Vorstellung des NS-Forschungsprojekts in Berlin

„Wir Zahnärzte haben versagt“

Ende November wurden in Berlin erstmals die Ergebnisse des Projekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“ vorgestellt. Wissenschaftler der Universitäten Düsseldorf und Aachen hatten in den vergangenen vier Jahren im Auftrag von Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung (KZBV), Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) die Rolle der Zahnheilkunde im NS-Regime systematisch aufgearbeitet.

Dr. Matthis Krischel (Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß (Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls der RWTH Aachen), Dr. Wolfgang Eßer (Vorsitzender des Vorstands der KZBV), Dr. Peter Engel (Präsident der BZÄK), Prof. Dr. Roland Frankenberger (Präsident der DGZMK) (v.l.n.r.) ZBV-Nürnberger

Ziel des Projekts war, die Geschichte der Zahnärzteschaft und ihrer Organisationen in den Jahren 1933 bis 1945 sowie in der Nachkriegszeit umfassend abzubilden.

Das Projekt

Beleuchtet wurde die Rolle zahnärztlicher Täter und Opfer. Im Fokus der Täter-Forschung standen dabei besonders die Präsidenten und Ehrenmitglieder zahnärztlicher Fachgesellschaften, die Affinität zahnärztlicher Hochschullehrer und Standespolitiker zur NSDAP sowie die Bedeutung der Zahnärzte als Angehörige der Waffen-SS, als Personal in den Konzentrationslagern und – nach 1945 – als Angeklagte vor Gericht.

Dokumentiert sind zum Teil erhebliche Verstrickungen von Zahnärzten, Kieferchirurgen und Standespolitikern in das verbrecherische System des Nationalsozialismus. Gleichzeitig wurden besonders jüdische Zahnärzte mit Berufseinschränkungen oder -verboten belegt, enteignet, entrechtet, vertrieben und ermordet.

Zahnärzte als Täter

„Die Zahnärzteschaft diente sich dem NS-Regime in vielerlei Hinsicht an“, resümierte Prof. Dominik Groß. Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Inhaber des gleichnamigen Lehrstuhls der RWTH Aachen beschäftigte sich mit der Rolle der „Zahnärzte als Täter“: „Im Jahr 1938 waren bereits neun Prozent aller Zahnärzte Mitglieder der Allgemeinen SS, gut 60 Prozent der zahnärztlichen Hochschullehrer traten bis 1945 in die NSDAP ein. Mindestens 300 Zahnärzte engagierten sich in der Waffen-SS, etwa 100 Zahnärzte waren als Zahnärzte in Konzentrationslagern tätig und mindestens 48 Zahnärzte wurden ab 1945 als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt.“

Nach dem Krieg sei es zu keinem wirklichen Neuanfang gekommen: „So waren sechs der sieben zwischen 1949 und 1981 amtierenden Präsidenten der DGZMK ehemalige Mitglieder der NSDAP. Gleiches galt für die Hälfte der von 1949 bis 1982 ausgezeichneten Ehrenmitglieder und -medaillenträger. Dagegen gingen nur zwei Prozent dieser Ehrungen an entrechtete jüdische Kollegen.“

Verfolgte Zahnärzte

Dr. Matthis Krischel, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, untersuchte die „verfolgten Zahnärzte“: „Die überwiegende Mehrheit wurde aufgrund ihrer jüdischen Religion oder Abstammung verfolgt, einige auch wegen politischer Opposition gegen die Nationalsozialisten, wegen aktiven Widerstands oder wegen ihrer sexuellen Orientierung“, erläuterte Krischel.

Dass unter den Opfern auch ein Zeuge Jehovas und eine ermordete psychisch erkrankte Zahnärztin waren zeige, aus welch unterschiedlichen Gründen Menschen in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten gerieten. Mehr als 60 Prozent der Verfolgten konnten aus Deutschland fliehen. Doch wurde fast ein Viertel der ZahnbehandlerInnen deportiert und in den Lagern ermordet. „Nur eine Minderheit überlebte entweder die KZs oder konnte in Deutschland untertauchen,“ berichtete Krischel.

Schuld und Schmerz heute

Über die Schwere dieser Schuld sprach Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender des Vorstands der KZBV: „Der Gedanke an die politische Verstrickung des Berufsstands in der NS-Zeit ist bedrückend, er schmerzt und beschämt, ebenso wie der Gedanke an Zahnärztinnen und Zahnärzte die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Aber es ist ein notwendiger Schmerz, der die Erinnerung an Geschehenes wachhält. Er zwingt uns zur Auseinandersetzung, zur Selbstreflexion, er zwingt uns, lange ausgeblendete Realitäten anzuerkennen. Er zwingt uns, über Recht und Unrecht, über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, über Ausflucht und Verantwortung nachzudenken. Er macht uns demütig, aber auch sensibel für Fehlentwicklungen, ideologische Verirrungen und Intoleranz, welche im gesellschaftlichen Diskurs gegenwärtig wieder verstärkt konstatiert werden müssen. Ein Teil der Bevölkerung sucht nach Orientierung, ein anderer scheint geschichtsvergessen zu sein oder gar wieder empfänglich für nationalistisches Gedankengut. Wenn wir aus unserer Geschichte eine Lehre ziehen, dann diejenige, dass wir bereits den Anfängen entschieden wehren müssen und nicht erst ein bestimmtes Ausmaß von Unrecht oder politischer Eskalation abwarten dürfen.“

Für Dr. Peter Engel, Präsident der BZÄK, ist das Forschungsprojekt auch ein Signal, dass die Zahnärzteschaft ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. „Die Aufarbeitung hilft uns, aus der Vergangenheit zu lernen, aus ihr wichtige Lehren zu ziehen, Anzeichen für Missstände zu erkennen, kurz: unseren moralischen Kompass zu justieren und korrekt auszurichten“, sagte Engel. Das gebiete nicht zuletzt auch das zahnärztliche Ethos: „Wir möchten eine Kultur der Erinnerung.“

Prof. Dr. Roland Frankenberger, Präsident der DGZMK, erinnerte daran, dass 60 Prozent der untersuchten Hochschullehrer für Zahnmedizin NSDAP-Mitglieder waren – wie auch die Hälfte aller von der DGZMK nach dem Zweiten Weltkrieg ausgezeichneten Wissenschaftler in der betreffenden Alterklasse. „Wir Zahnärzte – und allen voran die Vertreter der Wissenschaft – haben versagt“, bekannte Frankenberger: „Im Dritten Reich durch politisch angepasstes Verhalten und in den folgenden Jahrzehnten durch Ausblenden und ein dauerhaftes Wegschauen.“

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