Konsensusprojekt „Perio & Caries“

Karies und Parodontitis – das haben sie gemeinsam

Europäische Parodontologen (European Federation of Periodontology – EFP) und Kariologen (European Organisation 
for Caries Research – ORCA), die bis dahin international weitgehend unabhängig voneinander agierten, haben in dem gemeinsam organisierten Konsensusprojekt* „Perio & Caries“ erstmalig das Grenzgebiet zwischen Parodontologie und Kariologie ausgelotet und Empfehlungen veröffentlicht.

Abbildung 1a: Karies ist eine Biofilm-vermittelte, zuckerbedingte, multifaktorielle, dynamische Erkrankung, die im Laufe der Zeit die episodische Demineralisierung von Zahnhartgewebe zur Folge hat. Paris

Als Ergebnis wurden Konsensusdokumente aus vier Arbeitsgruppen publiziert. Hier 
werden die wissenschaftlichen Diskussionen und Ergebnisse aus den Konsensusberichten dieser Arbeitsgruppen kurz zusammengefasst. Die wichtigsten Gemeinsamkeiten von Karies und Parodontitis sind in Tabelle 1 (Seite 90) aufgeführt.

Die Bedeutung des Biofilms

  • Arbeitsgruppe 1: Die Rolle mikrobieller Biofilme bei der Erhaltung der Mundgesundheit und der Entwicklung von Karies und Parodontitis

Diese Gruppe unter dem Vorsitz von Mariano Sanz (EFP) und David Beighton (ORCA) untersuchte die ökologischen Wechselwirkungen im dentalen Biofilm bei Gesundheit und Krankheit, die Rolle mikrobieller Gemeinschaften bei der Pathogenese von Parodontitis und Karies und die angeborene Immunabwehr bei Karies und Parodontitis. Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen war, die zentrale Rolle des Biofilms bei der Entwicklung von Karies und parodontalen Erkrankungen hervorzuheben. Daher ist das Verständnis der Zusammensetzung und der intermikrobiellen Wechselwirkungen für die Entwicklung effektiver präventiver und therapeutischer Maßnahmen von grundlegender Bedeutung. Die aktuellen Konzepte von „Symbiose“ und „Dysbiose“ im Sinne einer ökologischen Plaquehypothese sind auf beide Erkrankungen anwendbar. Gleichzeitig ist das Wissen über die Wechselwirkungen zwischen Mikroorganismen und dem Wirt und seiner Immunantwort – die an der Erhaltung der Mundgesundheit und der Initiierung und Progression sowohl von Karies als auch von Parodontalerkrankungen beteiligt sind – der Schlüssel zur Verbesserung der Präventionsstrategien zur Erhaltung der Mundgesundheit [Sanz et al., 2017].

Abbildung 1b: Parodontitis ist eine chronische, multifaktorielle, entzündliche Erkrankung, 
assoziiert mit bakterieller Dysbiose und charakterisiert durch progressive Destruktion der 
zahnhaltenden Strukturen. | Paris

Genetische und erworbene Risikofaktoren

  • Arbeitsgruppe 2: Wechselwirkungen von „Lifestyle“, Verhalten oder systemischen Erkrankungen mit Mundgesundheit, Karies und parodontalen Erkrankungen

Die Diskussionen in dieser Gruppe unter dem Vorsitz von Iain Chapple (EFP) und 
Andreas Schulte (ORCA) basierten auf 
einer systematischen Untersuchung der genetischen Risikofaktoren, einer narrativen Übersicht der Rolle von Diät und Ernährung sowie einer Referenzdokumentation für modifizierbare erworbene Risikofaktoren, die beiden Erkrankungen gemeinsam sind. Es gibt mäßig starke Evidenz dafür, dass eine Person für parodontale Erkrankungen beziehungsweise für Karies teilweise genetisch prädisponiert ist, wobei die Literatur für Erstere umfangreicher ist als für Letztere. Die beteiligten Gene sind für beide Erkrankungen offenbar unterschiedlich und es wurden keine gemeinsamen genetischen Varianten gefunden. Fermentierbare Kohlenhydrate (Zucker und Stärke) sind der wichtigste gemeinsame Ernährungsrisikofaktor für beide Erkrankungen, aber die damit verbundenen Pathomechanismen sind unterschiedlich. Die Arbeitsgruppe kam auch zu dem Schluss, dass „Functional Food“ oder Probiotika bei der Kariesprävention und der Behandlung von parodontalen Erkrankungen hilfreich sein könnten. Sie stellte jedoch 
fest, dass die Evidenz begrenzt ist und die beteiligten biologischen Mechanismen noch nicht ausreichend verstanden sind. Im Hinblick auf die erworbenen Risikofaktoren für Karies und parodontale Erkrankungen sind die häufigsten Hyposalivation, rheumatoide Arthritis, Rauchen, nicht diagnostizierter oder schlecht kontrollierter Diabetes und Adipositas [Chapple et al., 2017].

Abbildung 2: Die deutschen Experten: oben v.l.n.r.: Prof. Paris, Prof. Buchalla, Prof. Meyle, 
Prof. Dietrich, Prof. Kocher, Prof. Conrad, Prof. Eickholz, Prof. Schwendicke, Prof. Dommisch, 
unten v.l.n.r.: Dr. Schmoeckel, Prof. Schulte, Prof. Schlüter, Prof. Jepsen, Prof. Dörfer. | EFP

Abbildung 3a: Modell der Pathogenese der Karies | modifiziert nach Kilian et al., 2016

Abbildung 3b: Modell der Pathogenese der Parodontitis, das sich aus dem klassischen Modell von Page & Kornman [1997] entwickelt hat. 
(AMP = Antimikrobielle Peptide, DAMP = Damage-Associated Molecular Pattern, fMLP = f-Met-Leu-Phe, GCF = Gingivale Sulkusflüssigkeit, 
LPS = Lipopolysaccharide, MMP = Matrix-Metalloproteinasen, PMN = Polymorphkernige neutrophile Granulozyten) | nach Meyle & Chapple, 2015 

Prävention

  • Arbeitsgruppe 3: Prävention und Kontrolle von Karies und parodontalen Erkrankungen auf individueller und bevölkerungsbezogener Ebene

Unter dem Vorsitz von Søren Jepsen (EFP) und Vita Machiulskiene (ORCA) überprüfte diese Gruppe den aktuellen Wissensstand zu Epidemiologie, Sozialverhalten (soziale Faktoren und Determinanten) und Plaquekontrolle. Sie stellte fest, dass Karies und parodontale Erkrankungen gemeinsame Risikofaktoren und soziale Determinanten aufweisen, die für Prävention und Kontrolle wichtig sind.  Drei systematische Übersichtsarbeiten konzentrierten sich auf

(1) die globale Krankheitslast durch Karies und Parodontitis,
(2) sozio-verhaltensbezogene Aspekte bei der Vorbeugung und Kontrolle von Karies und parodontalen Erkrankungen auf individueller und Populationsebene und
(3) mechanische und chemische Plaquekontrolle bei der gleichzeitigen Behandlung von Gingivitis und Karies.

Die wichtigsten Ergebnisse zeigten, dass 
die Kariesprävalenz und -erfahrung in den vergangenen drei Jahrzehnten in vielen Regionen in allen Altersgruppen abgenommen hat, aber eine soziale Polarisation bei der Kariesverteilung besteht. Während einige Studien einen möglichen Rückgang der Prävalenz von Parodontitis gezeigt haben, gibt es unzureichende Evidenz dafür, dass sich die Prävalenz in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Durch das weltweite Bevölkerungswachstum und den höheren Zahnerhalt ist die Zahl der von Karies und Parodontitis betroffenen Menschen deutlich gestiegen: unbehandelte Karies um 37 Prozent und schwere Parodontitis um 67 Prozent zwischen 1990 und 2013. Die Verlagerung der Krankheitslast durch Karies und Parodontitis ins höhere Lebensalter (Morbiditätsdynamik) zeigt sich auch in der deutschen DMS-V-Studie.

Der wichtigste Verhaltensfaktor für beide Erkrankungen ist eine effiziente, selbst durchgeführte Mundhygiene – Zähneputzen mit einer Zahnbürste, Verwendung von Fluoridzahnpasta und Reinigung der Zahnzwischenräume. Professionelle Zahnreinigung, Mundhygieneinstruktionen und -motivation durch die Zahnarztpraxis, Ernährungsberatung und Fluoridanwendung sind für den Schutz vor Karies und Gingivitis gleichermaßen geeignet [Jepsen et al., 2017].

 

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