Große Austellung im Kunstmuseum Wolfsburg

„In aller Munde – das Orale in Kunst und Kultur“

Aktuell stehen Küssen, Sprechen, Spucken und selbst das Atmen unter Beobachtung: Das Corona-Virus erhebt Mund und Rachen zur Gefahrenzone. Dass das Orale den Menschen seit jeher fasziniert, insbesondere in der Kunst, zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg – in einer Ausstellung mit über 150 Exponaten von der Antike bis zur Gegenwart, darunter Werke von Albrecht Dürer, Pablo Picasso, Louise Bourgeois, Marina Abramović und Andy Warhol.

Nobuyoshi Araki, Ohne Titel (aus der Serie Tokyo Novelle), 1995, Schwarz-Weiß-Fotografie Kunstmuseum Wolfsburg

Das Kunstmuseum Wolfsburg geht in diesem Herbst dem funktionsreichsten Körperteil des Menschen auf die Spur: dem Mund. Mit ihm essen, kauen und schlingen wir, wir brauchen ihn zum Atmen, zum Schreien oder um Schmerzen Ausdruck zu verleihen. Nicht zuletzt kann der Mund auch für den Schlund eines Orakels stehen. So der Legende nach „La bocca della verità“ in Rom. Der Griff in den Mund eines Tritons, unter dem Portikus der Kirche Santa Maria in Cosmedin, weissagte die Wahrheit. Bei Unwahrheit wurde die Hand martialisch durch einen Schwerthieb abgetrennt.

Und die Zähne dienen natürlich nicht nur als Kauwerkzeuge, sondern sind auch Zeichen von Gesundheit und Vitalität. Das aufgerissene Maul mit scharfen Zähnen von Untieren oder Monstern symbolisiert das Böse und rief schon immer Angst hervor.

Die emotionale Bandbreite von Ekel bis Empathie

In Wolfsburg wird nun mit einer Vielzahl an Kunstobjekten den Funktionen des Mundes und des Rachens ein Bild gegeben. Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Uta Ruhkamp in Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hartmut Böhme und der Berliner Zahnärztin und Autorin Beate Slominski. Dass der Mund- und Rachenraum „als Schauplatz des hochinfektiösen Desasters“ gerade ins Zentrum gesellschaftlicher und politischer Debatten rückt, damit hatten sie allerdings nicht gerechnet.

Die Bandbreite der Exponate reicht von der Malerei über Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken, Fotografie bis zu Installationen sowie Film- und Videokunst. Sie umfassen eine Zeitspanne über viele Jahrhunderte hinweg. Auch Gegenstände aus dem zahnärztlichen Alltag sind zu sehen – wie Instrumente, ein Behandlungsstuhl und Werbeplakate. Thematisiert werden auch die ethnologischen Reisen des Zahnarztes Roland Garve.

Hieronymus Bosch (Nachfolger), Christus in der Vorhölle, um 1520, Öl auf Eichenholz | Hamburger Kunsthalle / bpk, Elke Walford

Pablo Picasso, Le baiser (Der Kuss), 1967, Grafit auf Papier | VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Mithu Sen, Phantom Pain 2 (Detail), 2018, Künstliche Zähne und Dentalkunststoff | Mithu Sen

Der Reigen der ausgestellten Künstler erfasst die Meister der frühen Neuzeit und Renaissance wie Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d. Ä. über Pablo Picasso und Andy Warhol bis zu Cindy Sherman. Rund um die Zähne wird ein Genrebild aus dem Goldenen Zeitalter des niederländischen Malers Jan Havickszoon Steen gezeigt, wo einem jungen Mann vor Publikum ein Zahn gezogen wird. Eine moderne Variante zeigt Zahnprothesen und Brücken aus Kunststoff und Metall in einem Kasten, die der französisch-amerikanische Objektkünstler Arman (Armand Pierre Fernandez) 1960 angeordnet hat. Zu sehen ist auch Andy Warhols „Saint Apollonia“, die er 1984 als Farbserigrafie auf Karton geschaffen hat und die in ihrem Stil den Malereien aus Pompeji gleicht.

Absoluter Eyecatcher ist aber das sehr große, über 10 Meter lange und 6,5 Meter hohe Kunstobjekt „Open wide“ des 1968 in Warschau geborenen polnischen Künstlers Piotr Uklanski, das den Übergang vom Mundraum in den Rachen verkörpert (großes Foto im Inhaltsverzeichnis).

Das älteste Exponat ist 2.600 Jahre alt

Das älteste Exponat ist eine Bronzeskulptur aus dem 7. bis 6. Jahrhundert vor Christus, das die Göttin Isis mit Harpokrates – ein sogenannter Horus-Kindgott – darstellt, die zusammen mit Serapis als Göttertrias im hellenistischen Alexandria verehrt wurden.

An die lustvolle Nahrungsaufnahme erinnert Natalia LLs „Consumer Art“ (Filmstills) aus den 1970er-Jahren. Der Ausdruck von Emotionen wird mit einer von Picassos Kuss-Darstellungen, hier eine Grafitzeichnung von 1967, sichtbar. Dem Thema widmen sich auch Marilyn Minters Videoarbeit „Green Pink Cavier“ und „Couple“ von Louise Bourgeois. Das Speien und Spucken ist mit einem Werk von Franz Erhard Walther vertreten und eine Büste des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt zeigt seinen „Gähner“ vom Ende des 18. Jahrhunderts.

Jan Steen, Der Zahnreißer, 1651, Öl auf Leinwand | Mauritshuis, Den Haag

Andy Warhol, Saint Apollonia, 1984, Farbserigrafie auf Karton | Artist Rights Society (ARS)

Kemang Wa Lehulere, Once Bitten, Twice Shy (Detail), 2016, Schulbänke, Zahnprothesen, mit Blattgold überzogene Bücher, Stahl | Kemang Wa Lehulere, Courtesy Stevenson, Cape Town / Johannesburg

Das Grauen vor einem bedrohlichen Mund symbolisieren das Gemälde „Christus in der Vorhölle“, das in der Nachfolge Hieronymus Boschs im 16. Jahrhundert entstanden ist, und eine Lithografie des norwegischen Malers Edvard Munch, die zu seiner berühmten Motivreihe „Vampir“ gehört.

Leider nur im Ausstellungskatalog wird das Orale im Film durchleuchtet. „The dentist“ von 1996, in dem ein reicher, exzentrischer Zahnarzt einen Rachefeldzug gegen seine untreue Frau führt, „Blue Velvet“ von David Lynch, die „Rocky Horror Picture Show“ von 1975 oder der Klassiker „My Fair Lady“, in dem Eliza Doolittle bei Professor Higgins die Aussprache der High Society lernen muss, sind Beispiele für den Rundgang durch die orale Welt im Kino und auf der Bühne. Der Katalog verdeutlicht auch Zusammenhänge des Oralen in Literatur, Musik und Ethnologie und zeigt die bisher unbekannte Relevanz des Mundraums für Kunst und Kultur.

Diese vorgestellten Exponate sind ein „Horsd‘œ uvre“ für die vielen interessanten Objekte, die in der Ausstellung zu entdecken sind. Auf nach Wolfsburg – der Weg lohnt sich.

Die Ausstellung läuft vom 31. Oktober 2020 bis zum 5. April 2021 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 38440 WolfsburgKatalog zur Ausstellung: In aller Munde. Das Orale in Kunst und Kultur, hg. von Uta Ruhkamp, Verlag Hatje Cantz, in deutscher oder englischer Ausgabe.

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