Eine therapeutische Herausforderung in der Kindersprechstunde

Behandlung von MIH-Patienten

Der Beitrag geht auf die Grundlagen der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) ein und stellt die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten anhand von zwei Patientenfällen, ein vierjähriger Junge und ein neunjähriges Mädchens, vor.

Gronwald, ZFZ Stuttgart

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation stellt den behandelnden Zahnarzt vor eine therapeutische Herausforderung. Zur Entscheidungsfindung müssen verschiedene Faktoren gegeneinander abgewogen und letztendlich eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden werden.

Schmelzbildungsstörungen stellen für die betroffenen Patienten sowohl ein nicht zu unterschätzendes ästhetisches Problem als auch eine große Belastung durch frühe und aufwendige zahnärztliche Behandlungen dar. Die Frage nach der adäquaten Versorgung der betroffenen Zähne hat eine große Bedeutung: Mit welchem Material und zu welchem Zeitpunkt sollte versorgt werden? Einerseits droht rascher posteruptiver Substanzverlust, die Mundhygiene ist oft mangelhaft, dadurch die Kariesanfälligkeit zusätzlich erhöht. Auf der anderen Seite kann die Kooperationsbereitschaft der jungen Patienten durch Hypersensibilität und damit verbundene, vorausgegangene negative Erfahrungen stark eingeschränkt sein.

Bevor mit der Behandlung begonnen wird, sollte in schweren Fällen zunächst mit einem Kieferorthopäden abgeklärt werden, ob die Zähne überhaupt erhaltungswürdig sind. Bei einem sich entwickelnden Engstand ist es manchmal sinnvoll, die Zähne zu gegebener Zeit zu extrahieren.

Lokalisationen von MIH

Bei der Mineralisationsstörung MIH (auch Molar-Incisor-Hypomineralisation, Molar-Schneidezahn-Hypomineralisation, manchmal auch „Chees-Molars“), treten vor allem an permanenten Inzisiven und ersten Molaren Schmelzbildungsstörungen unklarer Genese auf. Es sind ein bis vier Sechsjahresmolaren betroffen, oft in unterschiedlichem Ausmaß, häufig kombiniert mit den bleibenden Frontzähnen. Die Oberkiefer-Frontzähne sind öfter beteiligt, seltener die Unterkiefer-Frontzähne. Wesentlich seltener sind Milchzähne betroffen (MMH). Im Zuge steigender Neuerkrankungsraten sind MIH-Defekte allerdings inzwischen für alle Milch- und bleibenden Zähne beschrieben worden.

Abbildung 1: Ausgangsbefund vom 26.05.2008 | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 2: Rö-Bissflügel rechts und links vom 23.06.2008 | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Da die Defekte der Schneidezähne meist milder ausgeprägt sind, stellen sie, wenn überhaupt, nur ein kosmetisch/ästhetisches Problem dar. Die betroffenen Schmelzareale können bei kleineren Defekten mit Kompositen oder bei flächigeren und/oder dunkleren Defekten mit Veneers versorgt werden.

Abbildung 3: Befund bei Wiedervorstellung vom 04.04.2011 | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Prävalenz

Die MIH-Erkrankung wurde erstmals in den Achtzigerjahren beschrieben [Krämer, 2018]. Die Literaturangaben zur Prävalenz schwanken stark – je nach Studie und Bewertungskriterien sind Prävalenzen zwischen 3,6 und 37 Prozent zu finden. Dabei sind die Neuerkrankungsraten im Steigen begriffen. Nannte eine Studie von Pieper aus dem Jahr 2008 noch Prävalenzen von 0,6 bis 5,6 Prozent für Deutschland [Pieper, 2008], zeigen aktuelle Studien, dass inzwischen 10 bis 15 Prozent der Kinder an MIH leiden. „Die jüngste DMS-V-Studie zur Mundgesundheit berichtet über knapp 30 % (!) der 12-jährigen Kinder, die diese Strukturanomalie haben. Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies in dieser Altersgruppe.“ [Krämer, 2018]

Klinisches Erscheinungsbild

Das Problem der MIH findet in der Mineralisationsphase der Zahnkronen statt, das Zeitfenster reicht vom achten Schwangerschaftsmonat bis zum fünften Lebensjahr. Angenommen wird, dass Ameloblasten in dieser Phase teilweise irreversibel zerstört werden und andere sich wieder „erholen“ können – somit kann das klinische Erscheinungsbild unterschiedlich sein und auch der Schweregrad innerhalb einer Mundhöhle.

Die Farbe der Schmelzoberfläche variiert von creme-weiß über gelb bis braun. Je dunkler die Farbe, desto poröser die Zahnsubstanz und desto größer die Gefahr posteruptiver Substanzverluste. Je mehr Molaren betroffen sind, desto größer wiederum ist die Gefahr, dass die Inzisivi mit betroffen sind. Der hypomineralisierte Schmelz hat im Vergleich zu normalem Schmelz einen niedrigeren Kalzium- und Phosphorgehalt sowie einen höheren Kohlenstoffanteil. Die mechanische Belastbarkeit des betroffenen Schmelzes ist herabgesetzt, wodurch es unter normaler Kaubelastung zu Schmelzabsprengungen kommen kann. Teile des betroffenen Zahnschmelzes können kurz nach dem Zahndurchbruch unter der Einwirkung von Kaukräften verloren gehen, dies führt zu Dentinfreilegungen.

Abbildung 4a | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 4b | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 4c | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 4d | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 4e | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Abbildung 4f: Abbildung 4a bis 4f : Fotostatus, intraoraler Befund vom 04.04.2011 | Gronwald, ZFZ Stuttgart

Betroffene Molaren können empfindlich auf thermische, chemische und mechanische Reize reagieren. Oft kann schon die Zahnpflege schmerzhaft sein, was dann, bei Vernachlässigung der Mundhygiene, zu einer schnellen Kariesentwicklung führen kann. Bei der Anwendung von Lokalanästhesie an den betroffenen Zähnen kann auch oft keine oder keine ausreichende Schmerzausschaltung erreicht werden.

Die Entscheidung zwischen den Behandlungsalternativen „Extraktion“ oder „Restauration“ hängt vor allem von der Defektgröße und der Schmelzqualität ab, ebenso vom Alter des Kindes und von den kieferorthopädischen Möglichkeiten des Lückenschlusses.

Abbildung 5: Panoramaschichtaufnahme vom 04.04.2011 | Gronwald, ZFZ Stuttgart

 

Bei der systemisch bedingten Hypomineralisation können beide Dentitionen betroffen sein. Hier sehen Sie verschiedene Therapieoptionen.

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