Neues IDZ-Buch: Stand der Forschung zur Praxisgründung

Die Zukunft der zahnärztlichen Niederlassung

Junge Zahnärzte und Zahnärztinnen wollen heute so arbeiten, wie es ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht. Die Niederlassung ist nicht mehr ein Muss, nur noch ein Kann. Für die eigene Praxis entscheiden sie sich, wenn das Gründungsumfeld und die Lebensbedingungen stimmen.

Sie kommt, er geht. Junge Zahnärzte und, ja! auch junge Zahnärztinnen lassen sich immer noch nieder – zu ihren Bedingungen. Adobe Stock_CandyBox Images

Die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der zahnärztlichen Existenzgründer haben sich im Verlauf der letzten Dekade umfassend verändert. Durch eine Reihe von Gesetzes­novellen wurden sukzessive die Berufsausübungs­möglichkeiten für Zahnärztinnen und Zahnärzte ausgeweitet und in diesem Zusammenhang auch die rechtlich zulässigen Formen der Praxisausübung erweitert. Eine Niederlassung kann mittlerweile auch in Form einer überörtlichen Berufsausübungsgemeinschaft, einer Partnergesellschaft, einer Kapitalgesellschaft sowie eines medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) erfolgen [Kuntz, 2016].

Die Ausweitung von Handlungsoptionen wird von Soziologen als ein generelles Signum der Moderne beschrieben und in seinen ambivalenten Wirkungen problematisiert [Gross, 1994; Rosa, 2005]. Ambivalent wird diese Ausweitung insofern gewertet, als die Vervielfältigung der Optionen mit der gleichzeitigen Auflösung von Gewissheiten einhergeht. Die Entscheidung der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte für einen konkreten Berufsweg wird zunehmend komplexer empfunden, die überblickten Zeiträume werden (subjektiv) kürzer. Dabei muss die Entscheidung für eine Nieder­lassung nicht notwendigerweise eine Fest­legung für den gesamten Zeitraum der Berufs­tätigkeit bedeuten – bestimmender dürfte hier die bereits getroffene Wahl des Studienfachs Zahnmedizin sein. 

Die Bereitstellung von empirischen Daten soll in dieser Situation der „neuen Unübersichtlichkeit“ [Habermas, 1985] die notwendige Transparenz schaffen beziehungsweise diese verbessern, um niederlassungswilligen Zahnärztinnen und Zahnärzten eine gesicherte Basis für eine informierte Entscheidung bieten zu können. Die Analyse der Gründungsmotive verdeutlicht, dass die „Notwendigkeit“ einer Niederlassung in freier Praxis (beispielsweise zur Verhin­derung von Arbeitslosigkeit) faktisch nicht mehr besteht. Nach dem Wegfall der Push-Faktoren muss also die Option einer Niederlassung auf die jungen Zahnärzte „anziehend“ genug wirken, damit diese dann den Schritt zur Gründung einer eigenen zahnärztlichen Praxis auch vollziehen. Hier können ideelle Motive („Wunsch, Menschen zu helfen“) ebenso Teil der individuellen Selbstverwirklichung sein wie materielle Ziele (Einkommen). 

Quellen: Klingenberger [nach Destatis, 2018f;lfM, 2018b; KZBV, 2017a]

 Notwendig ist die eigene Praxis nicht mehr

Dass im Rahmen der zahnärztlichen Niederlassung in aller Regel nicht nur der betriebswirtschaftlich erforderliche Return on Investment zur Erzielung eines nachhaltigen Praxisgewinns erwirtschaftet werden kann, sondern auch eine angemessene „Bildungsrendite“ (= aus dem Studium resultierende Einkommenserhöhung) für das zeit- und kostenintensive Zahnmedizinstudium erzielt wird, ist empirisch belegt [Piopiunik et al., 2017]. Generell kann man also sagen, dass die Vielfalt der individuellen Motive
zur Studien- und Berufswahl sowie die bestehenden Optionen einer Spezialisierung im Rahmen der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung ihre Entsprechung in der oben angedeuteten Formenvielfalt der realisierten Niederlassungen findet. 

Auf dem Praxisabgabemarkt ist – beginnend mit dem Jahr 2006 – ein Angebotsüberhang entstanden, der für zahnärztliche Existenzgründer aktuell gute bis beste Übernahmemöglichkeiten bietet. In vielen Regionen wird man mittlerweile von einem Käufermarkt sprechen können, das heißt, die Verhandlungsmacht der potenziellen Käufer von Zahnarztpraxen dürfte tendenziell gestiegen sein. Der quantitative Überhang von zum Verkauf stehenden Praxen bedeutet allerdings nicht, dass jeder Kaufinteressent seine Wunschpraxis findet – die subjektiven Vorstellungen der (zumeist jungen) Käufer und der (in der Regel älteren) Verkäufer
sind nicht immer in Übereinstimmung zu bringen und die objektiven Gegebenheiten (medizinischtechnische Praxisausstattung) entsprechen ebenso wenig automatisch den Wünschen des potenziellen Praxis­erwerbers. 

Anmerkung: Die Messung der Ausprägung von Eignungsmerkmalen erfolgte mit dem Fragebogen zur Diagnose unternehmerischer Potenziale (F-DPN). Die Testwerte für einzelne Eignungsmerkmale können zwischen 0=niedrigste Merkmalausprägung und 9=höchste Merkmalsausprägung variieren. Quelle: Klingenberger [nach Müller, 2010]

Die Unterschiede zwischen Praxisformen verschwimmen

Natürlich besteht weiterhin die Möglichkeit, anstelle einer Übernahme die Existenz­gründung in Form einer Neugründung zu realisieren. Auch wenn hier – im Unterschied zur Praxisübernahme – in den ersten Jahren der Praxistätigkeit erst ein eigener Patienten­stamm aufgebaut und insofern anfangs mit vergleichsweise geringeren Umsätzen gerechnet werden muss, so zeigen die empirischen Daten doch deutlich, dass die neugegründeten Praxen in der Folge dynamischer wachsen als die übernommenen Praxen. Neugegründete Praxen erlauben zudem möglicherweise eine generell bessere Passung zwischen den Zielen des Praxisgründers und dem realisierten Praxiszuschnitt und können somit die subjektive Zufriedenheit des Praxisinhabers mit der Praxisperformance erhöhen. Die Analyse hat gezeigt, dass die Entwicklung der letzten Dekade keineswegs zum Rückgang der Einzelpraxis geführt hat. Die Möglichkeiten der Beschäftigung von angestellten Zahnärzten haben vielmehr dazu geführt, dass die Unterschiede zwischen den (rechtlich definierten) Praxisformen zunehmend verschwimmen, da eine Einzelpraxis infolge des Einbezugs von angestellten Zahnärzten organisatorisch ebenfalls zu einer kooperativen Praxisform weiterentwickelt werden kann und von dieser Option auch zunehmend Gebrauch gemacht wird. Insofern wird eher der Einzelkämpfer als die Einzelpraxis verschwinden. 

Quelle: Klingenberger (nach Klingenberger und Köhler, div. Jahrgänge)

Wenn die Einzelpraxis auch in Zukunft Bestand haben wird, so verändert sie im Wettbewerb der Praxisformen doch ihr Gesicht. Die durchschnittliche Einzelpraxis wird größer, sie wird mehr Behandlungszimmer und Dentaleinheiten, mehr Beschäftigte und einen höheren Umsatz aufweisen. Mit steigender Praxisgröße wird eine Fixkostendegression möglich, die den Betriebsausgabenanteil senkt und somit positiv auf den Einnahmenüberschuss wirkt. 

Die Flexibilität der Formen macht auch kreative Formen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich. Die Arbeitsbelastung in der Praxis lässt sich nicht nur in der Anstellung steuern, sondern auch in der Selbstständigkeit – beispielsweise durch die Beschäftigung angestellter Zahnärzte, die den beziehungsweise die Praxisinhaber genau da entlasten, wo es erforderlich ist. Das Einzelkämpfertum ist passé; die Praxisinhaber könnten sich auf ihre eigenen Kernkompetenzen konzentrieren, indem sie beispielsweise durch genossenschaftliche Kooperationen von anderen (Verwaltungs-)Aufgaben entlastet werden [Henke und Podtschaske, 2014]. 

Auch wenn der Existenzgründer den Zuschnitt seiner Praxis, den Standort, die Rechtsform, die Arbeitsschwerpunkte, die Finanzierung sowie die Aufbau- und Ablauforganisation nach eigenen Vorstellungen gestalten kann, so muss er doch das Gründungsumfeld inklusive perspektivischer Entwick­lungen mit in Betracht ziehen. Für den zahnärztlichen Existenzgründer stellen diese Umfeldbedingungen Faktoren dar, die auf seine berufliche Tätigkeit einwirken, aber zugleich von ihm selbst nicht beeinflusst werden können. Die Entwicklungsmöglichkeiten der sogenannten Mundgesundheitswirtschaft, das heißt, der Branche in Gesamtheit, sind auf absehbare Zeit gegeben und ein Indiz dafür, dass die Branche mit ihrer Vielgestaltigkeit insgesamt flexibel und angemessen auf die gesellschaft­lichen Trends reagiert (hat). Die zunehmende dental awareness der (alternden) Bevölkerung schlägt sich in veränderten Inanspruchnahmemustern und Versorgungsbedarfen nieder, auf die die Branche wie jede einzelne Zahnärztin beziehungsweise jeder einzelne Zahnarzt reagieren kann. Die oralepidemiologischen Daten verdeutlichen, dass die präventiven Anstrengungen der Zahnärzteschaft nicht per se zu einem Rückgang der Behandlungs­bedarfe führen werden, sondern vielmehr zu einer Verschiebung des Behandlungs­bedarfs in spätere Lebensjahre. Der Bedeutungszuwachs des privat finanzierten sogenannten Zweiten Mundgesundheitsmarkts zeigt zudem, dass die steigenden Haushaltseinkommen der Bevölkerung auch zunehmend für den Konsum von Gesundheitsgütern und -dienstleistungen genutzt werden.

Dies bietet beispielsweise Spielraum für das Angebot von Formen des gleich- und andersartigen Zahnersatzes – jenseits der Regelversorgung. Angesichts dieser insgesamt positiven Branchen­aussichten kann es nicht ver­wundern, dass neue Anbieter in den Markt eintreten und der Wettbewerbsdruck in bestimmten Standortlagen spürbar steigt. Stabile Märkte locken Investoren an – und so gründen Klinikketten immer häufiger medizi­nische Versorgungszentren (MVZ) und Fremdkapital fließt in die Praxen – finanziert durch sogenannte Private-Equity-Fonds oder Private-Equity-Gesellschaften. 

 

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