Zahnmedizinisches Porträt der USA

All American Smile

Deamonte Driver aus Maryland war zwölf Jahre alt, als er starb. Todesursache: ein unbehandelter Zahnabszess. Die Entzündung verbreitete sich bis ins Gehirn des Jungen. Seine Mutter konnte sich keine Versicherung für Zahnbehandlungen leisten – über 114 Millionen US-Amerikanern geht es ebenso. In ihrem Buch „Teeth“ zeichnet die Journalistin Mary Otto ein zahnmedizinisches Porträt der USA – einem Land mit gewaltigen Versorgungslücken.

Viele Bürger in den USA können sich keine Versicherung für Zahnbehandlungen leisten. Foto: [M] SG Pan - iStockphoto.com / Igor Gromoff – Fotolia

Alles beginnt mit der vergeblichen Suche nach einem Zahnarzt: Deamontes Mutter suchte verzweifelt nach einem Zahnarzt für Deamontes jüngeren Bruder DaShawn. Der Zehnjährige litt unter starken Schmerzen – aber anders als sein großer Bruder litt er nicht leise. Keiner der Jungen war jemals von einem Zahnarzt routinemäßig untersucht worden, denn Routinebesuche werden von dem Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid nicht abgedeckt. Unter Mithilfe einer Anwältin und mehrerer Unterstützer aus dem Gesundheitsbereich fand Alyce Driver schließlich einen Behandler, der Medicaid unterstützt und DaShawn einige Monate später in Augenschein nehmen wollte. Dann musste plötzlich Deamonte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zahnextraktion und Gehirn-OP kamen für ihn zu spät.

Das war 2007 und die renommierte Medizinjournalistin Mary Otto recherchierte den Fall für die Washington Post. Jetzt hat Otto die Geschichte von Deamonte Driver zum Anlass genommen, um die Zusammenhänge von Mundgesundheit und sozialer Ungleichheit in den USA zu analysieren. „Teeth. The Story of Beauty, Inequality, and the Struggle for Oral Health in America“ heißt ihr Buch, das bislang nur auf Englisch erschienen ist. Es zeigt, dass der Tod eines Zwölfjährigen auch Folge eines Systems ist, in dem Zahngesundheit Privatsache und nicht Teil einer allgemeinen Gesundheitsversorgung ist, in dem Zahnmedizin und Allgemeinmedizin komplett voneinander abgekoppelt sind und in dem zwischen Zahnarzt und armem(!) Patient ein schwer zu überwindender Graben verläuft. 

49 Millionen ohne Zugang zur Grundversorgung

Denn das Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid, das in solchen Fällen eigentlich greifen sollte, ist überbürokratisiert und unterversorgt. Viele Zahnärzte nehmen keine Patienten an, die über Medicaid kommen – aus verschiedenen Gründen: Die Abrechnung wird als kompliziert und frustrierend empfunden, die Behandlung bringt auch weniger ein als bei einem Privatzahler. Medicaid-Patienten sind in der Regel alles andere als „Wunschpatienten“. Sie verfügen über wenig Einkommen, darunter viele Kinder, alte Menschen und solche mit Behinderungen – Gruppen, die weniger mobil und flexibel sind als andere.

Die Verbindung zwischen Krankheit und Armut hat eine lange Geschichte – etwa der Pathologe Rudolf Virchow hat im 19. Jahrhundert eindringlich darauf hingewiesen. Otto aber hat ihre Zahlen – erschreckende Zahlen – im heutigen Amerika gesammelt. Laut einer Datenerhebung der HRSA (Health Resources & Services Administration) von 2016 haben 49 Millionen US-Amerikaner keinen Zugang zu einer zahnmedizinischen Grundversorgung. Das betrifft ein Drittel aller weißen Kinder, bei schwarzen Kindern – wie Deamonte Driver – oder Latino-Kindern ist es fast die Hälfte. Das Ausmaß dieser Gesundheitskrise beschrieb David Satcher, ehemaliger oberster Sanitätsinspekteur der Vereinigten Staaten, als „stille Epidemie“. Für Millionen von Kindern und Erwachsenen sind Zahnschmerzen ein Dauerzustand. Viele von ihnen vermeiden es zu lächeln, weil sie sich für ihre Zähne schämen. 

Ein vollständiges Lächeln aber wird auf dem Arbeitsmarkt, und nicht nur in Serviceberufen, erwartet. So wird fehlende Zahngesundheit nicht nur zum sozialen Stigma, sie kann auch die ökonomische Sicherheit bedrohen. Wer stellt einen Kellner, eine Empfangskraft, eine Verkäuferin mit braunen Stummeln im Mund ein?

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