Sucht bei Zahnärzten

Falsche Freunde

Wer von Alkohol, Pillen, Glücksspiel oder anderen Drogen abhängig ist, verheddert sich schnell in einem Netz aus Lügen, Schuldgefühlen und Kontrollverlust. Das gilt auch für suchtkranke Zahnärzte und Zahnärztinnen. Welche Wege führen in die Sucht – und welche wieder heraus?

iStock - LeszekCzerwonka

„Es kann Jahrzehnte dauern, bis sich Menschen mit einer Suchterkrankung um Hilfe bemühen“, sagt Dietmar Paul. Paul ist Chefarzt an der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen und Konsiliarpsychiatrie am Bürgerhospital Frankfurt am Main. Seit Anfang des Jahres ist er außerdem der ehrenamtliche Drogen- und Suchtbeauftragte der Landeszahnärztekammer und der Landesärztekammer Hessen.

Unterstellt wird eine Charakterschwäche

Ein Grund für die lange Erkrankungsdauer sei die Angst vor Stigmatisierung, berichtet sein Vorgänger, Dr. Siegmund Drexler: „Wenn jemand an Asthma leidet, sagt ihm jeder: ‚Mensch, das tut mir leid!‘. Bei Suchterkrankungen ist in unserer Gesellschaft oft die Haltung zu spüren: ‚Selber schuld!’. Betroffenen wird damit eine gewisse Charakterschwäche unterstellt – für ihre Heilung ist das sehr hinderlich“, berichtet der Internist und Kardiologie, der die Stelle des Drogen- und Suchtbeauftragten ab 2008 aufgebaut hat.

Nach einer Alkoholfahrt wurde ich von den Behörden bei meiner Landeszahnärztekammer gemeldet. Ich bekam eine Einladung zum Gespräch mit dem Drogen- und Suchtbeauftragten, der ich auch folgte. Bei diesem Treffen schlossen wir einen Vertrag über die nächsten Schritte ab. Dazu gehörte, dass ich eine Therapie mache. Sie hat mir geholfen, die Zusammenhänge meiner Abhängigkeit zu verstehen, die in engem Zusammenhang mit einer depressiven Erkrankung stand. Ich begriff, dass ich meine Krankheit über all die Jahre mit Alkohol zu therapieren versucht hatte. Die Verantwortung, die als Inhaberin einer Einzelpraxis für Personal, Abrechnung und Wirtschaftlichkeit auf meinen Schultern lastete, verschärfte das Problem. Jetzt bin ich seit zwei Jahren abstinent und besuche regelmäßig eine Selbsthilfegruppe. Ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe.

Zahnärztin und Praxisinhaberin, 56 Jahre *

Sie dient Medizinern und Medizinerinnen mit einem Suchtproblem als Anlaufstelle, melden können sich dort aber auch Menschen aus deren Umfeld. Der Drogen- und Suchtbeauftragte vermittelt Betroffene an Therapeuten und Therapieeinrichtungen und fungiert als Bindeglied zwischen ihnen und den Kammern, der hessischen Approbationsbehörde und dem Regierungspräsidium, das bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz aktiv wird.

Suchtmittel Nummer eins: Alkohol

In allen Schichten der Gesellschaft sind Suchterkrankungen anzutreffen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) rauchen in Deutschland 12 Millionen Menschen, 1,6 Millionen sind abhängig von Alkohol und geschätzte 2,3 Millionen von Medikamenten. Rund 600.000 Frauen und Männer weisen einen problematischen Konsum von Cannabis und anderen illegalen Drogen auf, etwa 500.000 zeigen ein problematisches oder sogar pathologisches Glücksspielverhalten. Außerdem ist von etwa 560.000 Onlineabhängigen in Deutschland auszugehen, informiert das BMG mit Verweis auf den Epidemiologischen Suchtsurvey aus dem Jahr 2018.

Belastbare Statistiken darüber, wie viele Mediziner abhängig sind, gibt es nicht. Nach Schätzungen des Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Sucht und Drogen der Bundesärztekammer, Dr. Josef Mischo, ist von vier bis fünf Prozent aller Ärzte in Deutschland auszugehen. Das entspreche etwa der Häufigkeit der Suchterkrankungen in der übrigen Bevölkerung, erklärte er in einem Interview mit der Ärzte Zeitung im März 2018.

Suchtmittel Nummer eins ist laut Mischo auch unter Ärzten mit Abstand der Alkohol. Da Mediziner einen leichteren Zugang zu Medikamenten haben, sei es zudem wahrscheinlich, dass der Anteil der abhängigen Ärzte in diesem Bereich deutlich höher liegt als bei der restlichen Bevölkerung. Besonders häufig sei der Missbrauch von Opioiden, Benzodiazepinen, Ketamin und des gebräuchlichen Narkosemittels Propofol.

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Sucht und Abhängigkeit oft gleichbedeutend verwendet. In ihrer offiziellen Definition verzichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber auf den Begriff Sucht und spricht stattdessen von Abhängigkeit. Die Begründung: Der Begriff Abhängigkeit lasse eine sehr viel differenziertere Unterscheidung zwischen körperlichen und psychischen Aspekten der Erkrankung zu.

Oft führen Krisen in die Krankheit

Psychische Substanzabhängigkeit ist definiert als übermächtiges, unwiderstehliches Verlangen, eine bestimmte Substanz immer wieder einzunehmen oder eine bestimmte Handlung immer wieder auszuführen. Abhängige wollen so ein Lustgefühl erlangen oder aber Unlust vermeiden. Physische Abhängigkeit manifestiert sich in einer Toleranzentwicklung, die dazu führt, dass Abhängige die Dosis immer weiter steigern. Bleibt der Konsum der Substanz oder das Ausführen der Handlung aus, reagiert der Körper mit Entzugserscheinungen wie Zittern, Unruhe und Schweißausbrüchen.

Im Umgang mit Abhängigkeit ist es wichtig zu unterscheiden zwischen stoffgebundener Abhängigkeit – dazu zählt der Konsum von Substanzen wie Nikotin, Alkohol, Medikamenten, Schnüffelstoffen oder illegalen Drogen – und nicht-stoffgebundener Abhängigkeit, beispielsweise Glücksspielsucht, Online-Sucht oder Arbeitssucht.

 

iStock - FotografiaBasica

In den zehn Jahren als Drogen- und Suchtbeauftragter hatte Drexler Kontakt mit rund 350 Heilberuflern. Zehn Prozent davon waren Zahnärztinnen und Zahnärzte.

Ich litt vier Jahre lang unter Ein-und Durchschlafstörungen. Mein Hausarzt verschrieb mir daher auf Privatrezept das Benzodiazepin Lexotanil. Es half mir. Ich konnte entspannen und schlafen. Ich musste die Dosis aber schnell von einer halben auf 1,5 Tabletten pro Nacht steigern. Trotzdem blieb die Wirkung irgendwann aus. Außerdem bekam ich dauerhaft Rückenschmerzen, wogegen mir mein Hausarzt das Opioid Tilidin verschrieb. Zuletzt habe ich davon täglich bis zu 150 Milliliter genommen. Die Medikamente konnte ich mir selbst verschreiben. Damit das nicht auffällt, wechselte ich die Apotheken. Schließlich wurde ich aber doch von einer Apotheke gemeldet.

angestellte Zahnärztin, 36 Jahre*

Jede Abhängigkeits-Biografie ist – aus seiner Erfahrung – anders, dennoch gebe es Faktoren, die das Entstehen einer Erkrankung befördern. So hätten 40 Prozent aller Menschen im Lauf ihres Lebens mindestens eine schwere, psychische Krise. Der Anteil von Menschen mit Problemen wie Depressivität, Kontaktproblemen oder Grübeln ist in der Bevölkerung recht hoch – mit einem entsprechenden Anteil auch unter Ärzten und Zahnärzten“, führt der Mediziner aus. „Dann kommt bei manchen Menschen etwas in Gang, das ich die Kette der Biologie der Sucht nenne: Das Suchtmittel reduziert Ängste und Grübeln, es produziert Glücksgefühle und erleichtert die Kommunikation mit anderen. Aber: Irgendwann geht es nicht mehr ohne Droge. Das Potenzial, in diese Kette zu geraten, trägt jeder Mensch in sich.“

Vor diesem Hintergrund findet der Suchtexperte es bedenklich, dass viele Mediziner und Medizinerinnen beim Abschluss einer privaten Krankenversicherung psychiatrische Erkrankungen ausschließen. Blickt man auf die 40-prozentige Wahrscheinlichkeit, davon getroffen zu werden, ist das ein Fehler!“, urteilt Drexler.

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