Der besondere Fall aus „CIRS dent – Jeder Zahn zählt!“

Notfallmanagement bei Aspiration

Es gehört zweifellos zu den unangenehmsten und für alle Mitarbeiter belastendsten Situationen in der Praxis, wenn ein Patient während der Behandlung in eine lebensbedrohliche Situation gerät. Abseits jeder Praxisroutine muss nun schnell und richtig gehandelt werden. Im vorliegenden Fall fühlten sich die Behandler und das Praxisteam trotz absolviertem Notfalltraining überfordert.

Abb. 1: Schritt-für-Schritt-Erklärung des Behandlungsablaufs bei einem Erwachsenen mit Atemwegsverlegung durch Fremdkörper (Leitline des European Resuscitation Council, ERC). Quelle: Notfall Rettungsmed 2015 · 18:748–769, © German Resuscitation Council (GRC) und Austrian Resuscitation Council (ARC), 2015

Ein Patient kam in die Praxis, nachdem sein Goldinlay an 16 herausgefallen war, um es wieder befestigen zu lassen.

Was ist passiert?

Beim Versuch, das Inlay wieder zu befestigen, rutschte es dem Behandler ab und fiel in den Rachen des Patienten. Jener aspirierte das Inlay, es verlegte seine Atemwege. Der sofort eingeleitete Heimlich-Griff war erfolglos. Der Patient war dem Ersticken nahe und wurde zyanotisch. Die Praxis rief die 112 an, schilderte den Sachverhalt, woraufhin der Diensthabende den Behandler aufgrund der Eilbedürftigkeit durch die Situation leitete. 

QM-Instrument Risikomanagement

  • Einbeziehung aller Mitarbeiter
  • Risikoprofil erstellen 

- potenzielle Risiken der individuellen Praxis im Team identifizieren, besprechen und analysieren

  • Risikostrategie festlegen 

- Erkennen und Bewerten potenzieller Risiken, Festlegen von Bewältigungs- und Steuerungsszenarien
- Verantwortung für die Überwachung jedes Risikos festlegen
- Gesamtverantwortung bleibt beim Praxisinhaber 

Quelle: KZBV


Der Patient wurde auf Anweisung der Leitstelle bäuchlings auf den Boden gelegt. Anschließend wurde mit beiden Fäusten auf seinen Rücken geschlagen, damit sich das Inlay löst. Nach dem etwa fünften Schlag löste sich das Inlay aus der Trachea und die Respiration des Patienten setzte wieder ein. Trotz eines vor zwei Jahren durchgeführten Notfalltrainings waren der Behandler und sein Team in der Situation überfordert.

Welche Gründe können dazu geführt haben?

Es kann bei aller Sorgfalt vorkommen, dass sich kleine Teile bei der Behandlung lösen und aspiriert werden.

Hätte man das Ereignis verhindern können?

Kleine Restaurationen sind mit der Hand und Gummihandschuhen so schwer zu halten, dass es sich bei der Befestigung einer Gold- oder Keramikfüllung empfiehlt – insbesondere wenn es sich um eine zentrale Restauration handelt – diese an einem kleinen zu diesem Zweck käuflichen Stick (oder Spatel) mit Klebewachs zu befestigen. Eine kurze Einprobe lässt noch einmal die genaue Einbringhaltung üben, um dann erst das Befestigungsmaterial aufzutragen. Auch die Verwendung von Kofferdam, was sich in der Endodontie bereits etabliert hat, kommt gegebenenfalls ergänzend in Betracht.

Kommentierung

Der geschilderte Fall verdeutlicht die Notwendigkeit eines funktionierenden Notfallmanagements als Teil des praxisinternen Qualitätsmanagements. Bei der für jede Praxis spezifisch vorzunehmenden Risikobewertung im Rahmen des Risikomanagements sollte das Notfallmanagement auf die jeweilige Praxis und ihre Schwerpunkte individuell zugeschnitten werden (siehe die Kästen Risikomanagement und Risikoprofil).

Klinisches Risikoprofil erstellen

Nur die Risiken die man kennt, kann man managen:

  • Risiken von Praxisstruktur, -ausstattung und Patientenklientel
  • Risiko des Behandlungseingriffs
  • Notfallrisiko
  • Infektionsrisiko

Quelle: KZBV

Zweck des Notfallmanagements ist es, Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter zu schaffen und auf plötzlich eintretende Notfallsituationen adäquat reagieren zu können.

Hilfreich sind insgesamt klare, allen im Team bekannte Regelungen zur schnellen Notfallerkennung und -versorgung sowie regelmäßige interne und externe Schulungen beziehungsweise Fortbildungen. Darüber hinaus ist je nach Patienten- und Leistungsspektrum eine entsprechende Notfallausstattung und -kompetenz, die durch regelmäßiges Notfalltraining aktualisiert werden sollte, unabdingbar (siehe Kasten Notfallmanagement).

Nach den einschlägigen Leitlinien sollen Zahnärzte und Zahnärztinnen einmal jährlich in der Erkennung und Bewältigung von medizinischen Notfällen einschließlich der Durchführung von CPR (kardiopulmonale Reanimation), inklusive Grundlagen des Atemwegsmanagements und Verwendung eines AED (automatisierter externer Defibrillator), praktisch geschult werden.

QM-Instrument Notfallmanagement

  • Zweck
    • Sicherheit für Patienten und Mitarbeiter schaffen
  • Mittel
    • klare Regelungen zur Notfallerkennung
    • klare Regeln zur Notfallversorgung
    • regelmäßiges Notfalltraining des Praxisteams
    • Notfallausstattung und -kompetenz in der Praxis vorhalten

Quelle: KZBV

Das Luftwegemanagement und die Telefonreanimation wurden im vorliegenden Fall bereits berücksichtigt und haben dem Patienten vermutlich das Leben gerettet. Insbesondere die Telefonanimation ist heute ein wesentlicher Faktor für lebensrettende Maßnahmen. Diese sind auch in den Leitlinien auf der empfehlenswerten Plattform des Deutschen Rats für Wiederbelebung German Resuscitation Council (GRC) einzusehen:

Dort finden sich auch Handlungsempfehlungen bei Verschluss der Atemwege durch Fremdkörper:

  1. 1. Aufforderung zum Husten, wenn der Patient bei Bewusstsein ist und dies kann, um so durch hohen Atemwegsdruck den Fremdkörper ausstoßen zu lassen.
  2. Ist das Husten wirkungslos, verabreicht man bis zu fünf Rückenschläge zwischen die Schulterblätter des vorgebeugten Patienten.
  3. Sind die Rückenschläge wirkungslos, gibt man bis zu fünf Oberbauchstöße durch Kompression des Oberbauchs (Heimlich-Handgriff), indem man hinter dem Patienten steht, beide Arme um seinen Oberbauch legt und kräftig nach innen und oben zieht. Der Patient ist dabei auch vorgelehnt. Wenn der Fremdkörper nach fünf Oberbauchkompressionen nicht beseitigt ist, wird abwechselnd mit fünf Schlägen auf den Rücken und fünf Oberbauchkompressionen fortgefahren.
  4. Falls der Patient keine normale Atmung zeigt und bewusstlos wird, müssen kardiopulmonale Reanimationsmaßnahmen eingeleitet werden. Diese sind – aktualisiert unter Corona-Bedingungen – auch ausführlich auf der erwähnten Plattform der GRC dargestellt und können zur Wiederholung lebensrettender Maßnahmen in der Praxis empfohlen werden.
  5. Nach erfolgreicher Fremdkörperentfernung muss der Patient auf jeden Fall in einer Klinik (HNO-Abteilung) vorstellig werden, da noch immer Teile des Fremdkörpers in den Atemwegen zurückgeblieben sein könnten und die Rettungsmanöver zu Verletzungen geführt haben könnten. 

CIRS dent-Team

Weitergehende Hilfe: Dr. med Ulrich HeisterFacharzt für Anästhesiologie/Notfallmedizin, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes (ÄLRD) der Stadt BonnLievelingsweg 112, Bonn 53119ulli. heister@bonn.de

CIRS dent – Jeder Zahn zählt!

Aus diesen Schäden wird man klug

Überall dort, wo Menschen arbeiten, entstehen Fehler – da sind auch Zahnärzte keine Ausnahme: Abläufe funktionieren nicht immer so, wie es sein sollte, Diagnosen sind manchmal nicht einfach zu stellen, Therapien versagen aus unerwarteten Gründen, Geräte und Hilfsmittel zeigen Schwächen. Die Liste möglicher „unerwünschter Ereignisse“, die in der Praxis eintreten können, ist lang. Aus „unerwünschten Ereignissen“ kann man jedoch lernen, es künftig besser zu machen. Hilfreich ist dabei der Erfahrungsaustausch mit Kollegen.

Die Bundeszahnärztekammer und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung haben Anfang 2016 das internetbasierte Berichts- und Lernsystem „CIRS dent – Jeder Zahn zählt!“ gestartet (CIRS = Critical Incident Reporting System). Dort können Zahnärzte Fall berichte aus der Praxis von Kollegen lesen und auch selbst vollkommen anonym eigene Berichte einstellen. Die eingesandten Berichte werden von einer Fachredaktion geprüft, gegebenenfalls bearbeitet.

Daten, die eine Rückverfolgung auf die Praxis oder den Patienten ermöglichen würden, werden entfernt, die Berichte erst danach veröffentlicht. In der Rubrik „Der besondere Fall aus CIRS dent“ veröffentlichen wir Fallschilderungen, die allgemein von Interesse sind.

68931196881422688143668814376893120 6882721 6881438
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare