Zukunftsagenda der Robert Bosch Stiftung

Das System von unten erneuern

Eine radikale Neuausrichtung des Gesundheitswesens auf Prävention und soziale Gesundheit fordert die Robert Bosch Stiftung in ihrer Zukunftsagenda. Nur wenn Gesundheitsförderung und Prävention den gleichen Stellenwert erhalten wie die Behandlung, dann gelinge ein Paradigmenwechsel von einem „Krankheitssystem“ zu einem echten Gesundheitssystem. Im Mittelpunkt stehen für sie dabei die Öffentliche Gesundheit, mehr regionale Versorgung und mehr Patientenorientierung.

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Mit ihrer Initiative „Neustart! Zukunftsagenda für Gesundheit, Partizipation und Gemeinwohl“ will die Robert Bosch Stiftung Pflöcke für eine Neuausrichtung des Gesundheitswesens einschlagen. Ihrer Auffassung nach hat die Pandemie zwar die Schwachstellen im deutschen Gesundheitssytem aufgezeigt, massiven Reformbedarf habe es aber schon vorher gegeben. 

Statement Prof. Benz

Vage und Grün

Prof. Dr. Christoph Benz | axentis.de

Ein Panel von elf Gesundheits-, Sozial-, Management- und Ökonomiewissenschaftler:innen legt ein Papier vor, das ans grüne Programm für die Bundestagswahl erinnert: Gesundheit fördern statt Krankheiten heilen, eine Krankenversicherung für alle, regionale Primärversorgungszentren, Gesundheitskompetenz auf Augenhöhe stärken – und natürlich darf auch die Wunderwaffe unserer Zeit, die Digitalisierung, nicht fehlen. Expert:innen der letzten Meile (kurativ tätige Ärzt:innen oder gar Zahnärzt:innen) wollte man nicht einbinden. Gerade wir Zahnärztinnen und Zahnärzte hätten erklären können, wie Gesundheitsförderung jenseits von Blütenträumen praktisch funktioniert. In gerade mal 30 Jahren haben wir die deutsche Mundgesundheit aus der Kreisklasse an die Weltspitze geführt und dabei keine gesellschaftliche Gruppe vergessen. Vermutlich wäre das aber für die Robert Bosch Stiftung viel zu pragmatisch gewesen, so bleibt man doch lieber im Vagen und im Grünen.

Prof. Dr. Christoph Benz, 
Präsident der Bundeszahnärztekammer

Erarbeitet wurde die Agenda in den vergangenen drei Jahren – auf der Basis von Veranstaltungen mit fast 700 zufällig ausgewählten Bürgern aus ganz Deutschland und rund 40 gewählten Experten aus den Bereichen Gesundheit und Soziales. Am 18. Juni wurde die Agenda in Berlin dann öffentlich vorgestellt. Adressat ist die Politik – auch im Hinblick auf künftige Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl.

Eine Kasse für alle

Das Ziel der Initiative: Eine radikale Neuausrichtung des Gesundheitswesens. Hierzu hat das Autorenteam sieben Forderungen aufgestellt:

1. Das Deutsche Gesundheitswesen braucht einen Paradigmenwechsel – weg von der Orientierung auf die Behandlung und hin zur Gesunderhaltung der Menschen.

2. Gefordert wird ein solidarisches und gemeinwohlorientiertes Gesundheitssystem. Dazu gehört für die Autoren auch eine „ernsthafte Debatte über die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung für alle“.

3. Die Neuausrichtung des Gesundheitswesens muss bei den Menschen ansetzen. Primärversorgungszentren, die regional gut eingebunden sind, könnten dies leisten. So sollen Regionen Verantwortung übernehmen und die öffentliche Gesundheit stärken.

4. Gefordert werden Rahmenbedingungen, um die Partizipation der Bürger zu stärken. Dazu gehören Kooperationen in der Nachbarschaft, das informelle Engagement vor Ort, die Gestaltung der regionalen Gesundheitsversorgung und die Beratung von Entscheidungsträgern.

5. Investitionen in die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung sowie in höchste Qualifizierungsstandards der Gesundheitsberufe.

6. Internationale Zusammenarbeit und Vernetzung: Dies seien wichtige Aspekte bei der Vorbereitung auf Pandemien und Katastrophen, aber auch auf den Klimawandel.

7. Gefordert wird „Mut zur Weichenstellung für große Ziele“. Gefragt sei dazu eine „Politik der langen Linien“; es sollten nicht nur akute Krisen bewältigt, sondern auch Rahmenbedingungen für die Zukunft des Gesundheitswesens geschaffen werden. 

Der Staat soll ran 

Zentraler Aspekt der Agenda: die Forderung, den Bereich der Öffentlichen Gesundheit zu stärken. Hier müsse der Staat direkte Verantwortung für die Gesundheit seiner Bürger übernehmen und die Eigenverantwortung des Individuums und die professionelle Verantwortung der Gesundheitsberufe ergänzen, heißt es im Papier. Gesundheitsförderung und Prävention müssten auf Ebene der Städte und Gemeinden verankert werden. Im Sinne von „Health in All Policies“ müsse der Verhältnisprävention der Stellenwert eingeräumt werden, der ihrer Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung entspreche. Das heißt laut Agenda, dass staatliche Institutionen auf gesunde Lebenswelten für die Bevölkerung oder Bevölkerungsgruppen hinwirken müssten. Gefordert wird auch eine stärkere Verknüpfung von ambulanter und stationärer Versorgung mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst und den Gesundheitsämtern. 

Zur Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsbereichs gehört laut Agenda auch, ein „Nationales Zentrum für öffentliche Gesundheit“ zu etablieren. Dies könne den Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst begleiten, die Digitalisierung dort vorantreiben und die Dachorganisation für die kommunalen Gesundheitsämter übernehmen.

Die in der Zukunftsagenda geforderte radikale Neuausrichtung des Gesundheitswesens meint „eine Erneuerung von unten“ – das heißt eine niedrigschwellige Gesundheitsversorgung vor Ort. Dazu sollen Primärversorgungszentren zu „lebendigen Häusern der Gesundheit“ gestaltet werden. Die Zentren sollen zu Orten ausgebaut werden, an denen verschiedene Gesundheitsberufe, multidisziplinäre Teams, Sozialberatung, ehrenamtliches und zivilgesellschaftliches Engagement in die Patientenversorgung involviert sind. Regionen, Stadt- und Landkreise müssten mehr Autonomie und Verantwortung in der regionalen Gestaltung, Planung und Steuerung der Gesundheitsversorgung erhalten, schlagen die Autoren der Agenda vor.

Mit der Corona-Pandemie stecke die Gesellschaft in einer globalen Krise, deshalb benötige die Politik wie auch die Gesellschaft einen „beherzten Richtungswechsel“, so das Fazit der Zukunftsagenda.

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