Zahnärztliches Arbeiten in Pflegeeinrichtungen – Teil 1

Kooperationsverträge – ein Erfolgsmodell!

Seit Beginn des Jahres sind stationäre Pflegeeinrichtungen gesetzlich verpflichtet, Kooperationsverträge mit Zahnärzten zu schließen – so will es das Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz (PpSG). Dieser Beitrag stellt im ersten Teil ein Modell vor, wie die praktische Umsetzung der Untersuchungen und der Prävention unter Berücksichtigung der knappen Ressourcen auf beiden Seiten gelingen kann. Der zweite Teil in der nächsten zm beschäftigt sich dann mit den Behandlungsmaßnahmen im Rahmen der Kooperationsvertragstätigkeit.

Elmar Ludwig

Seit der Einführung im Jahr 2014 haben bundesweit durchschnittlich circa 30 Prozent der stationären Pflegeeinrichtungen Kooperationsverträge mit Zahnärzten geschlossen – Tendenz steigend. In vielen weiteren Einrichtungen gehen heute Zahnärzte auch ohne Vertrag schon regelmäßig ein und aus. Oft sind es die Einrichtungen selbst, die bisher zögerten, Verträge abzuschließen, da die hohe Schlagzahl gesetzlicher Änderungen aufwendige Umstrukturierungen in vielen Bereichen gleichzeitig mit sich bringt. Dazu kommt: Die Einrichtungen gehen mit den Kooperationsverträgen administrative und personelle Verpflichtungen ein, für die sie – anders als wir Zahnärzte – bis heute keinen finanziellen Ausgleich bekommen! Qualität zum Nulltarif? So geht es nicht!
Sicher: Mundpflege ist Grundpflege. Aber in den vergangenen 30 Jahren hat sich die Mundgesundheit stetig verbessert, damit sind die Herausforderungen in der Pflege gewachsen. Die Dritten ins Glas – das war gestern. Heute müssen Pflegekräfte mit Zähnen, technisch aufwendigem Zahnersatz und Implantaten sicher umgehen können. Allerdings haben sie das in Ihrer Pflegeausbildung nicht gelernt. Auch im Bereich der Fortbildung für Pflegekräfte spielt das Thema bis heute nahezu keine Rolle. Die Zahnärzteschaft hat sich deshalb in den vergangenen Jahren verstärkt um Wissensvermittlung an Pflegekräfte bemüht. So hat die Zahnärztekammer Baden-Württemberg für die Aus- und Fortbildung ein Konzept zur Zahn-, Mund- und Zahnersatzpflege entwickelt, dieses dann in Pflegeschulen einem Stress-Test unterzogen, seitdem zielgerichtet verbessert und vor dem Hintergrund der aktuellen Neugestaltung der Pflegeausbildung weiter angepasst. Dieses Konzept gilt es nun, flächendeckend in der Pflegeaus- und -fortbildung einzuführen und zu verbreiten. Zudem wird derzeit mit Beteiligung der Zahnärzteschaft vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) ein Expertenstandard zur Erhaltung und Förderung der Mundgesundheit erarbeitet. Die Veröffentlichung dieses Expertenstandards ist bereits jetzt für den Januar 2022 terminiert.
In jedem Fall muss aber der Mehraufwand, der heute für Mundhygiene bei Menschen mit Unterstützungsbedarf aufzubringen ist, auch bei der Pflege finanziell berücksichtigt werden – sonst wird aller guter Wille, wie er unter anderem im Kooperationsvertrag formuliert ist, keine nachhaltige Wirkung zeigen können.

Der Kooperationsvertrag

Bereits das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG, seit dem 1.1.2013 in Kraft) hatte die Kooperation zwischen Pflegeeinrichtungen und Zahnärzten auf eine neue gesetzliche Grundlage gestellt (§ 119b, SGB V). In der Folge haben die Parteien des Bundesmantelvertrags, die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband, eine Rahmenvereinbarung getroffen, in der zur Verbesserung der Versorgungsqualität „Anforderungen an eine kooperative und koordinierte zahnärztliche und pflegerische Versorgung von pflegebedürftigen Versicherten in stationären Pflegeeinrichtungen“ formuliert sind. Schließlich wurde auf Bundesebene ein Muster-Kooperationsvertrag entwickelt. Vertragspartner sind stationäre Pflegeeinrichtungen einerseits und Vertragszahnärzte andererseits. Vereinzelt haben die zuständigen Kassenzahnärztlichen Vereinigungen auf Landesebene den Mustervertrag modifiziert. Zahnärzte können den Vertragstext und weitere Informationen bei der für sie zuständigen Kassenzahnärztlichen Vereinigung anfordern.

  • Kooperationsverträge strukturieren die Zusammenarbeit durch ...

- einen Erst-Besuch des Zahnarztes innerhalb von drei Monaten nach Aufnahme eines Bewohners,
- regelmäßige Kontrolluntersuchungen – bis zu zweimal jährlich (Bonusheft),
- Mundgesundheitspläne zur Information, Pflegeanleitung sowie Empfehlungen für Versicherte und Pflege- oder     Unterstützungspersonen,
- konkrete Ansprechpartner sowie
- Regelungen zur Rufbereitschaft.

  • Kooperationsverträge zielen auf eine „zeitnahe, den Lebensumständen des Pflegebedürftigen Rechnung tragende Behandlung beziehungsweise Hinwirken auf eine solche Behandlung“ durch den Kooperationszahnarzt ab (§ 1 Muster-Kooperationsvertrag). Nach Möglichkeit sollten Behandlungsmaßnahmen zur „Vermeidung von zahnmedizinisch bedingten Krankentransporten und Krankenhausaufenthalten“ vor Ort in der Einrichtung durchgeführt werden.
  • Kooperationsverträge schränken die freie Arztwahl des Bewohners nicht ein – in der Präambel des Mustervertrags heißt es: „Die regelmäßige Betreuung und alle in der Vereinbarung vorgesehenen oder empfohlenen zahnärztlichen und pflegerischen Maßnahmen werden nur durchgeführt, wenn der Bewohner oder sein gesetzlicher Vertreter dem zustimmt.“ § 2 bestimmt: „Die Pflegeeinrichtung informiert den Kooperationszahnarzt zeitnah über Bewohner, die eine Betreuung durch den Kooperationszahnarzt wünschen.“

Hierfür hat die Zahnärzteschaft in Baden-Württemberg einen Info-Flyer entwickelt, der auf der Homepage der Landeszahnärztekammer abgerufen werden kann (Abbildung 1). Der Flyer enthält allgemeine Informationen zum Betreuungsangebot, und es kann damit das Einverständnis für die Kontrolluntersuchung gegeben werden – weitere notwendige Behandlungsmaßnahmen sind gesondert zu klären. Der Zahnarzt kann seinen Namen sowie seine Adresse in die PDF-Vorlage eintragen und diese dann der Pflegeeinrichtung zur Verfügung stellen.

 

Abbildung 1: Freie Arztwahl! Der Info-Flyer ermöglicht Pflegeeinrichtungen ohne großen Aufwand das Einverständnis zur Betreuung durch den Kooperationszahnarzt einzuholen. | Copyright

Bildunterschrift | Copyright

Abbildung 2: Material-Checkliste – so wird für die Besuche nichts vergessen. | Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg

Apparative Voraussetzungen

Für den Kooperationsvertrag ist weder die Anschaffung einer mobilen Behandlungseinheit noch die Einrichtung eines Behandlungszimmers in der Pflegeeinrichtung zwingend erforderlich. Gebrechlichkeit, Polypharmazie, kognitive Einschränkungen und Schluckstörungen machen alte und vor allem pflegebedürftige Menschen zu Hochrisikopatienten. Im Hochrisikogebiet der Mundhöhle mit gegebenenfalls starker Blutung, Würgereiz, erhöhter Neigung zum Erbrechen, Aspirationsgefahr sowie der Verletzungsgefahr beispielsweise bei schmerzbedingter Selbst- oder Fremdaggression in der für den Zahnarzt wenig vertrauten und kompromittierten Umgebung sind aufwendige Behandlungen und invasive Eingriffe besonders kritisch abzuwägen. Neben der Ausrüstung entscheiden vor allem die Kooperationsfähigkeit sowie die Belastbarkeit der Patienten darüber, was möglich ist.
„Können Sie das nicht hier im Haus machen, Sie haben doch alles vor Ort!“ Eine mobile Behandlungseinheit oder gar ein Behandlungszimmer in der Pflegeeinrichtung erhöht den Erwartungsdruck für zahnärztliche Behandlungen.
Bei belastbaren Patienten macht es durchaus Sinn, aufwendige Behandlungen in der Praxis unter optimalen Bedingungen durchzuführen. Sollte dann ein Notfall eintreten, ist man in der vertrauten Umgebung der eigenen Praxis am ehesten in der Lage, Hilfe anzufordern und notwendige Sofortmaßnahmen (Lagerung, Absaugung, Sauerstoff) durchzuführen. Bei sehr gebrechlichen Menschen ist es gerechtfertigt, sich unter Abwägung der Risiken auf kleine und wenig belastende Maßnahmen in der für den Patienten vertrauten Umgebung zu beschränken. Im Zimmer des Bewohners spart dies sogar innerhalb der Einrichtung den Transfer und bedeutet insgesamt weniger Stress für alle Beteiligten. Ist eine aufwendige Behandlung unvermeidbar, kann auch eine Einweisung ins Krankenhaus sinnvoll sein.

Abbildung 3: Werden die Karteikarten in der Praxis in einem separaten Karteikasten aufbewahrt, sind sie ohne großen Aufwand gleich zum Mitnehmen verfügbar. | Elmar Ludwig

Abbildung 4: Ein Servierwagen der Pflegeeinrichtung ermöglicht es, alle notwendigen Materialien und auch unseren Abfall sicher und bequem in der Einrichtung mitzuführen. | Foto: aus: Ludwig E. Kooperationsverträge mit Pflegeinrichtungen. DFZ 2016, Heft 6,S58–69.

Seite 1: Kooperationsverträge – ein Erfolgsmodell!
Seite 2: Kontrolluntersuchung-Planung
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