Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 12

Guido Fischer – Pionier der Lokalanästhesie

Guido Fischer (1877–1959) verfasste ein Standardwerk der zahnärztlichen Lokalanästhesie, konzipierte den ersten Lehrfilm in der Geschichte der Zahnheilkunde und veröffentlichte zahlreiche Beiträge zur frühen biologischen und pathohistologischen Forschung in der Zahnheilkunde.

Guido Fischer an seinem Arbeitsplatz Medizinhistorisches Museum Hamburg

Guido Fischer wurde am 22. Oktober 1877 in Dresden geboren, als Sohn des Architekten Bernhard Guido Fischer und dessen Frau Amalie, geborene Hartwig [Wolf, 1981]. Nach Schulbesuchen in Dresden, Zittau und Schneeberg erlangte Fischer 1896 die Primareife, was dem erfolgreichen Abschluss der Obersekunda entsprach – und ihn zu diesem Zeitpunkt noch zur Aufnahme des Zahnmedizinstudiums berechtigte, erst 1909 wurde dieses an den Nachweis des Abiturs geknüpft [Wolf, 1981]. 

Fischer nahm 1897 das Studium in Berlin auf, wo er unter anderem Lehrveranstaltungen bei Friedrich Busch, Willoughby Dayton Miller und Ludwig Warnekros besuchte. Nachdem er 1900 die zahnärztlichen Prüfung mit der Note „gut“ abgeschlossen hatte, war er kurzzeitig als Zahnarzt in Hildesheim tätig, wo er Clara Menshausen kennenlernte und im Jahr 1902 heiratete. Aus der Verbindung gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor [Wolf, 1981].

Ebenfalls noch 1902 ließ sich Fischer als Zahnarzt in Hannover nieder und schrieb sich dort an der Tierärztlichen Hochschule ein, wo er sich im (tier)anatomischen Institut insbesondere mit den Lufträumen der Vogellunge beschäftigte. Der Zoologe Carl Chun nahm die so entstandenen „Vergleichend-anatomischen Untersuchungen über den Bronchialbaum der Vögel“ als schriftliche Promotionsleistung an, so dass Fischer 1904 den Grad des Dr. phil. erlangen konnte [Wolf, 1981]. 

In den Folgejahren publizierte Fischer eine Reihe zahnmedizinischer Arbeiten, insbesondere über Wurzelresektionen. Fischers fachliche Aktivitäten führten im April 1907 zu seiner Berufung als Leiter der Zahnärztlichen Abteilung der Chirurgischen Klinik in Greifswald. Noch im selben Jahr gelang ihm die Habilitation mit dem Thema „Die Anästhesie im Dienste der Entzündungstherapie“, die zur Ausprägung eines neuen, wegweisenden Forschungsschwerpunkts – der zahnärztlichen Lokalanästhesie – führen sollte [Parreidt, 1909; Wolf, 1981]. 

Nun folgte eine Periode reichen Schaffens: 1909 publizierte Fischer das Buch „Bau und Entwicklung der Mundhöhle des Menschen“ [Fischer, 1909], noch im selben Jahr gründete er zusammen mit Bernhard Mayrhofer die Fachzeitschrift „Ergebnisse der gesamten Zahnheilkunde“ (1906–1924) und 1911 erschien schließlich sein Lehrbuch „Die lokale Anästhesie der Zahnheilkunde, mit spezieller Berücksichtigung der Schleimhaut- und Leitungsanästhesie“ in Berlin. Es sollte sich zu einem Standardwerk entwickeln, das sich über Jahrzehnte bestens verkaufte und bis 1955 in insgesamt zehn Auflagen erschien [Fischer, 1955a]. Bereits 1912 war das Werk ins Englische übersetzt worden, weitere Sprachen folgten [Wolf, 1981; Korkhaus, 1952; Groß, 1994]. Zudem konstruierte Fischer 1914 eine Injektionsspritze [Groß, 1994].

In Greifswald kam es auch zur Zusammenarbeit mit Hans Moral (1885–1933), der sich rasch zu einem kongenialen Partner bei den gemeinsamen Arbeiten zur zahnärztlichen Anästhesie entwickelte. Beide gelten als Wegbereiter der Lokalanästhesie in der Zahnmedizin. Als Fischer 1911 als Leiter des Zahnärztlichen Instituts nach Marburg berufen wurde, folgte ihm Moral zunächst nach, nahm allerdings bereits ein Jahr später eine Stelle als Oberarzt bei Johannes Reinmöller in Rostock an und wurde später dessen Nachfolger [Groß, 2017].

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Fischer für den Heeresdienst. Er übernahm die Leitung einer Kriegslazarettabteilung. Seine Erfahrungen als Feldzahnarzt hielt er in mehreren einschlägigen Schriften zur zahnärztlichen Versorgung im Felde fest, die noch vor Ende des Krieges erschienen. Zudem fand Fischer Zeit für etliche weitere Fachbeiträge. Insgesamt blieb Fischer acht Jahre Institutsleiter in Marburg. Dennoch war seine Periode in Hessen überschattet von mehreren Querelen und Streitigkeiten mit dem Kultusministerium, der Fakultät und einzelnen Marburger Kollegen. So wurde Fischer etwa das von ihm beanspruchte Extraordinariat verwehrt. Mit Schreiben vom 18. Juli 1919 ersuchte er schließlich den Universitätskurator in Marburg um Entlassung. Er hatte in der Zwischenzeit zwei Rufe (nach Hamburg und München) erhalten und entschied sich im September 1919 endgültig für Hamburg. Hier gelang ihm – mit Unterstützung des Dekans der Medizinischen Fakultät und der Hamburger Zahnärzteschaft – der Aufbau eines zugkräftigen Instituts. Zudem wurde Fischer 1920 das erhoffte Extraordinariat zugesprochen. Neben der Leitung des Zahnärztlichen Instituts fungierte Fischer hier auch als Leiter der Abteilung für klinische Chirurgie [Wolf, 1981]. 

Fischer verlebte in Hamburg eine ausgesprochen erfolgreiche Zeit: So kam es etwa zwischen 1919/20 und 1930 zu einer Vervierfachung der Studierendenzahlen. Bis Ostern 1930 wurden insgesamt 330 Zahnärzte promoviert. 1921 konnte Fischer zudem selbst den (erst 1919 eingeführten) zahnmedizinischen Doktortitel erlangen; hierbei erkannte man die vierte Auflage seines Lehrbuchs über die Lokalanästhesie als schriftliche Promotionsleistung an [Wolf, 1981]. In der Nachkriegszeit wurde er aufgrund seiner wegweisenden Arbeiten zur Lokalanästhesie zu einer international angesehenen Persönlichkeit des Faches: Er bereiste insbesondere in den 1920er-Jahren viele Staaten, darunter auch die USA, wo er in Washington sogar dem damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson (1913–1921) vorgestellt wurde. Besondere Anerkennung fand der von Fischer erstellte Lehrfilm „Kieferoperationen in Lokalanästhesie“ (1914), den er anlässlich seiner Vortragsreisen vorführte – es handelte sich hierbei um den ersten Lehrfilm in der Geschichte der Zahnheilkunde [Korkhaus, 1952/53; Wolf, 1981].

Ehrenmitglied in Argentinien, der Sowjetunion, den USA ...

1923 wurde Fischer in Moskau im Rahmen des ersten „Allrussischen Odontologischen Kongresses“ zum Ehrenmitglied der sowjetischen Zahnärzteschaft ernannt. Auch am zweiten Allrussischen Kongreß (1925) nahm Fischer als Ehrengast teil. Insgesamt wurde er in den Jahren 1914 bis 1933 von zahnärztlichen Vereinigungen in Chicago (1914), New York (1923), Zürich (1923), Dänemark (1928), Washington (1929), Tokio (1930), New York (1930), Buenos Aires (1932) und Ungarn (1933) die Ehrenmitgliedschaft angetragen [Wolf, 1981].

Das Jahr 1934 wurde dann zu einem Wendepunkt in Fischers Karriere: Es brachte seine Abberufung und Zwangsemeritierung durch die Nationalsozialisten. Obwohl Fischer 1932 in die NSDAP eingetreten war, geriet er bald in den Fokus der Partei. So wurden ihm unter anderem kommunistische beziehungsweise prorussische Aktivitäten, aber auch die Zweckentfremdung von Institutsmitteln vorgeworfen. Es folgte eine gezielte Indiskretion: Fischer hatte sich gegenüber amerikanischen Kollegen über besagte Angriffe ausgelassen. Seine Äußerungen wurden jedoch in der US-amerikanischen Fachzeitschrift „Oral Hygiene“ abgedruckt und somit öffentlich gemacht, was Fischer den Vorwurf des Landesverrats einbrachte. Es folgten der Parteiausschluss und schließlich am 30. Juni 1934 die Zwangsversetzung in den Ruhestand [van den Bussche, 1989]. Bis zum Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ 1945 war Fischer jede Möglichkeit der wissenschaftlichen Veröffentlichung untersagt. In dieser Situation eröffnete Fischer in München eine Privatpraxis, verbrachte aber bald einen erheblichen Teil seiner Zeit an seinem Privatwohnsitz in Berg am Starnberger See, wo er sich ausgedehnt mit Forschungsfragen beschäftigte [Wolf, 1981]. 

Für die Nazis war er ein „Landesverräter“

Noch dramatischer verlief unterdessen das Schicksal seines jüdischen Weggefährten Hans Moral: Auch Moral war in den 1920er-Jahren aufgrund seiner Beiträge zur Lokalanästhesie ein international gefragter und weit gereister Referent. Auch er wurde zwangsemeritiert (1933). Allerdings sah Moral für sich keine Zukunft mehr und setzte seinem Leben noch im selben Jahr ein Ende [Groß, 2017]. Fischer reagierte auf Morals Suizid nach eigenem Bekunden mit Entsetzen. So schrieb er in einer autobiografischen Skizze: „Erschüttert erhielt ich 1933 die Nachricht von seinem Freitod, der durch die verbrecherische Verfolgung des Hitler-Regimes ausgelöst wurde. Sein jüdischer Stolz war zu sehr gekränkt als dass er die Diffamierung seiner Glaubensgenossen überleben konnte.“ [zitiert nach: Wolf, 1981]. 

Nach Kriegsende kam Fischer für die Rückkehr auf einen Lehrstuhl schon aus Altersgründen nicht mehr infrage. Dessen ungeachtet stellte er einen Antrag auf Wiedergutmachung als politisch Verfolgter – allerdings ohne erkennbaren Erfolg [van den Bussche, 1989]. Zudem wurde seine 1915 publizierte Schrift „Die erste zahnärztliche Hilfe im Felde“ [Fischer, 1915] im Jahr 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt [Liste, 1948]. 

Doch mit der Zeit gelang Fischer eine gewisse fachliche und öffentliche Rehabilitierung: 1951 wurde er im Alter von 74 Jahren zum Ehrenmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde“ ernannt und 1955 folgte die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft durch das „Deutsche Institut für Kariesforschung“ in Mainz [Groß/Schäfer, 2009; Wolf, 1981]. Auch publikatorisch trat er nun wieder nachdrücklich in Erscheinung: In den Jahren 1949 bis 1958 veröffentlichte er bemerkenswerte 62 Beiträge, darunter auch die vielbeachteten Monografien „Normale und pathologische Biologie des Zahnsystems [Fischer, 1953], die „Biologie der Pulpa des menschliches Zahnes“ [Fischer, 1955b] sowie „Die Mundflora im Lichte neuer Erkenntnisse“ [Fischer/Santo, 1955], die eigentlich Auftakt einer neuen Buchreihe zur biologischen Forschung in der Zahnheilkunde werden sollte. 1956 erlitt er jedoch einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr vollständig erholte. Er starb am 22. Dezember 1959 in Berg [Wolf, 1981].

Hans Moral und Guido Fischer gelten gemeinsam als Entwickler der zahnärztlichen Lokalanästhesie. Fischer hat sich darüber hinaus durch zahlreiche Beiträge um die frühe biologische und pathohistologische Forschung in der Zahnheilkunde verdient gemacht. Er hat zeit seines Lebens tausende histologische Zahnpräparate „der herrlichsten Schliffe und Schnitte mit wertvollsten Befunden“ erstellt [Korkhaus, 1952/53]. Sein Œuvre umfasst insgesamt 237 veröffentlichte und vier unvollendete beziehungsweise unveröffentlichte Schriften [Wolf, 1981].

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II
Wendlingweg 2
52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

Foto: Medizinhistorisches Museum Hamburg 

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Die Entwicklung eines Faches hängt in erheblichem Umfang von genialen oder wegweisenden Ideen einzelner Fachvertreter ab. Bisweilen reicht es allerdings auch, dass eine bestimmte Person zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort eine Initiative startet, die dann eine prägende beziehungsweise dynamische Wirkung entfaltet.

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