Evidenzbasierte Präventions- und Therapiemöglichkeiten – Teil 3

Kariesmanagement bei Senioren

Mit der in den vergangenen Jahrzehnten stetig verbesserten Zahngesundheit und dem zunehmenden Zahnerhalt bis ins hohe Alter rückt zunehmend die Frage nach dem Kariesmanagement bei Senioren in den Fokus. Bei der Abwägung von Versorgungsalternativen spielen stärker als bei jüngeren Altersgruppen patientenindividuelle Faktoren wie die Berücksichtigung oft bereits bestehender Allgemeinerkrankungen, die Möglichkeiten des Patienten zur Mundhygiene und altersbedingte biologische Gegebenheiten eine Rolle. Dieser Beitrag stellt die evidenzbasierten Präventions- und Therapiemöglichkeiten vor [Paris et al., 2020].

Abb. 1: Aktive Wurzelkaries an Zahn 12 
bei einer 84-jährigen Patientin: Obwohl beide Läsionen relativ gut zugänglich sind, waren die Patientin und die sie betreuenden Familienmitglieder nicht in der Lage, die Läsion effektiv und regelmäßig zu reinigen. Die Kavitation 
erschwert die Reinigung zusätzlich. Daher wurde die Läsion später restaurativ versorgt. Sebastian Paris

Die Gruppe der älteren Erwachsenen und Senioren gewinnt für die zahnärztliche Behandlung immer mehr an Bedeutung. Zum einen wächst wegen der gestiegenen Lebenserwartung und der geringen Geburtenraten in vielen Industrieländern sowohl die Gesamtanzahl als auch der relative Anteil älterer Erwachsener an der Bevölkerung. Zum anderen nimmt – anders als bei Kindern und Erwachsenen – der Versorgungsbedarf bei älteren Erwachsenen nicht ab, sondern tendenziell sogar zu [Schwendicke et al., 2018; Jordan et al., 2019; Schwendicke et al., 2018a]. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der allgemeine Rückgang der Zahnlosigkeit.

Während vor einigen Jahrzehnten bei Senioren Zahnlosigkeit weit verbreitet war und viele zumindest einen Großteil ihrer Zähne verloren hatten, werden heute die eigenen Zähne aufgrund der Erfolge von Prävention, restaurativer Zahnheilkunde und Parodontologie bis ins hohe Alter hinein erhalten. Damit einhergehend bleibt allerdings auch das Risiko bestehen, dass diese Zähne an Karies oder Parodontitis erkranken. Getriggert werden diese Risiken durch altersbedingte Faktoren – reduzierte manuelle Geschicklichkeit bei der häuslichen Mundhygiene, Rückgang der Speichelfließrate, Freiliegen von Wurzeloberflächen und viele weitere.

dreiteilige zm-Reihe

Empfehlungen zum Kariesmanagement

In einem Konsensusprozess haben die European Organisation for Caries Research (ORCA) und die European Federation of Conservative Dentistry (EFCD) inklusive der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) Empfehlungen zum Kariesmanagement erarbeitet. Grundlage waren mehrere systematische Reviews; die Empfehlungen wurden im Juni 2019 in einem Experten-Workshop diskutiert und mittels eines „e-Delphis“ finalisiert.

Arbeitsgruppe aus Experten der ORCA und der EFCD/DGZ | DGZ

Bei dem Online-Konsensusverfahren stimmten 24 durch die Fachgesellschaften entsandte Delegierte über die Empfehlungen ab. Die Ergebnisse wurden in den Zeitschriften „Caries Research“ und „Clinical Oral Investigations“ publiziert.

In drei Beiträgen werden in der zm die zentralen Aussagen zum Kariesmanagement für die Altersgruppen Kinder (zm 19/2020, S. 42–49, oder via Link ), Erwachsene (zm 20/2020, S. 70–75, oder via Link) und Senioren (zm 21/2020) vorgestellt.

Die Gruppe der älteren Erwachsenen ist sehr heterogen (Tabelle 1). Dazu zählen körperlich und geistig rundherum gesunde Erwachsene im Rentenalter („Best-Ager“) wie auch gebrechliche, pflegebedürftige und präfinale Patienten mit multiplen Erkrankungen. Nehmen bei Kindern mit zunehmenden Alter die kognitiven Fähigkeiten und die manuelle Geschicklichkeit im Laufe ihrer Entwicklung zu, nehmen diese bei älteren Erwachsenen mit zunehmendem Alter im Rahmen physiologischer Abbauvorgänge ab. Anders als bei Kindern geschieht dies jedoch individuell in sehr unterschiedlichem Ausmaß und abhängig von bestehenden Allgemeinerkrankungen.


Die zunehmenden Einschränkungen der individuellen Fähigkeiten bestimmen ganz maßgeblich die Durchführbarkeit und Wirksamkeit zahnmedizinischer präventiver und therapeutischer Maßnahmen bei Senioren. Zudem leiden ältere Erwachsene häufiger an Allgemeinerkrankungen und nehmen daher eine Vielzahl an Medikamenten ein. Sowohl die Allgemeinerkrankungen als auch die Nebenwirkungen der Medikamente haben oftmals großen Einfluss auf die orale Gesundheit sowie die Durchführbarkeit und Wirksamkeit zahnmedizinischer präventiver und therapeutischer Interventionen. Auch umgekehrt können orale Erkrankungen und Zustände die Allgemeingesundheit beeinflussen. So gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass orale Erkrankungen und die Mundhygiene mit Allgemeinerkrankungen wie Diabetes und respiratorischen Erkrankungen assoziiert sind [Azarpazhooh und Leake, 2006].

Zahnverlust hat nicht nur negative Folgen auf die Ernährung des Patienten, sondern ist auch mit sozialen Einschränkungen [Thomson et al., 2002], einem geringeren Selbstwertgefühl [Hakeem et al., 2019] sowie mit einem erhöhten Risiko für Demenz assoziiert [Yoo et al., 2019]. Aufgrund dieser wechselseitigen Beziehungen zwischen allgemeiner und oraler Gesundheit ist bei Senioren mehr noch als bei anderen Altersgruppen der Zahnarzt in der Rolle als Mediziner gefragt, und eine enge Zusammenarbeit mit allgemeinmedizinischen Kollegen und Spezialisten sowie mit pflegenden Angehörigen und dem Personal ist notwendig.

Wurzelkaries

Wurzelkaries ist eine sehr häufige und zunehmende Kariesform bei Älteren [Schwendicke et al., 2018a]. Im zweiten Beitrag dieser Reihe (zm 20/2020) wurde bereits Bezug auf Karies an Restaurationen genommen, die auch bei älteren Erwachsenen verbreitet ist und sich nicht immer klar von Wurzelkaries abgrenzen lässt. Wurzelkaries entsteht an freiliegenden Wurzeloberflächen, wie sie bei älteren Erwachsenen aufgrund parodontaler Vorerkrankungen und physiologischer Alterungsprozesse wesentlich häufiger zu finden sind als in allen anderen Altersgruppen.

Die hohe Anfälligkeit der Wurzeloberflächen für Karies liegt in mehreren Ursachen begründet. Zum einen sind Wurzeloberflächen wesentlich schwieriger zu reinigen als die meisten Schmelzoberflächen und viele Senioren sind aufgrund der abnehmenden manuellen Geschicklichkeit und eines reduzierten Sehvermögens zunehmend weniger in der Lage, ihr Gebiss adäquat selbstständig zu reinigen. Zum anderen sind Dentin und Wurzelzement aufgrund ihrer Zusammensetzung wesentlich anfälliger für Demineralisationen als Zahnschmelz. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass freiliegende Wurzeloberflächen anders als der darüber liegende Zahnschmelz keine jahrelange „posteruptive Reifung“ durch Einlagerung von lokal zugeführten Fluoriden erfahren haben. Ebenso kann ein Abtragen von oberflächlichem Wurzeldentin während parodontaler Therapien dazu führen, dass oberflächliche Fluorideinlagerungen verloren gehen.

Abgesehen von den oben genannten Besonderheiten zeigen Wurzelkaries und koronale Karies aber auch Gemeinsamkeiten. Auch Wurzelkaries ist ein dynamischer Prozess, der durch eine Veränderung der pathogenen Faktoren zugunsten einer Remineralisation arretiert werden kann. Hierzu zählen Maßnahmen zur Beeinflussung des Biofilms wie Mundhygienemaßnahmen oder antimikrobielle Substanzen.

Empfehlungen

Die Wirksamkeit von non-invasiven zahnmedizinischen präventiven und therapeutischen Maßnahmen hängt wesentlich von deren Anwendung durch den Patienten ab. Da ältere Erwachsene sehr unterschiedlich dazu in der Lage sind, sollten zahnärztliche Maßnahmen auf die individuellen Möglichkeiten, den Allgemeinzustand, die Unterstützung durch pflegende Angehörige oder das Pflegepersonal abgestimmt werden. Ebenso sollte bei der Festlegung des Recall-Intervalls neben dem individuellen Kariesrisiko berücksichtigt werden, dass sich der Gesundheitszustand bei gebrechlichen Senioren mitunter sehr schnell ändern kann. Da bei gebrechlichen, pflegebedürftigen und/oder dementen Senioren umfangreiche und zeitaufwendige Rehabilitationen, die ein hohes Maß an Mitarbeit des Patienten erfordern, oft nicht möglich sind, sollten pragmatische Ansätze favorisiert und nötigenfalls Kompromisse eingegangen werden. Die Erhaltung von Kaufunktion und Sprache sollte hierbei im Vordergrund stehen (Tabelle 1).

Tab. 1, Konsensusempfehlungen der European Organisation for Caries Research (ORCA), der European Federation of Conservative Dentistry und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (EFCD/DGZ) zum Management von Karies bei älteren Erwachsenen | Quelle: [Paris et al., 2020]

Aktive Wurzelkariesläsionen sollten therapiert werden (Tabelle 2, Abbildung 2). Falls die Zugänglichkeit der Läsion und die Fähigkeiten des Patienten / der Pflegenden es zulassen, sollten non-invasive Maßnahmen gegenüber restaurativen Maßnahmen vorgezogen werden. Hierzu zählen die regelmäßige Reinigung, die Anwendung hochfluoridhaltiger Zahnpasta, Fluorid-Lacke oder Silberdiaminfluorid. Aktive Wurzelkariesläsionen, bei denen non-invasive Maßnahmen allein nicht erfolgreich sind oder scheinen, sollten restaurativ behandelt werden.

Tab. 2, Konsensusempfehlungen der European Organisation for Caries Research (ORCA), der European Federation of Conservative Dentistry und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (EFCD/DGZ) zum Management von Wurzelkaries | Quelle: [Paris et al., 2020]

Abb. 2: Glasionomer-Restauration an Zahn 45 distal, nach einer horizontalen Slot-Präparation zur Therapie einer Wurzelkaries: Aufgrund der schlechten Zugänglichkeit und der erschwerten Trockenlegung wurde ein Glasionomerzement als Füllungswerkstoff gewählt. | Sebastian Paris

Hierfür kommen neben Komposit-Kunststoffen auch kunststoffverstärkte oder konventionelle Glasionomerzemente infrage. Bei eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten (zum Beispiel in Heimen) kann die Atraumatische Restaurationstechnik (ART) einen Kompromiss darstellen, auch wenn hierbei mit höheren Versagensraten zu rechnen ist.

Zusammenfassung

Die Altersklasse der älteren Erwachsenen ist sehr heterogen und mit steigendem Alter vermehrt durch Gebrechlichkeit, Multimorbidität und Multimedikation charakterisiert. Die Auswirkungen auf die orale Gesundheit und Therapiefähigkeit erfordern vom behandelnden Zahnarzt umfassendes medizinisches Wissen und eine gute Zusammenarbeit mit den betreuenden Ärzten und Pflegenden.

Das allgemein geringe Evidenzniveau, auf dem die Empfehlungen des Experten-Workshops der European Organisation for Caries Research (ORCA), der European Federation of Conservative Dentistry (EFCD) und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) beruhen, wie auch die zunehmende Relevanz der Senioren als Patientengruppe für den zahnärztlichen Alltag unterstreichen die Notwendigkeit für verstärkte Forschung in diesem Bereich.

Univ.-Prof. Dr. Sebastian Paris
Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung
und Präventivzahnmedizin
Centrum 3 für Zahn-, Mundund
Kieferheilkunde,
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Aßmannshauser Str. 4–6, 14197 Berlin

Prof. Dr. Christian H. Splieth
Leiter der Abteilung für Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde
Universitätsmedizin Greifswald, Zentrum
für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Fleischmannstr. 42, 17475 Greifswald
splieth@uni-greifswald.de

Prof. Dr. Falk Schwendicke, MDPH
Leiter der Abteilung für Zahnärztliche Diagnostik, Digitale Zahnheilkunde und Versorgungsforschung
Centrum 3 für Zahn-, Mund- und
Kieferheilkunde,
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Aßmannshauser Str. 4–6, 14197 Berlin

68348866798817679882167988226834887 6834888 6798825
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare