Zahnärztliche Ergonomie

Taugt der Sattel in der Praxis?

Weitere Zusammenhänge

a) Gleichgewichtssinn: Für den Gleichgewichtssinn sind die von den Augennerven, den Gleichgewichtsorganen und der Medulla oblongata gewonnenen, weitergeleiteten und verarbeitenden Informationen zur Orientierung an der absoluten Horizontalen verantwortlich. Dieser propriozeptive Gleichgewichtssinn wird im Kleinhirn koordiniert. Die nozizeptive Stimulation von einem dieser gleichgewichtsbezogenen Informationszuflüsse kann einen Einfluss auf alle Strukturen haben, die an der Propriozeption (Tiefensensibilität) beteiligt sind [Netter, 1987].

b) Kaumuskulatur: Die Fixierung der Halswirbelsäule kann auch Auswirkungen auf die Kaumuskulatur des Zahnarztes oder der ZFA haben. Die Mundöffnungs- und Mundschließmuskulatur wird durch den N. Trigeminus, den N. Facialis und den Ansa Cervicalis angeregt, eine Schleife von Nervenbündeln, die ventral aus dem ersten, dem zweiten und dem dritten Halswirbel entspringen. Die feinmotorischen Bewegungen der Kaumuskeln werden jedoch im Kleinhirn koordiniert. Eine zu starke Beugung nach vorne führt zu einer veränderten Lage des Unterkiefers, was eine Veränderung der Auswirkung der Schwerkraft auf den Unterkiefer und dessen umgebende Strukturen bewirkt. Dies wird als eine Veränderung der Propriozeption verstanden, was zu einer Hyperaktivität der Kaumuskulatur führt, weil in den meisten Fällen mit geschlossenem Mund gearbeitet wird [Netter, 1987; Engels, 2005; Engels, 2010; Engels, 2015]. Ein korrekt symmetrisches Arbeiten mit vorgeneigtem Kopf kann darüber hinaus zu einem Zähnepressen beim Arbeiten führen (Abbildung 15). Zu einem einseitigen Aufeinanderbeißen oder Knirschen kommt es im Fall einer kombinierten Biegung und Drehung des Kopfs [Van Amerongen, 2001].

(Von Aspekten der inhärenten Schluckproblematik und des möglichen Ursprungs eines zu geringen Fokussierungsabstands zwischen den Augen und dem Arbeitsbereich wird abgesehen, weil es den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.)

c) Fußschalter: Auch wenn in einer ergonomisch korrekten symmetrischen Arbeitshaltung sitzend gearbeitet wird, ist es unvermeidlich, davon gelegentlich – etwa bei der Bedienung eines Fußschalters – abzuweichen. Hierfür muss in der Regel der Arbeitsstuhl – wenn auch gering – verschoben werden. Dieses Verschieben ist nur mithilfe der Unterschenkel und der Lendenwirbelsäule möglich, weil die auf der Sitzfläche ruhenden Oberschenkel die Bewegungsfreiheit der Beine einschränken. Bewegt man ein Bein, um den Arbeitsstuhl zu verschieben, und verwendet das andere, um das Fußpedal zu bedienen, kommt es zu einer Links-Rechts-Differenz bei der Fixierung der Oberschenkel auf der Sitzfläche mit Einfluss auf die Belastung und somit Lagerung des Beckens auf die Sitzfläche. Die resultierende asymmetrische Auflage der Sitzknochen und die asymmetrische Belastung der Iliosakralgelenke hat eine von der kinematischen Bewegungskette initiierte, kompensatorische Drehung der Lendenwirbelsäule zur Folge.

Die Kräfte, die sich auf Lumbalebene entwickeln, wenn der Fußschalter betätigt wird, wurden in einer Dissertation [Gerhard, 2011] beschrieben. Danach haben mehrere Typen von Fußschaltern Konsequenzen für die Belastung des Rückens. Das Problem dieser Forschungsarbeit besteht jedoch darin, dass die Sitzposition nicht definiert wird und die Probanden auf dem Rand eines traditionellen Arbeitsstuhls sitzen.

Abbildung 14: Die Bereiche der Wirbelsäule | Quelle: Callimedia

Abbildung 15: Zähnepressen mit Abbrasionsfolgen | Foto: DeKlinikvoorTandheelkunde.nl

Schlussfolgerung

Die Vorteile des Sattelstuhls im Vergleich zum traditionellen Arbeitsstuhl lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Der Benutzer kann nicht vom Sitz herunterrutschen.
  • Die Sitzhöhe kann höher sein als die Länge des Unterschenkels.
  • Ein offensichtlicher Vorteil für die ZFA ist die Möglichkeit, schnelle Drehbewegungen zu vollführen (diese werden allerdings ungünstig im Lumbalbereich des Rückens kompensiert).

Als wichtigste Nachteile sind zu nennen:

  • Die permanente Fixierung der Oberschenkel auf dem Sattel und die feste Stabilisierung der Füße auf dem Boden mit einer hohlkreuzartigen Änderung im Lumbalbereich der Wirbelsäule als Folge.
  • Das Design des Sattelsitzes bewirkt, dass sich der Oberkörper viel weiter nach vorne beugt, als es laut ISO-Standard zulässig ist. Gesundheitsschädigende physiologische Reaktionsmechanismen sind die Folge. Außerdem wird die notwendige Beugung des Kopfes zu einer zweiten Beugung in der Wirbelsäule auf hohem Zervikalniveau führen, was die sensorischen Informationen stört.
  • Fortwährende Bewegungen außerhalb der kinetischen Bewegungskette führen zunächst zu ausgleichenden Bewegungen und schließlich zur Adaption, die unumkehrbar und chronisch werden kann mit Beschwerden in der linken und in der rechten Seite des Oberkörpers (Wirbelsäule, Hals, Schulter und Hände). Die Verschiebung des Unterkiefers wird beispielsweise zu ernsten Funktionsstörungen der Kaumuskulatur führen. Die meisten praktizierenden Zahnärzte und ZFAs erkennen nicht, dass diese Funktionen das Ergebnis einer falschen Sitzposition sind. 
  • Mangel an Beckenunterstützung: Gemeint ist eine Unterstützung mit Auswirkung auf den Darmbeinkamm (Crista iliaca superior posterior) und somit unter Aussparung des Rückens und der Rückenmuskulatur.
  • Das Bedienen des Fußschalters führt zu einer Verschiebung der Sitzknochen und folglich zu einer Verschiebung und Überlastung der Iliosakralgelenke und des unteren Rückens.

Im Ergebnis überwiegen die Nachteile des Sattelstuhls, was die Autoren zur Schlussfolgerung veranlasst: Ein Sattel gehört auf ein Pferd und nicht in die Zahnarztpraxis. Die Anschaffung eines Sattelstuhls für die Zahnarztpraxis wäre damit gleichzusetzen einem Trojanisches Pferd willkommen zu heißen.

drs. Paul Engels, Zahnarzt und Dentalergonomist, Santpoort/Niederlande

paul.engels@ziggo.nl

Prof. drs. Oene Hokwerda, Zahnarzt und Dentalergonomist, Eelde/Niederlande

drs. Joseph Wouters, Ergonomist und arbeitsmedizinischer Sachverständiger, Nijkerk/Niederlande

drs. Rolf de Ruijter, Zahnarzt und Dentalergonomist, Groningen/Niederlande

Die Autoren danken Ingeborg Griffioen, MSc für ihren Beitrag zur Biomechanik

Übersetzung aus dem Englischen überarbeitet von Prof. Dr. drs. drs. Jerome Rotgans, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Arbeitswissenschaft und Zahnheilkunde (AGAZ) in der DGZMK

agaz-vorsitzender@dgzmk.de

  • Die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitswissenschaft und Zahnheilkunde (AGAZ) tagt auf dem Deutschen Zahnärztetag in Frankfurt am Main am 10.11. von 9.00 bis 16.30 Uhr.
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