zm-Reihe: Karrieren im Ausland

Fritz Benjamin – von der Zahnarztpraxis in die wissenschaftliche Führungsriege der NASA

Fritz Benjamin gelang es, zwei schicksalhafte Ereignisse in eine glanzvolle Karriere zu verwandeln: 1935 musste er als junger Zahnmediziner vor den Nationalsozialisten ins Ausland fliehen und 1947 nach einer gravierenden Handverletzung den Zahnarztberuf aufgeben. Er wurde Physiologe und erreichte einen Expertenstatus in der NASA.

Abb. 1: Fritz Benjamin [NARA, 1947]

Fritz (später: Fred) Berthold Benjamin (Abb. 1) wurde am 24. Oktober 1912 in Darmstadt geboren [UA Bonn, 1935; NARA, 1946–1947; Groß, 2021b; Norrman/Gross, 2021]. Er war der Sohn eines jüdischen Bankiers. Nach dem Abitur schrieb er sich 1930 – gerade 18-jährig – für 
das Studienfach Zahnheilkunde ein. Sein Studium absolvierte er an den Universitäten Freiburg, Würzburg und Bonn. Dort wurde er unter anderem von Karl Friedrich Schmidhuber (1895–1967) [Groß, 2020a] und Gustav Korkhaus (1895–1978) [Groß, 2018b; Groß/Wilhelmy, 2021] unterrichtet und bestand 1934 die zahnärztliche Prüfung. Auch die in dieser Reihe vorgestellte Gertrud Harth (1904–1962) gehörte damals in Bonn zum zahnärztlichen Team [Groß, 2021a]. Im Jahr 1935 promovierte Benjamin dann mit der Arbeit „Über die Beziehungen zwischen Agranulozytose und Munderkrankungen“ zum Dr. med. dent. [Benjamin, 1935].

Benjamin war jüdischer Herkunft. Daher war seine Promotion in Bonn zu diesem Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit mehr – zumal die Universität Bonn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten (1933) zu ihren Studierenden und Promovierenden umfangreiche Nachforschungen durchführte. So wurden in Benjamins Fall unter anderem „Auskünfte beim NS-Studentenbund, der Studentenschaft, bei der Polizei an Benjamins Geburtsort Darmstadt (die ihrerseits die Gestapo einbezog) und beim Bonner Oberbürgermeister“ eingeholt [Forsbach, 2006].

Die Nazis verboten ihm die Praxiseröffnung

Während ihm das Promovieren noch erlaubt war, erhielt Benjamin aufgrund der restriktiven antijüdischen Gesetzgebung keine Genehmigung für eine Praxiseröffnung. Benjamin und seine ebenfalls jüdische Kommilitonin Harth teilten dieses Schicksal der zunehmenden Entrechtung mit rund 1.200 weiteren Zahnärzten jüdischer Herkunft [Groß, 2018c; Groß et al., 2018; Groß, 2019; Groß/Krischel, 2020]. Die fehlende berufliche Perspektive und eine finanziell aussichtslose Lage brachten ihn – ebenso wie Harth und den bereits 1933 entlassenen Bonner Hochschullehrer Alfred Kantorowicz (1880–1962) [Groß, 2018a] – im Jahr 1935 zu dem Entschluss, Deutschland zu verlassen.

Benjamin emigrierte nach Indien. Die näheren Umstände offenbarte er 1995 in einem Interview mit Norman Wahl: „I couldn’t stay on because I was a Jew. I couldn’t get permission to start a private practice. I had no money then. I looked for possibilities to go to other countries. I had an offer to go to Egypt from a dentist to the King of Egypt. He wanted me to be his assistant. I finally ended up in India“ [Wahl, 2007].

Seine Eltern – Karl (1876–1944) und Klara Benjamin (1988–1944) – wurden beide am 28.10.1944 ins Ghetto und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und kamen dort ums Leben [Arolsen Archives]. Sein Vater hatte Deutschland nicht verlassen wollen, weil er dort seine Pension als Bankier bezog und seinem Sohn im Ausland nicht finanziell zur Last fallen wollte: „But my father refused to come because, in Germany, he got a pension – he was a retired bank manager. He would have lost his pension and would have felt himself just a burden on me. So both he and my mother died in the concentration camp“ [Wahl, 2007; IBDCEE, 1983].

In Indien konnte Benjamin seinen Beruf wieder aufnehmen: Noch 1935 wurde er in einer zahnärztlichen Privatpraxis im nordindischen Srinagar in der Region Kashmir tätig. Dort heiratete er im März 1942 seine aus Berlin stammende Frau Rita und im Dezember desselben Jahres kam ihr gemeinsamer Sohn Peter zur Welt. Die junge Familie blieb bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in besagter Stadt. Dann entschied sich Benjamin jedoch – aus nicht näher bekannten Gründen –, mit seiner Familie Indien zu verlassen und sein Glück in den USA zu versuchen. Er erhielt das erforderliche Visum mit der Hilfe des amerikanischen Botschafters in Indien, der zu seinen Patienten zählte. 

Endlich in den USA – verlor er die rechte Hand

Benjamin schiffte in Kalkutta ein und kam im August 1946 mit der Marine Lynx in San Francisco an (Abb. 2). Er blieb jedoch nicht in Kalifornien, sondern zog weiter nach Chicago. Dort schrieb er sich an der School of Dentistry der University of Illinois für Zahnheilkunde ein – mit dem Ziel, den US-amerikanischen Abschluss in diesem Fach und nachfolgend die Zulassung zur Praxistätigkeit zu erlangen. Zudem stellte er 1947 den Antrag auf Einbürgerung (Abb. 3).

Abb. 2: Einreisebescheinigung | [NARA, 1946]

Abb. 3: Antrag auf Einbürgerung | [NARA, 1947]

In dieser Zeitphase kam es jedoch zu einem weiteren schicksalhaften Ereignis: Während seines ersten Sommers in den USA verletzte sich Benjamin bei der Arbeit in einer Container-Fabrik so schwerwiegend an seiner rechten Hand, dass eine Fortführung der zahnmedizinischen Tätigkeit nicht möglich war. Daraufhin entschloss er sich für eine akademische Ausbildung im Fachbereich Physiologie und schloss dort eine Karriere an: 1949 wurde er zunächst Research Associate in Physiologie an der University of Illinois (bis 1953), 1950 erlangte er den Master of Science in Physiologie und 1953 promovierte er in diesem Fach an der Loyola University in Chicago zum PhD. Noch im selben Jahr avancierte er zum Assistant Professor an der School of Medicine der University of Pennsylvania; besagte Position behielt er bis 1960.  

Er machte Karriere im Team von apollo

1960 kam dann ein weiterer maßgeblicher Wechsel: Benjamin verließ die Universität und wurde „senior research coordinator“ im „life science laboratory“ der „Republican Aviation Corporation“ [IBDCEE, 1983] (bis 1964). Es folgte eine Karriere bei der NASA: Benjamin wurde dort 1964 zum „chief of the evaluation branch of the office of space medicine“ ernannt. 1966 wurde er dann Teammitglied des „Apollo Medical Support“ der NASA – eine Funktion, die er bis 1970 wahrnahm. In jenem Jahr stand dann die letzte berufliche Veränderung an: So wurde Benjamin „senior research physiologist“ bei der „National Highway Traffic Safety Administration“ des „Department of Transportation“ in Washington D.C. 1980 trat er in den Ruhestand [IBDCEE, 1983]. Er verstarb am 10. März 1998 im Alter von 85 Jahren [U.S., Social Security Death Index, 1935–2014].

Benjamins Leben war voller Wendungen und privater wie beruflicher Veränderungen. Die größte Beachtung fanden fraglos seine Tätigkeiten als „senior research coordinator“ im „life science laboratory“ der „Republican Aviation Corporation“ und bei der NASA. Seine Aufgaben bei der NASA waren wiederholt Gegenstand von Presseberichten [Detroit Free Press, 1964; Tampa Tribune, 1966]. Dabei wurden vor allem seine wissenschaftlichen Studien gewürdigt. Er führte Forschungen zu Schwitzen und Schmerzen als Reaktionen auf lokal angewandte Wärme [Benjamin, 1952 und 1953; Benjamin/Bailey, 1956], zu den Veränderungen der elektrischen Potenziale der Haut durch besagte Wärme [Benjamin/Clare, 1958] und zu den physiologischen Auswirkungen der Weltraummissionen auf die Körper von Astronauten durch [Peters et al., 1963a und 1963b]. 

Beachtet wurde seine Schmerzforschung

Als Schmerzforscher interessierte er sich für zahlreiche Einzelfragen – so etwa für die Lokalisation der Schmerzempfindung [Benjamin, 1959], die analgetischen Wirkungen von Cortison und Hydrocortison [Benjamin/Conbleet, 1954], die Wirkung von Aspirin auf überschwellige Schmerzen [Benjamin, 1958], den Einsatz von Placebos in der Schmerzentherapie [Benjamin, 1960b], die Wechselwirkungen zwischen Kalium (freisetzung) und Schmerz [Benjamin et al., 1961a und 1961b; Benjamin/Helvey, 1963] und die Auswirkungen von Schmerzen auf die Leistungsfähigkeit [Benjamin, 1957].

Benjamin galt als sehr publikationsstark und veröffentlichte rund 90 Arbeiten. Dabei gelangen ihm international höchstrangige Publikationen in Fachorganen wie „Science“ [Benjamin, 1958 und 1960b] oder „Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine“ [Benjamin, 1959 und 1960a]. Außerdem veröffentlichte er am Ende seiner Karriere mit „Alcohol, Drugs, and Traffic Safety: Where Do We Go from Here?“ eine populärwissenschaftliche Monografie, die ihn auch über den universitären Bereich hinaus bekannt machte [Benjamin, 1980]. Auch diese Studien fanden Eingang in die allgemeine Presse [Post-Crescent, 1974; Kilgore News Herald, 1987].

Schon in seiner Zeit als Zahnarzt war er mehrfach als Autor hervorgetreten: Neben seiner bereits erwähnten Dissertation zur Beziehung zwischen Agranulozytose und Munderkrankungen publizierte er etwa zu dentalen Inlays beziehungsweise Doppelinlays [Benjamin, 1948], zu zivilisatorischen Einflüssen auf die Malokklusion [Benjamin, 1949] oder zur Zahngesundheit in der Region Kashmir [Benjamin, 1946].

Benjamin erlangte in seiner Laufbahn mit dem Dr. med. dent., dem PhD und dem Master of Science drei akademische Würden und engagierte sich in einer Vielzahl von (Fach-) Organisationen, so – in seiner Zeit in Indien – in der „Jewish Relief Association Bombay“ und der „Kashmir Medical Association“ und – in der Wahlheimat USA – in der „American Association for the Advancement of Science“, der „American Physiological Society“ und der „Aerospace Medical Association“ [IBDCEE, 1983; Norrman/Gross, 2021].

Auffällige Parallelen zuM Leben von Kneucker

So einzigartig Benjamins Vita auch anmutet, so weist sie doch auffällige Parallelen zu derjenigen des Wiener Zahnarztes Alfred Walter Kneucker jun. (1904–1960) auf [Kneucker, 1988/ 2004; Groß, 2021b]: Wie Benjamin war auch Kneucker jüdischer Abstammung, und wie Benjamin floh auch er – nach der Annexion Österreichs durch das „Dritte Reich“ (1938) – vor den Nationalsozialisten. Wie Benjamin entschied er sich zur Emigration nach Asien – allerdings nach Shanghai. Auch Kneuckers Vater wurde deportiert – er fand 1942 in Modliborzyce den Tod. Kneucker ging ebenfalls in Asien mit einer gebürtigen Berlinerin – Herta Ada Ida – eine Ehe ein, und auch bei ihm blieb es nicht beim erlernten Beruf des Zahnarztes. Er wandte sich vielmehr der Urologie und der Literatur zu, und genau wie Benjamin emigrierte auch Kneucker nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die USA, um dort eine nicht minder beeindruckende Karriere zu starten.

Doch im Detail offenbaren sich durchaus Unterschiede. So hatte der Berufswechsel bei Kneucker andere Hintergründe als bei Benjamin: Kneucker war vor allem auf Wunsch seines Vaters Alfred Kneucker sen. (1879–
1942) Zahnarzt geworden. Kneucker sen. führte selbst eine zahnärztliche Praxis in Wien und richtete seinem Sohn eine entsprechende Ordination ein. Doch es kam zu Konflikten zwischen Vater und Sohn und Kneucker jun. entschloss sich noch vor der Emigration, in die Urologie zu wechseln. Dies war für ihn mit verhältnismäßig geringem Aufwand möglich, weil die österreichischen Zahnärzte in jener Zeit voll approbierte Mediziner waren und sich erst postgradual auf die Zahnheilkunde spezialisierten. Daher musste er lediglich eine urologische Weiterbildung durchlaufen. Allerdings befasste sich Kneucker auch später noch mit Themen an der Nahtstelle von Zahnheilkunde und Urologie [Kneucker, 1937]. In den USA konnte Kneucker dann seine wissenschaftlichen Ambitionen ausleben: Bis 1955 hatte er bereits rund 50 wissenschaftliche Aufsätze und zwei Monografien geschrieben. Er entwickelte an der „Chicago Medical School“ 1956 einen neuen Nierentest, das sogenannte Elektrourogramm (EUG) – in Analogie zum EKG des Herzens [Jessen/Voigt, 1996] – und 1958 ein universelles Endoskop, das die Arbeitsabläufe in der Urologie vereinfachen sollte. Doch damit nicht genug: Kneucker wirkte in den USA als Pianist, Komponist und vor allem als international beachteter Schriftsteller. Er schrieb Filmexposés und spielte nach Aussage seines Sohnes mit dem Gedanken, „den Beruf des Arztes aufzugeben und in Hollywood eine neue Karriere zu beginnen“ [Kneucker, 1988/2004]. Doch dieses Vorhaben konnte er nicht mehr umsetzen: Kneucker verstarb bereits 1960 im Alter von nur 55 Jahren an einer fulminant verlaufenen Lungenembolie.

Kneuckers Lebenswerk ist quellenkundlich außergewöhnlich gut dokumentiert – durch einen posthum erschienenen autobiografischen Roman [Kneucker, 1984] und durch einen biografischen Aufsatz seines Sohnes Raoul F. Kneucker [Kneucker, 1988/2004]. Zudem gibt es umfangreiche Aktenbestände zu Kneuckers Nachlass – darunter auch Skripte und Filmexposés – im „Archiv der American Guild for German Cultural Freedom“ [Archiv der American Guild] und im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek [Literaturarchiv ÖNB]. 

In seiner Heimat ist Benjamin kaum bekannt

Benjamins eindrucksvolle internationale Karriere ist dagegen in seiner deutschen Heimat kaum bekannt geworden und bis heute auch wenig erschlossen – insofern ist dieser Beitrag neben der Darstellung seines außergewöhnlichen Werdegangs auch der späte Versuch, ihn dem Vergessen zu entreißen.

Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und
Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Klinisches Ethik-Komitee des
Universitätsklinikums Aachen MTI 2,
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
dgross@ukaachen.de

Lena Norrman
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen
Wendlingweg 2, 52074 Aachen
lena.norrman@rwth-aachen.de  

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