, unter starken Schmerzen im Bereich der linken unteren Backenzähne zu leiden, und zwar schon seit zwei Tagen und Nächten, weshalb er unbedingt dringend behandelt werden müsse.


Ethische Dilemmata, also Situationen, in denen der Zahnarzt zwischen zwei konkurrierenden, nicht miteinander zu vereinbarenden Handlungsoptionen zu entscheiden oder den Patienten zu beraten hat, lassen sich mit den Instrumenten der Medizinethik lösen. Viele der geläufigen Ethik-Konzeptionen (wie die Tugendethik, die Pflichtenethik, der Konsequentialismus oder die Fürsorge-Ethik) sind jedoch stark theoretisch hinterlegt und aufgrund ihrer Komplexität in der Praxis nur schwer zu handhaben.
Eine methodische Möglichkeit von hoher praktischer Relevanz besteht hingegen in der Anwendung der sogenannten Prinzipienethik nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress: Hierbei werden vier Prinzipien „mittlerer Reichweite“, die unabhängig von weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen als allgemein gültige ethisch-moralische Eckpunkte angesehen werden können, bewertet und gegeneinander abgewogen.
Drei dieser Prinzipien – die Patientenautonomie, das Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz) und das Wohltunsgebot (Benefizienz) – fokussieren ausschließlich auf den Patienten, während das vierte Prinzip Gerechtigkeit weiter greift und sich auch auf andere betroffene Personen oder Personengruppen, etwa den (Zahn-)Arzt, die Familie oder die Solidargemeinschaft, bezieht.
Für ethische Dilemmata gibt es in den meisten Fällen keine allgemein verbindliche Lösung, sondern vielfach können differierende Bewertungen und Handlungen resultieren. Die Prinzipienethik ermöglicht aufgrund der Gewichtung und Abwägung der einzelnen Faktoren und Argumente subjektive, aber dennoch nachvollziehbare und begründete Gesamtbeurteilungen und Entscheidungen. Deshalb werden bei klinisch-ethischen Falldiskussionen in den zm immer wenigstens zwei Kommentatoren zu Wort kommen.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth


Wenige Minuten nach HP betritt Herr AM, ein jüngerer Geschäftsmann, die Praxis und bittet ebenfalls um einen kurzfristigen Termin, da er beim Mittagessen eine Füllung verloren habe und in etwa eineinhalb Stunden für eine mehrtägige Geschäftsreise am Flughafen sein müsse.

Die Verwaltungshelferin hält Rücksprache mit Dr. KV, der sie anweist, AM nach der Patientenaufnahme gleich aufzusetzen, um den Defekt zumindest soweit provisorisch zu versorgen, dass er zeitgerecht seine Reise antreten kann, ohne mit weiteren Komplikationen rechnen zu müssen. Um HP werde er sich gleich im Anschluss kümmern. Er geht dabei von einer anstehenden zeitintensiveren endodontischen Intervention aus.


Aufruf

Haben Sie in der Praxis eine ähnliche Situation oder andere Dilemmata erlebt? Schildern Sie das ethische Problem – die Autoren prüfen den Fall und nehmen ihn gegebenenfalls didaktisch aufbereitet in die Reihe auf.

Kontakt: Prof. Dr. Ralf Vollmuth
vollmuth@ak-ethik.de



Nachdem die Mitarbeiterin AM ins Behandlungszimmer gebeten hat und in die Anmeldung zurückgekehrt ist, konfrontiert HP sie erbost mit dem Vorwurf, gegenüber dem „vornehmen Geschäftsmann“ wohl als Patient zweiter Klasse behandelt zu werden. Obwohl dieser nach ihm in die Praxis gekommen ist, werde er vorrangig behandelt, und das obwohl er selbst schon seit Tagen unter massiven Zahnschmerzen leide. HP formuliert dezidiert den Vorwurf, dass dies ja wohl der ärztlichen Ethik absolut widerspricht.

Hat HP recht und ist es unethisch, seine Behandlung (kurz) zurückzustellen und AM angesichts der geschilderten Umstände vorzuziehen? Und inwieweit muss Dr. KV seine ablauforganisatorischen Entscheidungen den Ansprüchen von HP unterordnen und sich ihm gegenüber rechtfertigen?

Oberstarzt Prof. Dr. med. dent. Ralf Vollmuth, Beauftragter des Inspekteurs des Sanitätsdienstes für Geschichte, Theorie und Ethik der Wehrmedizin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr


Der Arbeitskreis verfolgt die Ziele:
• das Thema „Ethik in der Zahnmedizin“ in Wissenschaft, Forschung und Lehre zu etablieren,
• das ethische Problembewusstsein der Zahnärzteschaft zu schärfen und
• die theoretischen und anwendungsbezogenen Kenntnisse zur Bewältigung und Lösung von ethischen Konflikt- und Dilemmasituationen zu vermitteln.
www.ak-ethik.de



Richtig oder falsch? Ein Behandlungsplan ist nicht in Stein gemeißelt. Auf dem Weg zu einer konsentierten Therapieplanung liegen dennoch oftmals viele Stolpersteine, die alle Beteiligten gemeinsam aus dem Weg schaffen sollten.

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