Jahrestagung der DG PARO in Dresden

Neue Paro-Klassifikationen in Sicht

Ende September kamen knapp 1.000 Zahnärzte und ihre Teams zur Jahrestagung der DG PARO nach Dresden. Wichtig zu wissen: Im kommenden Jahr gibt es neue Paro-Klassifikationen.

Vom 21. bis zum 23. September war das Congress Center in Dresden Treffpunkt für internationale Parodontologen. Fotos: zm/sf

Die aktuell noch gültige Klassifikation unterteilt die Parodontitis in agressive und chronische Fälle ein. Dass diese vor 18 Jahren vorgenommene Unterscheidung überholt sein könnte, zeigen nun neue Erkenntnisse auf molekularbiologischer Ebene. Beim „2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases“, der jetzt im November in Chicago stattfindet, wird die gültige Klassifikation der Parodontitis diskutiert und überarbeitet.

Laut Univ.-Prof. Dr. Henrik Dommisch, Leiter der Abteilung für Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin an der Charité Berlin, werden die detaillierten Inhalte der neuen Klassifikationen erst auf dem EuroPerio-Kongress (20.–23. Juni 2018) in Amsterdam veröffentlicht, allerdings gibt es eine Vorschau auf der DG-PARO-Frühjahrstagung (2./3. Februar 2018, Langenbeck-Virchow-Haus, Berlin). Im Fokus steht die Frage, ob und – wenn ja – was sich konkret für die jeweiligen Praxiskonzepte ändert.

In Dresden hielten unter anderem Prof. Barbara Noack (Dresden), PD Dr. Amelie Bäumer-König (Bielefeld) und Dr. Margret Bäumer (Köln) Vorträge zur Differenzialdiagnostik und Therapie der aggressiven und schweren chronischen Parodontitiden. Sie betonten, dass bei diesen schweren Erkrankungsformen die frühzeitige Diagnostik und konsequent durchgeführte Therapie einschließlich Erhaltungstherapie und Verhaltensbeeinflussung durchaus zu einem sicheren und voraussagbaren Therapieerfolg mit langfristigem Zahnerhalt führen. Noack zufolge sei die Genetik für die klinische Diagnostik heute jedoch noch keine große Hilfe. An neuen Ansatzpunkten werde zwar geforscht, aktuell müsse aber noch auf die Familienanamnese zurückgegriffen werden. Um die aggressive von der chronischen Parodontitis zu unterscheiden, sei die Progressionsrate das wichtigste Kriterium.

„Call for global Action“

Prof. Søren Jepsen (Bonn) erinnerte an die Tatsache, dass die Entzündung des Parodontiums die häufigste Erkrankung überhaupt sei. Insgesamt seien global etwa 743 Millionen Menschen betroffen. Soziologisch betrachtet sei Parodontitis Quelle und Resultat sozialer Ungleichheit zugleich. Namhafte Parodontologen haben daher in einem internationalen Ansatz einen „Call for global Action“ herausgegeben, der von Jepsen gemeinsam mit seinen Kollegen Maurizio S. Tonetti, Lijian Jin (Hongkong) und Joan Otomo-Corgel (Los Angeles) im Journal of Clinical Periodontology veröffentlicht wurde. Die Autoren richten sich mit ihrem Aufruf an die Weltgesundheitsorganisation, Gesundheitspolitiker und Zahnmediziner auf der ganzen Welt, aber auch an die breite Öffentlichkeit. Ziel ist, dafür zu sensibilisieren, wie relevant parodontale Erkrankungen sind: So gilt schwere Parodontitis als die sechsthäufigste Krankheit überhaupt – etwa elf Prozent der Weltbevölkerung sind betroffen. Daraus resultiert auch ein enormer wirtschaftlicher Schaden: Parodontitis erzeugt demnach weltweit einen Produktivitätsverlust von jährlich rund 54 Milliarden US-Dollar.

Scaling bleibt Goldstandard

Prof. Tonetti setzte sich mit der Rolle des Scalings auseinander. „Ob Scaling überhaupt noch State of the Art sei?“, fragte der „Paropapst“ in Dresden. Seine Antwort: Scaling bleibe der Goldstandard der Parodontitisbehandlung. Zusätzliche Maßnahmen sind seiner Erfahrung nach mit höheren Kosten verbunden. Dieser Mehraufwand solle jedoch unbedingt im klinischen Outcome sichtbar sein, was aber viele Therapien nicht erreichen. Tonetti plädierte dafür, die Parodontitis bereits im Frühstadium zu behandeln und sie keinesfalls als Bagatellerkrankung zu betrachten. Er verwies außerdem auf die Bedeutung der Reevaluierung – zu viele Zahnärzte würden das heute noch nicht tun. Unkenntnis über einen erfolgreichen Therapieausgang und eine mögliche Progredienz seien dann die Folge. Tonetti wies auch darauf hin, medizinische Co-Morbiditäten bei der Parodontitistherapie stets im Blick zu haben. Auf die Frage, wie lange die Antibiotikagabe bei einer Parodontitistherapie gegebenenfalls sein sollte, antwortete Tonetti, dass einige Studien eine Drei-Tage-Gabe bereits als ausreichend bewerteten. 

Prof. Benjamin Ehmke (Münster) beleuchtete den Zusatzeffekt der systemischen Antibiose mit Blick auf das Ergebnis des Scalings: Es gibt demnach nur wenige Indikationen für die systemische Antibiose. Initial tiefe Taschen und Patienten unter 55 Jahren profitierten wohl am ehesten. 

Prof. Ti-Sun Kim (Heidelberg) widmete sich der lokalen Applikation von Antibiotika, die im Rahmen der unterstützenden Therapiephase in Kombination mit mechanischer Instrumentierung Verwendung finden. Sie wies darauf hin, dass Metaanalysen nur einen sehr begrenzten, klinisch kaum relevanten zusätzlichen Behandlungserfolg gezeigt hätten. Auch Prof. Sigrun Eick (Bern) konnte nur über sehr eingeschränkte Effekte durch den Einsatz von Laser, photodynamischer Therapie oder Hyaluronsäure im Rahmen der Parodontitstherapie berichten. 

Prof. Giovanni Salvi (Bern) betonte, dass trotz potenzieller Unterschiede in Ätiologie oder Verlauf zwischen Parodontitis und Periimplantitis auch bei der Mukositis/Periimplantitis die Plaquekontrolle im Vordergrund von Prophylaxe und Therapie steht.

Beiträge zu Langzeitergebnissen und Analysen lieferte unter anderem DG-PARO-Präsident Prof. Christof Dörfer (Kiel) – hier speziell zur Gingivitis und periimplantären Mukositis. Auch im Kontext aktueller gesundheitspolitischer Debatten stellte Dörfer die Gingivitis als potenzielle Vorstufe der Parodontitis heraus. Sein Kieler Kollege, PD Dr. Christian Graetz, präsentierte Trends in der zahnärztlichen Behandlungsphilosophie. Anhand seiner Erfahrungen aus 30 Jahren konservativer Parodontitistherapie in Kiel zeigte er auf, wie durch eine strukturierte Therapie auch bei initial unsicherer Prognose langfristiger Zahnerhalt möglich ist. Wichtig sei, seitens des behandelnden Zahnarztes Risiko- und Prognosefaktoren nicht zu verwechseln. Und absolut essenziell, dass jeder Parodontitispatient fortlaufend individuell reevaluiert wird. sf/pm

  • Auf www.dgparo.de finden Sie Informationen zur DG-PARO-Frühjahrstagung 2018 und zur EuroPerio 2018 in Amsterdam.

Vom 21. bis zum 23. September war das Congress Center in Dresden Treffpunkt für internationale Parodontologen. 

Leitlinienkonferenz

Diese S3-Leitlinien sind neu

Vom 1. bis zum 3. Oktober 2017 fand im Kloster Seeon bei München eine von der DG PARO initiierte Leitlinienkonferenz statt, bei der die folgenden vier S3-Leitlinien konsentiert wurden:

  • Leitlinie 1: Häusliches mechanisches Biofilmmanagement in der Prävention parodontaler Erkrankungen. PD Dr. C. Graetz, PD Dr. K. El-Sayed, Dr. S. Sälzer, Prof. C. Dörfer
  • Leitlinie 2: Häusliches chemisches Biofilmmanagement in der Prävention und Therapie der Gingivitis. Prof. T. Auschill, Dr. S. Sälzer, Prof. N. Arweiler
  • Leitlinie 3: Subgingivale Instrumentierung. PD Dr. M. Kebschull., Dr. L. Hierse, Prof. H. Jentsch
  • Leitlinie 4: Adjuvante systemische Antibiotikagabe bei subgingivaler Instrumentierung im Rahmen der systematischer Parodontitistherapie. Dr. Y. Jockel-Schneider, PD Dr. B. Pretzl, Prof. U. Schlagenhauf, Prof. B. Ehmke
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