Zahnärzte und Pädiater verabschieden gemeinsames Konzept

Einigung auf Fluoridempfehlungen für Kleinkinder

Der langjährige Dissens zwischen Pädiatern und Zahnärzten über den Fluorideinsatz im Kleinkindalter ist beigelegt. Die Einigung kam innerhalb des bundesweiten Netzwerks „Gesund ins Leben“ zustande und ist in konsentierten, von allen Netzwerkpartnern getragenen Handlungsempfehlungen niedergelegt. Fluoridhaltige Kinderzahnpaste mit 1.000 ppm sollte vom ersten Zahn an genutzt werden, spätestens aber mit dem ersten Geburtstag, was im Einklang mit den europäischen Empfehlungen steht.

Abb. 1: Erbse und Reiskorn mit Zahnpaste: Fluoride 
und insbesondere die fluoridierte Zahnpaste (jetzt 
mit 1.000 ppm Fluorid) spielen eine zentrale Rolle 
in der Kariesprävention, auch schon beim Kleinkind. BLE/www.gesund-ins-leben.de

Der erfreuliche Kariesrückgang in Deutschland konzentriert sich primär auf die permanente Dentition, während die Entwicklung im Milchgebiss weniger ausgeprägt ist [Team DAJ, 2017]. Daher sind weitere konsequente Präventionsmaßnahmen notwendig.

Unter den Präventionsmaßnahmen trägt die Fluoridanwendung wesentlich zur Risikoreduktion bei. Leider wurden in der Vergangenheit aber unterschiedliche Vorgehensweisen im Säuglings- und im frühen Kindesalter empfohlen [Toumba et al., 2019; DGZMK, 2013]. Parallel existierende, unterschiedliche Empfehlungen zur Gesundheitsförderung führen jedoch zur Verunsicherung von Beratungskräften und Eltern und zu einer geringeren Akzeptanz der Empfehlungen. Einheitliche Empfehlungen zur Kariesprävention durch Fluoridanwendung wurden seit vielen Jahren von Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Beratungskräften angemahnt.

Daher ist es sehr erfreulich, dass im Rahmen des Netzwerks „Gesund ins Leben“ alle relevanten Fachgesellschaften und -gruppen nun gemeinsame Empfehlungen zur Kariesprävention im Säuglings- und im frühen Kindesalter entwickelt und verabschiedet haben. Der Fokus lag auf der Bewertung der wissenschaftlichen Evidenz bezüglich Nutzen und Risiken und auf der Frage, wie vulnerable Gruppen für die Kariesprävention erreicht werden können inklusive der Umsetzungsmöglichkeiten in den gegebenen Strukturen der Gesundheitsvorsorge in Deutschland. Berücksichtigt wurde auch die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Auftrag gegebene und durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erstellte unabhängige wissenschaftliche Bewertung von Nutzen und Risiken systemischer und lokaler Fluoridanwendungen zur Kariesprophylaxe bei Säuglingen und Kleinkindern [BfR, 2018], weitere wissenschaftliche Publikationen zur systemischen und topischen Fluoridanwendung sowie Empfehlungen, Gesundheitsziele und Leitlinien auf nationaler und internationaler Ebene. Darüber hinaus wurden sorgfältige Fluorid-Expositionsabschätzungen vorgenommen und diskutiert. Ergänzend wurden Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zur Umsetzbarkeit und Erreichbarkeit von Familien mit Benachteiligungen sowie zur behutsamen Zahnreinigung als soziale Fürsorge- und Pflegehandlung und zu den entwicklungsbedingten Anforderungen an das Erlernen des Zähneputzens befragt.

Besonders lobend hervorzuheben ist der ergebnisoffene Dialog, bei dem die Sichtweisen und Positionen aller Beteiligten beleuchtet und unstrittige Bewertungskriterien für eine einheitliche, verständliche und im Familienalltag praktikable Empfehlung formuliert wurden. Damit liegen nun gemeinsam entwickelte Empfehlungen zur Kariesprävention im Säuglings- und im frühen Kindesalter vor (Abbildung 2 und Tabelle 1). Initial können Vitamin-D-Tabletten mit Fluorid genutzt werden. Mit dem Zahndurchbruch soll das regelmäßige Zähneputzen etabliert und spätestens mit dem ersten Geburtstag eine reiskorngroße Zahnpastamenge mit 1.000 ppm Fluoridgehalt zweimal täglich eingebürstet werden, ab dem zweiten Geburtstag dann eine erbsengroße Menge. Tabelle 1 gibt den zentralen Teil der Empfehlungen im Wortlaut wieder [Netzwerk Gesund ins Leben, 2021].

Abb. 2: Kariesprophylaxe für Kinder bis zu sechs Jahren | Quelle: Netzwerk Gesund ins Leben

Tab. 1, Quelle: Netzwerk Gesund ins Leben | 1 Wird Wasser (Trinkwasser, Mineralwasser) mit einem Fluoridgehalt von 0,3 mg/l oder mehr zur Zubereitung von Säuglings(milch)nahrung verwendet, soll ein Supplement mit Vitamin D ohne Fluorid gegeben werden. Dies betrifft Säuglinge, die ausschließlich oder überwiegend mit Säuglings(milch)nahrung ernährt werden.

2 Der Begriff „Eltern“ steht für alle Betreuungspersonen des Kindes.

3 Wird Wasser (Trinkwasser, Mineralwasser) mit einem Fluoridgehalt von 0,3 mg/l oder mehr zur Zubereitung von Säuglings(milch)nahrung verwendet, soll ein Supplement mit Vitamin D ohne Fluorid gegeben werden. Für das Zähneputzen soll in diesen Fällen entweder nur 1 x täglich eine reiskorngroße Menge (0,125 Gramm) fluoridhaltige

Zahnpasta oder eine fluoridfreie Zahnpasta angewandt werden. Dies betrifft Säuglinge, die ausschließlich oder überwiegend mit Säuglings(milch)nahrung ernährt werden.

Überdosierung wegen Fluoroserisiko vermeiden

Fluoride gelten als ein Schlüsselfaktor der Kariesprävention, aber insbesondere bei kleinen Kindern sind Überdosierungen wegen der Gefahr einer Dentalfluorose in den bleibenden Zähnen zu vermeiden [Creeth et al., 2013]. Um eine Balance zwischen Wirksamkeit und Sicherheit zu finden, wurde das von der European Food Safety Authority (EFSA) festgelegte Tolerable Upper Intake Level für Fluorid mit einem Wert von 0,1 mg/kg Körpergewicht/Tag berücksichtigt [EFSA, 2013]. Als optimale Dosis (hoher kariespräventiver Effekt und geringes Fluoroserisiko) sieht sie 0,05 mg/kg Körpergewicht/Tag an [Mejare, 2018].

Bei den Berechnungen wurden die Fluoridaufnahmen über die Nahrung – einschließlich Trinkwasser, Tabletten, Salz – und das Verschlucken von Zahnpaste berücksichtigt, um die tolerierbare Tageshöchstmenge nicht zu überschreiten – selbst unter Einbezug des zusätzlichen Zähneputzens in der Gruppenprophylaxe. Grundsätzlich sollten Speisen im Säuglingsalter ohnehin nicht gesalzen werden, im Kleinkindalter in nur sehr geringem Maß. Bei einem Trinkwasserfluoridgehalt über 0,7 mg/l und mehr soll weiterhin kein fluoridiertes Speisesalz verwendet werden [DGE, 2018; SCCNFP, 2003; Strittholm et al., 2016].

Alle Familien erreichen und befähigen 

Abb. 3: Der Ratgeber von Bundeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung zur Prävention von frühkindlicher Karies ist online frei verfügbar unter https://www.kzbv.de/fruehkindliche-karies-vermeiden.1030.de.html. | KZBV

Um das gravierende Problem der frühkindlichen Karies zu lösen, müssen alle vorhandenen medizinischen Versorgungssysteme einbezogen und Konzepte umgesetzt werden, damit möglichst alle Familien mit Kindern im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter zur Kariesprophylaxe informiert und motiviert werden können, insbesondere auch Familien mit Benachteiligungen.

Die neu eingeführten Leistungen der zahnärztlichen Früherkennungsuntersuchungen (FU), praktischen Mundhygieneunterweisungen (FUPr) und Fluoridlackapplikationen (FLA) bieten ein umfassendes Präventionskonzept, das in dem kostenfrei verfügbaren praktischen Ratgeber „Frühkindliche Karies vermeiden“ (Abbildung 3) für die zahnärztliche Praxis erläutert wird.

Zusammen mit der Aufklärung und dem Verweissystem über die Pädiater und Hebammen sowie der Gruppenprophylaxe könnte es gelingen, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen. 

Prof. Dr. Christian H. Splieth
Leiter der Abteilung für Präventive
Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde
Universitätsmedizin Greifswald, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Fleischmannstr. 42, 17475 Greifswald
splieth@uni-greifswald.de

Univ.-Prof. Dr. Dr. Norbert Krämer
Poliklinik für Kinderzahnheilkunde UKGM, Universitätsklinikum Gießen
Schlangenzahl 14, 35392 Gießen

Prof. Dr. Ulrich Schiffner
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZMK), Poliklinik für Parodontologie, Präventive Zahnmedizin und Zahnerhaltung, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52, 20246 Hamburg

Die Handlungsempfehlungen Kariesprävention im Säuglings- und im frühen Kindesalter gibt es kostenlos zum Bestellen oder Herunterladen unter: www.ble-medienservice.de (Bestell-Nr. 0250).

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