Interview zu Früherkennungsuntersuchungen bei Kleinkindern

„Faustregel sind fünf Minuten pro Lebensjahr!“

Ab Juli gibt es erstmals zahnärztliche Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder. Doch wie geht man mit diesen – eher unkooperativen – Patienten um? Und was sagt man den besorgten Eltern? Dr. Julia Winter, tätig im Bereich Kinderzahnheilkunde, gibt Tipps für den Praxisalltag.

Ab dem 1. Juli werden erstmals Früherkennungsuntersuchungen für Kleinkinder eingeführt. Es ist aber nicht neu, dass Eltern für ihre Kinder in  diesem Alter zahnärztliche Kontrolltermine wahrnehmen. Ändert sich etwas an der Behandlung?

Dr. Julia Winter: Durch die Einführung der drei neuen zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen ändern sich bei uns lediglich die Abrechnungspositionen – nicht die Behandlung an sich. Die Einführung ist ein entscheidender Beitrag zur Prävention der frühkindlichen Karies und bietet die Chance, dass mehr Eltern ihre Kinder frühzeitig beim Zahnarzt vorstellen.

Was ist das Besondere an der Untersuchung von Kleinkindern?

Das Zeitfenster der Kooperationsbereitschaft ist bei Kleinkindern gering. Als Faustregel gilt zwar ein ungefähres Zeitfenster von fünf Minuten pro Lebensjahr, doch bei Kleinkindern vor dem dritten Lebensjahr muss man diese Faustregel häufig nach unten korrigieren.

Wie geht man bei der Behandlung der  kleinen Patienten am besten vor?

Vorab sollte mit den Eltern geklärt werden, zu welcher Tageszeit das Kind kooperationsfähig ist. Im Regelfall empfiehlt sich der Vormittag bis mittlere Nachmittag für die zahnärztliche Untersuchung von Kleinkindern. Um eine intraorale Untersuchung durchführen zu können, muss das Kind bereit sein, den Mund öffnen. Voraussetzung hierfür ist Vertrauen gegenüber dem Behandlungsteam. Die Eltern spielen hier die entscheidende Rolle: Schenken sie dem Behandlungsteam Vertrauen, tut das normalerweise auch das Kind, wenn es nicht schon eine schlechte Erfahrung im ärztlichen oder zahnärztlichen Bereich gemacht hat. An dieser Stelle ist es wichtig, negative Erfahrungen genau zu erfragen, um bei Behandlungsunwilligkeit eine erfolgreiche Adaptation durchführen zu können. Auch Zahnbehandlungsängste der Eltern können sich auf ihren Nachwuchs übertragen. Daher ist es meist sinnvoll, etwaige Ängste bereits vorab abzufragen.
Bei Kindern im Kindergartenalter lässt sich das Eis bereits im Rahmen der Begrüßung brechen, indem man etwa Bewunderung für ein vom Kind getragenes Kleidungsstück zum Ausdruck bringt. Grundsätzlich sollte eine spielerische und mundferne Annäherung gewählt werden, indem zunächst die vermeintlichen Zähne beim mitgebrachten Teddy, dann die Finger und erst danach die Zähne des Kindes gezählt werden. Ab dem Kindergartenalter funktioniert die Tell-Show-Do-Methode zur Verhaltensführung ganz gut.

Wie reagiert man, wenn das Kind trotz aller Bemühungen keine Bereitschaft   zeigt, den Mund zu öffnen?

Wenn das Kind sich gar nicht in den Mund schauen lassen möchte, empfiehlt es sich, den Eltern einen Einmalmundspiegel mitzugeben. Damit kann im häuslichen Umfeld das Kleinkind bereits an den Blick in den Mund gewöhnt werden.

Mit diesem Ansatz werden die Eltern   aktiv in die Behandlung eingebunden.  Wie wichtig ist grundsätzlich der Dialog?

Der Dialog mit den Eltern ist sehr wichtig, denn sie tragen die Verantwortung für das Ernährungs- und/oder Zahnpflegeverhalten bei ihren Kindern.

Wo liegt die größte Herausforderung in der Kommunikation mit den Eltern?

Herausforderungen in der Kommunikation bestehen immer nur, wenn das Kleinkind bereits in den Brunnen gefallen ist – also bereits eine frühkindliche Karies vorliegt, die auf ein unzureichendes Ernährungs- und/oder Zahnpflegeverhalten zurückzuführen ist. Niemand hört gerne, dass durch ein Fehlverhalten Karies beim Nachwuchs eingetreten ist.
Pauschal fallen mir in diesem Zusammenhang drei Hindernisse ein, die hin und wieder überwunden werden müssen:
Da sind zunächst die sprachlichen Hindernisse: Es gibt Situationen, in denen man sich als Behandlungsteam sicher ist, dass Eltern mit Migrationshintergrund alles verstanden haben, was man ihnen in einer leichten Sprache zur Ernährung und Zahnpflege erklärt hat. Die Eltern haben zum Beispiel auf Nachfragen vom Behandlungsteam richtig – mit entsprechenden Angaben, Bejahen oder auch Verneinen – reagiert. Somit besteht zunächst kein Zweifel am sprachlichen Verständnis der Eltern. Beim nächsten Zahnarztbesuch liegt bei dem Kleinkind wieder eine ungenügende Zahnpflege vor und zudem ist ein weiterer Karieszuwachs feststellbar. Damit offenbart sich, dass hier doch sprachliche Hindernisse vorliegen. In solchen Fällen empfiehlt sich unterstützend zur mündlichen Aufklärung zusätzlich einen Comic zur Zahnpflege und zum Ernährungsverhalten zu Hilfe zu nehmen, um das Erklärte mit Bildern zu verdeutlichen.
Eine weitere Herausforderung kann die fehlende Möglichkeit zur Umsetzung der häuslichen Mundhygiene sein. Das zahnärztliche Behandlungsteam versucht natürlich immer die Eltern bestmöglich aufzuklären und zu instruieren, so dass sie bei ihren Kindern im häuslichen Bereich eine optimale Zahnpflege und zahnschonende Ernährung durchführen. In manchen Familien sind die Eltern aufgrund von drückenden Alltagssorgen, Erkrankungen oder anderen persönlichen Umständen allerdings gar nicht in der Lage, die Empfehlungen umzusetzen, weil einfach eine Überforderung besteht. In solchen Situationen kann die motivierende Gesprächsführung helfen, in kleinen Schritten eine Verhaltensänderung herbeizuführen.
Als drittes Hindernis ist die elterliche Ablehnung jeglicher Fluoridverbindungen im kindlichen Mund zu nennen. Zum Glück lenken die meisten Eltern ein, wenn im Gespräch die Wirkung und der Nutzen von Fluoriden sowie mögliche Folgen einer Nicht-Anwendung erklärt werden konnten. Auch die Sorgen der Eltern bezüglich einer Fluoridüberdosierung und deren Folgen können häufig durch eine Aufklärung ausgeräumt werden. Meine Lieblingssätze am Ende dieser Gespräche sind: „Natürlich können Sie ihr Kind auch ohne Fluoride kariesfrei in die Selbstständigkeit entlassen. Dies gelingt aber nur, wenn der Zahnbelag regelmäßig optimal entfernt wird und weder Säuren noch Zucker in den kindlichen Mund gelangen. Wenn Sie dies schaffen, dann kann ich Sie nur herzlich beglückwünschen. Mir persönlich wäre die ständige Kontrolle zu stressig.“ Leider gibt es aber auch Eltern, die einer vernünftigen Argumentation nicht zugänglich sind.

Welche Fragen sollten den Eltern, neben dem bereits besprochenen Fluoridgehalt der Zahnpasta, noch  gestellt werden?

Wichtig sind vor allem Fragen, die helfen, das Kariesrisiko des Kleinkinds zu bestimmen. Dazu zählen neben der Anwendung von Fluoriden die Zahnpflege (Frequenz, Technik), die Ernährung, das Stillverhalten (insbesondere Beruhigungsstillen) und das Trinkverhalten (Inhalt, Verfügbarkeit, Frequenz, Trinkgefäß). Dabei sollte sich das Behandlungsteam genug Zeit nehmen und neben geschlossenen auch offene Fragen stellen.

Welche Tipps können Sie konkret für   die Eltern-Kommunikation geben?

Diese Frage muss differenziert beantwortet werden. Grundsätzlich sollte man sich Zeit für die Kommunikation nehmen. Eigentlich ist es immer besser, den Eltern möglichst auf Augenhöhe und ohne den erhobenen Zeigefinger zu begegnen. Doch manchmal trifft man auf Eltern von Kindern mit einer ECC, die sich ihrer Verantwortung für die Mundgesundheit ihres Nachwuchses gar nicht bewusst sind und sofort die Sanierung des Gebisses in einer Sitzung fordern.
In solchen Situationen muss man den Eltern dann schon deutlich zu verstehen geben, dass sie selbst die Verantwortung für die Mundgesundheit ihres Kindes tragen und nicht etwa das Kleinkind oder der Zahnarzt. Nur wenn die Eltern danach Einsicht zeigen, ist die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Eltern und dem Behandlungsteam zum Wohle des Kindes geschaffen.
Neben diesem Extrem gibt es auch Eltern von ECC-Kindern, die massive Schuldgefühle haben. Hier sollte man sensibler vorgehen, denn die Eltern haben die Ursachen bereits erkannt und sind gewillt, es in Zukunft besser zu machen. Neben einer Kariessanierung und/oder Remineralisierung muss hier durch das Behandlungsteam eine empathische Beratung mit dem Ziel einer adäquaten häuslichen Kariesprävention und einer regelmäßigen Inanspruchnahme der professionellen Kariesprophylaxe erfolgen.

Wie geht man am besten vor, wenn     man eine insuffiziente Mundpflege     oder eine beginnende ECC bei einem   Kleinkind diagnostiziert?

Auch hier sollte man zunächst bei den Eltern ansetzen, um die Ursachen für die beginnende ECC zu evaluieren. Wenn sich herausstellt, dass die häusliche Zahnpflege unzureichend ist, sollte man die Eltern nicht nur darüber aufklären, sondern eine adäquate Mundpflege direkt an ihrem Kind demonstrieren und dies mit ihnen üben. Bei einer initial kariösen Läsion sollte zudem eine regelmäßige Fluoridlackapplikation (dreimonatlich) als ACT (Arresting Caries Treatment) erfolgen. Nur wenn die zahnschädigenden Verhaltensweisen abgestellt werden, besteht die Chance, ein Voranschreiten der Initialläsion zu verhindern und mittels Fluoridierung eine erfolgreiche Remineralisation durchzuführen.

Was sind die häufigsten Fehler bei  der Untersuchung von Kleinkindern und wie können diese vermieden werden?

Wie zuvor bereits erwähnt ist das Zeitfenster für die zahnärztliche Untersuchung von Kleinkindern gering. Trotzdem brauchen die Kinder ein paar Minuten, um mit der ungewohnten Umgebung warm zu werden. Insofern ist es absolut kontraproduktiv, wenn der Behandler versucht, die Untersuchung möglichst schnell durchzuführen und dem Kind zu wenig Zeit für eine Gewöhnung an die Behandlungssituation einräumt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind sich verweigert ist in solchen Fällen hoch. Kindern sollte man ruhig, locker, mit einer kindgerechten Sprache begegnen. Auch die bereits angesprochene mundferne Annäherung bietet eine gute Kontaktaufnahme zum Kind und kann helfen, spielerisch Vertrauen zwischen Kleinkind und Behandler zu schaffen. Wenn diese Kontaktaufnahme positiv verläuft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass neben einem Gespräch mit den Eltern über Zahngesundheit auch eine intraorale Untersuchung beim Kind möglich ist.

Die Fragen stellte Dr. Nikola Lippe.

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