Interview mit Thorben Krumwiede zu einer Neuaufstellung der UPD

„Patientenberatung sollte kein Anhängsel sein“

Unwirtschaftliche Führung, umstrittener Betreiber, maue Ergebnisse. Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hat in der Vergangenheit für ihre Arbeit mehr Schelte als Lob kassiert. Nicht nur die Politik fordert jetzt dringend einen Neuanfang – favorisiert wird ein Stiftungs- oder ein Hybridmodell. Und wo sieht sich die UPD selbst? Wir haben UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede gefragt.

Thorben Krumwiede, Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland UPD

Herr Krumwiede, verschiedene Seiten fordern seit Längerem eine Neuaufstellung der UPD – was sind die Hintergründe?
Thorben Krumwiede: Zur Motivation und den Zielen anderer will ich nicht spekulieren. Wie eine Patientenberatung aufgestellt sein sollte, welches Trägermodell besonders geeignet ist und wie die Beratung finanziert sein sollte, darüber wird aktuell tatsächlich viel diskutiert. In den vergangenen Monaten hat sich die Diskussion aber insofern verändert, dass es inzwischen parteiübergreifend einen Konsens in einer wichtigen Frage gibt: Die Arbeit der Patientenberatung soll verstetigt werden.

Dahinter steht die Erkenntnis, dass es ein falscher Weg ist, die über Jahre aufgebauten Beratungsstrukturen aufzulösen und dann wieder neu aufzubauen. Es dauert einfach, bis neue Strukturen aufgebaut und geschaffen sind, Beraterinnen und Berater umfassend geschult sind, bis das Prozesswissen einen hohen Stand erreicht und die Vernetzung mit anderen Akteuren gut angelaufen ist.

Welchen Bedarf gibt es aus Ihrer Sicht?
Der konkrete Bedarf an einer Beratung, die sich an den Nöten und Sorgen der Menschen orientiert, erschließt sich bei uns durch unsere tägliche Arbeit. Wir unterstützen Ratsuchende im mitunter komplexen Gesundheitswesen, bestärken die Menschen, ihre Rechte wahrzunehmen, klären auf und stärken dadurch immer wieder auch die Gesundheitskompetenz. Zunehmendes Interesse registrieren wir auch an unseren Rückmeldungen zu Problemen aus Patientensicht – auch im Dialog mit der Zahnärzteschaft. Ich denke, hier sind wir auf einem guten Weg.

Als Einrichtung ist die Patientenberatung im besten Fall mit vielen Akteuren vernetzt und im Dialog. Aus ihrer Verpflichtung auf die Anliegen aller Patientinnen und Patienten folgt allerdings auch, dass die Patientenberatung nicht als Anhängsel etwa von Vereinen oder Interessengruppen organisiert sein sollte.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass der Bedarf, den es für die Patientenberatung gibt, in der Politik klar gesehen wird. Tatsächlich muss die Politik aktiv werden, wenn sie eine Verstetigung der Patientenberatung auf den Weg bringen will. Ohne diese Veränderung greift nämlich ansonsten die Neuausschreibung.

Einige Medien berichten über ein eigenes Konzeptpapier zur Weiterentwicklung, das von Ihnen und Ihren Experten erarbeitet wurde: Wann liegt dieses für alle einsehbar vor und was sind die Kernpunkte?
Mit der Arbeit an unseren Vorstellungen, die für eine Verstetigung handlungsleitend sein können, haben wir im vergangenen Jahr begonnen. Unser „Konzept Modell 2023 – Weiterentwicklung der UPD“ setzt beim Nutzen der Beratung an und geht insofern über die seit Jahren geführten Modelldiskussionen hinaus. Vereinfacht gesagt haben wir die Entwicklung und die Erfahrungen mit der Patientenberatung der vergangenen 15 Jahre analysiert und dann eine Weiterentwicklung skizziert. Das Papier werden wir in Kürze vorstellen.

UPD-Neuausrichtung

Eine Neuaufstellung der UPD gGmbH wird schon länger diskutiert. So hatte der Bundesrechnungshof im vergangenen Sommer dem Betreiber der UPD unwirtschaftliche Mittelverwendung vorgeworfen. Er hatte angeregt, dass künftig entweder eine Stiftung oder eine staatliche Einrichtung die Trägerschaft übernehmen solle. Auch die Politik will eine Reform: SPD, Grüne und Linke favorisieren ein Stiftungsmodell, die CDU hatte sich dem zuletzt angenähert.

Am 10. Februar beriet der Gesundheitsausschuss des Bundestages über eine UPD-Reform. Diskutiert wurde über ein von der Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU), beauftragtes Rechtsgutachten. Darin wurden vier Optionen untersucht: ein modifiziertes Ausschreibungsmodell, ein Stiftungsmodell, ein Ausbaumodell und ein Zuwendungsmodell. Auch Hybridmodelle sind denkbar. Welches Modell favorisiert wird, ist derzeit noch unklar. Für die Unabhängigkeit der UPD haben sich unterdessen auch Patientenorganisationen gemeinsam mit dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) ausgesprochen.

 Seit Januar 2016 betreibt die Callcenter-Firma Sanvartis die UPD. 2018 wurde die Sanvartis GmbH an die Careforce Sanvartis Holding GmbH verkauft. Der GKV-Spitzenverband hatte sich 2015 im Einvernehmen mit dem Patientenbeauftragten für diese Neuvergabe entschieden. Gleichzeitig wurde die Förderphase von fünf auf sieben Jahre verlängert, die Fördermittel wurden von 5,2 auf 9 Millionen Euro jährlich erhöht. Finanziert wird die UPD durch den GKV-Spitzenverband. Die aktuelle Förderperiode läuft bis zum 31. Dezember 2022.

Wichtig ist uns, die Patientenberatung direkter im Alltag von Bürgerinnen und Bürgern zu verankern: von der elektronischen Patientenakte bis hin zu systematischen Hinweisen auf unsere Beratungen in Situationen, die einen Informations- und Beratungsbedarf wahrscheinlich machen. Ganz einfach gesagt: Die Patientenberatung ist für Menschen da, wenn sie Gesundheitsfragen haben.

Welches ist aus Ihrer Sicht das ideale Modell zur Neuaufstellung der UPD?
Eine Verstetigung, inhaltliche Weiterentwicklung und konzeptionelle Verbesserung der Beratung ist mit unterschiedlichen Rechtsformen möglich. In der Diskussion sind daher unterschiedliche Varianten eines Stiftungsmodells, die Form einer gemeinnützigen GmbH oder auch Mischformen. Bewertung und Entscheidung über das Trägermodell liegen in der Hand der Politik. Die Akteure sollten dabei zeitnah abwägen, welche Option am besten umsetzbar ist. Aus unserer Beratungserfahrung heraus können wir zu dieser Diskussion beitragen. Aus unserer Sicht ist es auch weiterhin unabdingbar, dass die Patientenberatung in größtmöglicher Unabhängigkeit von Partikularinteressen arbeiten darf. Dazu zählen zum Beispiel kommerzielle Interessen. Angezeigt ist auch eine gehörige Portion Skepsis gegenüber Modellvarianten mit mehrgliedrigen Trägerschaften.

Gerade in der Pandemie ist der Bedarf an fachlich unabhängiger und fundierter Patientenberatung groß – welche Rolle spielt die UPD hierbei?
Ich denke, unsere Beratungsleistungen in der Pandemie erfahren zurecht sehr viel Anerkennung. Das Thema Corona begleitet uns seit mehr als einem Jahr. 2020 haben wir insgesamt 52.501 Beratungen zu Corona registriert. Allein im März 2020 waren es rund 20.000. Viele Ratsuchende schätzen an unserer Beratung ganz offensichtlich nicht nur, dass wir vergleichsweise besser erreichbar sind, sondern dabei eben auch eine Fachlichkeit der Beratungen vorhalten. Um in der Pandemie handlungsfähig zu sein, haben wir schnell reagiert, die Beratungsstrukturen angepasst und so sicherstellen können, dass den Menschen unsere Beratungsangebote fortlaufend und mit guter Erreichbarkeit zur Verfügung standen und stehen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Einen Wunsch hat die Politik schon erfüllt: Aus den Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern verschiedener Parteien habe ich den Eindruck mitgenommen, dass sehr ernsthaft über die bestmögliche Zukunft für die Patientenberatung diskutiert wird. Es freut uns, dass unsere Anregungen auf Interesse stoßen, auch bei denjenigen, die in dieser Förderphase wiederholt Kritik an unserem bisherigen Trägermodell geübt haben. Die konstruktiven Diskussionen stimmen mich optimistisch, dass ein Nonprofit-Modell für eine verstetigte Patientenberatung in einer auf Dauer angelegten Trägerschaft eine Zukunft haben wird.

Die Fragen stellte Gabriele Prchala.

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