Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Fortbildung in Prävention

Prävention muss eine Krankheit – Karies, Parodontitis und Erosion – effektiv, das heißt gezielt, verhindern können. Zugleich sollte das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen stimmen – sie muss also auch effizient sein. Auf dem Zahnärztetag Westfalen-Lippe Mitte März in Gütersloh präsentierte Tagungsleiter Prof. Stefan Zimmer vor diesem Hintergrund die neuesten Erkenntnisse.

Spaß im Mund: Tagungsleiter Prof. Stefan Zimmer (v.l.n.r.), Kammervorstandsmitglied Dr. Martina Lösser, Kammerpräsident Dr. Klaus Bartling und Vizepräsident Jost Rieckesmann erkunden zusammen mit Grundschulkindern eine begehbare Mundhöhle. ZÄKWL

Insgesamt 31 Kilogramm Zucker konsumiert jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr (Stand 2016). Das sind 90 bis 100 Gramm pro Tag – also 40 beziehungsweise 50 Gramm zu viel. Können Zuckeraustausch- und -ersatzstoffe oder Probiotika die auch für die Mundgesundheit schädlichen Keime verdrängen? 

Zuckeraustauschstoffe bringen nichts

„Die Verbindung von Saccharose und Stärke erzeugt die höchste Kariogenität“, eröffnete Prof. Dr. Elmar Hellwig aus Freiburg. Dabei sei die Menge, nicht die Frequenz der Zuckeraufnahme signifikant mit dem DMFT-Wert assoziiert. Die tägliche Fluoridierung wirke bremsend, könne Karies aber bekanntlich nicht verhindern. „Insgesamt sind die Ergebnisse für Zuckeraustauschstoffe – außer in Kaugummis – ernüchternd“, bilanzierte Hellwig.

Prof. Dr. Nicole Arweiler aus Marburg beleuchtete die Wirkung antimikrobieller Mundspüllösungen als unterstützende Maßnahme der häuslichen Mundhygiene. Auf Basis der entsprechenden Leitlinie empfiehlt sie zur weiteren Plaque-Entfernung Formulierungen mit Amin- und Zinnfluorid, ätherischen Ölen, Cetylpyridiniumchlorid und Chlorhexidin für folgende Risikogruppen: 

  • Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf und eingeschränkter Alltagskompetenz
  • Patienten mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, die kein effektives mechanisches Biofilmmanagement erreichen können
  • Patienten mit schwer zugänglichen Bereichen, so dass kein effektives mechanisches Biofilmmanagement möglich ist
  • Chemo-Patienten

In Situationen, etwa bei akuter Gingivitis, in denen kurzfristig – zwei bis vier Wochen – die Keimzahl mangels Biofilmmanagement reduziert werden soll, befürwortet sie gemäß der Leitlinie mindestens 0,2-prozentige chlorhexidinhaltige Spüllösungen. Die Verwendung alternativer Wirkstoffe sieht sie aufgrund der dürftigen Studienlage kritisch.

Prof. Dr. Anton Friedmann aus Witten verwies auf die prognostische Relevanz der Patientenkompetenz: „Motivation und Selfempowerment sind notwendig!“ In Zukunft müsse man sich stärker auf die Entzündungsprozesse des Körpers konzentrieren, da gerade die Parodontitis Anzeichen darauf liefert. 

„Bleiben Sie transparent“ – für mehr Compliance

„Selfempowerment“ war das Stichwort für Prof. Dr. Dorothee Heckhausen aus Berlin. Der Zahnarzt informiert, argumentiert – und trotzdem setzt der Patient nichts von alledem um. Woran liegt das? Heckhausen zeigte anhand der motivierenden Gesprächsführung, dass jeder Patient die richtige Ansprache braucht. Gerade bei ambivalenten Patienten sollte man diese – gängigen – Strategien vermeiden: 

  • warnen, ermahnen, ängstigen 
  • Lösungen vorgeben, Vorschläge unterbreiten 
  • belehren, auf logischen Argumenten beharren
  • zureden, moralisieren, predigen 
  • verurteilen, kritisieren 
  • ignorieren.

„Wenn Sie versuchen, einen ambivalenten Patienten mit Ihrem geballten Wissen von der Notwendigkeit einer Verhaltensänderung zu überzeugen, geraten Sie schnell in ‚Ja/Aber-Argumentationsketten‘. Solche Gespräche führen zu nichts, im Gegenteil: Am Ende geht der Patient aus der Praxis mit dem Gefühl, doch irgendwie recht zu haben“, veranschaulichte Heckhausen. „Es bringt auch nichts, jemanden überführen zu wollen. Inquisitorische Fragen enden in der Regel damit, dass der Patient sich unfair behandelt fühlt und in eine Abwehrhaltung geht. Daher mein Tipp: Bleiben Sie transparent!“, riet die Professorin. „Abwehrreaktionen können übrigens unterschiedliche Ausprägungen annehmen: Die einen kämpfen, die anderen flüchten, und es gibt Menschen, die stellen sich tot. Totstellen wird oft verwechselt mit Adhärenz. Doch diese Patienten sind nicht compliant, sondern passiv-aggressiv, das heißt, sie nicken in der Praxis alles ab, befolgen aber gar nichts.“ Am besten, betonte Heckhausen, spricht man offen über die Pros und Cons einer Verhaltensänderung und arbeitet die Diskrepanzen zwischen Gegenwart und erwünschtem Zustand gemeinsam mit dem Patienten heraus. „Verlassen Sie das Reiz-Reaktions-Schema – das kostet Sie nur Kraft und Nerven“ sagte Heckhausen. „Fühlen Sie sich stattdessen in den Patienten ein und seien Sie empathisch. Mit anderen Worten: Holen Sie ihn dort ab, wo er steht!“ 

Der Mund als entgleistes System

ZA Georg Scherpf aus Berlin stellte sein Praxiskonzept zur professionellen Prävention vor: „Anhand des PAR- und des DMFT-Index bestimmen wir in unserer Praxis das Parodontitisrisiko des Patienten.“ Dabei unterscheidet Scherpf drei Systeme: 1. Bei einem stabilen System sind keine Schritte seitens der Praxis notwendig, eine Verbesserung der Mundhygiene kann aber nützlich sein. Eine Sitzung pro Jahr genügt. 2. Bei einem labilen System sind Anzeichen der Krankheit sichtbar – und die Verbeserung der Mundhygiene ist notwendig. Sollten größere restaurative Maßnahmen erfolgen, muss der Patient in ein organisiertes Prophylaxeprogramm aufgenommen werden. Das Intervall beträgt sechs Monate. 3. Bei einem „entgleisten System“ ist der Patient schwer erkrankt, ein organisiertes Prophylaxeprogramm zwingend geboten, andernfalls sind Sanierung und Restauration eher abzulehnen. Der Patient sollte mindestens alle drei Monate in der Praxis vorstellig werden.

„Ich bin ein Freund der Selbstverwaltung!“ NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mit KZV-Vize Michael Evelt, KZV-Chef Dr. Holger Seib, Kammervorstandsmitglied Dr. Martina Lösser, Kammervizepräsident Jost Rieckesmann und Kammerpräsident Dr. Klaus Bartling. | ZÄKWL

So wichtig ist das Milchgebiss

Vor dem Hintergrund systemischer Erkrankungen und einer darum oft eingeschränkten Mobilität der Patienten plädierte Prof. Dr. Benjamin Ehmke aus Münster für eine individuellere, ans Lebensalter und an den allgemeinen Gesundheitszustand angepasste Parodontitistherapie. „Möglicherweise reicht es aus, wenn der Patient seine Zähne erhält.“

Prof. Dr. Ulrich Schiffner aus Hamburg thematisierte die Prävention im Milchgebiss. In Hamburg leiden laut Schiffner 15 Prozent der Dreijährigen an Karies, ihr dmft-Wert beträgt 3,4. Bei den Ein- bis Zweijährigen haben 3,9 Prozent Dentinkaries und 15,3 Prozent Initialkaries. Schiffner erinnerte in dem Zusammenhang an die – bedeutenden – Funktionen der Milchzähne: 

  • Kauen (Kinder mit zerstörten Zähnen essen zu wenig), 
  • Platzhalter, 
  • Gesunderhaltung bleibender Zähne, 
  • Sprechen und 
  • Lachen (nonverbale Kommunikation. 

Die körperliche und seelische Entwicklung hänge damit wesentlich auch von gesunden Milchzähnen ab. Aufgrund ihres geringeren Mineralgehalts in Verbindung mit einem höheren Porenvolumen entsteht an Milchzähnen schneller Karies als an bleibenden Zähnen. Ein hohes Kariesrisiko besteht, sobald man Plaque an den Frontzähnen bereits optisch wahrnimmt. Bis Kinder acht bis zehn Jahre alt sind, sollten Eltern nachputzen, wobei das Nachputzen Schiffner zufolge die Hauptreinigung darstellt.

Investoren gründen MVZ – und gefährden die Versorgung

Dr. Klaus Bartling, Präsident der Zahnärztekammer Westfalen-Lippe, benannte in seiner Auftaktrede vier aktuelle Probleme in der zahnmedizinischen Versorgung: 

1. die „immer noch nicht“ umgesetzte Approbationsordnung, 

2. die Fachsprachenprüfung (bei der nur die Fachsprachenkompetenz bewertet werden dürfe, die fachlichen Defizite der ausländischen Bewerber jedoch außen vor gelassen werden müssten), 

3. die befürchtete Bürokratielast durch die Datenschutzgrundverordnung sowie 

4. die Bedrohung der Versorgungslandschaft durch ausländische MVZ-Investoren.

„Zahnärzte, Kommunen und Krankenhäuser dürfen jetzt arztgruppengleiche MVZ gründen. Für diese Kapitalgeber ist es wirklich einfach: Sie kaufen eine psychiatrische Klinik und dann haben sie diesen Status“, sagte Bartling. „Solche Investoren versprechen sich vom deutschen Gesundheitsmarkt einzig eine lukrative Rendite. Das ursprünglich damit von der Politik verfolgte Ziel, die Versorgung auf dem Land zu stärken, erfüllen sie gar nicht – diese MVZ sitzen ja in den Ballungszentren.“ Den anwesenden NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fragte er: „Wollen Sie, dass wir weiter als freiberufliche Zahnärzte arbeiten? MVZ unterliegen nämlich nicht der Musterberufsordnung – sie sind bei der IHK gemeldet.“

Auch er mache sich Sorgen, was die Kettenbildung angeht, pflichtete Laumann ihm bei. Es sei aber auch „Aufgabe der Freiberufler selbst“, ihre Werte in die neue Generation hineinzutragen. „Die Kammern sitzen auf dem Ast der Freiberuflichkeit, deshalb ist es auch an ihnen, darüber nachzudenken, wie man diese Freiberuflichkeit wirtschaftlich betreiben kann.“ Laumann bezeichnete sich als „Freund der Selbstverwaltung“ und versprach, wo immer möglich, staatliche Aufgaben auf die Kammer zu übertragen. Aber: „Wir haben arztgruppengleiche MVZ zugelassen, weil in der allgemeinmedizinischen Versorgung die Hütte brennt. Wenn wir nur Zahnärzte hätten, dann hätten wir das bestimmt nicht getan! Ich sehe allerdings keinen Grund, bei den Zahnärzten eine Ausnahme zu machen und diese Regelung bei Ihnen aufzuheben, denn noch haben wir ja kein Problem in der zahnärztlichen Versorgung! Sie können aber sicher sein, dass wir diese Entwicklung mithilfe kleiner Stellschrauben lenken."

Festvortrag

Fakenews, Populismus und postfaktische Wahrheit

Fakenews, Populismus und postfaktische Wahrheiten bestimmen die Welt. Sind Demokratie und Rechtsstaat in Gefahr? „Das Grundkonzept aller populistischen Ideen ist die ‚illiberale Demokratie‘ nach Viktor Orbán“, erklärte Festredner Peter Müller: Freiheit und Privateigentum seien in diesem Konstrukt lediglich ein Alibi für die Selbstbereicherung der Eliten – nach dem Motto: „Die Demokratie muss aus den Fesseln des Rechtsstaats befreit werden!“ Bei hybriden Regierungsformen zwischen Demokratie und Autokratie heilige der Zweck die Mittel, um den vermeintlichen Volkswillen durchzusetzen. Die Versuche der Realisierung geschehen laut Müller immer nach demselben Muster: „Wir erleben Angriffe gegen die Strukturen des Rechtsstaats, zivilrechtliches Engagement wird diffamiert, die Verfassungsgerichtsbarkeit wird eingeschränkt, gelähmt und gleichgeschaltet, Kampagnen gegen politische Gegner werden initiiert und es erfolgt ein Zugriff auf die Justiz.“ In dieser Weise agieren nicht nur Erdogan, Trump oder auch Macron: „Auch in Deutschland werden von den Populisten Demokratie und Rechtsstaat gegeneinander in Stellung gebracht!“ Doch wie können wir die Demokratie sicherstellen? Müller plädiert für offene Debatten – auch über Probleme und Sorgen der Menschen: „Es darf keine Tabus geben!“ So dürfe es beispielsweise nicht sein, dass man im Bereich der Kriminalität nicht klar darüber redet, dass in bestimmten Tätergruppen Ausländer überproportional vertreten sind – nur um sich nicht dem Vorwurf der Ausländerdiskriminierung auszusetzen. Müller: „Wir brauchen einen schlanken, aber durchsetzungsfähigen Staat. Es darf keinen Platz für rechtsfreie Räume geben. Freiheit und Sicherheit müssen vernünftig austariert werden. Und ganz wichtig: Wir brauchen ein digitales Vermummungsverbot im offenen Diskurs!“

Peter Müller war von 2009 bis 2011 Ministerpräsident des Saarlands. Seit 2011 ist er Richter beim Bundesverfassungsgericht.

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