Alternative Geldanlage: Investieren in Kunst

Auf Qualität setzen

Mitten in der Eurokrise ziehen derzeit die Preise auf dem Kunstmarkt wieder an. Denn die Suche nach interessanten Geldanlagen führt immer mehr Investoren in die Galerien, zu Auktionen und auf Messen.

Gemälde des Künstlers Ernst Ludwig Kirchner, 2010 in der Hamburger Kunsthalle
Das Bild mit dem Titel „Kerze“ von Gerhard Richter wurde am 14.10.2011 bei Christie’s in London versteigert. Fotos: picture alliance
Ein Mann rückt auf der „antique & kunstmesse düsseldorf 2010“ das Kunstwerk „Wasserrosen“ (1917, Preis: 3 000 000 Euro) des Künstlers Emil Nolde (1867–1956) zurecht. Foto: picture alliance

Kunst aus vielen Epochen steht auf dem Einkaufszettel der Anleger. Sie erhoffen sich bleibende Werte, die sie vor Inflationen schützen und zusätzlich eine ordentliche Rendite bringen. Doch so einfach funktionieren diese sinnlichen Werte nicht.

Der Hammer fiel bei 38,4 Millionen Dollar. Den Zuschlag bei Christie’s, New York, für ein in Blautönen gehaltenes Selbstporträt von Andy Warhol von 1963/64 bekam ein europäischer Sammler. Insgesamt brachten die New Yorker Frühjahrsauktionen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips de Pury satte 600 Millionen Dollar ein. Ähnlich gut verliefen die Auktionen in London Ende Juni. Anders als die Geldbranche scheint sich der Kunstmarkt von seinem krisenbedingten Einbruch in 2008/09 gut zu erholen. Das Wall Street Journal titelte: „Kunstmarkt kommt zurück.“ Schuld daran ist die Krise auf den Finanzmärkten, bei der auch kein Ende in Sicht ist. Allen Unkenrufen zum Trotz, verdienen Hedgefondsmanager, Bankvorstände und Wertpapierhändler immer noch viel Geld. Doch bei der Anlage trauen sie anscheinend den eigenen Produkten nicht. Stattdessen setzen sie auf Sachwerte und dort zunehmend auf die Kunst. Zierten bislang die feinen Striche der Impressionisten die Bürowände, stehen jetzt die bewährten Zeitgenossen wie Andy Warhol oder Cindy Sherman in der Gunst der Investoren.

Die höchste Punktzahl im jährlich erscheinenden Kunst-Kompass erzielte aber der Deutsche Gerhard Richter. So gesehen, gilt er als bedeutendster Künstler der Gegenwart. Für seine abstrakten und figurativen Gemälde sowie für seine grauen „Vermalungen“ und Glas-Installationen zahlen Sammler viele Millionen Euro.

Allein in 2010 errechnete der Branchendienst Artnet für Richter einen Gesamt- Auktionsumsatz von 76,9 Millionen Dollar. Im Oktober 2011 verkaufte Christie’s in London eins von 27 Kerzen-Bildern für 16,5 Millionen Dollar. Vor 30 Jahren setzte der Galerist Max Hetzler die Bilder mit 15 000 Mark an und fand keinen Käufer. Auf der Kölner „Cologne Fine Art & Antiques“ im November kostete ein kleines Format der abstrakten Rakel-Bilder 230 000 Euro. Am meisten wundert sich Richter selbst über seine Erfolge und nennt solche Preise „vollkommen absurd, unmöglich“.

Emil Nolde ist in den oberen Preisregionen angekommen

Wer sich „einen Richter“ leisten will, sollte aber genau hinschauen. Ein Galerist pries auf der Messe ein kleines Format an. Bei genauerem Hinschauen entdeckte ein Experte, dass es sich um den Umschlag eines von Richter gestalteten Künstlerbuchs handelte. Das Buch selbst bekommt nun eine Fotokopie des Originals als Einband. Ob sich der gerahmte Umschlag einmal als sinnvolle Investition erweisen wird, muss sich zeigen. Wahrscheinlich ist das nicht, denn nur Signaturen auf minderwertigen Arbeiten zu sammeln, davon rät auch der Düsseldorfer Galerist Hans Paffrath ab: „Es ist sinnvoller und befriedigender, das beste Bild von einem bekannten Künstler zu kaufen als ein schlechtes von einer Ikone der Kunst.“

Längst in den oberen Preisregionen angekommen, aber nicht so überteuert sind die Werke von Emil Nolde. Seine farbenfrohen Gemälde erreichen häufig die Millionen- Euro-Grenze. Die Villa Griesebach verkaufte in ihrer Jubiläumsauktion am 24. November 2011 das Gemälde „Sonnenblumen im Abendlicht“ von 1943 für 1,464 Millionen Euro. Das Aquarell „Blühender Blütenzweig“ kostet bei Paffrath 125 000 Euro.

Wer sich nicht ständig mit dem Geschehen auf dem Kunstmarkt beschäftigt, sollte sich unbedingt gut informieren, bevor er kauft. Manche Künstler sind zurzeit derart en vogue, dass ihre Preise als überzogen gelten. Galt zum Beispiel die Künstlerin Gabriele Münter – einst Freundin und Geliebte von Wassily Kandinsky – als unterbewertet, haben die Preise in den letzten zehn Jahren stark angezogen. Ihre gegenständlichen Bilder werden in Auktionen zu Schätzpreisen von bis knapp 200 000 Euro angeboten.

Zeichnungen und kleinere Drucke im Aufschwung

Weniger begehrt waren in der Vergangenheit Drucke und Zeichnungen der Klassischen Moderne bis zu den Alten Meistern. Dieser Bereich blieb den interessierten Sammlern und Kennern vorbehalten. Bruce Livie, Galerist und Spezialist für Zeichnungen in München, erklärt: „Den hektischen Aufs und Abs, wie sie auf den großen Auktionen bei der Zeitgenössischen Kunst zu beobachten sind, steht bei den Schätzen der Vergangenheit eine ruhige aber stetige Aufwärtsbewegung bei den Preisen gegenüber. Preiseinbrüche hat es nie gegeben.“ Inzwischen bekommt diese „besondere kleine Welt“ zunehmend Aufmerksamkeit von Kunstinteressierten, denen die gehypten Namen zu teuer geworden sind. Dem trägt auch die Kölner Messe Rechnung und richtete eine eigene Abteilung für Arbeiten auf Papier ein. Das Interesse der Besucher war so groß, dass die meisten Spezialisten ihr Kommen für nächstes Jahr angekündigt haben.

In der Tat bieten die meist kleinformatigen Arbeiten nicht selten große Kunst. Häufig handelt es sich um Vorstudien für große Gemälde. Livie sagt es so: „Man sieht die denkende Hand des Künstlers.“ So zeichnete zum Beispiel Ernst Ludwig Kirchner 1912 eine „Sich Badende“ mit Kohle auf Papier (Preis: 94 000 Euro). Das „Brandenburger Tor“, 1920 von Lovis Corinth als Lithografie gearbeitet, kostet bei Arnoldi-Livie 32 000 Euro. Die Galerie Nolan Judin in Berlin bietet unter dem Motto „Der Weg allen Fleisches“ eine Sammlung von George-Grosz-Zeichnungen und -Aquarellen zu Preisen zwischen 7 500 und 38 000 Euro an.

Auch altmeisterliche Zeichnungen und Grafiken rücken inzwischen zunehmend in den Fokus der betuchten Kunstinteressenten. Zu den absoluten Highlights der Kunst auf Papier zählen die Arbeiten von Albrecht Dürer. Sie sind immer gesucht und entsprechend teuer. Erhaltungszustand und Provenienz beeinflussen den Preis entscheidend. Der Altmeister-Spezialist C.G. Boerner verlangt für Dürers bekanntestes Blatt „Adam und Eva“ von 1504 satte 390 000 Euro. Allerdings zeigt sich das Exemplar mit der Bezeichnung „Meder IIa“ in besonders gutem Zustand. Wahrscheinlich hat es lange Jahre in einer eher dunklen Umgebung gehangen. Es ist sehr gut erhalten und zeigt keinerlei Verschleiß. 2009 erzielte der Kupferstich beim Auktionshaus Kornfeld in Bern 460 000 Schweizer Franken.

Weiß man bei diesem Blatt in etwa, wie viele Abzüge es gibt, existieren bei Rembrandts Grafiken keine verlässlichen Zahlen. Der Kenner muss entscheiden, ob er mit dem jeweiligen Zustand des Abzugs zufrieden ist und den Preis akzeptieren kann. Bei Boerner kostet zum Beispiel ein Kupferstich „Verkündigung des Hirten“ 46 000 Euro. Das erscheint auf den ersten Blick viel, doch für einen derart bekannten Namen aus der Zeit des Barocks dürfte die Summe angemessen sein. So mancher wirkliche Kunstexperte fragt sich, ob es sich bei Rembrandts oder Dürers Werken nicht geradezu um Schnäppchen handelt, verglichen mit den Summen, die Investoren für ein Stück von Andy Warhol oder Damien Hirst auf den Tisch legen.

Deutsche Sammler werden wach

Die deutschen Sammler jedenfalls scheinen die Alten Meister und die Kunst des 19. Jahrhunderts gerade erst zu entdecken. Bislang tummelten sich auf den Auktionen vor allem ausländische Kenner. Rund zehn Jahre lang sahnten sie große Kunst zu günstigen Preisen ab. Vieles davon hängt heute in amerikanischen Museen. Sie hatten erkannt, dass es dort große Kunst zum kleinen Preis gab. Der Kunstmarktexperte Christian Herchenröder ordnet die Kunst der Alten Meister ein: „Der Absatz älterer Kunst läuft auch über die Erkenntnis, dass viele Werke des traditionellen Sammelgebiets nur einen Bruchteil dessen kosten, was man für die Mainstream-Werke zeitgenössischer Künstler ausgeben muss.“ Der Maler Georg Baselitz soll sich in einer Ausstellung von Altmeister- Kunst doch sehr über die Preise gewundert haben: „Das sind ja herrliche Sachen, und die kosten nichts.“

Angezogen haben die Preise für Papierarbeiten der Moderne. Das zeigen die Ergebnisse beim Auktionshaus Ketterer in München. So fiel im Frühjahr der Hammer für einen Holzschnitt „Nervöse beim Diner“ (1916) von Ernst Ludwig Kirchner bei stolzen 105 000 Euro. Wegen ihrer Tristesse hatte Auktionator Robert Ketterer die Grafik mit einem Schätzpreis von 30 000 Euro angesetzt. Inzwischen hat sich das Haus auf Papierarbeiten des Expressionismus spezialisiert. Für Ketterer eine logische Folge des dürftigen Angebots an Gemälden aus dieser Zeit.

Rupert Keim, Geschäftsführer beim Münchner Auktionshaus Karl & Faber gerät beim Thema Zeichnungen ins Schwärmen. Gegenüber dem Kunstmagazin Art äußerte er sich: „Viele fasziniert, dass eine Zeichnung der erste Ausdruck künstlerischen Schaffens ist. In einer unglaublichen Leichtigkeit und mit wenigen Strichen ist oft schon die ganze Atmosphäre eingegangen. Auch Altmeisterzeichnungen können unglaublich modern sein. Man spürt gar nicht, dass Jahrhunderte dazwischen liegen.“

Licht als natürlicher Feind

Haben die Kostbarkeiten einige Jahrhunderte ganz oder nahezu unbeschadet überstanden, dann liegt es an der guten Behandlung der empfindlichen Blätter. Wer sich in dieses Sammelgebiet erst einarbeitet und seine ersten Stücke kauft, sollte um die Fragilität der Zeichnungen und Grafiken wissen. Die größten Schäden richten Licht, Wärme und säurehaltige Passepartouts an. Die Connaisseure unter den Sammlern lassen ihre Pretiosen nur wenige Monate an der Wand und gönnen ihnen dann wieder die Dunkelheit. Inzwischen bietet sich die Gelegenheit, andere Teile der Sammlung zu bewundern.

Den Genuss, den die Anlage in ein meisterliches Kunstwerk bereiten kann, hat wohl auch der ehemalige amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan erkannt. Er sagte einmal: „Wer etwas Beständiges sucht, sollte lieber Kunst erwerben.“ In diesen unsicheren Zeiten vielleicht nicht der schlechteste Rat.

Marlene Endruweit
Wirtschafts-Fachjournalistin
m.endruweit@netcologne.de

 

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