Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 6

Willoughby Dayton Miller – Erklärer der Karies

Der amerikanische Zahnarzt Willoughby Dayton Miller The Dental cosmos - Wikimedia

Das wichtigste Lehrbuch des 19. Jahrhunderts

Der Name „Willoughby Dayton Miller“ steht in der Zahnheilkunde für wissenschaftliche Pionierleistungen. Er gilt als Begründer der oralen Mikrobiologie und als Vorreiter der zahnärztlichen Hygiene. Er entwickelte die chemoparasitäre Kariestheorie, die einen völlig neuen Blick auf die Entstehung von Karies warf und zum zentralen Grundstein moderner Kariestheorien wurde [Dieck, 1908; Parreidt, 1909; Holzhauer, 1962; Groß, 2005]: Miller legte seit 1882 sukzessive in mehreren publizierten Arbeiten dar, dass Bakterien („Mikrokokken und Bacillen“) der Mundflora Kohlenhydrate zu Säuren abbauen, die ihrerseits zur Entkalkung des Zahnschmelzes führen, so dass Bakterien den Zahn penetrieren und die Zahnhartsubstanz zerstören können. 

Bis zum Jahr 1889 konnte er mehr als hundert verschiedene Bakterienarten aus den Mundflüssigkeiten und -belägen isolieren. Ihm gelang auch, den bei der Zahnkaries auftretenden „Erweichungsprozeß“ als säurebedingte Entkalkung der Zahnhartsubstanz zu erklären. Miller führte aus, dass Bakterien vermehrt in das erweichte Zahnbein eindringen, dort ihre Stoffwechselprodukte hinterlassen und so weiter entkalkend wirken. Am Ende steht die Zerstörung des Zahnes. Damit war Miller dem Wesen der Karies auf die Spur gekommen. 

Er legte seine Erkenntnisse in der 1889 erschienenen Monografie über „Die Mikroorganismen der Mundhöhle“ nieder [Miller, 1889 und 1890]. Sie gilt vielen Fachhistorikern als das wichtigste zahnärztliche Lehrbuch des 19. Jahrhunderts und als zentrales medizinisches Werk – auch vor dem Hintergrund, dass die Zahnkaries als die am weitesten verbreitete Krankheit beim Menschen gilt [Groß, 2005]. Das Buch bildete den Bezugspunkt für zahllose Arbeiten zur Kariologie beziehungsweise zur Kariesprophylaxe und zur oralen Mikrobiologie [Groß, 1994]. Eine ähnliche Wirkmacht entfaltete das 1896 erschienene „Lehrbuch der Conservierenden Zahnheilkunde“ [Miller, 1896].

Miller verfasste trotz seines vergleichsweise frühen Todes insgesamt mehr als 160 Fachpublikationen [Parreidt, 1909]. Zusammen mit dem US-amerikanischen Zahnarzt Newell Sill Jenkins, der sich ebenfalls in Deutschland – in Dresden – niedergelassen hatte, entwickelte er überdies eine kariesprotektive Zahnpasta mit desinfizierenden Inhaltsstoffen [Kolynos, 2011]. Zudem trägt die „Miller-Nadel“ seinen Namen – eine Sonde zum Auffinden von Wurzelkanälen oder Spalten bei Kronenrändern [Hoffmann-Axthelm, 2000]. Zu seinen Schülern zählte der spätere Bonner Ordinarius Alfred Kantorowicz (1880–1962) [Doyum, 1985]. 

Miller erhielt Ehrenmitgliedschaften, Medaillen und sonstige Auszeichnungen von mehr als drei Dutzend zahnärztlichen Gesellschaften in der ganzen Welt, hinzu kamen Ehrendoktorwürden von Universitäten. Aus deutscher Sicht ist besonders sein Engagement als Vorsitzender des CVdZ zu würdigen. Während unter seinem Vorgänger die Mitgliederzahlen im CVdZ stagniert hatten, entwickelte Willoughby Dayton Miller erfolgreiche Strategien, die letztlich innerhalb von nur sechs Jahren zu einer Vervierfachung der Mitgliederzahlen führten [Groß/Schäfer, 2009]. Auch trat er für eine Akademisierung des Zahnarztberufs ein – eine Forderung, die zwei Jahre nach seinem Tod erfüllt wurde [Parreidt, 1909]. 

Miller galt als Mann des Ausgleichs. Dies belegt eine Stellungnahme des CVdZ anlässlich seiner Verabschiedung: „Der Central-Verein hat mehr als irgend ein anderer Kreis Gelegenheit gehabt, seinen Vorsitzenden in den Eigenschaften seiner Person, als Mensch, hoch zu schätzen. Mit seiner Tatkraft in der Vertretung und Förderung der Interessen des Vereins verbindet Miller eine Bescheidenheit des Wesens und eine so große Fähigkeit, beruhigend und ausgleichend zu wirken, daß scharfe Gegensätze unter den Hunderten von Mitgliedern kaum jemals hervorgetreten sind. Und wo solche zu erscheinen drohten, da hat niemand so wie er es verstanden, die Wogen zu glätten [Holzhauer, 1962].“ 

Vor allem aber profitierte die gesamte deutsche Zahnheilkunde von Millers weltweitem Ansehen. Wie dankbar die deutsche Zahnärzteschaft Miller war, dokumentiert auch die Tatsache, dass die deutschen Zahnärzte zu Ehren Millers eine Stiftung ins Leben riefen [Holzhauer, 1962]. Mit den Geldern der Millerstiftung wurde bereits 1908 der „Miller-Preis“ inauguriert, der fortan regelmäßig „von den Zinsen für die beste Leistung auf dem Gebiete der wissenschaftlichen oder praktischen Zahnheilkunde“ vergeben werden sollte [Parreidt, 1909]. Die später „auf Eis gelegte“ Auszeichnung wird seit 1961 wieder regelmäßig vergeben und gilt – bis heute – als der wichtigste zahnärztliche Wissenschaftspreis in Deutschland [Schäfer/Groß, 2009]. Sie ist zugleich Garant für eine lebendige Erinnerung an den Wissenschaftler und Zahnarzt Willoughby Dayton Miller.

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University
dgross@ukaachen.de

Die Entwicklung eines Faches hängt in erheblichem Umfang von genialen oder wegweisenden Ideen einzelner Fachvertreter ab. Bisweilen reicht es allerdings auch, dass eine bestimmte Person zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort eine Initiative startet, die dann eine prägende beziehungsweise dynamische Wirkung entfaltet.

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