Stellungnahme von Prof. Dominik Groß

Die Frage ist: Eignet sich der Namensgeber für eine Auszeichnung?

Bei der Beurteilung von Personen werden oft zwei Aspekte vermengt, die wir Geschichtswissenschaftler eigentlich bewusst sehr getrennt halten: die Fachlichkeit und die Honorabilität (= Vorbildcharakter) einer Person.

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH Aachen und Leiter des Aufarbeitungsprojekts zur Rolle der Zahnärzteschaft im „Dritten Reich“ privat

Zunächst zu meinem Selbstverständnis und meiner professionellen Rolle bei Fragen der Umbenennung: Als Geschichtswissenschaftler sehe ich meine eigentliche Aufgabe darin, historische Fakten zu ermitteln und zu präsentieren. Eine Umbenennung ist meines Erachtens eine nachgelagerte fachpolitische Entscheidung, keine wissenschaftshistorische. Deshalb würde ich nie sagen: „Sie müssen diese oder jene Umbenennung vornehmen!“ Ebenso wenig: „Sie sollten den Namen beibehalten!“ Auch im Fall Walkhoff gab es keine solche Aufforderung von mir, aber natürlich habe ich versucht, Antworten auf die Frage nach der (partei)politischen Orientierung von Walkhoff zu geben.

Die Entscheidung für eine Umbenennung hat die DGZ unter der Leitung des Kollegen Christian Hannig völlig eigenverantwortlich getroffen – und genauso sollte das auch sein.

Fachlichkeit versus Honorabilität

Gern kann ich aber meine persönliche Meinung im Fall Walkhoff äußern: Bei der Beurteilung von Personen werden oft zwei Aspekte vermengt, die wir Geschichtswissenschaftler eigentlich bewusst sehr getrennt halten: die Fachlichkeit und die Honorabilität (= Vorbildcharakter) einer Person.

Wenn wir über die fachlichen Leistungen Walkhoffs reden, sind wir uns gewiss schnell einig: Walkhoff war einer der führenden Zahnmediziner seiner Zeit. Ich kann seine Leistungen nur bewundern! Ich habe jüngst in der „Neuen Deutschen Biografie“ einen Beitrag über Walkhoff geschrieben, der dies auch betont.


Alle Artikel der Titelgeschichte zm 18

Der „Walkhoff-Preis“ heißt jetzt „DGZ-Publikationspreis“. Damit reagiert die Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) auf Ergebnisse des Forschungsprojekts „Zahnmedizin und Zahnärzte im Nationalsozialismus“: Im Rahmen der Studie wurde bekannt, dass Namensgeber Otto Walkhoff ein glühender Verfechter des Nationalsozialismus und bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten war.

Hier geht's zum Artikel

Bei der Beurteilung von Personen werden oft zwei Aspekte vermengt, die wir Geschichtswissenschaftler eigentlich bewusst sehr getrennt halten: die Fachlichkeit und die Honorabilität (= Vorbildcharakter) einer Person.

Hier geht's zum Artikel

Die Verbrechen von Berufskollegen in der NS-Zeit seien zu vielen angehenden Ärzten und Zahnärzten unbekannt, kritisiert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Er plädiert dafür, die Approbationsordnung um diesen Baustein zu ergänzen. Prof. Dominik Groß, Gesamtleiter des zahnärztlichen Aufarbeitungsprojekts, begrüßt diesen Vorstoß: „Wir stellen immer wieder fest, wie wenig Vorwissen die Studierenden mitbringen und wie schockiert sie auf die Verbrechen reagieren.“

Hier geht's zum Artikel

Hans Fliege (1890–1976) gehört zu den wenigen zahnärztlichen Hochschullehrern, denen es nach 1945 nicht mehr gelang, an ihre Karriere anzuknüpfen. Der Beitrag schildert die Hintergründe dieses Bruchs und beschäftigt sich mit der Rezeption Flieges in der Bundesrepublik.

Hier geht's zum Artikel

Aus Anlass der 70-jährigen Wiederkehr des Approbationsentzugs für Ärzte und Zahnärzte, die unter die nationalsozialistischen Rassengesetze fielen, ehrten in Bayern die KZV, die Landeszahnärztekammer und der Zahnärztliche Bezirksverband München Stadt und Land auch den Zahnarzt, Kieferorthopäden und Vererbungswissenschaftler Erich Knoche (1884–1969).1 Zunächst Hofzahnarzt in Gotha, führte Knoche seit 1921 in München eine Praxis in bester Lage, verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und konnte sich zum Bekanntenkreis von Oswald Spengler und Thomas Mann zählen. Er gehörte zu den wenigen vertriebenen Zahnärzten, die nach Deutschland zurückkehrten und denen schon früh wieder große Wertschätzung entgegengebracht wurde.

Hier geht's zum Artikel


Die DGZ hatte aber zu entscheiden, ob sich die Person Walkhoff als Namensgeber für eine Auszeichnung eignet: Hier geht es um die Honorabilität, also um das Wirken der Gesamtpersönlichkeit und insbesondere um die Frage, ob dieser Vorbildcharakter zukommt. Der Preisträger wird in eine Reihe mit einer bestimmten Persönlichkeit – dem Namensgeber – gestellt und sollte diesen Vorgang möglichst als persönliche Auszeichnung und womöglich auch als persönliche Aufwertung wahrnehmen. Das ist ja der tiefere Sinn dieser Ehrungen.


In diesem zweiten Punkt – dem Vorbildaspekt – liegt nun das Problem: Walkhoff ist zwar bereits 1934 verstorben, doch er hat sich schon 1929 in einem demokratischen Umfeld – in der Weimarer Republik – der NSDAP angeschlossen. Dies war zu diesem frühen Zeitpunkt ein klares politisches Statement. Die NSDAP war in der Weimarer Republik zeitweise sogar verboten und als rechtsradikale und antisemitische Partei ohnehin höchst umstritten.

Walkhoff ist damit der Gruppe der „Alten Kämpfer“ zuzurechnen: Dies war eine im Oktober 1933 eingeführte Bezeichnung für Mitglieder der NSDAP aus der „Kampfzeit“ vor der Machtergreifung im Januar 1933, die eine Mitgliedsnummer unter 300.000 führten. Die „Alten Kämpfer“ verstanden sich als (elitäre) nationalsozialistische Kerngruppe. Walkhoff hatte sogar eine Mitgliedsnummer unter 200.000 (Nr. 172.024).

Er war ein überzeugter Nationalsozialist

Zusammengefasst: Walkhoff ist den überzeugten Nationalsozialisten der ersten Stunde zuzurechnen – im Unterschied zu den vielen politischen Opportunisten, die nach Hitlers Machtergreifung der Partei beitraten, weil sie sich hiervon persönliche beziehungsweise berufliche Vorteile versprachen. Ich vermute, dass dies für die DGZ der entscheidende Punkt war …

Es gab übrigens unter den über 300 von mir untersuchten zahnärztlichen Hochschullehrern dieser Zeit kaum jemanden, der sich so früh der NSDAP anschloss – von den bekannteren war es tatsächlich nur Walkhoff.

33818243356352335635333563543381825 3381826 3356357
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare