Fortbildung „Ernährung und Mundgesundheit“

Probiotika und Mundgesundheit

Der weltweite Markt rund um probiotische Produkte zeigt ein immenses Wachstum. Da es sich meist um Nahrungsergänzungsmittel handelt, werden kaum wissenschaftliche Fakten gefordert. Während lange Zeit vor allem die Wirkung auf den Darm und dessen Mikrobiom im Fokus stand, werden Probiotika-Produkte mittlerweile auch verstärkt zur Förderung der Mundgesundheit beworben. Ob und welchen Nutzen Probiotika auf die Mundgesundheit haben können – diese Frage wird im nachfolgenden Beitrag erörtert.

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New Africa – stock.adobe.com

Im Jahr 2015 zeigte der weltweite Markt um probiotische Produkte ein Volumen von 35 Milliarden US-Dollar und ein bemerkenswertes globales Wachstum von etwa 7 Prozent. [Global Industry Analysis Report, 2012]. In Deutschland konsumierten im Jahr 2018 Umfragen zufolge 3,21 Millionen Verbraucher im Alter von über 14 Jahren täglich oder mehrmals pro Woche probiotische Milchprodukte wie beispielsweise Joghurt, Trinkjoghurt oder Quark [Statista report, 2018]. Damit haben Probiotika mittlerweile eine erhebliche Bedeutung erlangt und es steht die Frage im Raum, in welcher Weise dieser Wandel in den Ernährungsgewohnheiten die oralen Verhältnisse beeinflusst.

Was sind „Probiotika“?

Der Immunologe und Nobelpreisträger Ilja Iljitsch Metschnikow (1845–1916) gilt als Urvater der Anwendung von Probiotika zur Verbesserung der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens. Er stellte die Hypothese auf, dass der vermehrte Verzehr von mit Milchsäure-produzierenden Bakterien angereicherten Nahrungsmitteln („Probiotika“) den – für ihn nicht notwendigen – Alterungsprozess durch Hemmung von Entzündungsvorgängen herauszögern könnte. Er stützte sich dabei auf die Beobachtung einer überdurchschnittlich hohen Lebenserwartung bei bulgarischen Bergbauern, die sich zu einem großen Anteil von fermentierten Milchprodukten ernährten.
Sehr humorvoll beschreibt der Mikrobiologe G. W. Tannock die Wirkung von Probiotika: „They go in at one end of the digestive tract and come out the other, and hopefully something good happens along the way“ [Tannock, 2005]. Im Rahmen eines Joint Workshops der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) [Food and Agricultural Organization of the United Nations and World Health Organization, 2002] definierten die beteiligten Institutionen Probiotika als „lebende bzw. lebensfähige Mikroorganismen, die für den Wirt einen gesundheitlichen Nutzen haben, wenn sie in ausreichender Menge verabreicht werden beziehungsweise in den Darm gelangen“. Die Bezeichnung „Probiotika“ („für das Leben“) ist eigentlich ein Kunstwort und sollte ursprünglich als Pendant zu den Antibiotika etabliert werden.
Darunter fällt eine große Bandbreite von Bakterien, insbesondere die am längsten als Probiotika angewendeten Milchsäure-produzierenden Bakterien wie Lactobacillus und Bifidobacterium spp., aber auch andere Bakterien wie zum Beispiel Enterococcus faecalis sowie Hefen (Hefepilze). Von den Probiotika abgegrenzt werden sogenannte Präbiotika und Synbiotika. Während Erstgenannten eine positive Wirkung – meist Wachstumsanregung – auf sich bereits im Darm befindliche Mikroorganismen zugesprochen wird, stellen Synbiotika eine Kombination aus beiden dar.
Der postulierte Wirkmechanismus von Probiotika setzt zunächst die Überwindung der Magenpassage einer noch teilungsfähigen Bakterienmenge voraus. Im Darm können diese durch quantitative Verdrängung und Produktion von antibakteriellen Stoffen (Bakteriozine) einer Fehlbesiedlung mit Darmkeimen entgegenwirken. Möglicherweise verdrängen sie aber gleichzeitig Teile der erwünschten Darmflora (Darmmikrobiom), wodurch das dort herrschende Gleichgewicht empfindlich gestört werden kann (siehe auch „Nebenwirkungen und Gefahren“).
Neben Milchprodukten können zahlreiche fermentierte Lebensmittel lebende probiotische Bakterien enthalten, sofern diese nicht durch Pasteurisation oder Erhitzung abgetötet worden sind. Dazu zählen zum Beispiel Sauerkraut oder Sauerkrautsaft sowie der sogenannte „Brottrunk“ und die „Miso“-Paste – eine japanische Paste aus Sojabohnen und anderen Getreidebestandteilen, bei der die Fermentierung durch einen Schimmelpilz erfolgt.
Probiotische Mikroorganismen werden jedoch nicht nur in Lebensmitteln eingesetzt, sondern darüber hinaus in Arzneimitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika. Für jeden dieser Verwendungszwecke existiert ein eigener rechtlicher Rahmen, wobei die Vorschriften für den Lebensmittelbereich als moderat gelten können. Hier regelt die sogenannte „Health Claims“-Verordnung der EU (Verordnung-Nr. 1924/2006) lediglich, dass nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben „sich auf allgemein akzeptierte wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und durch diese abgesichert sein“ müssen [EU, 2006].

Darreichungsformen

Derzeit eröffnet sich neben den klassischen Präparaten aus Supermarkt, Apotheke, Drogerie und Reformhaus, bei denen es sich vornehmlich um Nahrungsergänzungsmittel, diätetische Lebens- oder Arzneimittel handelt, ein riesiges Online-Angebot.
Probiotika finden sich klassischerweise in zahlreichen, speziell mit Milchsäure-produzierenden Bakterien angereicherten (Trink-)Joghurts, Quarkspeisen, Käse, neuerdings auch in Wurst oder Speiseeis. Sie stellen eine sehr heterogene Gruppe von Bakterien dar, die normalerweise ein Prozent oder weniger der Stuhlflora des erwachsenen Menschen ausmachen. Probiotika sind aber auch in Form von Pulver, Suspensionen oder als Lutschtabletten kommerziell erhältlich. Zunehmend weitet sich der Trend auf Körperpflege- und Mundhygieneprodukte aus. 

Abbildung 1: Die Zusammenhänge zwischen Probiotika, Präbiotika und Synbiotika | N. Arweiler

Probiotika – zwischen Anspruch und Realität

Seit der ersten Vorstellung durch Metschnikow (1910) sind Probiotika bezüglich ihrer Allergie-präventiven Eigenschaften, ihrer positiven Wirkung bei der Prävention und Therapie gastrointestinaler Krankheiten sowie ihrer positiven Beeinflussung der Immunabwehr mittlerweile intensiv erforscht. Aktuelle Metaanalysen konnten aber bislang noch kein einheitliches Urteil über eine signifikante Effektivität von Probiotika fällen [Vuotto et al., 2014; Fleming et al., 2015; Sinclair et al., 2016; Forsberg et al., 2016]. Hauptgrund dafür ist die Heterogenität der Produkte bezogen auf die Dosis, das Vehikel und insbesondere die Auswahl des Keimes. Vuotto et al. resümieren, dass keines der Probiotika-Produkte einem anderen gleicht und auch innerhalb der gleichen Spezies verschiedene Bakterien-Stämme unterschiedliche Effekte haben können [Vuotto et al., 2014].
Über die Massenmedien werden Produkte an den Endverbraucher herangetragen, die – auch wenn nicht direkt mit Werbeaussagen verknüpft – doch Gesundheit und Wohlbefinden suggerieren. Des Weiteren werden sie in Zusammenhang mit der Behandlung diverser Allergien (zum Beispiel Neurodermitis, Asthma, Heuschnupfen), mit der Prävention und Behandlung von Depressionen, Lebererkrankungen, Morbus Crohn, Reizdarm-Symptomen und Krebserkrankungen gebracht. Darüber hinaus sollen Probiotika zur Hautgesundheit beitragen und Anti-Aging-Effekte haben. Im Zuge des veganen Ernährungstrends sowie vermehrten Laktoseintoleranzen sind Milchprodukte in den vergangenen Jahren unpopulärer geworden, was tendenziell andere Darreichungsformen fördert.

Therapiealternative in der Zahnmedizin?

Trotz zurückgehender Prävalenzen in Deutschland gehören die dentalen Erkrankungen Karies, Gingivitis und Parodontitis weltweit immer noch zu den am weitesten verbreiteten Infektionserkrankungen [Selwitz et al., 2007; Dye et al., 2012; Jordan & Micheelis, 2016] und können durchaus als „Volkskrankheiten“ bezeichnet werden. Während bei diesen Erkrankungen meist der Zahnverlust im Vordergrund steht, muss bedacht werden, dass es sich insbesondere bei der Parodontitis um eine chronische Erkrankung handelt, die eine andauernde Herausforderung für das Immunsystem und die Allgemeingesundheit darstellt [Pihlstrom et al., 2005]. Klassische antibakterielle Strategien mit entsprechenden antibakteriellen Wirkstoffen, lokalen Antiseptika oder lokalen und systemischen Antibiotika konnten ihre präventiven und therapeutischen Effekte zeigen [Zandbergen et al., 2013; Chapple et al., 2015; Arweiler et al., 2018; Auschill et al., 2018]. Das trifft für Probiotika-Produkte bislang nicht zu.
Dennoch sind Probiotika als Alternative für die Prävention und Therapie in der Zahnmedizin durchaus vorstellbar, denn die Mundhöhle beherbergt wie der Darm ein komplexes Mikrobiom, das prinzipiell durch die Zufuhr von Mikroorganismen beeinflussbar erscheint. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Probiotika in den vergangenen Jahren verstärkt in die Zahnmedizin drängten. Aber auch hier müssen Probiotika erst einmal wissenschaftlichen Studien unterzogen werden, damit evidenzbasierte Aussagen getroffen werden können.

Abbildung 2: Ob probiotische Lutschtabletten „zur Zahn- und Mundpflege“ (Dental Repair) oder probiotische Mundspülungen: Wie im Darm sollen die „guten“ Bakterien auch das orale Mikrobiom in ein positives Gleichgewicht bringen und damit die typischen dentalen Erkrankungen reduzieren helfen. Doch eindeutige wissenschaftliche Belege fehlen bislang. | N. Arweiler

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