Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 8

Moriz Heider – österreichischer Allrounder

Nicht jeder Lebensweg zur Zahnmedizin war gerade und direkt – Moriz Heider stand angeblich gar die eigene Ehre im Weg. Doch dies hinderte ihn später nicht daran, voller „Aufopferung und Patriotismus“ die „Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ zu gründen, die Galvanokaustik zu erfinden und einen „Atlas zur Pathologie der Zähne“ zu schreiben.

Moriz Heider Quelle: picture-alliance_akg-images

Heider wurde am 21. Juni 1816 in Wien geboren [ADB, 1880; Parreidt, 1909; ÖBL, 1958b; Maretzky/Venter, 1974; Groß/Schäfer, 2009]. Er trat in der Schule durch ein besonderes Interesse an den Naturwissenschaften hervor. Dennoch nahm er nach der Reifeprüfung – ebenfalls in Wien – das Medizinstudium auf. Hierzu findet sich nur der lapidare Kommentar, „aeußere Verhältnisse“ hätten ihn zu dieser Studienwahl veranlasst [ADB, 1880]. Parallel besuchte Heider allerdings auch Lehrveranstaltungen in Mathematik und Astronomie und widmete sich insgesamt rund zwei Jahre lang mathematisch-astronomischen Fragen. Befördert wurden diese „außerfachlichen“ Aktivitäten durch ein Stipendium an der Wiener Sternwarte [ADB, 1880]. 

1841 promovierte Heider in Wien zum Doktor med. et chir., anschließend nahm er eine Assistentenstelle bei Johann Wisgrill an, der insbesondere das Fach Physik für Studierende der Chirurgie lehrte. Heider bereitete für Wisgrill die physikalischen Versuche vor und hielt zudem eigene Vorträge, die „großen Anklang fanden“ [ADB, 1880]. Dennoch hielt er Ausschau nach einer Assistentenstelle im klinischen Bereich. In dieser Zeit wurde Prof. Georg Carabelli, der in Wien die noch wenig etablierte Zahnheilkunde lehrte, auf Heider aufmerksam. Er bot ihm eine Assistentenstelle an, die Heider der Überlieferung nach zunächst mit den Worten „Ein honetter Mensch, der was gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden“ [Parreidt, 1909] ausschlug. Letztlich nahm Heider jedoch das Angebot an. Allerdings starb Carabelli bereits ein halbes Jahr später (1842). Heider erbte dessen wertvolle Sammlung von Zahnanomalien, Instrumenten und (Lehr-)Präparaten und übernahm in Wien dessen fachliche Aufgaben. 

1843 konnte Heider zudem die Habilitation abschließen. Fortan war es sein Ziel, die Zahnheilkunde an die akademische Medizin heranzuführen. In Jahr 1858 [ADB, 1880] oder 1859 [Parreidt, 1909] wurde Heider an seiner Heimatuniversität außerordentlicher Professor. Allerdings blieben seine Versuche, in Wien ein zahnärztliches Institut für den praktischen Unterricht zu gründen, erfolglos. Es blieb daher bei Fachvorlesungen, die Heider mit großem Engagement abhielt. 

Heider gehörte zu den wenigen zeitgenössischen Medizinern, die sich der Zahnheilkunde verschrieben – in einer Zeit, in der für die Ausbildung zum Zahnarzt in vielen Staaten des Deutschen Bundes die Tertiareife (d. h. die vierte Oberschulklasse) ausreichte. Die besondere Qualifikation Heiders dürfte dafür ausschlaggebend gewesen sein, dass er 1859 in Berlin zum Gründungsvorsitzenden des „Central-Vereins deutscher Zahnärzte“ (CVdZ) gewählt wurde. Heiders Wahl war insofern eine Überraschung, als er der einzige Österreicher unter den 26 mehrheitlich aus Nord- und Ostdeutschland angereisten Anwesenden war. Sie zeigt aber auch das große Ansehen, das Heider in dieser Zeit im Deutschen Bund genoss [Parreidt, 1909; Groß, 1994; Groß/Schäfer, 2009].

Heider stürzte sich in die neue Aufgabe. Allerdings wurde seine Arbeit schon nach wenigen Jahren von einer Krankheit überschattet: 1864 musste Heider aufgrund einer Tuberkulose-Erkrankung seine Praxis aufgeben, blieb jedoch weiterhin standespolitisch und wissenschaftlich tätig [ADB, 1880; Maretzky/Venter, 1974]. 

Heider starb am 29. Juli 1866 im Alter von 50 Jahren in Wien; sein Tod fiel somit mitten in die Zeit des Preußisch-Österreichischen Krieges, der letztlich zur Gründung des Deutschen Reiches (ohne Österreich) führte. Er fand seine Ruhestätte in Wien auf dem Hietzinger Friedhof in einem Ehrengrab.

Moriz Heider war der Vater des bedeutenden Zoologen und Mediziners Karl Heider, der 1856 in Wien zur Welt kam und 1935 in der Steiermark verstarb. Karl Heider hatte nach Studien in Graz und Wien 1879 den Dr. phil und 1883 den Dr. med. erworben und sich 1885 habilitiert. Er wurde 1894 ordentlicher Professor an der Universität Innsbruck [ÖBL, 1958a].

Zahnheilkunde nur mit Medizinstudium

Heider war in der Mitte des 19. Jahrhunderts neben Carl Schmedicke der wohl wirkmächtigste Vertreter der zeitgenössischen Zahnheilkunde. Sein erstes Ziel war die „Hebung des Standes und Förderung der Wissenschaft und Praxis“ [Groß/Schäfer, 2009]. Auch an die geplante Zeitschrift des CVdZ – die „Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ – knüpfte Heider hohe Erwartungen: „wir müssen uns ein großes, gemeinsames Organ schaffen, welches dem Einzelnen das Lesen der vielen Zeitschriften in fremden Sprachen erspart. Die Gründung einer solchen Zeitschrift [...] ist ein Gegenstand, der [...] die volle Aufopferung und den ganzen Patriotismus der Berufsgenossen in Anspruch nehmen wird“ [Groß/Schäfer, 2009]. Um dieses Ziel zu erreichen, übernahm Heider persönlich die Schriftleitung des Organs. Dabei legte er größten Wert auf die Differenzierung zwischen Originalartikeln und der bloßen Wiedergabe andernorts publizierter Aufsätze. Die Vierteljahrsschrift wurde bald zu einem angesehenen Organ; 1871 verfügte das Blatt bereits über 458 Abonnenten [Nordheim, 1957; Groß, 1994].

Zu Heiders berufspolitischen Zielen gehörte die Integration der Zahnheilkunde in das medizinische Vollstudium, die Bestellung von Zahnärzten als zahnärztliche Prüfer und Gutachter (anstelle der bis dahin bestellten akademischen Ärzte) sowie die Etablierung eines flächendeckenden Netzes zahnärztlicher Vereine [Maretzky/Venter, 1974].

Gerade die Forderung nach einer ärztlichen Vollausbildung als Voraussetzung für die zahnärztliche Tätigkeit trug Heiders Handschrift. Aus heutiger Sicht erstaunt es, dass es Heider gelang, den CVdZ auf diese weitgehende Position festzulegen, zumal die Mitglieder des Vereins – im Unterschied zu Heider – mehrheitlich keine Reifeprüfung aufwiesen und kein Medizinstudium absolviert hatten. Tatsächlich sollte sich Heiders Forderung späterhin in seinem Heimatland Österreich, nicht aber in Deutschland durchsetzen: In Österreich war die Ausübung der Zahnheilkunde bis in die 1990er-Jahre an ein vollständiges Medizinstudium mit nachfolgender Spezialisierung zum Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde gebunden [Gesundheit.gv.at, 2016]. Demgegenüber setzte sich im CVdZ nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) die Ansicht durch, dass die Zahnärzte zwar eine sukzessive akademische Angleichung an den ärztlichen Standard, aber keine grundständige ärztliche Ausbildung und somit auch keine vollständige Aufnahme in den Ärztestand anstreben sollten. Da auch die organisierte deutsche Ärzteschaft nicht daran interessiert war, die Zahnärzte in ihren Berufsstand aufzunehmen, blieben in Deutschland wie auch andernorts zwei eigenständige Berufsgruppen bestehen [Groß, 1994].

Schließlich sind auch Heiders Impulse für die flächendeckende Gründung von regionalen Vereinen zu würdigen [In Jg. 3, Heft 1 der Vierteljahrsschrift 1863, Leitartikel über „Die Gründung von Lokalvereinen“]. Hierzu gehörte die Gründung des „Vereins österreichischer Zahnärzte“ in Wien (1861); auch hier übernahm Heider den Vorsitz [ÖBL, 1958b].

Moriz Heider war nicht nur die zentrale Figur der zahnärztlichen Vereinspolitik, sondern führte zudem die Galvanokaustik in die Zahnheilkunde ein – ein Verfahren, das später auch in die Medizin Einzug hielt. Ausgangspunkt war Heiders Suche nach einem Ersatz des Glüheisens, das zur Zerstörung des Zahnnervs eingesetzt wurde. Nach Unterredungen mit dem Physikprofessor Carl August von Steinheil entwickelte er vor der Jahrhundertmitte ein Verfahren, bei dem ein Platindraht durch elektrischen Strom zum Glühen gebracht wurde. Rasch trat er mit einer entsprechenden Publikation („Der Platinschließungsdraht als Glühapparat für chirurgische Zwecke“) in der „Zeitschrift der k.k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien“ an die Öffentlichkeit. Später wurde die durch galvanischen Strom erzeugte Glühhitze tatsächlich zu einer chirurgischen Operationsmethode weiterentwickelt [ADB, 1880; Parreidt, 1909; ÖBL, 1958b].

Zudem propagierte Heider bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Füllung von Zähnen mit Goldblatt. Er war einer der ersten Zahnärzte im deutschen Sprachraum, der Gold(hämmer)füllungen anwendete und populär machte. Hinzu kamen weitere vielbeachtete Beiträge zur Zahnerhaltung und zur Differenzialdiagnose des Zahnschmerzes [ADB, 1880; ÖBL, 1958b].

Ebenso bedeutend waren Heiders Studien zur Zahnpathologie und -histologie [ÖBL, 1858b]. 1869 erschien posthum Heiders „Atlas zur Pathologie der Zähne“; dieser konnte dank des Wiener Pathologen Carl Wedl fertiggestellt werden. Der Atlas wurde bald nach seiner Veröffentlichung zu einem internationalen Standardwerk und damit zu Heiders wissenschaftlichem Vermächtnis [Heider/Wedl, 1869; Groß/Schäfer, 2009].

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Medizinische Fakultät

RWTH Aachen University

dgross@ukaachen.de

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