Aligner-Therapie aus dem Internet

Schöne Zähne per Post

Bundeszahnärztekammer

Bei Komplikationen als Körperverletzung strafbar

 „Eine zahnmedizinische Behandlung ist immer mit erheblichem Kontrollaufwand verbunden, so dass sie der echten Selbstbehandlung entzogen ist“, stellt die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in ihrem Beschluss „Grenzen der Selbstbehandlung – insbesondere in der Kieferorthopädie“ von Mai 2017 fest. 

„Gerade bei der kieferorthopädischen Bewegung von Zähnen oder Zahngruppen wirken bisweilen starke Kräfte dauerhaft auf die Zähne und den Zahnhalteapparat ein, die einer kontinuierlichen Kontrolle seitens eines Zahnarztes bedürfen. Gerade auch bei der Behandlung mit Alignern können über längere Zeit unkontrollierte größere Krafteinwirkungen die Blutzufuhr zum Zahnhalteapparat unterbinden, was zu einer Devitalisierung einzelner Zähne bis hin zum irreversiblen Zahnverlust führen kann.“ 

Ein weiteres Problem sieht die BZÄK in der Selbstbehandlung bei Gingivitis oder Parodontitis: Eine ärztlicherseits unkontrollierte Therapie von Zahnfehlstellungen bei Erwachsenenen mit Alignern „gerade in dieser Altersgruppe ist wegen der damit verbundenen Risiken als fehlerhaft und erheblich risikobehaftet einzustufen“. 

Ihr Fazit: „Die Anleitung zur Selbstbehandlung, die Zurverfügungstellung von Informationen oder Geräten zur Selbstbehandlung in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde kann daher nach alledem im Falle von Komplikationen als Körperverletzung strafbar werden.“

DGAO: Eine Therapie imjuristischen Graubereich

Bei der Deutschen Gesellschaft für Aligner Orthodontie (DGAO) steht man der Informationspolitik der Anbieter und dem wachsenden Markt der Online-Geschäftsmodelle skeptisch gegenüber. Als „generell fragwürdig“ seien dabei die Therapieversprechen der Dienstleister zu bewerten, die auf ihren Homepages in erster Linie auf die günstige Preisgestaltung, auf die individuelle Behandlungssituation und -möglichkeiten aber nur sehr oberflächlich und grob eingehen. „Inwieweit eine algorithmusbasierte Computersimulation auf Grundlage eines digital erzeugten Scans oder eines selbstgenommenen Abdrucks ungeklärter Qualität ein visualisiertes, versprochenes Behandlungsziel tatsächlich erreichen kann, ist dabei von einer Vielzahl individueller, hier zum Teil völlig unberücksichtigter medizinischer, patientenspezifischer wie auch biomechanischer Parameter abhängig“, urteilt die DGAO. „Dabei findet insbesondere keine klare Differenzierung zwischen einer rein kosmetisch orientierten Maßnahme und einer medizinisch indizierten kieferorthopädischen Therapie statt.“

Hier sieht die DGAO einen juristischen Graubereich: Bislang stelle eine Kieferabformung zwar eine ärztliche Leistung dar, wenn diese im Zusammenhang mit einer medizinischen Heilbehandlung steht. „Isoliert betrachtet, ist es aber nicht verboten, sich selbst einen Zahnabdruck zu nehmen. Hier kommt es also auf den weiteren Verwendungszweck an.“ Ist diese Handlung als Bestandteil einer medizinisch notwendigen Heilmaßnahme zu sehen, bedarf es in Deutschland einer Approbation – dient diese Anwendung indes lediglich zur Durchführung kosmetischer Veränderungen, sind diese Maßnahmen aus Sicht der DGAO im Sinne des Gesetzes nicht als ärztliche Handlung zu werten und dürften demnach von jedermann durchgeführt werden.  

SmileMeUp zeigt auf YouTube, wie Patienten ihre Zahnabdrücke selbst erstellen können.| Youtube – Smilemeup

Die Werbebotschaft

„Zahnbegradigung macht glücklich“

 Von Hollywood bis Ottonormalo: Die Zielgruppe der Online-Anbieter von Aligner-Therapien scheint riesig. So investiert etwa der nordamerikanische Anbieter SmileDirectClub für seinen Instagram-Kanal in etablierte Influencer-Schönheiten wie OliviaBentley oder JessSouthern – die zusammen rund eine halbe Million Follower haben –, zeigt in TV-Spots aber auch Werbefiguren zwischen 20 und 60 Jahren, die eher charmant und authentisch als übertrieben makellos wirken. 

Genauso ist es im Clip des international operierenden Unternehmens YourSmileDirect. Eine perfekt geschminkte, aber durchschnittlich aussehende Frau erklärt dem Zuschauer in 30 Sekunden, warum sie sich in ihrem hektischen Alltag gern den unnötigen Besuch beim Kieferorthopäden erspart. Ansonsten lautet die Botschaft: Die Zahnbegradigung gibt Selbstvertrauen und macht glücklich. In Verbraucherforen wie realself.com finden sich jedoch auch Patientenberichte, die von Therapieabbrüchen, Misserfolgen oder gesundheitlichen Beeinträchtungen berichten. Auffällig ist, dass SmileDirectClub unverzüglich reagiert und jeweils Klärung beziehungsweise Hilfestellung anbietet. Der weitere Verlauf, aber auch der Wahrheitsgehalt der anonymisiert abgegebenen Erfahrungsberichte lässt sich jedoch nicht überprüfen. Zahlenmaterial zum Anteil missglückter Therapien in den USA oder in Großbritannien ist nicht zu bekommen. Die American Association of Orthodontists reagierte nicht auf eine entsprechende Anfrage, die British Orthodontic Society erklärte, ihr lägen keine Beschwerden von Patienten vor. 

Zumindest in der Startphase der deutschen Unternehmen gilt dies auch hierzulande: Den Patientenberatungsstellen der BZÄK/KZBV sowie den Verbraucherzentralen der Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen sind keine Patientenbeschwerden bekannt.

DGKFO: Kontinuierliche Kontrolle ist zwingend

Dagegen stuft die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) es generell als medizinisch unverantwortlich und potenziell gesundheitsgefährdend ein, „wenn die Erstellung von Zahnabdrücken – konventionell oder per 3-D-Scan – durch den Patienten mit anschließender Durchführung einer kieferorthopädischen Eigentherapie oder mit nur einmaligem persönlichen Kontakt zum Behandler ohne geeignete Kontrolle und Dokumentation des Behandlungsverlaufs“ erfolgt. Die kontinuierliche Kontrolle und Bewertung der Auswirkungen aller Therapieschritte durch einen hierfür aus- und weitergebildeten Behandler sei schließlich ein Wesensmerkmal einer kieferorthopädischen Therapie. „Im Rahmen einer solchen Behandlung ist nicht nur die isolierte Begradigung von Frontzähnen, sondern neben anderen Faktoren auch die Einstellung einer korrekten Okklusion und Interkuspidation in einem geeigneten orofazialen Funktionsumfeld das Ziel.“ Unkontrollierte Bewegungen von Front- und Seitenzähnen könnten den Alveolarfortsatz sowie das Zahnfleisch schädigen, warnt die DGKFO und stellt klar, dass dabei nicht die kieferorthopädische Therapie mit Alignern als solche ein Problem darstellt, „sondern die unkontrollierte Eigentherapie mit jeglichen Behandlungsgeräten ohne adäquate Risikoeinschätzung und Verlaufskontrolle“.

Der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden (BDK) geht in seiner Bewertung hingegen davon aus, dass die Korrektur von Zahn- oder Kieferfehlstellungen in jedem Fall über eine bloße Kosmetik hinausgeht und auch dann eine zahnärztliche Heilbehandlung darstellt, wenn sie sich zum Beispiel nur auf die Frontzähne bezieht. „Bei jeder kieferorthopädischen Behandlung müssen die Auswirkungen der Maßnahme auf das gesamte stomatognathe System berücksichtigt werden. Bei unerwarteten Behandlungsverläufen muss zeitgerecht reagiert werden“. Die beschriebenen Geschäftsmodelle gewährleisten nach Kenntnis des BDK „eine aus fachlicher Sicht erforderliche zahnärztliche Begleitung nicht“ – und setzten damit die Patienten einer potenziellen Gesundheitsgefahr aus.

BDK: Potenziell gefährlich und rechtswidrig

Unabhängig davon hält der BDK die auf die Erbringung von Zahnheilkunde gerichteten Angebote für rechtswidrig, weil sie gegen das Zahnheilkundegesetz und gegen – soweit Zahnärzte beteiligt sind – berufsrechtliche Regelungen verstoßen. Pauschalpreise bei zahnärztlichen Leistungen widersprächen außerdem den Regelungen der GOZ. Die Werbeaussagen ließen sich teilweise auch nicht mit den Vorschriften des Heilmittelwerbegesetzes in Einklang bringen. 

Fazit des BDK: Stellt der Patient den Abdruck selbst her, sei dessen notwendige Genauigkeit nicht gewährleistet, um Basis einer Behandlungsplanung zu sein. Ein entscheidendes Urteil, denn „die Erstellung eines Behandlungsplans auf der Grundlage nicht fachgerecht erhobener Befunde stellt nach unserer Bewertung eine Unterschreitung des fachzahnärztlichen Standards dar“, so der BDK. Dies gelte auch für die Erstellung eines Behandlungsplans in Kenntnis seiner „unkontrollierten Durchführung“.

Urbaniak betont, Dr.Smile habe seine Behandlungsmethode „mit einem weltweit führenden Dentalunternehmen gemeinsam entwickelt, das bereits über 50.000 Aligner-Behandlungen erfolgreich durchgeführt hat“ und stelle seine Produkte „in spezialisierten, zertifizierten Dentallaboren“ her. Gleichzeitig evaluiere und verbessere man Produkte und Methodik gemeinsam mit Partnerzahnärzten und einer „KFO-Fakultät eines großen deutschen Universitätsklinikums“. Zum Aufbau des zahnärztliches Netzwerks innerhalb Deutschlands will das Unternehmen ab April ordentlich die Werbetrommel rühren, verrät Urbaniak noch. Einen ersten Akquiseerfolg gebe es bereits zu vermelden: „Unser Partner in Berlin gehört nach unserer Einschätzung inzwischen zu den fünf größten Aligner-Behandlern in Berlin.“

USA

SmileDirectClub droht Marktführer Invisalign

Ende 2017 veränderte sich der Markt: Während in Deutschland die ersten Unternehmen gegründet wurden, die Aligner-Therapien außerhalb von Zahnarztpraxen anbieten, modifizierte Align Technology (Invisalign) in den USA sein Geschäftsmodell und eröffnete zwei Shops, die sich erstmals direkt an Endkunden richten. 

Das Novum: In den Filialen in San Francisco und San Jose können Patienten direkt in Einrichtungen des Marktführers einen 3-D-Scan erstellen, sich das mögliche Therapieergebnis visualisieren und an einen behandelnden Zahnarzt vermitteln lassen. Dies sei Teil der Expansionsstrategie, um die mehr als 300 Millionen Verbraucher weltweit zu erreichen, die von einer Therapie mit klaren Zahnschienen profitieren können, wird Joe Hogan, Präsident von Align Technology, zitiert. Ob zeitnah weitere Shops in den USA, in Europa oder auch in Deutschland in Planung sind, bleibt offen. Eine entsprechende Anfrage an das Unternehmen blieb bis zum Redaktionsschluss der vorliegenden Ausgabe unbeantwortet. 

Fest steht aber, dass Align Technology mit dem Vorstoß die Unternehmensführung seines Partnerunternehmens SmileDirectClub gegen sich aufbrachte. SmileDirectClub sieht in der Eröffnung herstellereigener Shops eine Verletzung von Wettbewerbsverboten und -vereinbarungen und drohte mit einem Rückkauf eines 19-prozentigen Unternehmensanteils, den Align Technology 2016 von SmileDirectClub für rund 60 Millionen Euro erwarb. Man versuche, die „haltlosen Vorwürfe“ so schnell wie möglich auszuräumen, kommentierte Hogan den Vorfall und betonte: Der bis 2019 geschlossene Liefervertrag – der seinem Unternehmen eine Mindestabsatzmenge von Zahnschienen über den SmileDirectClub garantiert – werde von den Streitigkeiten nicht beeinflusst.

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G ZwielichRezessionen&Fenestration per Post
Wie der Kollege bereits bemerkte, ist ein Stripping nicht möglich und die Platzbeschaffung kann nur durch eine Expansion des Zahnbogens geschehen (transversal und frontal). Abgesehen von einer hohen Rezidivgefahr besteht das Risiko von parodontalen Rezessionen
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und Fenestrationen.
Ich zeige meinen Patienten den Youtube-Film eines Kollegen, der das sehr anschaulich dargestellt hat:
"What Invisalign does not tell " Jeffrey Miller
https://www.youtube.com/watch?v...Y

Vor 2 Jahren 10 Monaten
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Stefan Mauß
Es wäre einmal sehr interessant, die Ergebnisse dieser Online-Behandlungen betrachten zu können. Leider wird bei der Aligner Diskussion in der Laienpresse/Netz häufig komplett außer Acht gelassen, dass bei den meisten Patienten, die eine solche Therapie
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bevorzugt zur Ausformung der OK/UK-Front wünschen, eine Engstand/Platzmangel besteht, der nach wie vor aufgelöst werden muss. Durch die approximale Schmelzreduktion verteilt auf mehrere Interdentalräume funktioniert das auch sehr gut. Das schaffen in den meisten Fällen die Schienen alleine eben nicht, dazu bedarf es einer Modellanalyse und eines Slicing-Protokolls, damit einerseits die Bewegung koordiniert durchgeführt werden kann, andererseits aber eben auch keine Restlücken nach der Behandlung übrig bleiben. Dazu bedarf es neben ein wenig Erfahrung auch eines Stripping-Tools und einer Messlehre, um genau den Platz interdental zu schaffen, den man benötigt. Ich frage mich, wie so etwas bei einer Online-Behandlung funktionieren soll: Bekommt der Patient dort eine Nagelfeile mitgeliefert, mit der er sich vor dem Badezimmerspiegel den nötigen Platz schafft?

Vor 2 Jahren 10 Monaten
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