Dentalketten in Europa

Ein Blick über die Grenzen

In Deutschland wird derzeit intensiv und kontrovers über zahnmedizinische Versorgungszentren (MVZ) und die Ausbreitung von Dentalketten diskutiert. Ein vergleichender Blick über die Grenzen zeigt, dass Dentalketten in einigen europäischen Nachbarländern seit Jahren zum zahnmedizinischen Versorgungsalltag gehören. Ein Vorbild für Deutschland, dessen Dentalmarkt mit geschätzten Ausgaben für zahnmedizinische Leistungen in Höhe von jährlich 28 Milliarden Euro das mit Abstand größte und aus Investorensicht wohl lukrativste Volumen in Europa aufweist?

KPMG analysis and market interviews, 2016. In: [KPMG, 2017]

Angesichts eines spürbar gewachsenen Interesses großer Kapitalinvestoren an sicheren und dauerhaften Renditen ist der Marktanteil von Dentalketten in den vergangenen Jahren in Europa deutlich gewachsen. Dank massiver Investitionen sind große pan-europäische Dentalketten, etwa die Züricher Colosseum Dental Group, mit Standorten in mehreren EU-Staaten entstanden – und befinden sich auf einem beachtlichen Wachstumskurs. 

Hohe Anteile am Dentalmarkt weisen Dentalketten – nach Zahlen, die die Unternehmensberatungsgesellschaft KPMG im vergangenen Jahr veröffentlicht hat – insbesondere in Großbritannien, den Niederlanden, Skandinavien und Spanien auf [KPMG, 2017]. Spitzenreiter ist Finnland. Dort kommen Dentalketten auf einen beachtlichen Marktanteil von 35 Prozent. 

Sinkt die Qualität oder profitieren die Patienten?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion in Deutschland – auch im Rahmen der Beratungen über das geplante Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) – stellt sich die Frage, welche Erfahrungen mit Dentalketten bereits gemacht wurden. Hat der Markteintritt von renditegesteuerten Dentalunternehmen Auswirkungen auf Aspekte wie den Preis und die Qualität zahnärztlicher Leistungen, wie es kritische Stimmen immer wieder behaupten, oder profitieren Patienten ausländischer Dentalketten von längeren Öffnungszeiten und preislich attraktiveren Angeboten zahnärztlicher Leistungen?

Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es bislang nicht. Es fehlt an einer belastbaren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser vergleichsweise neuen Thematik. Einige, über den Dachverband der europäischen Zahnärzte – Council of European Dentists (CED) – ermittelte Beispiele legen allerdings nahe, dass es bei Dentalketten aufgrund ökonomischer Erwägungen zu Einbußen bei der Behandlungsqualität sowie zu nachteiligen Entwicklungen für die Patienten kommen kann. 

So veröffentlichte die spanische Zahnärztekammer, der Consejo General de Colegios de Odontólogos y Estomatólogos de España, im Jahr 2017 eine Untersuchung zu Patientenbeschwerden, die bei offiziellen spanischen Zahnärztevereinigungen eingegangen waren. Demnach entfielen von 2013 bis 2015 fast die Hälfte aller Patientenbeschwerden auf Praxen in Dentalketten, obwohl diese Ketten lediglich rund vier Prozent aller spanischen Zahnarztpraxen stellen. 

In Verruf gerieten die Ketten auch durch handfeste Skandale: Die Dentalkette iDental wurde im Frühjahr 2018 von den spanischen Behörden zwangsweise geschlossen. Untersuchungen hatten ergeben, dass die Patienten von iDental durch nicht qualifiziertes Personal behandelt worden waren und dass bei der Behandlung Materialien minderer Qualität verwendet wurden. Unter Vorspiegelung eines Zeitdrucks wurden Patienten mit hohen Preisnachlässen geködert, um Behandlungen durchzuführen, für die sich die Patienten bei von iDental vermittelten Finanzanbietern verschuldeten. Schätzungsweise 15.000 Patienten sind von der iDental-Schließung betroffen. Ebenfalls in Spanien sorgte auch die Dentalkette Funnydent für landesweites Aufsehen. Die Kette bot implantologische Leistungen zu besonders günstigen Preisen an, für die die Patienten in Vorkasse gehen mussten. 2016 meldete die Kette überraschend Insolvenz an und Tausende Patienten blieben ohne Behandlung zurück. 

In Frankreich gab es 2016 ebenfalls einen in der Öffentlichkeit viel beachteten Skandal um die insolvente Zahnarztkette Dentexia. Die Kette hatte Implantate zur Hälfte der in Frankreich üblichen Preise angeboten. Die Patienten mussten die Behandlungen im Voraus bezahlen, wofür eine mit Dentexia kooperierende Finanzfirma entsprechende Darlehen anbot. Über 2.500 Patienten, die bei Dentexia behandelt worden waren, blieben mit unvollendeten Behandlungen oder mit den Folgen von Behandlungsfehlern zurück.

In Großbritannien kämpft Presseberichten zufolge die größte britische Dentalkette Mydentist mit gravierenden finanziellen Problemen. Wie die Zeitung „The Times“ berichtete, hat Mydentist im dritten Jahr in Folge erhebliche Verluste verbuchen müssen. Marktbeobachter befürchten nun, dass die Kette zunächst weniger rentable Praxen im ländlichen Raum schließen wird. Mydentist hatte mit kreditfinanzierten Aufkäufen innerhalb der vergangenen sieben Jahre 237 Zahnarztpraxen erworben und sein Netzwerk auf über 600 Praxen erweitert. Nun sind laut „The Times“ über 1 Milliarde Pfund Schulden aufgelaufen, die jährlichen Verluste vor Steuern haben sich auf 144 Millionen Pfund verdoppelt. Londoner Banker würden inzwischen über einen Zusammenbruch der Zahnarztkette spekulieren – so berichtete die Zeitung Ende Juli.

Welche Schlussfolgerungen sind möglich?

Die geschilderten Negativbeispiele aus Spanien und Frankreich zeigen, dass die Kritik an Dentalketten nicht ohne Grund erfolgt. Fehlentwicklungen bei Dentalketten können bei den betroffenen Patienten zu ernsten gesundheitlichen und finanziellen Schäden führen. In den meisten Fällen waren dafür ein übermäßiges Gewinnstreben und unsolides Verhalten der Geschäftsführung die Ursache.

Die geschilderten Beispiele haben allesamt eine erhebliche Dimension im Hinblick auf den entstandenen Schaden. Insofern könnten diese Berichte nur die Spitze des Eisbergs darstellen, weil die Medien erst im Begriff sind, dieses Thema für sich zu entdecken. Es wäre andererseits jedoch auch voreilig, Dentalketten pauschal infrage zu stellen. In Skandinavien sind Dentalketten im zahnmedizinischen Versorgungsalltag fest etabliert, ohne dass Berichte über signifikante Fehlentwicklungen vorliegen. Die Frage, ob die Versorgung mit Dentalketten tatsächlich problemarm verläuft oder ob die fehlenden Berichte über eine im Argen liegende Realität hinwegtäuschen, ist noch offen und zeigt weiteren Bedarf an Aufklärung an. Interessant wäre es zweifellos, länderübergreifend Vergleichszahlen über die Patientenzufriedenheit beziehungsweise die Patientenbeschwerden in Dentalketten und herkömmlichen Versorgungsformen zu erheben. Das würde – anders als die Aufzählung von Einzelfällen – bei entsprechend repräsentativer Aussagekraft der Erhebungen Rückschlüsse auf die Versorgungsqualität zulassen.

Braucht es nur seriöse(re) Investoren?

In der aktuellen MVZ-Debatte wird viel über die Frage diskutiert, wer berechtigt sein sollte, größere Versorgungsstrukturen zu gründen. Angesichts der besonderen Bedeutung des Vertrauensverhältnisses zwischen Zahnarzt und Patient dürfte ein seriöser Investor neben der Rendite auch ein Interesse daran haben, dass die in seiner Dentalkette angebotenen Leistungen auf einem entsprechenden Qualitätsniveau erbracht werden, um sein Investment nicht zu gefährden. Die Gefahr der Rufschädigung einer Dentalkette mit einheitlichem Markenauftritt dürfte ungleich größer sein als bei einer Einzelpraxis. Andererseits hat die weitgehende Deregulierung bei den Gründungsvoraussetzungen von Ketten auch dazu geführt, dass halbseidene Glücksritter und Spekulanten zu Anbietern von Gesundheitsversorgung werden konnten.

Bessere Versorgung durch Dentalketten? Fehlanzeige! Über Kettenpraxen beschweren sich die Patienten fast 25-mal häufiger als über die Praxen niedergelassener Zahnärzte. Knapp 74 Prozent der Beschwerden betreffen die zahnärztliche Diagnostik und Behandlung, das heißt die zahnmedizinische Versorgungsqualität. Von den 21.628 Praxen in Spanien werden 20.411 (94,4 %) von niedergelassenen Zahnärzten, 852 (3,9 %) von Dentalketten und 365 (1,7 %) Praxen von Versicherungen betrieben. Die spanische Zahnärztekammer erhob in den Jahren 2013–2015 insgesamt 4.648 Patientenbeschwerden. Davon betrafen 2.213 (47,6 %) niedergelassene Praxen, 2.258 (48,6 %) Dentalkettenpraxen und 177 (3,8 %) Beschwerden gingen über von Versicherungen betriebene Praxen ein. Das Diagramm zeigt die unter Berücksichtigung von Anteilen an Zahnarztpraxen und Patientenbeschwerden ins Verhältnis gesetzten Daten für die einzelnen Versorgungsformen. | Consejo General de Colegios de Odontólogos y Estomatólogos de España, 2017

Eine bereits heute sichtbare Folge der Konzentration von zahnärztlichen Leistungen in Dentalketten ist die zunehmende Abhängigkeit der Versorgungssicherheit von einzelnen Anbietern. Sollte beispielsweise die britische Kette Mydentist tatsächlich den Betrieb einstellen, wären landesweit auf einen Schlag vier Millionen Patienten betroffen. Selbst wenn sich dann für einzelne Praxen schnelle Lösungen für die Weiterführung durch einen anderen Betreiber finden, wäre der Wegfall an Kapazitäten für die zahnärztliche Versorgung enorm und könnte kaum von anderen Anbietern aufgefangen werden. Auch bei Insolvenzen kleinerer Ketten, die nur lokal höhere Marktanteile haben, können die Ausfälle an Versorgungskapazität schnell schmerzhaft werden.

Die Abhängigkeit der Versorgungssicherheit von zahnärztlichen Großversorgungsstrukturen ist ein systemisches Risiko dieser Versorgungsform, das unabhängig von den spezifischen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern besteht. Mit der zunehmenden Ausbreitung großer Dentalketten und MVZ wird dieses Thema auch in Deutschland allmählich in den Fokus der Gesundheitspolitik geraten. 

Ausblick

Der bislang noch sehr lückenhafte Blick auf die Erfahrungen mit Dentalketten in Europa liefert gute Gründe, die politisch immer wieder vorgetragenen Argumente einer angeblich besseren Patientenversorgung durch Dentalketten und große MVZ einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. Angesichts der rasanten Entwicklung von Dentalketten in ganz Europa ist eine vertiefte Analyse der Erfahrungen im europäischen Vergleich dringend notwendig. Eine der Arbeitsgruppen des CED ist vor diesem Hintergrund aktuell im Begriff, Erfahrungswerte aus allen EU-Staaten zusammenzutragen und zu bewerten. Die ersten Ergebnisse sollen bis Jahresende vorliegen.

In Deutschland befasst sich derzeit die Bundeszahnärztekammer intensiv mit der Frage, wie das zahnärztliche Berufsrecht genutzt werden kann, um Fehlentwicklungen mit MVZ, Dentalketten und Großversorgermodellen vorzubeugen.

Literatur:

KPMG International Cooperative: „The dental chain opportunity“, 2017, home.kpmg.com/xx/en/home/insights/2017/05/the-dental-chain-opportunity.html, Abrufdatum: 03.09.2018

The Times, Why the dental business became more and more like pulling teeth, Harry Wilson, City Editor. July 30 2018, 12:01am

Milliardenschwere Fremdinvestoren haben den deutschen Dentalmarkt für sich entdeckt. Was passiert, wenn Dentalketten die Versorgung übernehmen.

Entscheidungen aus Brüssel beeinflussen auch die Arbeit von Zahnärzten. Hier finden Sie die Beiträge über europapolitische Aktivitäten und Forderungen der deutschen sowie europäischen Standesorganisationen - und natürlich Berichtenswertes von unseren Nachbarn.

35268943501202350119935012003526895 3526896 3501201
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare