Wurzelkanalsysteme – Teil 3

Die Anatomie von Oberkiefer-Schneide- und -Eckzähnen

25 Prozent aller Wurzelkanalbehandlungen finden an Frontzähnen statt. Trotz scheinbar einfacher Anatomie treten hier im Verlauf von Wurzelkanalbehandlungen Komplikationen auf, die im Vergleich zu Behandlungen an Molaren und Prämolaren häufiger Revisionen, Wurzelspitzenresektionen und Extraktionen nötig machen.

3-D-Rekonstruktion nach Mikro-CT-Aufnahme zur Darstellung der komplexen Anatomie von Zahn 21 mit mehreren rechtwinklig abzweigenden Seitenkanälen Paqué

Die Schneide- und Eckzähne des Oberkiefers genießen in der menschlichen Kultur große Aufmerksamkeit. Sie sind nicht nur aus funktionellen Gründen von Bedeutung, sondern auch als Symbol von Schönheit und Vitalität. Je nach kultureller Herkunft werden die Schneidezähne des Oberkiefers sogar farblich oder in der äußeren Form verändert, um die Aufmerksamkeit für das Individuum zu erhöhen [Agbor et al., 2015]. Der Verlust eines oder mehrerer Frontzähne oder eine atypische farbliche Veränderung führen deshalb bis heute zu einer sozialen Benachteiligung [Atzlinger, 2011].

Kariesfolgeerkrankungen und traumatische Verletzungen sind die häufigsten Ursachen für eine endodontische Therapie. Insbesondere traumatische Verletzungen im Kopfbereich führen oft zu Verletzungen der Frontzähne mit pathologischen Veränderungen der Pulpa. Konkussions- und Dislokationsverletzungen können bei Erhalt der Pulpa und fehlender mikrobieller Infektion zu einer raschen Produktion von irregulärem Tertiärdentin (Osteoid) führen [Six et al., 2001; Mjör, 2002; Ørstavik & Pitt-Ford, 2008]. Degenerative und reparative Reaktionen der Pulpazellen können auch als Folge von Karies zur Bildung von Tertiärdentin, Dentikeln und verstärkter Mineralisation oder Fibrosierung der Pulpa beitragen. Dies kann sowohl das Auffinden des Wurzelkanaleingangs als auch das Erschließen und Erweitern des Wurzelkanals erheblich erschweren (Abbildung 1).

Abbildung 1a: Auf der Röntgenaufnahme von Zahn 11 ist auf Höhe der SZG eine dentindichte Struktur erkennbar, die den Wurzelkanaleingang verlagert. b: Bruchpräparat palatinale Ansicht: massiver Dentikel und eine perlenkettenartige Anordnung weiterer Hartgewebeneubildungen über die gesamte Wurzellänge, c: REM-Ansicht der kristallinen Hartgewebestücke, die den Wurzelkanal blockieren | Arnold

Abbildung 2: Röntgenkontrollaufnahme der Zähne 12–22 mit scheinbar einfacher Anatomie und fortbestehenden apikalen Aufhellungen nach WKB und chirurgischer Therapie | Arnold

25 Prozent aller Wurzelkanalbehandlungen finden an Frontzähnen statt. Im Vergleich zu Molaren und Prämolaren werden an Frontzähnen danach häufiger Revisionen, Wurzelspitzenresektionen und Extraktionen nötig [Rädel et al., 2014]. Trotz scheinbar einfacher Anatomie treten im Verlauf von Wurzelkanalbehandlungen Komplikationen auf, die wiederholte endodontische oder endo-chirurgische Therapien nach sich ziehen können – mit unsicherer Prognose (Abbildung 2). Eine möglicherweise verkannte Ursache ist die nicht immer leicht zu erkennende variable Anatomie des Wurzelkanalsystems und die im Verlauf der Alterung von Pulpa und Dentin sich vollziehenden Veränderungen dentaler Gewebe [Ørstavik & Pitt-Ford, 2008].

Oberkiefer-Frontzähne sind grundsätzlich einwurzlig. Abweichungen treten in nur seltenen Fällen auf. Der Querschnitt von Wurzel und Wurzelkanal variiert von koronal nach apikal. Während der Wurzelkanalquerschnitt am Boden der Pulpakammer eine rundliche Form aufweist, kann er sich im weiteren Verlauf oval erweitern und sich in Richtung palatinal ausdehnen. Der durch den Dentinüberhang instrumentell meist nicht zugängliche Bereich der palatinalen Wurzelkanalwand bleibt deshalb häufig mechanisch und chemisch unbehandelt und bildet ein Reservoir für mikrobiell infizierte Gewebe. In seltenen Fällen können sich im ovalen Wurzelkanalanteil durch die Bildung einer Dentinbrücke zwei Wurzelkanäle entwickeln (Abbildung 3)

Abbildung 3a: Auf der intraoralen Röntgenaufnahme erscheint der Zahn 12 anatomisch unauffällig. b: In der axialen Ebene ist ein stark ovaler Wurzelkanalquerschnitt an Zahn 12 erkennbar. c: Erst in der sagittalen Ebene lässt sich die tiefe Aufteilung in zwei Wurzelkanäle erkennen. Eine Dentinbrücke unterteilt die beiden Wurzelkanäle. | Arnold

Abbildung 4a: Auf der Röntgenaufnahme ist an Zahn 21 nach einem mehrere Jahre zurückliegenden Frontzahntrauma kein Wurzelkanal mehr erkennbar – bei apikaler Aufhellung und klinisch apikaler Druckdolenz. b: Mit dem Dentalmikroskop ist während der intrakoronalen Diagnostik (IKD) die Grenze zwischen Sekundärdentin und Tertiärdentin exakt zu erkennen. Ein Versuch der rotierenden Aufbereitung wurde aktuell abgebrochen. Reste fibrosierter Pulpa im Zentrum des Wurzelkanals sind sichtbar. | Arnold

Abbildung 5: Ansicht von Zahn 21 mit Dilazeration und Schmelzdysplasie als Folge eines frühen dentalen Traumas | Arnold

Apikal kann die Wurzel einen geraden Verlauf einnehmen, der Wurzelkanal aber innerhalb der geraden Wurzel stark gekrümmt verlaufen. Insbesondere auf rechtwinkligen intraoralen Röntgenaufnahmen kann die apikale Krümmung eines Wurzelkanals projektionsbedingt nicht exakt abgebildet werden.

Je nach Alter des Zahnes oder Reizeinwirkung verengt sich das Wurzelkanalsystem von koronal nach apikal. Genetische Einflüsse oder traumatische Verletzungen des Zahnkeims können zu erheblichen Abweichungen in der Wurzelform und der Form des Wurzelkanals an Frontzähnen führen (Abbildungen 4 und 5).

Erste Hinweise auf mögliche Formabweichungen oder Anomalien der Wurzel sind häufig an der äußeren Form der klinischen Zahnkrone zu erkennen [Mueller, 1933; Schulze, 1987]. Insbesondere auf der palatinalen Fläche sind bei einem ausgeprägten Tuberculum dentis oder einem Foramen caecum weitergehende diagnostische Untersuchungen nötig, um rechtzeitig Form- und Strukturveränderungen der Zähne erkennen zu können (Abbildungen 6 bis 8).

Abbildung 6: Zahn 22 mit deutlich verbreiterter klinischer Zahnkrone: Eine Röntgenaufnahme kann zur weiteren Differenzierung helfen, ob eine Gemination, eine Schizodontie oder eine Synodontie vorliegt. | Arnold

Abbildung 7: In Verlängerung vom Foramen caecum erstreckt sich an Zahn 12 in auffälliger Weise eine Fissur bis unterhalb der SZG. Es besteht der Verdacht auf eine palatinale Wurzelfurche oder eine Wurzelteilung. | Arnold

Abbildung 8: An Zahn 12 sind Schmelzdysplasien, eine atypische Querfissur und ein querovales Foramen neben einer provisorisch verschlossenen Zugangskavität sichtbar. Der Befund kann ein Hinweis auf eine mögliche Invagination sein. | Arnold

Zentrale Schneidezähne

Bei den zentralen Schneidezähnen kann das häufig zu beobachtende weite apikale Foramen im Verlauf einer Wurzelkanalbehandlung als Risiko für eine Infektionsausbreitung unterschätzt werden. Anatomischen Studien zufolge variiert seine Dimension zwischen 0,3 mm und 0,6 mm mit einem durchschnittlichen Wert von 0,42 mm [Kerekes & Tronstad, 1977; Mitzutani et al., 1992]. Wird die Weite des apikalen Foramens ohne vorherige Erweiterung des koronalen und des mittleren Wurzelkanaldrittels (Coronal Preflaring) ermittelt, wird die Dimension häufig als zu klein angenommen und der apikale Wurzelkanalanteil mechanisch unterinstrumentiert [Pecora et al., 2005]. In der Folge können mikrobiell infizierte Gewebeanteile überinstrumentiert und der präparierte Wurzelkanal unterfüllt werden, so dass postendodontische Komplikationen resultieren können.

Abbildung 9: 3-D-Rekonstruktion nach Mikro-CT-Aufnahme zur Darstellung der komplexen Anatomie von Zahn 21 mit mehreren rechtwinklig abzweigenden Seitenkanälen | Paqué

Seitenkanäle treten bei Schneidezähnen in etwa zehn Prozent der Fälle im koronalen, im mittleren und im apikalen Wurzeldrittel auf [Vertucci, 1985]. Sie werden als mögliche Ursachen für postendodontische Erkrankungen diskutiert [Ricucci & Siqueira, 2010]. Die mechanische Aufbereitung und ein dichter Verschluss sind aus anatomischen Gründen nur schwer möglich [Chaniotis, 2017; Ricucci & Siqueira, 2010]. Laterale Wurzelkanäle zweigen in Beziehung zum Hauptkanal in einem Winkel von etwa 90 Grad ab, so dass rotierende Hand- und maschinelle Instrumente zur mechanischen Reinigung nicht anwendbar sind (Abbildung 9). Die Bearbeitung des Dentins mit dem SAF-System führt zur suffizienten Entfernung von Schmierschichten und Debris, so dass auch Seitenkanäle einer chemischen Desinfektion durch den Einsatz einer ultraschallaktivierten Spülung zugänglich werden [Metzger et al., 2010]. Im Fall fortbestehender Infektionen lateraler Kanäle besteht die Möglichkeit der minimalinvasiven Aufbereitung mit einer vorgebogenen Ultraschallfeile (Abbildung 10). Voraussetzung für den minimalinvasiven orthograden Einsatz ist die Nutzung eines Dentalmikroskops, um den lateralen Abzweig auffinden zu können.

Abbildung 10a: Infolge einer fortbestehenden lateralen Aufhellung erfolgt eine minimalinvasive Aufbereitung und Reinigung des nach mesial abzweigenden lateralen Kanals, b: Abschlusskontrolle nach Wurzelkanalfüllung mit MTA und dentinadhäsivem Kronenaufbau | Arnold

Die Ausbildung eines zusätzlichen Wurzelkanals kann in seltenen Fällen auftreten. Immer dann, wenn sich im koronalen Wurzeldrittel ein ovaler Wurzelkanal erkennen lässt, empfiehlt sich das Austasten mit einer vorgebogenen Handfeile entlang der Wurzelkanalwand, um eine Separation ausschließen oder bestätigen zu können (Abbildung 11). 

Abbildung 11a: Auf der Röntgenaufnahme erscheint die Anatomie von Zahn 21 unauffällig. b: In der sagittalen Projektion lässt sich bereits an der äußeren Form vermuten, dass die Anatomie abweicht. Zwei Wurzelkanäle können mithilfe des DVT identifiziert werden. c: Nach Abschluss der Wurzelkanalfüllung lassen sich auf der exzentrischen Röntgenaufnahme beide vollständig gefüllten Wurzelkanäle darstellen. | Arnold

Seitliche Schneidezähne

Die größte anatomische Variabilität ist bei den oberen seitlichen Schneidezähnen zu beobachten [Baume, 1890; Hess, 1917]. Die Ätiologie ist nicht geklärt. Diskutiert werden genetische Einflüsse und Entwicklungsstörungen im Verlauf der Ausbildung der Zahnpapille [Schroeder, 1997]. Die Formenvielfalt scheint das Ergebnis einer Zelldifferenzierung zu sein, die von sogenannten primären Schmelzknoten induziert und stimuliert werden [Thesleff et al., 2001]. Anatomische Variationen in der Anzahl der Höcker, der Zahnform, der Schmelzausbildung oder die Fehlanlage von Zähnen können möglicherweise auf eine fehlerhafte Expression des TNF-Rezeptors zurückgeführt werden [Piespa et al., 2004].

Von klinischer Bedeutung sind bei seitlichen Schneidezähnen (und Eckzähnen) mehrere anatomische Besonderheiten. So können die nach distal gerichteten apikalen Krümmungen eine vollständige Erweiterung und Desinfektion erschweren. Die apikale Begradigung und Verlagerung des apikalen Foramens mit iatrogener Vergrößerung, die Verblockung mit Debris oder die Fraktur von Wurzelkanalinstrumenten sind keine seltenen Komplikationen – sie können das Ergebnis der Wurzelkanalbehandlung negativ beeinflussen (Abbildung 12).

Abbildung 12a: Mit grazilen NiTi-Instrumenten in 2%-Konizität gelingt es, die apikale Krümmung an Zahn 22 vollständig zu erschließen und zu reinigen. b: Drei Jahre nach Abschluss der Wurzelkanalfüllung ist die ausgedehnte periapikale Aufhellung nach einmaliger palatinaler Dekomprimierung fast vollständig mit knochendichter Struktur ausgefüllt. | Arnold

Abbildung 13a: Die äußere Form seitlicher Schneidezähne in Zapfen- oder Tropfenform kann ein Hinweis auf anatomische Besonderheiten sein. b: Trotz gerader, einfacher Wurzelform liegt ein mehrfach gekrümmter Wurzelkanal mit einem Seitenkanal vor. c: Eine mikrobiell infizierte Invagination Typ II nach Oehlers hat eine Pulpanekrose provoziert mit apikaler Parodontitis. | Arnold

Zapfenförmige seitliche Schneidezähne können ein Hinweis auf eine abweichende Form des Wurzelkanalsystems sein. So können mehrfach gekrümmte Wurzelkanäle beobachtet werden. Darüber hinaus können auch Fehlentwicklungen des äußeren Schmelzepithels auftreten und als Ursache für scheinbar untypische pulpitische Beschwerden bei fehlender Karies verantwortlich sein (Abbildung 13). Invaginationen des äußeren Schmelzepithels können in unterschiedlich tiefer Ausprägung auftreten [Tomas, 1974]. Die Prävalenz dentaler Invaginationen liegt zwischen 3 und 10 Prozent, wobei sie in bis zu 70 Prozent der Fälle bilateral auftreten [Thomas, 1974; Gotoh, 1979; Hülsmann, 1995]. Nach Oehlers werden drei Grade unterschieden [Oehlers, 1957]. Insbesondere Typ-II-Invaginationen mit einer Einstülpung bis unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze können bei mikrobieller Infektion aufgrund der Nähe zur Pulpakammer eine irreversible Pulpitis und eine nachfolgende Pulpanekrose auslösen. Im Fall eines Dens invaginatus vom Typ III besteht zwischen der Eintrittspforte an der klinischen Zahnkrone und dem apikalen Endpunkt ein vom Wurzelkanal unabhängiger Verlauf [Hülsmann, 1995]. Die Infektion eines Dens invaginatus kann deshalb röntgenologisch zu einer periapikalen Aufhellung bei fortbestehender Sensibilität des Zahnes führen (Abbildung 14). Eine minimalinvasive Invaginationstherapie kann den Erhalt der Pulpa ermöglichen (Abbildung15).

Abbildung 14a: Frontale DVT-Ansicht von Zahn 22 mit ausgedehnter Invagination und periapikaler Aufhellung, b: In der sagittalen Ebene ist die nach labial orientierte Aufhellung erkennbar als Abwehrleistung auf die infizierte Invagination, unabhängig vom vitalen Wurzelkanalsystem. c: Der Ausgang des Wurzelkanals und der Invagination sind in der axialen Ansicht der DVT-Aufnahme am Apex erkennbar. Die apikale Aufhellung scheint auf die Invagination begrenzt zu sein. | Arnold

Abbildung 15a: Klinische Ansicht der leicht gedrehten klinischen Zahnkrone mit lateral gelegener Invagination, b: Minimalinvasiv freigelegte Invaginationsöffnung, c: Röntgenkontrolle zehn Monate nach Abschluss der Invaginationstherapie bei abgeheilter Fistel und deutlich verkleinerter apikaler Aufhellung und fortbestehender Sensibilität | Arnold 

Abbildung 16: Zahn 12 mit einer moderaten Form einer Evagination: Bei fehlendem pathologischem Befund ist keine invasive Therapie zu empfehlen. | Arnold

Eine entgegengesetzte Wachstumsrichtung des äußeren Schmelzepithels im Verlauf der Zahnentwicklung kann zum Auftreten von dornähnlichen Evaginationen führen (Abbildung 16). Besonders ausgeprägte Formen können vom Patienten als störend empfunden werden. Eine Einschleiftherapie führt in solchen Fällen zur Freilegung des pulpanahen Dentins, gegebenenfalls sogar zur Eröffnung der Pulpa und erfordert in jedem Fall einen dichten Verschluss mit Komposit oder sogar eine partielle Pulpotomie mit direkter Überkappung [Hülsmann & Schäfer, 2007].

Bei einem ausgeprägten Foramen caecum sollte eine weitere anatomisch-morphologische Variation in die Differenzialdiagnostik – zur Abklärung eventueller anatomischer Besonderheiten – einbezogen werden: In Verlängerung des Tuberculum dentis kann sich eine Fissur über die Schmelz-Zement-Grenze hinaus auf der Wurzeloberfläche fortsetzen. Je nach Ausprägung können diese Wurzelfurchen auch den Beginn von Wurzelseparationen darstellen. Im Ergebnis der Einfaltung des Schmelzepithels und der Einschnürung im Bereich der Hertwigschen Wurzelscheide enwickelt sich in seltenen Fällen eine rudimentäre oder vollständig ausgebildete Wurzel [Black, 1908; Arnold, 2007; Gandhi et al., 2011]. In seltenen Fällen können einwurzelige Zähne mit zwei oder mehr Wurzelkanälen [Kottoor et al., 2012] oder zweiwurzelige Zähne mit zwei Wurzelkanälen auftreten [Fabra-Campos, 1990] (Abbildung 17).

Abbildung 17a: Dreidimensionale Rekonstruktion Zahn 12 mit akzessorischer Wurzel mesial, b: Röntgenabschlussaufnahme nach Wurzelkanalfüllung von Zahn 12 mit resezierter Hauptwurzel und akzessorischer Wurzel distopalatinal und einem Furkationskanal, c: Zahn 22 mit einer Wurzel und zwei vollständig getrennt ausgebildeten Wurzelkanälen | Arnold

Mit dem Zahndurchbruch und der mikrobiellen Kontamination der zumeist palatinal gelegenen Wurzelfurche kann eine lokalisierte Gingivitis oder Parodontitis begünstigt werden.

Eckzähne

Obere Eckzähne sind bekannt für die große Zahnlänge. Arbeitslängen von mehr als 30 mm können allein aufgrund der zu kurzen endodontischen Hilfsmittel eine Herausforderung sein. Der häufig gerade Verlauf der Wurzel und der zumeist gut erkennbare geradlinige Wurzelkanalverlauf lassen eine einfache Anatomie vermuten. Tatsächlich muss bei der Gestaltung der endodontischen Zugangskavität der unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze befindliche ovale Wurzelkanalquerschnitt berücksichtigt werden (Abbildung 18). Nur knapp 20 Prozent der Wurzelkanäle oberer Eckzähne weisen eine runde Form im Wurzelkanalquerschnitt auf [Uchiyama et al., 2011]. Im Fall einer zu geringen Extension der Kavität unterbleibt eine mechanische Reinigung der gesamten palatinalen Wurzelkanalwand bei rotierender Aufbereitung, so dass Debris abgelagert und verdichtet wird. 

Abbildung 18a: Auf der intraoralen Röntgenaufnahme lassen sich ein breiter Wurzelkanal an Zahn 23 und eine periapikale Aufhellung erkennen. b: Die nahe der Höckerspitze angelegte Zugangskavität ermöglichte das schnelle Auffinden des Wurzelkanalsystems an Zahn 23. Die Schmerzsymptomatik bestand jedoch fort, so dass der Zahn offen gelassen und zur Weiterbehandlung überwiesen wurde. c: Auf der sagittalen Rekonstruktion der DVT-Aufnahme werden eine ampullenförmige Erweiterung in Richtung palatinal und eine apikale Krümmung des Wurzelkanals bei periapikaler Aufhellung sichtbar. d: Die Korrektur der endodontischen Zugangskavität in Richtung palatinal ermöglicht eine zirkumferente mechanische und chemische Reinigung des infizierten Wurzelkanals. | Arnold

Das apikale Foramen endet in nur 70 Prozent in Verlängerung des Wurzelkanals an der Wurzelspitze. Die laterale Lage des Foramen apicale kann auf zweidimensionalen Röntgenaufnahmen den Eindruck einer zu kurzen Arbeitslänge vermuten lassen (Abbildung 19). 

In sehr seltenen Fällen können sich bei stark ovalen Wurzelkanälen intern Dentinbrücken herausbilden, die dann zu einer tiefen Aufteilung in zwei Wurzelkanäle führen können (Abbildung 20).

Abbildung 19a: Ein Jahr nach Abschluss der Wurzelkanalbehandlung klagt der Patient über einen kontinuierlichen Druckschmerz. Die frontale Ansicht des Zahnes 13 lässt eine scheinbar vollständige Wurzelkanalfüllung vermuten. b: Erst in der sagittalen Projektion werden die apikale Aufhellung und die Krümmung des Wurzelkanals sichtbar. Eine Stufenpräparation hat die Desinfektion und die Reinigung behindert. Die Distanz des Foramen apicale zur Wurzelspitze beträgt etwa 2 mm. | Arnold

Diskussion

Die Wurzelkanäle oberer Frontzähne werden häufig als sehr leicht zu behandelnd beurteilt, so dass im Verlauf einer wirtschaftlichen Arbeitsweise wichtige anatomische Details übersehen werden können und deshalb wiederholte therapeutische Eingriffe notwendig werden.

Der hohe Prozentsatz von etwa 40 Prozent an chirurgisch resektiven Eingriffen scheint nicht allein medizinisch begründet zu sein. Insbesondere die soziale Stellung des Patienten und wirtschaftliche Fragen des Versicherungsrechts begründen die hohe Anzahl der resektiven Eingriffe bei fortbestehenden intrakanalären Infektionen [Hasselgreen et al., 2016]. Die strikte Vermeidung einer mikrobiellen Infektion im Verlauf einer primären Wurzelkanalbehandlung mit Vitalexstirpation sollte gerade unter dem Aspekt vielfältiger anatomischer Besonderheiten immer im Vordergrund stehen. Unter Aufrechterhaltung einer Asepsis, der Anwendung von Kofferdam, präendodontischer Aufbaufüllungen und einer nach Möglichkeit einzeitigen Therapie können auch kompromissbehaftete Wurzelkanalbehandlungen reizlos bleiben.

Abbildung 20: Erst im apikalen Wurzeldrittel ließ sich eine Aufteilung in zwei Wurzelkanäle an Zahn 23 auffinden. Die Aufbereitung gelang mit vorgebogenen NiTi-Feilen. | Arnold

Der Umfang einer adäquaten endodontischen Therapie muss in jedem Fall neu beurteilt werden. Der Erhalt oder auch der nur teilweise Erhalt der Pulpa ist Teil der aktuellen modernen therapeutischen Konzepte zur Erhaltung natürlicher Zähne, so dass die Vielfalt der anatomischen Variationen des Wurzelkanalsystems mechanisch nicht verändert werden muss. In Fällen einer nicht mehr erhaltungsfähigen oder nekrotischen Pulpa ist zur Früherkennung anatomischer Besonderheiten die Nutzung von Vergrößerungshilfen und koaxialer Lichtzufuhr eine zeitgemäße Entscheidung [AAE Position Statement, 2012]. Die Nutzung der dentalen Digitalen Volumentomografie (DVT) ermöglicht das Auffinden seltener anatomischer Wurzel- und Wurzelkanalformen, so dass minimalinvasive Techniken zur Überwindung der vorliegenden Problemstellungen und anatomischen Besonderheiten genutzt werden können [DVT-Leitlinie, 2009; Patel, 2009].

Dipl.-Stom. Michael Arnold
Praxis für Endodontie und Zahnerhaltung
Königstr. 9
01097 Dresden
endo.arnold@web.de

Dr. med. dent. Frank Paqué
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Klinik für Präventivzahnmedizin, Parodontologie und Kariologie
Universität Zürich
und Praxis für Endodontologie
Rennweg 58, CH-8001 Zürich

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