Schlaglichter zur IDS 2019

Dem Patienten virtuell zeigen, was in der Praxis möglich ist

Wie kann man dem Patienten die auf ihn zugeschnittenen Behandlungsziele möglichst anschaulich demonstrieren? Und wie die Versorgung so umsetzen, dass sie der Prognose entspricht? Die Wege dorthin sind zunehmend digital – im Mittelpunkt steht die Bildgebung.

Abbildungen 1 und 2: Mit einer videogesteuerten Software lassen sich Behandlungsergebnisse realistisch simulieren. Ausgangsbefund und Wunschergebnis werden über eine Sliderfunktion visualisiert (linkes Bild). Screenshots: Ivoclar Vivadent

„Digitales verbindet Diagnostik und Therapie“ – so lautete schon das Versprechen einer IDS-Vorschau von 2015 [Steib, 2015]. Dank einer gemeinsamen Entwicklung von Disney Research und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ist dieser Weg jetzt relativ einfach zu erreichen: Die Patienten werden mit iPad oder Smartphone gefilmt und Zahnformen, -größen und -farben werden mithilfe einer Datenbank direkt ins Video oder ins Standbild projiziert (Abbildungen 1 und 2) [Sailer et al., 2018]. Die Optik erweist sich im Vergleich zu bisherigen Gesichts-Scans als sehr viel besser.

Die virtuelle Restauration in der App

Die korrekte Positionierung der virtuellen Restauration wird in der App durch vorgewählte faziale Bezugsebenen sichergestellt, alle Parameter werden für die spätere Restauration ans Labor geschickt (Ivoclar Vivadent). Die Software ist fürs iPhone kostenfrei, die Vollversion fürs iPad kostet pro Jahr 599 Euro. Der bisherige, teildigitale Weg erfolgte über ein eingescanntes und mit CAD/CAM erstelltes Mock-up. Nach Auswahl der gewünschten Optik müssen die Restaurationen aber auch mit der neuen Methode auf dem gewohnten, meist kombiniert analog-digitalen Weg hergestellt werden.

Die Kronen fallen also noch nicht aus dem Chairside-Drucker, doch könnte auch dieser Schritt bald Realität werden: So wurden in Köln die ersten gedruckten definitiven Hybrid-Kunststoff-Kronen mit CE-Zulassung präsentiert (Bego) und auch Zirkonoxid lässt sich auf der Basis eines flüssigen „Fotoharzes mit dispergierten Keramikpartikeln“ erstmals drucken (Lithoz) [Quintessenz-News, 2019]. Inwieweit die entsprechenden Restaurationen bereits praxistauglich sind, müssen Langzeitstudien zeigen.

Erwartungsgemäß schreitet auch die Entwicklung bei intraoralen Scannern voran. Die Geräte sollen als digitale Türöffner in die Praxen dienen und die noch weitgehend intakte Trennlinie zu zahntechnischen Dienstleistern aufheben. Laut Dentsply Sirona, mit Cerec Pionier auf diesem Gebiet, ist der in Köln neu vorgestellte Scanner schneller, leistungsfähiger und intuitiver bedienbar als bisherige Geräte (Abbildung 3). Der Fortschritt sei durch eine wesentlich weiter entwickelte Software gelungen. Zudem sollen mit dem Gerät demnächst auch ganze Kiefer ausreichend präzise abformbar sein. Entsprechende Studien wurden aber noch nicht präsentiert.

Abbildung 3: Intraorales Scannen wird vielseitiger, schneller und komfortabler. Präzise Ganzkiefer-Scans lassen jedoch noch auf sich warten.| Dentsply Sirona

Digitaler Türöffner: der intraorale Scanner

Obwohl auch die wichtigsten Mitbewerber für ihre neuesten Produkte eine weiter verbesserte Aufnahmequalität versprechen, könnte das Thema Ganzkiefer-Präzision neben den meist noch immer hohen Preisen ein wichtiges Kaufhemmnis bleiben. Und dies, obwohl immer neue Funktionen verfügbar sind, unter anderem mit Nah-Infrarot (3Shape, Align Technology), eine erstmals von KaVo vorgestellte Technologie zur strahlungsfreien Kariesdiagnostik.

Bis hierzu Studien vorliegen, erscheinen Visualisierungsoptionen klinisch relevanter. So lassen sich mithilfe von Ganzkiefer-Scans und entsprechenden Software-Tools kieferorthopädische Behandlungsergebnisse simulieren, die mit Alignern, aber auch mit Bracketsystemen und herausnehmbaren Geräten erreichbar sind (zum Beispiel Dentsply Sirona, Planmeca). Dies erleichtert Patienten laut den Anbietern die Therapie-Entscheidungen und verbessert die Motivation im Verlauf der Behandlung.

Dasselbe Prinzip könnte bei restaurativen Behandlungen funktionieren, zum Beispiel bei Kronenversorgungen und Veneers (Align Technology / Digital Smile Design). Allerdings bestehen nach Auskunft von Praktikern weiterhin Probleme, wenn Scanner-Datensätze zum Beispiel zur CAM-Fertigung von Restaurationen im Labor genutzt werden sollen. Um ihre eigenen Produkte zu verkaufen, schirmen verschiedene Anbieter ihre Systeme offenbar über spezielle STL-Datensätze von spezialisierten Lösungen externer Produzenten ab. Sogenannte Dongles scheinen nur bedingt zu funktionieren.

Apropos Funktion: Für Schienen oder Restaurationen sind heute beim funktionell gesunden Patienten weder Gesichtsbögen noch Artikulatoren erforderlich. Verschiedene Hersteller zeigten in Köln Systeme, die mithilfe von Ultraschall oder Videokameras Kieferbewegungen im Verhältnis zur Okklusion aufzeichnen. Der Zahnarzt legt die Interkuspidation fest, die Datensätze lassen sich dann direkt in CAD/CAM-Restaurationen überführen. Das Einschleifen von Schienen kann laut Anbieterinformation entfallen (Ignident). Soll jedoch bei Patienten mit craniomandibulären Störungen etwa die Kondylenbahn verändert werden, müssen Restaurationen weiterhin artikulatorgestützt geplant und erstellt werden.

Abbildung 4: Ein neues direktes Füllungsmaterial basiert auf Glasionomertechnologie, laut Anbieter mit den mechanischen Werten eines Komposits.| Dentsply Sirona

„Revolutionäres“ direktes Füllungsmaterial

Das von Dentsply Sirona angekündigte „revolutionäre“ direkte Füllungsmaterial basiert auf Glasionomer-Technologie (Abbildung 4). Laut Pressemitteilung und mündlicher Anbieteraussage handelt es sich bei dem Kapselmaterial um eine modifizierte Polyakrylsäure, die nach Aktivierung zu Polymeren reagiert. Durch das enthaltene Wasser sei eine Benetzung der Zahnoberfläche gewährleistet, Ätzen und Bonden seien entsprechend nicht erforderlich. Das dualhärtende Material wird in einer Schicht eingebracht, ist in fünf A-Farben erhältlich und soll biomechanisch den ISO-Anforderungen an Komposite entsprechen. Eine Gebrauchsanweisung mit Indikationsbereich steht noch nicht zur Verfügung.

Neu ist ein Universalkomposit von 3M, das sich laut Hersteller durch eine vereinfachte Farbwahl auszeichnet. Neben den acht Farben stehen eine Bleichfarbe und ein Opaquer zur Verfügung, mit dem sich stark verfärbtes Dentin abdecken und damit eine ästhetische Farbe erreichen lassen soll. Die bessere Farbanpassung der Standardfarben werde nicht allein durch die umgebende Zahnsubstanz, sondern zusätzlich aufgrund der Grundfarbe des Zahnes erreicht, die aus der Tiefe ins Füllungsmaterial gelangt.

App mit Zahnarztkontakt

Abbildung 5: Zahnrat aus der Ferne: Philips bietet eine App mit digitaler Kontaktmöglichkeit zum zahnärztlichen Team. | Philips

Ob maschinelle Zahnbürsten Handzahnbürsten ohne kontinuierliches Patiententraining überlegen sind, ist zweifelhaft [Schmalz et al., 2018a; Schmalz et al., 2018b]. Eine neue Studie zur Wirksamkeit maschineller Produkte bei orthodontischen Patienten präsentierte in Köln Philips. Demnach reduziert eine Schallzahnbürste in Kombination mit einem maschinellen Interdentalreinigungs-System gingivale Entzündungen und Blutungen signifikant wirksamer als eine Handzahnbürste und Zahnseide [Nammi et al., 2019].

Wie beim Wettbewerber Oral-B sammeln die höherpreisigen Zahnbürstenmodelle Daten über die Art der Anwendung und geben damit auf Wunsch Rückkopplung zur richtigen Nutzung. Die Daten lassen sich über eine neue Service-App von Philips auch nach einer Prophylaxesitzung kontinuierlich ans zahnärztliche Team übermitteln. Versprochen wird auch eine Beratung durch „The Licensed Dentist“ (Abbildung 5).

Fazit

Ganz langsam scheint die Digitalisierung in den Praxen anzukommen. Es muss kein teurer Intraoralscanner und auch kein High-End-Funktionsdiagnostik-System sein. Der Einstieg kann auch über eine Simulations-Software gelingen, die mit einem iPad oder Smartphone funktioniert. Die Qualität der Angebote macht das Thema inzwischen auch für sehr individuelle Patientenberatungen interessant.

Dr. med. dent. Jan H. Koch
service@dental-journalist.de


Dr. Jan H. Koch ist freier Autor. Er arbeitet auch als Berater für einzelne der genannten Firmen, hat sich aber um eine fachlich zentrierte Darstellung bemüht.

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