Die klinisch-ethische Falldiskussion

Sie will sich nicht impfen lassen – darf er sie entlassen?

Dr. B. betreibt in einer mittelgroßen Stadt eine allgemeinzahnärztliche Praxis. Die Inzidenzzahlen des übergeordneten Landkreises liegen seit Monaten knapp unter 300. Bei einem nicht unerheblichen Anteil der Patienten von B. handelt es sich um Senioren aus einem nahe seiner Praxis gelegenen Komplex für betreutes Wohnen sowie dem dazugehörigen Alten- und Pflegeheim. Darf er seine Mitarbeiterinnen zum Impfen verpflichten?

AdobeStock_ alex.pin

Einführung

Die Impfkampagne gegen das SARS-CoV2-Virus ist in diesen Wochen sicherlich eines der vorherrschenden Themen. Neben Diskussionen zur Impfreihenfolge und zur allgemeinen Akzeptanz der angebotenen Impfungen in der Bevölkerung lesen wir verstärkt Berichte, dass gerade im Bereich des medizinischen und pflegerisch tätigen Personals die Impfbereitschaft eher gering ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass von einzelnen Politikern und Medizinern auch Zwangsimmunisierungen diskutiert werden. Gerade auch in Zahnarztpraxen stellt sich die Frage, wie mit dieser Problematik umzugehen ist, ob es möglich ist, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Praxis angesichts der Pandemie-Lage zu einer Impfung zu verpflichten.

Dies hat auch ein mediales Echo gefunden, beispielsweise wurde über Zahnärzte berichtet, die ihrem Praxisteam gewissermaßen eine Impfpflicht auferlegen wollten; es gibt auch Diskussionen, was mit Pflegepersonal geschehen soll, das sich einer Impfung verweigert. Diese Fragestellungen haben aber nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine ethische Dimension, wie der folgende fiktive Fall zeigt.

Für B. nimmt der Schutz der ihm anvertrauten Menschen, die vielfach zur Gruppe der Hochrisikopatienten zählen, einen hohen Stellenwert ein. Er ist überzeugt, dass eine Impfung gegen das Coronavirus nicht nur den Ausbruch der Krankheit, sondern auch die Übertragung auf andere verhindert.

B. will mit gutem Beispiel vorangehen und sich sobald wie möglich impfen lassen. Bei Gesprächen mit seinen Mitarbeitern stellt er allerdings fest, dass ein Teil ihm nicht folgen will. Mehrere Überzeugungsversuche ändern nichts an deren Einstellung. B. teilt allen Angestellten daraufhin mit, dass er zukünftig nicht geimpfte Mitarbeiter nur noch mit rein administrativen Aufgaben ohne jeglichen Patientenkontakt betrauen wird und sich möglicherweise in letzter Konsequenz von ihnen wird trennen müssen, da sie nach seiner Auffassung ohne Impfung ihren eigentlichen beruflichen Tätigkeiten nicht dauerhaft verantwortungsbewusst nachkommen können. Er erklärt ihnen weiterhin, dass er dafür geradestehen müsse, wenn sich einer seiner Patienten mit Corona infiziert, und dass er darüber hinaus selbst entscheidet, wen er beschäftigt.

Sind Drohungen ethisch vertretbar?

Ist das restriktive und auch mit einer Drohung verbundene Vorgehen von B. aus ethischer Sicht vertretbar? Ist die durch das Impfgeschehen berührte körperliche Unversehrtheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein absoluter Wert oder darf B. den Schutz der Patienten dem gegenüberstellen? Kann man möglicherweise an medizinisches Personal andere Maßstäbe anlegen als an Mitarbeiter außerhalb der Gesundheitsberufe?

Oberfeldarzt Dr. André Müllerschön
Sanitätsversorgungszentrum Neubiberg
Werner-Heisenberg-Weg 39, 85579 Neubiberg
andremuellerschoen@bundeswehr.org

Kommentar 1

Eine solche dienstliche Anordnung hält normativen Argumenten nicht stand

Grundsätzlich ist zu unterstellen, dass B. das Richtige tun möchte und nach seiner festen Überzeugung handelt. Tatsächlich lassen sich drei Argumente benennen, mit denen sich sein Handeln prima vista begründen lässt:

Da wäre zum ersten die Fürsorgepflicht, die er gegenüber Mitarbeitern und Patienten empfindet: B. trägt Verantwortung für die Gesunderhaltung seines Teams und seiner Patienten; wenn sich Dritte in seiner Praxis mit COVID-19 infizieren, muss er sich (gegebenenfalls juristisch) rechtfertigen. Zudem kann es aufgrund von Quarantänemaßnahmen zur Praxisschließung kommen, was seinen legitimen wirtschaftlichen Interessen zuwiderliefe und unter Umständen sogar die zahnärztliche Versorgung gefährden könnte – wenn etwa mehrere Praxen der Region von derartigen Schließungen betroffen wären.


Ein weiteres Argument von B. betrifft die Verantwortlichkeiten des medizinischen Personals: Wer im Gesundheitsbereich arbeitet, trägt nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch für seine Patienten. In Praxen Beschäftigte müssen nach dem Infektionsschutzgesetz die Weiterverbreitung von Krankheitserregern vermeiden; insofern können für medizinisches Personal unter Umständen andere Regeln gelten als für nichtmedizinische Berufsgruppen.

 

 | AdobeStock_Alexander Limbach

Das dritte denkbare Argument ist der „Präzedenzfall Masern“: Für Masern gibt es bereits eine Impfpflicht, die im Masernschutzgesetz verfügt ist. Demnach müssen auch Beschäftigte in Arztpraxen, Krankenhäusern oder bei Pflegediensten gegen Masern geimpft sein oder eine Immunität nachweisen, sofern sie nach 1970 geboren sind.

Doch der Vergleich mit Impfungen gegen COVID-19 hinkt: Die Masernimpfung verhindert nachweislich in den allermeisten Fällen, dass der Geimpfte sich und andere ansteckt („sterile Immunität“). Mit jener Impfung gegen Masern schützt man also nicht nur sich selbst, sondern auch andere vor einer Infektion. Dieser Effekt ist bei der Corona-Impfung noch ungeklärt. Hier kann es sein, dass Geimpfte das Virus aufnehmen und weiterverbreiten. In diesem Fall wäre die Impfung keine Maßnahme, um Dritte zu schützen, sondern ausschließlich eine Frage der persönlichen Gesundheitsvorsorge – und dazu dürfen weder staatliche Autoritäten noch Arbeitgeber Vorschriften machen. Erst im Frühjahr 2021 sind erste Aufschlüsse in der Frage der „sterilen Immunität“ zu erwarten. Daher ist das Masernschutzgesetz mangels Analogie aktuell kein geeigneter Präzedenzfall.

 | privat

Damit weiten wir den Blick auf die allgemeine Rechtslage im Kontext von COVID-19: Derzeit besteht keine Impfpflicht und die Bundesregierung hat erklärt, an der Freiwilligkeit der Impfung festzuhalten. Eine obligate Impfung einzelner Personengruppen wäre allerdings theoretisch denkbar. Eine Grundlage hierfür wäre in § 20, Abs. VI des Infektionsschutzgesetzes zu finden. Dort heißt es: „Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen [...] teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist.“ Demnach könnte eine Impfpflicht mittels einerVerordnung eingeführt werden; sie müsste aber gegen andere Rechte (zum Beispiel Freiheitsrechte der betroffenen Menschen) abgewogen und nach einer solchen ethisch-rechtlichen Güterabwägung schlussendlich für „angemessen“ erachtet werden.

Doch selbst in einem solchen Fall wäre zu erwarten, dass der Staat eine derartige Rechtsverordnung sehr restriktiv handhaben würde. Am ehesten wäre dies noch für Arbeitsumgebungen zu begründen, die als Hotspots gelten, weil die Beschäftigten häufigen und engen Kontakt zu besonders Gefährdeten beziehungsweise COVID-19-Patienten haben – etwa für Behandlungsteams auf Intensivstationen, Fachkliniken für Lungenkrankheiten und Pflegekräfte in Seniorenheimen. Zahnarztpraxen zählen dagegen nach derzeitiger Studienlage nicht dazu – entsprechend unwahrscheinlich ist eine so weitreichende rechtliche Verordnung.

Bezüglich der aktuellen Rechtslage ist jedenfalls festzuhalten: Das Vorhaben von B., seine Mitarbeiter zur Impfung zu verpflichten, ist durch das Recht nicht gedeckt – was zwangsläufig auch ethische Probleme aufwirft.

Aus genuin ethischer Sicht lassen sich noch weitere Argumente gegen eine Impfpflicht anführen:

Das erste ist der Respekt vor der Autonomie des Einzelnen: Eine Impfung ist eine individuelle Entscheidung, die zudem das Recht auf körperliche Unversehrtheit berührt. Grundsätzlich greift jede Impfung in die körperliche Integrität ein und bedarf daher eines Informed Consent (Zustimmung nach Aufklärung). Während sich die Impfbefürworter von einer Impfung zuvorderst Schutz versprechen und daher einwilligen, sehen Impfskeptiker vor allem Gefahren (Neben- und Wechselwirkungen, Spätfolgen). Sie sehen also in der Impfung einen Risikofaktor für eine (vermeidbare) Erkrankung. Zudem betrachten sie Zwangsimpfungen als Eingriff in ihre Freiheitsrechte. Impfskeptiker befinden sich unter medizinischen Laien ebenso wie unter medizinischem Fachpersonal. Ihre Sichtweise muss man nicht teilen – aber man sollte aus ethischer Sicht den Entschluss gegen eine Impfung als höchstpersönliche Entscheidung akzeptieren. Dies umso mehr, als wir über etwaige Spätfolgen noch keine zuverlässigen Kenntnisse haben und auch über die (Nicht-)Infektiösität Geimpfter noch keine Aussage treffen können.

Ein weiteres Argument gegen eine Impfpflicht ist die gesellschaftliche Akzeptanz: Massenimpfungen mit dem Ziel einer „Herdenimmunität“ sind nur dann zu erreichen, wenn sie gesellschaftlich breit akzeptiert sind. Die Bereitschaft leidet jedoch erheblich, wenn Zwangsmaßnahmen ins Spiel kommen. Zwang ruft nicht nur Misstrauen und Abwehrreaktionen hervor, sondern liefert auch Impfgegnern Argumente – getreu dem Motto: Wären die Regierungsverantwortlichen von der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs überzeugt, müssten und würden sie keine Zwangsmaßnahmen ergreifen. Die hierdurch ausgelöste Verunsicherung der Bevölkerung wäre größer als der von Zwangsmaßnahmen erhoffte Nutzen für den Infektionsschutz. Im vorliegenden Fall baut B. gegenüber seinen Mitarbeitern Druck auf, indem er einen Zwang zur Impfung androht: Zwang ist grundsätzlich kein probates Element einer vertrauensvollen Interaktion am Arbeitsplatz. „Impfverweigerern“ mit Arbeitsplatzverlust zu drohen, ist zudem in der Sache kontraproduktiv, weil damit die Chance, das Gegenüber argumentativ zu überzeugen, zugunsten der „Macht des Stärkeren“ aufgegeben wird.

Zu guter Letzt birgt die Androhung von B. auch Diskriminierungspotenzial. Wenn er beschließt, geimpfte Mitarbeiter weiter zu beschäftigen und nicht-geimpfte ohne Lohnfortzahlung freizustellen, setzt sich B. dem Vorwurf der Ungleichbehandlung beziehungsweise der Diskriminierung aus und riskiert eine Klage aufgrund des „Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)“.

Fazit: Auch wenn B. zu unterstellen ist, dass er für Mitarbeiter und Patienten das Beste will, scheinen aus normativer Sicht die Argumente gegen das von ihm angekündigte Vorgehen zu überwiegen.

Derzeit behandelt er die „Impf-Thematik“ auf einer sehr persönlichen Ebene: als Thema zwischen Vorgesetztem und Nachgeordneten, mit dem Charakter einer „dienstlichen Anordnung“. B. sollte das Themenfeld „Impfen“ auf eine breitere Grundlage stellen und zu einem sanktionsfreien Meinungsaustausch einladen: Er könnte aktuelle Aufklärungsliteratur bereitstellen, seine Mitarbeiter für (Online-)Informationsveranstaltungen zum Thema Impfen freistellen, Referenten mit einschlägiger Expertise zu einer (Online-)Fortbildung für das Praxisteam einladen und/oder diejenigen Mitarbeiter, die sich als erste eigeninitiativ impfen lassen, im Rahmen der gemeinsamen Arbeitszeit über ihre Erfahrungen berichten lassen. Auch ein Erfahrungsaustausch mit anderen Praxisteams (unter den erschwerten Bedingungen des Lockdowns) ist denkbar – alles mit dem Ziel, etwaige Wissensdefizite zu beseitigen und hierdurch bedingte Bedenken zu zerstreuen. Denn nicht selten beruhen Unsicherheit und Ablehnung auf unzureichendem Wissen und falschen Vorannahmen. Mit den besagten Maßnahmen wird er vielleicht nicht alle, aber doch viele Teammitglieder erreichen – ohne Zwang und ohne die Androhung von Sanktionen.

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Aachen MTI 2
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

Die Prinzipienethik

Ethische Dilemmata, also Situationen, in denen der Zahnarzt zwischen zwei konkurrierenden, nicht miteinander zu vereinbarenden Handlungsoptionen zu entscheiden oder den Patienten zu beraten hat, lassen sich mit den Instrumenten der Medizinethik lösen. Viele der geläufigen Ethik-Konzeptionen (wie die Tugendethik, die Pflichtenethik, der Konsequentialismus oder die Fürsorge-Ethik) sind jedoch stark theoretisch hinterlegt und aufgrund ihrer Komplexität in der Praxis nur schwer zu handhaben.

Eine methodische Möglichkeit von hoher praktischer Relevanz besteht hingegen in der Anwendung der sogenannten Prinzipienethik nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress: Hierbei werden vier Prinzipien „mittlerer Reichweite“, die unabhängig von weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen als allgemein gültige ethisch-moralische Eckpunkte angesehen werden können, bewertet und gegeneinander abgewogen.
Drei dieser Prinzipien – die Patientenautonomie, das Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz) und das Wohltunsgebot (Benefizienz) – fokussieren ausschließlich auf den Patienten, während das vierte Prinzip Gerechtigkeit weiter greift und sich auch auf andere betroffene Personen oder Personengruppen, etwa den (Zahn-)Arzt, die Familie oder die Solidargemeinschaft, bezieht.

Für ethische Dilemmata gibt es in den meisten Fällen keine allgemein verbindliche Lösung, sondern vielfach können differierende Bewertungen und Handlungen resultieren. Die Prinzipienethik ermöglicht aufgrund der Gewichtung und Abwägung der einzelnen Faktoren und Argumente subjektive, aber dennoch nachvollziehbare und begründete Gesamtbeurteilungen und Entscheidungen. Deshalb werden bei klinisch-ethischen Falldiskussionen in den zm immer wenigstens zwei Kommentatoren zu Wort kommen.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth

Kommentar 2

Ethisch problematisch ist das Vorgehen

Die vorliegende Falldarstellung greift eine Problematik auf, die derzeit gewiss viele selbstständige Zahnärztinnen und Zahnärzte als Arbeitgeber und nicht weniger Angestellte im Gesundheitswesen umtreibt – die Frage, wie sowohl das medizinische Personal als auch die Patienten effektiv vor einer Infektion mit dem Coronavirus geschützt werden können und inwieweit hierzu die seit kurzer Zeit verfügbaren Impfungen beitragen können. Auch wenn eine Impfpflicht derzeit nicht besteht, können sich, wie im Fall des Zahnarztes B., aus ethischer Sicht Dilemmata ergeben, die sowohl den Zahnarzt als auch das Assistenzpersonal und die Patienten betreffen.

Bei der Betrachtung dieser vielschichtigen Thematik ist die analoge Anwendung der Prinzipienethik nach Beauchamp und Childress hilfreich, nach der das Nichtschadensgebot, das Wohltunsgebot, die Patientenautonomie und das Prinzip Gerechtigkeit gegeneinander abgewogen werden (siehe Kasten links). Im Mittelpunkt stehen im vorliegenden Fall die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die nicht bereit sind, in eine Impfung einzuwilligen, obwohl B. darauf dringt.

Betrachten wir zunächst das Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz): Die Intention von B., sich und sein Praxisteam impfen zu lassen, zielt auf verschiedene Effekte: Zum einen sieht er darin eine Möglichkeit, seine Patientinnen und Patienten, die zu einem nicht unerheblichen Teil den bekannten Risikogruppen angehören, angesichts der sehr hohen Inzidenz in seinem Landkreis zu schützen. Zum anderen könnte mit einer Immunität möglicherweise auch die Ansteckungsgefahr des Personals untereinander wie auch durch Corona-positive Patienten vermindert werden, das heißt, dass es B. auch darum geht, Gefahr und Schaden von seinem Team abzuwenden. Obwohl noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen, geht er davon aus, dass Geimpfte das Virus nicht weiterverbreiten oder dass zumindest mit der Immunisierung eine deutliche Reduzierung der Viruslast und der Möglichkeit einer Weiterverbreitung und Infizierung Dritter gegeben ist. B. setzt darauf, dass die stetigen Forschungen und der Wissenszuwachs, die in dieser Pandemie ständig im Fluss sind, diese Annahme bestätigen werden und er somit sowohl seine Patienten als auch sein Team schützt. Aber selbst wenn das Virus trotz Impfung übertragen werden kann, dient jene bei der gegebenen sehr hohen Exposition dem Schutz des Praxisteams vor Infektion und schweren, vielleicht auch lebensbedrohlichen Krankheitsverläufen. Demgegenüber steht jedoch der mögliche Schaden, der durch Impfrisiken und -nebenwirkungen angerichtet werden könnte. Dieser ist nach allen Informationen aus dem Zulassungsverfahren und auch nach den bisherigen Erfahrungen millionenfacher Impfungen im In- und Ausland wesentlich geringer zu bewerten als die Gefährdungen durch das Virus und COVID-19.

Auch das Wohltunsgebot (Benefizienz) wird, hier in einem engen Kontext zum Nichtschadensgebot, durch eine Impfung berührt. So sind temporäre Störungen des Wohlbefindens durch Impfreaktionen wie Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle und systemische Reaktionen wie Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit nicht selten, jedoch kann man auch hier davon ausgehen, dass diese vorübergehenden Symptome in keinem Verhältnis zu den Beeinträchtigungen durch eine Corona-Infektion stehen.

 | Bayer

Ein hohes Gut stellt die Patientenautonomie dar, die bei dem Ansinnen von B., das komplette Praxispersonal impfen zu lassen, zentral berührt ist. Dies umso mehr, als B. diese Entscheidung nicht der Freiwilligkeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überlässt, sondern den Impfunwilligen mit ernsthaften Restriktionen wie einer betriebsinternen Umsetzung oder letztlich gar dem Verlust des Arbeitsplatzes droht. Dieser Druck, den B. aufbaut, um sein Ziel zu erreichen, ist zweifellos ein gravierender Eingriff in die Patientenautonomie, der tatsächlich nur bei einer sehr starken Gewichtung der Gegenargumente berechtigt sein könnte. Restriktionen im Sinne einer Duldungspflicht für bestimmte ärztliche Maßnahmen wie beispielsweise Impfungen sind – gesetzlich geregelt – in manchen Bereichen unserer Gesellschaft übrigens durchaus gegeben.

So schränkt das Soldatengesetz (§ 17), wonach ein Soldat verpflichtet ist, „alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um seine Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen“, sein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit explizit ein, sofern diese Maßnahmen „der Verhütung oder Bekämpfung übertragbarer Krankheiten“ oder „der Feststellung seiner Dienst- oder Verwendungsfähigkeit“ dienen. Rechtliche Konsequenzen können erwachsen, wenn er „eine zumutbare ärztliche Maßnahme“ ablehnt und hierdurch seine Dienstfähigkeit beeinträchtigt wird, wobei explizit eingeschränkt wird: „Nicht zumutbar ist eine ärztliche Maßnahme, die mit einer erheblichen Gefahr für Leben oder Gesundheit verbunden ist.“

Argumente für eine Einschränkung der Patientenautonomie sind im Prinzip Gerechtigkeit begründet, das sich im Unterschied zu den anderen drei Prinzipien nicht auf die nicht impfwilligen Mitarbeiter bezieht, sondern in dessen Mittelpunkt die berechtigten Interessen aller anderen beteiligten Protagonisten und Gruppen steht. So wäre eine Impfung und die damit hoffentlich verbundene Verminderung der Übertragungsgefahr für alle Patienten, gerade aber für die Bewohner der Seniorenwohnanlage beziehungsweise des Alten- und Pflegeheims von hohem, ja geradezu von vitalem Interesse. Dies umso mehr vor dem Hintergrund der hohen Inzidenz und der leidvollen Erfahrungen mit Corona-Ausbrüchen in entsprechenden Einrichtungen.

Ferner sind die Interessen von B. berührt. Er beruft sich darauf, dass bei einer Infektion seiner Patienten durch Praxismitarbeiter auch er „dafür geradestehen müsse“, also die nicht impfwilligen Teammitglieder beim Beharren auf ihrem Standpunkt im Fall einer (dann wahrscheinlicheren) Infektion die Konsequenzen nicht allein zu tragen hätten, sondern ihn mit in die Verantwortung ziehen. Dies ist im Übrigen bereits bei einer (im Fall einer Impfung möglicherweise vermeidbaren) Positivtestung von Angehörigen des Praxisteams problematisch, da hieraus die Quarantänisierung weiterer Mitarbeiter und möglicherweise gar die zeitweise Schließung der Praxis resultieren könnten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der im Fallsetting formulierte Fragenkomplex beantworten. So ist die Frage sicherlich zu bejahen, ob an medizinisches Personal andere Maßstäbe als an Personen außerhalb der Gesundheitsberufe anzulegen sind. Dies ist zum einen darin begründet, dass hier ein höheres Maß an Fachkompetenz und Einsicht vorausgesetzt werden kann. Zum anderen, um bei unserem Fall zu bleiben, hat nicht nur Zahnarzt B. Verantwortung für die Patienten, sondern die Garantenstellung (das heißt die Verpflichtung, die Patienten vor Schaden zu schützen) ergibt sich zumindest aus ethischer Sicht auch für medizinisches Assistenzpersonal. Insofern stellt meines Erachtens in dieser speziellen Konstellation die körperliche Unversehrtheit keinen absoluten Wert dar, sondern es darf sehr wohl die Frage erlaubt sein, ob nicht vom medizinischen Personal dieser Praxis zur Abwendung von Schaden sowohl bei Patienten als auch beim Team die Einwilligung in „eine zumutbare ärztliche Maßnahme“ – und nur um diese geht es – erwartet werden kann.

Aus ethischer Sicht problematisch ist hingegen das Vorgehen von B. Er wäre besser beraten, statt mit Restriktionen zu drohen den Wert der Impfungen, mögliche Impfreaktionen, Risiken und Nebenwirkungen, die Folgen sowohl für die Patienten als auch für die Praxis und die Mitarbeiter sowie die ethischen Dimensionen mit dem Team zu besprechen und gegebenenfalls auch kontrovers zu diskutieren. Schwerwiegende Bedenken einzelner Teammitglieder gegen eine Impfung, etwa aufgrund bestehender Kontraindikationen oder manifester Ängste, sollten dabei nicht öffentlich, sondern im vertrauensvollen Einzelgespräch erörtert werden. Eine Umsetzung auf eine Tätigkeit ohne näheren Patientenkontakt (die wohl nur in größeren Praxen oder MVZ mit einem entsprechend großen Personalpool realisierbar sein dürfte) sollte keinesfalls als „Strafaktion“ angewandt werden, sondern kann gegebenenfalls sinnvoll sein, um einerseits das Teammitglied aus der aktiven wie passiven Infektionsgefahr herauszunehmen und andererseits die notwendige Zeit einzuräumen, um die weitere Entwicklung abzuwarten und die Entscheidung zu überdenken. Damit bliebe auch das Recht auf späte Einsicht gewahrt und das Arbeitsklima würde nicht durch drohende Restriktionen belastet.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Zeppelinstr. 127/128, 14471 Potsdam
vollmuth@ak-ethik.de

41105374083835408383640838374107671 4110075 4083838
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare