Corona-Krise in Großbritannien

Ignorieren, Vortäuschen, Lügen: Die Geschichte eines Staatsversagens

Woran kann man ein Versagen des Staates erkennen? Unter anderem daran, dass sich ein 99-jähriger Kriegsveteran mit seinem Rollator im eigenen Garten auf den Weg macht, um mit einhundert Runden Geld für das britische Gesundheitssystem zu sammeln. Das einsamste Wagenrennen der Geschichte seit Ben Hur.

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Tom Moore wollte Geld für ein Gesundheitssystem sammeln, das steuerfinanziert ist und jährlich Milliarden Pfund verschlingt. Ein Gesundheitssystem, das damit beschäftigt ist, Ineffizienz zu feiern und ständig neue Management- und Kontrollebenen einzuführen, statt effiziente Versorgungsstrukturen an der Basis aufzubauen.

Ein Gesundheitssystem in einem der reichsten Länder der Erde, das bereits im Normalbetrieb an seine Grenzen kommt. Ursprünglich hatte Moore den Plan, 10.000 Pfund durch seine Aktion zusammenzubringen, am Ende wurden es mehr als 20 Millionen. Das Versagen der Behörden im Königreich während der Corona-Krise lag offen auf der Hand, auch wenn man versuchte, mit allerlei Ablenkungen zu arbeiten.

Aus Mülltüten gebastelte Schutzkleidung

Was interessierte es das medizinische Personal, wenn die Leute medial aufgefordert wurden, für ihre „Helden“ zu klatschen und es gleichzeitig an wichtiger Schutzausrüstung fehlte. Stattdessen sollten sich Krankenschwestern Schutzkleidung aus Mülltüten basteln, denn immerhin gebe dies ja einen gewissen Schutz vor einer Ansteckung. Über 100 Menschen, die in der Versorgung von Corona-Patienten arbeiteten, infizierten sich und verstarben.

Gerade zu Beginn der Krise, als noch nicht abzusehen war, wie gefährlich oder ungefährlich das neue Corona-Virus ist, fragten sich viel Inhaber zahnärztlicher Praxen, was sie machen sollten. Weiterarbeiten und sich, ihre Mitarbeiterinnen und Patienten einer Gefahr aussetzen oder die Praxistätigkeit reduzieren, vielleicht die Praxis sogar ganz schließen. Letzteres ist für die Praxen in England aufgrund ihrer Verträge mit dem NHS nicht möglich.

Gleichzeitig forderte Boris Johnson die Briten zu dieser Zeit auf, nicht mehr in die Pubs zu gehen und social distancing einzuhalten. Die Aufforderungen verhallten jedoch. Die Unsicherheit in den Zahnarztpraxen steigerte sich noch, als es keinen Mundschutz mehr zu kaufen gab. Nach den Vorschriften müsste eigentlich nach jedem Patienten der Mundschutz gewechselt werden. Man änderte kurzerhand die Vorschriften.

In einem andauernden Hin und Her zwischen Zahnärzteverbänden, einzelnen Zahnärzte-Komitees und der Regierung kam es zu keinen Entscheidungen – die Kolleginnen und Kollegen standen ohne Informationen allein gelassen da. Getreu dem Motto „Keep calm and carry on“ wurde weitergearbeitet. Man stand vor dem Abschluss des Geschäftsjahres, das hier im März endet, und die Zahnarztpraxen mussten ihre laufenden NHS-Verträge erfüllen, da sonst Strafzahlungen gedroht hätten.

Plane deine Beerdigung, falle nicht zur Last

Ältere Menschen waren bereits Anfang März den Aufforderungen der Regierung gefolgt und hatten sich zu Hause selbst isoliert. Für viele alte Menschen war dies ein Problem, denn ihnen fehlten jetzt die sozialen Kontakte, die nur noch über das Telefon möglich waren. Es dauerte nicht lange und mich erreichte die SMS eines guten Freundes, der bereits seit Jahren im Rentenalter war und nicht mehr das Haus verließ: „Ich habe schon Fußball-Entzugserscheinungen, am Samstag stundenlang Badminton geschaut, weil kein anderer Sport kam. Fernsehen ist langweilig und in der Werbung erzählen sie dir den ganzen Tag, dass du deine Beerdigung arrangieren sollst, damit du deiner Familie nicht zur Last wirst.“

Zu jener Zeit hatte Großbritannien noch weniger Infektionen als Deutschland, die Todeszahl der Erkrankten lag jedoch bereits höher. Die Bahnhöfe in London waren leer, wie man es sonst nur selten gesehen hatte, und selbst in den Zügen und U-Bahnen wurde es immer einsamer. Ebenso einsam wurde es in den Regalen der Supermärkte, die noch gnadenloser gestürmt wurden, als in Deutschland.

Von den zahnärztlichen Organisationen gab es noch immer keine Entscheidung, ob der Praxisbetrieb aufrechterhalten oder die Praxis geschlossen werden soll. Stattdessen verschickte man an die englischen Zahnärzte E-Mails mit Postern, die man ausdrucken und in der Praxis aufhängen sollte. Dazu Empfehlungen, Patienten zu fragen, ob sie irgendwelche Symptome zeigen oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten hatten.
Zudem wurde den Zahnärzten geraten, sich bei den Verbänden in Wales und Schottland zu informieren, wie dort mit dem Problem umgegangen wird.

Als am Abend 21. März die Anweisung der Regierung kam, alle Pubs und öffentlichen Einrichtungen zu schließen, trafen sich viele Londoner noch einmal zu einem angemessenen Abschiedstrunk in ihrem Lieblingspub, es wurde gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr.

In der BBC meldeten sich Ärzte und berichteten über die unhaltbaren Zustände in den Krankenhäusern. Das Problem war nicht nur die Schutzbekleidung, es fehlte auch an Mitarbeitern. Seit dem Brexitvotum hatten über 10.000 Mitarbeiter den NHS verlassen, darunter mehr als 4.700 Krankenschwestern. Zudem wurden bei 1.000 Infizierten bereits die Intensivbetten knapp.

Als die wohl weltweit größte Burgerbraterei am 23. März. verkündete, ihre Filialen schließen zu wollen und sich noch einmal lange Schlangen an den Drive-troughs bildeten, meinten einige Engländer, dass jetzt auch die Jüngeren begreifen würden, dass die Lage ernst sei.

Am 24. April schließlich bekam jeder Handybesitzer eine SMS von der Regierung, wonach neue Regeln in Kraft getreten seien. Man müsse zu Hause bleiben und solle sich auf den entsprechenden Internetseiten informieren. Für die nächsten drei Wochen sollten alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte geschlossen bleiben, Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen wurden verboten, genauso Hochzeiten und Taufen. Sport war nur einmal am Tag erlaubt. Und die Maßnahmen wurden von der Polizei strikt kontrolliert, auf einigen Landstraßen gab es Straßensperren, an denen sich die Autofahrer ausweisen und erklären mussten, zu welchem Zweck sie unterwegs waren.

Am 25. April schließlich wurde den englischen Zahnarztpraxen mitgeteilt, die Behandlung von Patienten einzustellen. Für Schmerzpatienten sollten spezielle Anlaufstellen geschaffen werden und in den Praxen selbst sollte ein Telefondienst eingerichtet werden, um ihnen die entsprechenden Auskünfte zu geben. Inhabern von Zahnarztpraxen wurde gleichzeitig zugesichert, dass die Gelder entsprechend ihres NHS-Vertrags weiterlaufen.

Wie sollen Inhaber jetzt ihre Praxis finanzieren?

Allerdings müssten sie sich gleichzeitig bereithalten, um sich im Bedarfsfall in einem der Krankenhäuser an der Betreuung von Corona-Patienten zu beteiligen. Was jedoch trotz weiter erfolgender NHS-Zahlungen für einige Probleme in den Zahnarztpraxen sorgen wird, ist der Ausfall der Privatumsätze, die nicht selten bis zu ein Drittel der Gesamteinnahmen ausmachen. Und da man sich bisher an die regelmäßig monatlichen Einnahmen gewöhnt hatte, sind die Ausgaben entsprechend hoch. Da sind die Kredite für die Praxis, die hohen monatlichen Raten für das Privathaus und die Autos, alles Ausgaben, die weiterlaufen und in der jetzigen Situation nicht gestoppt werden können.

Um die Helferinnen nicht entlassen zu müssen, kamen diese in einem speziellen Regierungsprogramm unter, das der deutschen Kurzarbeiterregelung entspricht. Der Unterschied ist jedoch, dass im Vereinigten Königreich 80 Prozent des bisherigen Gehalts an die freigestellten Mitarbeiterinnen gezahlt werden. Schlechter sieht es für die Associates in den Zahnarztpraxen aus. Zwar gibt es ein Regierungsprogramm zur Unterstützung von Selbstständigen, aber zum einen wird das Geld frühestens im Juni ausgezahlt und zum anderen gilt dieses Programm nur bei einem Einkommen bis zu 50.000 Pfund. Wer laut seiner Steuererklärung in 2019 mehr verdient hat, so ist man hier der Meinung, hatte genug Zeit, Rücklagen zu bilden.

Vielen der angestellten Zahnärzte ergeht es ähnlich wie den Praxisinhabern: hohe Kredite für Wohnungen oder Häuser und keine Aussicht darauf, wann sie wieder in den Zahnarztpraxen arbeiten können. Angesichts dieser Aussichten werden wohl einige der NHS-Zahnarztpraxen auf der Strecke bleiben und Associates vergeblich versuchen, eine neue Stelle zu finden.

800.000 kleine Firmen werden schließen

Da ohnehin viele Menschen freiberuflich tätig sind und oft von der Hand in den Mund leben, jetzt ihre Aufträge verloren haben, waren bis Anfang April bereits etwa eine Million Anträge auf staatliche Unterstützung, ähnlich dem deutschen Hartz IV, eingegangen. Insgesamt rechnet man in Großbritannien damit, dass etwa 800.000 kleine Unternehmen schließen werden, unter anderem auch deswegen, da viele, die einen Corona-Geschäftsunterbrechungskredit bei ihrer Hausbank beantragen wollen, entweder gar nicht erst telefonisch durchkommen oder ihnen mitgeteilt wird, dass sie nicht anspruchsberechtigt sind.

Der Versuch einiger Geschäftsleute, sich bei privaten Geldverleihern Geld zu besorgen, endete oft mit Angeboten von Zinsen um die 30 Prozent. Neben einer großen Kaufhaus- und einer Restaurantkette hat es bereits etliche mittelgroße Unternehmen in den Abgrund gerissen, British Airways plant 12.000 Mitarbeiter zu entlassen, der Triebwerkshersteller Rolls-Royce 8.000. Es gibt Familien, die aufgrund des Jobverlusts mit 30 Pfund Essensbudget pro Woche auskommen müssen und die karitativen Essensausgaben verzeichnen einen Nachfrageanstieg um 20 Prozent.

Wenn sich die Queen an die Nation wendet, ist es ernst. Noch dazu, wenn der Premierminister am gleichen Tag ins Krankenhaus gebracht wird. Allerdings gab es nicht wenige Engländer, die meinten: „Work gets tricky? Pull a sicky!“ (Wenn die Arbeit kompliziert wird, mach‘ einfach blau).

Zwei Militärkrankenhäuser sahen nicht einen einzigen Patienten

Der Unmut über fehlende Schutzausrüstung nahm jeden Tag genauso zu, wie der Druck in vielen privaten Haushalten anstieg. Häusliche Gewalt ist in Großbritannien ein wahrscheinlich noch größeres Problem als in Deutschland. Einem Familienvater brannten die Sicherungen durch und er erstach seine ein- und dreijährigen Kinder. Und wer denkt, die Blockwartmentalität gebe es nur in Deutschland, der irrt. In England allein erhielt die Polizei etwa 200.000 Anrufe, in denen irgendjemand angezeigt wurde, weil er oder sie die Ausgangsregeln gebrochen hatte.

Angesichts der Ereignisse wird einiges im Königreich aufzuarbeiten sein und es stellen sich, wie auch in Deutschland, Fragen. Hier in England wurden beispielsweise zwei Militärkrankenhäuser in großen Messe- und Kongresszentren eingerichtet, eins in London, das andere in Birmingham. Beide Krankenhäuser haben nicht einen einzigen Patienten gesehen, trotz der hohen Fallzahlen.

Die Todesrate der Patienten, die mit einer schweren COVID-19-Erkrankung in die Krankenhäuser eingeliefert wurden, liegt bei 35 bis 40 Prozent, was der von Ebola entspricht. Nach einer Statistik des Büros für Nationale Statistik verzeichnen die ärmsten Regionen Englands und Wales 55 Todesfälle auf 100.000 Einwohner, die reichsten Regionen nur 25. Gleichzeitig kamen täglich etwa 15.000 Passagiere auf den Flughäfen des Landes an. Bis Ende April gab es für Einreisende keine Gesundheits-Checks. Erst ab Mai sollen sich Einreisende in eine 14-tägige Quarantäne begeben.

Wie häufig gibt es Licht am Ende des Tunnels und nicht immer sind es die Lichter der entgegenkommenden Lokomotive. Captain Tom Moore feierte am 30. April seinen 100. Geburtstag, wurde zum Oberst befördert und eine Flugstaffel grüßte ihn mit einem Überflug. Die Anzahl der Corona-Tests konnte in England indessen auf fast 100.000 pro Tag gesteigert werden. Boris Johnson kehrte in die No. 10 Downing Street zurück und wurde in den Medien bejubelt. Aber letztlich ist es doch wie immer: Es gibt diejenigen, die etwas für ihr Land und die Menschen tun, und dann gibt es diejenigen, die damit beschäftigt sind, ihren nächsten Wahlsieg zu organisieren.

Die Queen findet klare Worte zu der Politik des Premiers

In seiner ersten Ansprache verkündete Johnson, die Nation zurück in die „neue Normalität“ zu führen. Schon komisch, die Parallelen in den Worten der Politiker in Deutschland und Großbritannien. Zukünftig soll es eine Mundschutzpflicht in der Öffentlichkeit geben, die Schulen sollen wieder öffnen und die Geschäfte sowie das öffentliche Leben nach und nach wieder in Gang gebracht werden. Johnson: „Bisher haben wir gewonnen, in der ersten und wichtigsten Aufgabe, die wir uns als Nation gegeben haben – die Tragödie zu vermeiden, die andere Teile der Welt verschlungen hat, denn zu keiner Zeit war unser NHS überfordert.“

Nun ja, vielleicht gibt es doch einen Unterschied zwischen Deutschland und Großbritannien. Der Moderator eines Morgenmagazins wählte klare Worte und bezeichnete Johnson angesichts seiner Fehlleistungen in der Krise als „breathless bulls**tter“.

Sven Thiele ist Zahnarzt, Autor und Dozent am Londoner King‘s College. Regelmäßig schreibt er über die Zahnheilkunde im Vereinigten Königreich, u.a. in dem Blog www.foreigndentist.wordpress.com (deutsch).

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