BZÄK-Konferenz der Hilfsorganisationen

Die Patientenautonomie muss überall respektiert werden

Im medizinischen Auslandseinsatz für Hilfsbedürftige werden alle helfenden Hände gebraucht. Doch trotz der Not sind auch dort ethische, moralische und rechtliche Aspekte bei der Behandlung zu berücksichtigen. Worauf die Helfer achten müssen, diskutierten unter anderen der Medizinethiker Prof. Dominik Groß und Prof. Andrew Ullmann von der FDP-Bundestagsfraktion bei der virtuellen Konferenz.

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Aachen, beleuchtete in seinem Vortrag die ethischen Grundlagen von Hilfseinsätzen. BZÄK

In Zeiten der Pandemie sind Hilfseinsätze von sozialen Projekten und Organisationen nur sehr eingeschränkt möglich. Umso wichtiger war der diesjährige Termin der Konferenz der in- und ausländischen Hilfsorganisationen, initiiert von der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), um im Austausch zu bleiben – natürlich virtuell. Dr. Karsten Heegewaldt, Vorstandsreferent für Soziale Aufgaben und Hilfsorganisationen, betonte bei der Eröffnung die Hoffnung, „dass wir beim Impfen und bei der Entwicklung einer effektiven Teststrategie zügig vorankommen. Damit die engagierten Zahnärztinnen und Zahnärzte ihre ehrenamtliche Arbeit bald wieder im vollen Umfang aufnehmen können.“ Im Zuge dessen adressierte er auch an die Politik, den Kampf gegen die Missstände nicht vorrangig und dauerhaft von ehrenamtlichen Helfern austragen zu lassen. 

„Die Pandemie verschärft soziale Ungleichheiten im Inland und in noch größerem Maße im Ausland, sie wirkt wie ein Brennglas“, sagte Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. „Die Einschränkungen waren und sind ein großes Problem. Dennoch haben Zahnärztinnen und Zahnärzte in dem durch Corona sehr engen Rahmen geholfen, wo es möglich war.“ Die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Maria Flachsbarth (CDU), dankte in ihrer Videobotschaft den Helfern für ihren Einsatz und brachte es bereits eingangs auf den Punkt: „Die Pandemie kann nur weltweit besiegt werden oder gar nicht!“

Für Selbst-Marketing ist kein Platz

Das zentrale Thema der Zusammenkunft waren vor allem die ethischen Aspekte, unter denen deutsche Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Studierende Hilfe leisten. Selbstverständlich müssten bei den Einsätzen in armen Regionen dieselben ethischen und rechtlichen Voraussetzungen berücksichtigt werden wie bei einer Behandlung in einer deutschen Zahnarztpraxis. Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Aachen, Prof. Dominik Groß, nannte beispielhaft die Wahrung der Patientenautonomie. Mit Falldiskussionen veranschaulichte er, was sowohl die medizinischen Helfer vor Ort als auch die Berichterstattung im Anschluss berücksichtigen müssen.

Prof. Dr. Andrew Ullmann, MdB und stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses Globale Gesundheit des Deutschen Bundestags, berichtete auch von seinen Einsatzerfahrungen. Für ihn zählt die Hilfe der Masse, um die Fläche in den Hilfsregionen zu erreichen. | BZÄK

Zwei Punkte sind für Groß dabei zentral: Zum einen dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, dass Zahnärzte vor allem als Touristen in Krisengebieten oder ärmeren Ländern unterwegs sind. Ihre Person und ihre Geschichte sollten bei der Berichterstattung daher nicht im Vordergrund stehen. Den Urlaubsaufenthalt selbst mit dem Hilfseinsatz zu verbinden, sei aber grundsätzlich „nicht unethisch“, so Groß‘ Fazit. Der touristische Aspekt dürfe allerdings den Inhalt der medizinischen Hilfe nicht überlagern: „Der Bericht sollte die Rolle der Helfer und der Hilfsbedürftigen in angemessener Weise reflektieren und darstellen – auf der inhaltlichen Ebene mit einer respektvollen Beschreibung der Ungleichheiten, sowie auf der sprachlichen Ebene wertschätzend formuliert“, erklärte er.

Prof. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der BZÄK, eröffnete die Online-Konferenz mit zahlreichen Vertretern der sozialen Organisationen. „Die Pandemie verstärkt die soziale Ungleichheit dramatisch.“ | BZÄK

Zum anderen erörterte der Medizinethiker den Einsatz und das Tätigkeitsspektrum von Zahnmedizinstudierenden bei Hilfseinsätzen. Die Rechtslage sei dabei klar: Nach § 1 des Gesetzes über die Ausübung der Zahnheilkunde dürften nur approbierte Zahnärzte diese durchführen. Die Ausnahmen stellten eine Ausbildungssituation im Sinne des § 7 ZApprO oder ein Famulaturverhältnis im Sinne von § 15 ZApprO dar. Weiter erlaube der Eingriff im Rahmen eines rechtfertigenden Notstands, also eines akut lebensbedrohlichen Zustands, den Einsatz von Studierenden. Doch auch, wenn es vor Ort nicht immer übersichtlich zugehe: Der übergeordnete Zahnarzt müsse sicherstellen, dass sich die Studierenden in diesem rechtlichen Rahmen bewegen, und habe die Garantenpflicht. Groß betonte: „Der hehre Wille zur Hilfe kann die zivilrechtliche Haftung der Helfer nicht übertrumpfen.“

Um dem entgegenzuwirken, müsse auch vor Ort immer die Patientenautonomie respektiert und der Ausbildungsstand der Studierenden dargelegt werden, erklärte er weiter. Hierfür müsse grundsätzlich eine vollständige und verständliche Aufklärung erfolgen, bei der es gelingt, die Sprachbarriere zu überwinden und eine Beziehung herzustellen. Das könne mit einem einheimischen Übersetzer, mittels Piktogrammen oder Aufzeichnungen in Lautschrift, mit der Gestik, Mimik und der Tonalität der Stimme geschehen. Außerdem seien gegebenenfalls Behandlungsalternativen abzuklären.

Keine Hilfe zu leisten ist unmoralisch

Für die Einsätze gelte ebenfalls das Nichtschadensgebot. Dieses umfasse die arbeitstechnischen Rahmenbedingungen – Instrumentarien, Geräte, Diagnostik, Hygiene, Einwegartikel und die Stuhlassistenz. Aber eben auch das Wissen und die Erfahrung des Behandlers. „Studierende sollten nur gemäß ihrer Qualifikation und der geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen eingesetzt werden“, lautet der Rat des Medizinethikers.

Dr. Karsten Heegewaldt, Vorstandsreferent für Soziale Aufgaben und Hilfsorganisationen, äußerte die Hoffnung, „dass wir beim Impfen und bei der Entwicklung einer effektiven Teststrategie zügig vorankommen. | BZÄK

Dr. Maria Flachsbarth, MdB und Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, betonte in ihrem Grußwort, dass nur eine weltweite Pandemie-Bekämpfung Sinn macht. | BZÄK

Die Hilfe von Studierenden könne dazu beitragen, die zahnmedizinische Versorgung zu verbessern. Andererseits gelte jedoch auch: „Aufgrund reduzierter oder erschwerter diagnostischer Möglichkeiten und mangelnder Routine besteht ein erhöhtes Risiko für fehlerhafte Diagnosen und Therapieentscheidungen.“ So dürften Patienten niemals instrumentalisiert werden, um das fachliche Wissen und die Skills zu verbessern. Und auch die Fairness-Kriterien müssten überprüft werden: „Ist die Belastung für den Patienten im angebotenen Setting angemessen und ist er in seiner Entscheidung frei? Verbessert die Einbindung von Studierenden in der Summe die Versorgung der Patienten? Sind umgekehrt die an den Studierenden gestellten Erwartungen fair und angemessen?“ Unproblematisch sei der Einsatz der Nachwuchszahnärzte im Ausland bei der allgemeinen Anamnese und der vorbereitenden Aufklärung, bei Vorbehandlungen und Mundhygieneinstruktionen.

Die Herden-Intelligenz kann helfen

Nicht jeder Helfer müsse eine medizinische Ausbildung haben, um einen Hilfsbeitrag zu leisten, erklärte Prof. Dr. Andrew Ullmann, der stellvertretende Vorsitzende des Unterausschusses Globale Gesundheit des Deutschen Bundestags und selbst Arzt sowie Infektiologe. Er unterstrich in seinem Vortrag die Wirkung von Herden-Intelligenz – also die Kraft aus der Summe der Helfer, „wie eine mobilisierte Hilfe in der Masse“. Diese habe die Kindersterblichkeit in Teilen Afrikas verringert und bei der Prävention von Infektionskrankheiten wie Malaria, Aids und Tuberkulose geholfen. 

Ullmann wies im Zusammenhang mit der Pandemie auf die wachsende Ungleichbehandlung von Frauen und auf die Vernachlässigung von Kindern hin und lud die Organisationen und Helfer dazu ein, sich auf der Plattform globalhealthhub.de anzumelden und hier zu vernetzen.

43522734344188434418943441904350005 4350006 4344193
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare