Aus der Wissenschaft

Parodontitis versteift die Arterien

Ein subklinischer Marker für die Gefahr eines drohenden kardiovaskulären Ereignisses ist die nachlassende Elastizität des Gefäßsystems. Der Grad an Elastizität kann über die Messung der Pulswellengeschwindigkeit charakterisiert werden. Französische Forscher haben die wissenschaftliche Literatur jüngst nach Zusammenhängen zwischen Parodontitis und Gefäßversteifung durchsucht und sind fündig geworden.

Auch wenn der pathophysiologische Zusammenhang zwischen Parodontitis und nachlassender Elastizität der Blutgefäße noch nicht genau geklärt ist, so scheint Parodontitis ein weiterer Risikofaktor zu sein, der kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen kann. AdobeStock_Sagittaria

Insbesondere schwere Formen der Parodontitis führen lokal und systemisch zu einer vermehrten Ausschüttung von Entzündungsmarkern. Unbehandelt steigt unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen [Sanz et al., 2020]. Die Versteifung von Arterien („arterial stiffness“) ist ein Hinweis auf die Alterung der Gefäße und mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert [Vlachopoulos et al., 2010].

Der Zustand der Blutgefäße lässt sich über die Pulswellengeschwindigkeit (pulse wave velocity, PWV) messen. Die Pulswellengeschwindigkeit ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit der vom Herzen generierten Druckwelle entlang des Gefäßsystems, gemessen in Meter pro Sekunde. Höhere PWV-Werte sprechen für eine geringere Dehnbarkeit der Gefäße und damit einen höheren Versteifungsgrad. Als Goldstandard gilt die Messung der cf-PWV, der Carotis-Femoralis-Pulswellengeschwindigkeit [Van Bortel et al., 2012]. Gemeint ist die Transitzeit der Pulswelle von der rechten Arteria carotis communis bis zur rechten A. femoralis.

Arterielle Steifheit und Parodontitis

Entzündungsprozesse haben einen negativen Einfluss auf die Elastizität der Blutgefäße. Erhöhen sich Entzündungsmarker im Blut, erhöht sich auch die Pulswellengeschwindigkeit. Einige Studien deuteten bereits auf einen Zusammenhang zwischen arterieller Steifheit und Parodontitis hin [Orlandi et al., 2014; Schmitt et al., 2015], allerdings mit widersprüchlichen Ergebnissen. Die Autoren der vorliegenden Übersichtsarbeit haben daher die vorhandene Literatur zum Thema kritisch unter die Lupe genommen. In ihrem Review mit Metaanalyse verglichen sie die PWV-Werte von Patienten mit schwerer und nicht-schwerer beziehungsweise ohne Parodontitis und untersuchten, ob eine Parodontalbehandlung die PWV beeinflusst.

Insgesamt wurden 17 Studien mit 3.176 Patienten in die Untersuchung eingeschlossen. In allen Studien wurden die PWV-Werte erwachsener Patienten mit schwerer Parodontitis unabhängig von Komorbiditäten wie Diabetes oder Bluthochdruck mit den PWV-Werten von Patienten ohne oder mit leichter Parodontitis verglichen. Es gab jeweils Messungen vor und nach einer Parodontalbehandlung (Scaling und Wurzelglättung, chirurgische Therapien, mit oder ohne Antibiotika, Antiseptika und Probiotika).

Von zwölf eingeschlossenen Querschnittsstudien zeigten fünf eine signifikante Assoziation zwischen Arteriensteifheit und Parodontitis. Drei Studien davon verglichen Patienten, ähnlich in Alter, Geschlecht, Blutdruck- und Raucherstatus, mit und ohne Parodontitis. Die Parodontitispatienten wiesen durchweg höhere PWV-Werte auf. Khumaedi et al. [2019] konnten eine signifikante Korrelation zwischen Taschentiefen und PWV nur bei Diabetikern nachweisen, die einen HbA1c größer sieben hatten. Allerdings fanden weitere vier Studien keinen signifikanten Unterschied bei den PWV-Werten zwischen Parodontitis- und Nicht-Parodontitispatienten.

Wurden die PWV-Messungen gepoolt, kam heraus, dass Patienten mit schwerer Parodontitis im Schnitt eine um 0,84 Meter pro Sekunde höhere Pulswellengeschwindigkeit hatten als Patienten mit nicht-schwerer Parodontitis.
Dieser erhöhte Wert von fast 1 Meter pro Sekunde bei Patienten mit schwerer Parodontitis ist klinisch relevant – Vlachopoulos et al. brachten einen solchen Wert mit einem um 14 Prozent erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse in Verbindung [2010].

Effekte der Parodontalbehandlung auf die PWV

Die Ergebnisse der insgesamt fünf interventionellen Studien des Reviews bezüglich der Wirkung einer Parodontaltherapie auf die PWV sind nicht eindeutig. Nur zwei Interventionsstudien waren randomisiert und kontrolliert. Die eine zeigte eine signifikante mittlere Reduktion der PWV einen Monat nach nicht-chirurgischer Parodontaltherapie mit lokaler Minocyclin-Anwendung gegenüber der Gruppe, die nur eine supragingivale Zahnreinigung erhalten hatte [Ren et al., 2016]. Die zweite Studie konnte keinen signifikanten Unterschied bei den PWV-Messungen vor und nach Parodontalbehandlung bei australischen Aborigines zeigen [Kapellas et al., 2014]. Die nicht-chirurgische Parodontaltherapie war in dieser Studie allerdings weniger umfangreich, denn sie fand in einer einzigen Sitzung statt. Zudem ermittelten die Forscher die PWV-Werte drei und zwölf Monate nach der interventionellen Therapie. Es liegt nahe, dass die Entzündungswerte ohne die bei schwerer Parodontitis meist in engen zeitlichen Intervallen angezeigte Unterstützende Parodontaltherapie (UPT) dann aber schon wieder gestiegen sein dürften. Damit dürfte die Aussagekraft dieses Studiendesigns eher begrenzt sein.

Die anderen Interventionsstudien hatten ein Vorher-Nachher-Design und kamen hinsichtlich einer Verbesserung der PWV-Werte nach Parodontitistherapie zu keinen eindeutigen Ergebnissen: Positive Effekte der Parodontitisbehandlung auf die PWV-Werte wurden zwar berichtet, aber nicht bei allen Studien. Eine eindeutige Aussage hinsichtlich der Wirkung einer Parodontitistherapie ist im Hinblick auf die insgesamt schmale Studienlage kaum möglich. Im vorliegenden Review waren die beiden randomisierten, kontrollierten Interventionsstudien aufgrund verschiedener Messmethoden der PWV und wegen unterschiedlicher spezifischer Merkmale der untersuchten Gruppen kaum vergleichbar. Zudem waren die nicht-chirurgischen Parodontalbehandlungen in den Studien unterschiedlich ausgestaltet.

Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhüten, reicht die Einflussnahme auf bekannte Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen, Tabakkonsum, geringe körperliche Aktivität und ungesunde Ernährung offenbar nicht aus. Parodontitis ist ein weiterer Risikofaktor, der kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen kann. Der pathophysiologische Zusammenhang zwischen Parodontitis und nachlassender Elastizität der Blutgefäße ist noch nicht genau geklärt. Forscher sehen die möglichen Ursachen in der bakteriellen Infektion, dem entzündlichen Geschehen oder im Zusammenwirken von Bakterien, Entzündung und Immunität.

Fazit

Insgesamt unterstützt das Review der französischen Wissenschaftler die Existenz eines signifikanten Zusammenhangs zwischen arterieller Steifheit und schwerer Parodontitis, die unbehandelt in Studien zu höheren PWV-Werten geführt hat. Diese Ergebnisse unterstreichen erneut die Notwendigkeit einer engen Verzahnung von Zahnmedizin und Medizin in der Prävention von Parodontalerkrankungen und kardiovaskulären Ereignissen. n

Dr. Med. Dent. Kerstin Albrecht
Medizin-/Dentaljournalistin

Quelle: Darnaud C, Courtet A, Schmitt A, Boutouyrie P, Bouchard P, Carra MC: Association between periodontitis and pulse wave velocity: a systematic review and meta-analysis. Clin Oral Investig. 2021 Jan 7. doi: 10.1007/s00784–020–03718–2.

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